Motorrad-Szene USA (Archivversion) Motorrad-Szene USA

Sie lieben es, sich selbst zu inszenieren, und feiern gerne – Harley-Fahrer tingeln in großen Schaaren von Event zu Event.

Zigtausend Harleys stehen Spalier, blockieren Haupt- und Nebenstraßen. Im Schritttempo – oder noch langsamer – geht’s scheinbar endlos über die Showmeile, der Lärmpegel ist immens, lässt selbst die abgebrühtesten Fans anerkennend nicken. Den Objekten der Begierde gemein ist allenfalls der Schriftzug
auf dem Tank: Harley-Davidson. Konkurrenzlos dagegen die
Fantasie und Handwerkskunst der Besitzer. Tonnenweise Chrom, meterlange Gabeln, irrwitzige Gemälde auf den Tanks, mitunter so realistisch dreidimensional, dass man darin verschwinden könnte. Brutal aufgemotzte Dragster, gewichtige Tourendampfer mit blinkenden Lichtorgeln und brüllenden Stereoanlagen,
Rat Bikes – bis zur Perfektion arrangierter Müll auf zwei Rädern. Die Schau läuft auf Hochtouren, Tag und Nacht, mutiert zu einem bebenden Gesamtkunstwerk. Wenn amerikanische Harley-Fahrer feiern, verwandeln sich Straßen zu Bühnen für ein Spektakel ohnegleichen in der Motorradszene. Die Party-Epizentren: Sturgis in Süd-Dakota und Daytona in Florida.
Harley-Fahrer stehen auf dieses augenscheinlich wilde und hemmungslose, in Wirklichkeit streng ritualisierte Spektakel.
Veränderungen? So unerwünscht wie die Helmpflicht. Nach wie vor dominiert – zumindest optisch – der »harte Kerl«: schwere, schwarze Boots, löchrige Jeans, schwarze Weste über schwarzem T-Shirt, trainierte Arme, Tattoos, lange Haare, Bart, Sonnenbrille. Und wer lacht, hat verloren. Genauso unantastbar das Programm, wenn man unter sich ist. Endloses Schaulaufen, hier und da ein Burnout und Mädels, die auf Zuruf brav ihr T-Shirt
lupfen. »Born to be wild« sozusagen als Lebensmotto. Bestimmt kennen die meisten Harley-Piloten diesen Ewig-Hit von Steppenwolf noch aus der Zeit, als er frisch auf den Plattentellern rotierte.
Zumindest drängt sich dieser Eindruck beim Bummel durch die Szene auf: die wenigsten unter 30, dafür viele, die ein Arbeitsleben bereits hinter sich haben. Und statt über den Highway zu düsen, schon mal vierrädrig mit ihren Bikes im Trailer unterwegs sind. Die Rebellen von einst haben sich zu einer erstaunlich wohlhabenden und – nicht untypisch für Nordamerika – auf Bequemlichkeit bedachten Gemeinschaft entwickelt. Rund um die großen Treffen parken ungezählte Wohnmobile, von denen einige den Wert einer Doppelhaushälfte besitzen.
Der einsame Reiter auf der Suche nach der großen Freiheit – sozusagen das Idealbild des amerikanischen Bikers – scheint
zudem fast ausgestorben. Harley-Fahrer sind längst hervorragend organisiert. Von offizieller Seite bereits in der »H.O.G.«. Allein in den USA finden sich 244 lokale, jeweils von einem Händler unterstützte Chapter der »Harley Owners Group«, der weltweit größten von einem Hersteller ins Leben gerufenen Motorrad-Organisation. Ganz im (kommerziellen) Sinne des Hauses wird jedem der insgesamt 800000 Mitglieder alles schmackhaft gemacht, was einen Bilderbuch-Biker auszeichnet. Inklusive Lebensgefühl.
Letzteres trifft offensichtlich nicht immer den Nerv des Nachwuchses. Etliche Kids erfreuen sich unter anderem vielmehr an der überaus fetzigen Freestyle-Szene, himmeln statt Peter Fonda die Sprung-Legende Mike Metzger an, hören anstelle des betagten Biker-Rock ’n’ Roll lieber die hammerharten Limp Bizkit und würden bei der Schleichfahrt im Kultstreifen Easy Rider garantiert sofort ins Koma fallen. Dennoch kein Besucherschwund, wenn die Mega-Harley-Partys stattfinden. Zur Daytona-Bike-Week kommen regelmäßig etwa 70000 bis 90000 Besucher, im Provinzkaff Sturgis zählte man während der einwöchigen August-Sause pro Tag im Schnitt knapp 80000 Harleys. Kaum beschaulicher geht es auf den weniger prominenten Treffen zu. Oder hat hier schon mal jemand von der »Arizona Bike Week« gehört, die in Cave Creek (3000 Einwohner) ausgerichtet wird? Knapp 10000 Harley-Fahrer überfielen im vergangenen April dieses abgelegene Örtchen. Zur zehntägigen »Myrtle Beach Bike Week« kamen im Mai angeblich über 40000 Harley-Fahrer nach South Carolina, und garantiert sind die meisten einen Monat später weiter zur »Laconia Motorcycle Week« gezogen, die bereits seit 80 Jahren im Bundesstaat New Hampshire im Nordosten der USA zelebriert wird. Im Herbst geht’s dann beim »Biketoberfest« im ewig sonnigen Florida noch einmal richtig zur Sache.
Randale, Schießereien oder Bandenkriege? Nur in Aus-
nahmefällen. In der Regel sind die harten Jungs fürchterlich lieb zueinander. Die Statistik unterstreicht diesen Eindruck: Die Polizei von Sturgis teilte bei dem Mega-Event im vergangenen August schlappe 209 Tickets für falsches Parken aus, nahm gerade
einmal 84 böse Buben wegen Drogenbesitz fest und zählte in zehn Tagen insgesamt nur 172 Verkehrsvergehen – auf einer
Friedensdemo geht’s schlimmer zu.
Der hunderteinjährige Motorradkonzern hat übrigens jüngst ein weiteres Umsatz-Rekordjahr vermeldet. Das 18. in Folge. Praktisch jedes zweite in den USA neu zugelassene Bike mit mehr als 651 cm3 stammte im vergangenen Jahr aus Milwaukee. Macht 228393 verkaufte Twins. Die Aussichten für 2004? Man gönnt sich keine Pause. Weder beim Verkauf noch beim Feiern.

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