MOTORRAD-Tourenplaner Alles Handarbeit

So ein Tourenplaner ist eine feine Sache. Die schönsten Strecken halb Europas auf zwei CDs. Dazu Infos satt. Bleibt nur eine Frage: Woher kommen die Daten überhaupt?

Heidi Krautters Motorradleidenschaft verlangte gleich zu Beginn große Opferbereitschaft: Stress mit dem Vater und von der Omi enterbt, wenn sie weiter Motorrad fährt. Das war Ende der siebziger Jahre. Heute wählt Heidi Krautter zwischen einer Yamaha 660 Ténéré und einer BMW R 80 GS Basic, die auf 1000 Kubik aufgemöbelt wurde. Und kennt sich auf den Pass-Straßen im Alpenraum oder auf Deutschlands Nebenstrecken ziemlich gut aus: Zusammen mit einer Handvoll Kollegen der Stuttgarter Softwarefirma CCP (www.ccp.de) – zumeist Frauen, die ebenfalls begeistert Motorrad fahren – hat die 41-jährige Schwäbin den MOTORRAD-Tourenplaner »erarbeitet«. Damit jeder Motorradler, der sich auf den Weg vom schleswig-holsteinischen Kiel bis ins steiermärkische Pinkatal macht, nicht auf der langweiligen Bahn, sondern auf besonders reizvollen Wegen zum Ziel gelangt. Rückblick. 1997. Dank Heidis Überzeugungsarbeit fährt Ehemann Thomas – Gründer von CCP – inzwischen ebenfalls Motorrad. Und würde die Streckenwahl für die anstehende Alpentour liebend gerne am PC vorbereiten. Doch das Angebot an herkömmlichen Routen- und Tourenplanern enttäuscht, ist vielmehr auf die Wünsche von Auto- als von kurvenverliebten Motorradfahrern zugeschnitten: Zwischen Start und Ziel der geplanten Route werden stets die schnellsten Wege – zumeist Autobahnen und Schnellstraßen – aufgezeigt. Motorradfahrers Lieblingsstrecken, die auf Karten zumeist grün oder gelb markiert sind, werden von den Programmen schlichtweg ignoriert. Für Thomas ein Unding. Im Kopf keimt der Gedanke von einem »kurvenorientierten« Tourenplaner speziell für Motorradfahrer. Zwei Jahre später. Der erste MOTORRAD-Tourenplaner ist erhältlich. Wer nun die Eckdaten seiner gewünschten Route eingibt oder die Orte, die angefahren werden sollen, per Mausklick markiert, erhält auf der Karte am Bildschirm und als Roadbook einen auch für Zweiradfahrer garantiert äußerst attraktiven Streckenvorschlag: »Das kann kein anderer Touren- oder Routenplaner!« Heidi und ihr Team sprechen fortan nur noch von ihrem »Baby«.Steht die Route fest, müssen Karte und die Roadbook-ähnliche Beschreibung nur noch ausgedruckt werden. Je nach Bedarf angereichert mit Adressen von Hotels, Motorradtreffs, Händlern und Campingplätzen, Sehenswürdigkeiten, Passhöhen, Hinweisen zu Streckensperrungen und und und... Wer dagegen weniger Lust hat, selber eine Route zu planen, findet zudem ausgearbeitete Tourenvorschläge (350 sind´s in der aktuellen Version). Ebenfalls möglich: ein Export der Route auf einen PalmOS, einen PocketPC oder auf einen GPS-Empfänger. Für letztere Variante muss allerdings eine weitere Software verwendet werden – beispielsweise QV von Touratech (www.touratech.de). Der Weg bis zum fertigen Produkt war bisweilen recht steinig, erinnert sich Heidi. »Zwei Jahre haben wir Tag und Nacht geschuftet.