MOTORRAD-Tourertreffen ´97 (Archivversion) Die Mischung macht`s

Zum neunten Mal hatte MOTORRAD die reisefreudigen Leser zum Tanz gebeten, und trotz des miesesten Sommerwetters aller Zeiten kamen knapp 1000 Tourer verschiedenster Couleur an die Altmühl. Vom Streefighter bis zum Supertourer.

Mittwoch, 25.6.97: Krisensitzung in der Redaktion. Tief »Tanja« scheint alle Pläne über den Haufen zu werfen. Zwei Tage noch bis zum Tourertreffen, und es gießt wie aus Eimern. Und die Prognose für´s Wochenende verheißt nichts Besseres. »Dichte Wolkenfelder überqueren Deutschland mit zum Teil anhaltenden Regenfällen.« Na toll! Ideal für