« Soll heißen: Heidi und ihr Team haben auf unzähligen Landkarten zuerst ihre persönlichen Lieblingsstrecken und dann möglichst kurvige Straßen und Wege herausgesucht und markiert. Immer getreu dem Motto: Wo würde ich jetzt am liebsten selbst langfahren? Weiter wurden Karten an gute Freunde in ganz Deutschland verschickt. Mit der Auflage, möglichst tolle Streckentipps preiszugeben. Diese Sammlung – immerhin über 3500 einzelne Strecken allein in Deutschland – musste jetzt nur noch digital erfasst werden. Gut, dass Studenten für Geld fast alles machen. Stundenlang vor dem PC sitzen und Straßen per Maus auf der Karte am Bildschirm nachzumalen, berechnen und grün markieren, klingt nur bedingt nach Traumjob. »Wir mussten zuerst sogar jeden einzelnen Pass in die digitalen Karten eintragen«, erklärt Heidi. In der Zwischenzeit recherchierte das Team weiter tonnenweise Daten. Zum Beispiel Adressen und Preise von besonders Motorradfahrer-freundlichen Hotels. »1997 hatte kaum jemand einen Auftritt im Internet. Wir haben telefoniert und Faxe geschrieben wie die Verrückten«, erinnert sich Heidi. Ferner wurde jeder Unterwegs-Band nach Tipps durchgeforstet, wurden Adressen von unzähligen Motorradtreffs gesammelt, Sehenswürdigkeiten aus Reiseführern herausgesucht, Fremdenverkehrsämter kontaktiert, Motorradhändler-Listen auf Aktualität überprüft. Thomas hatte währenddessen nicht untätig herumgesessen. Ein Partner musste her, um das neue Produkt möglichst zielgerichtet vertreiben zu können. MOTORRAD war sofort dabei. Aber zuerst mussten die gesammelten Daten in eine einfach zu bedienende Software eingebunden werden. Für das auf digitale Kartenanwendungen spezialisierte Unternehmen Map&Guide aus Karlsruhe (www.mapandguide.de) eine echte Herausforderung: Einen Tourenplaner für »grüne« Strecken – das hatte es in dieser Form noch nicht gegeben. Über einzelne Fehler im System können Heidi und ihre Mitarbeiter heute nur noch lachen. Warum, um Himmelswillen, gibt der Tourenplaner – zum Glück in der Testphase – für die etwa 520 Kilometer Strecke von Stuttgart nach Hannover eine Route aus, die zugegebenermaßen äußerst attraktiv, aber leider über 4000 Kilometer lang ist? Andere Pannen ärgern sie dagegen noch heute. Trotz umfangreicher Testserien auf praktisch allen gängigen Computer-Betriebssystemen kam es bei einigen Anwendern zu Problemen am heimischen PC. »Es gab richtig böse Briefe und Anrufe«, erzählt Heidi. »Aber wir konnten alles beheben, und einige unserer ersten Kritiker sind inzwischen sogar in unser Testteam aufgenommen.«Mittlererweile ist die vierte Ausgabe des MOTORRAD-Tourenplaners auf dem Markt. Alles anders? »Einiges«, sagt Heidi. »Wir haben jede Menge Adressen, Preise und Infos aktualisiert.« Zusätzlich zu den bisherigen erfassten Regionen Deutschland, Österreich, Schweiz, Oberitalien, Elsass und den Rhône-Alpen lassen sich jetzt auch Routen in ganz Frankreich, Italien, den Beneluxländern, Tschechien, Polen, Slowenien und Dänemark planen. »Allerdings sind diese Länder noch nicht so motorradspezifisch erschlossen, wie wir es gerne hätten.« Soll heißen: Zur Zeit gibt es noch kein ausreichend genaues Kartenmaterial in digitaler Form. »Leider wird es noch eine Weile dauern, bis auch die letzte kurvige Nebenstrecke auf Sizilien oder an der französischen Atlantikküste erfasst ist«, erklärt Heidi. Und denkt bereits an die nächste Version. Der aktuelle MOTORRAD-Tourenplaner 2003/2004 kostet 39,95 Euro und kann unter www.motorradonline.de sowie beim MOTORRAD-Bestellservice,Telefon 0711/182-2442, geordert werden (zusätzlich zwei Euro Versandkosten).

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote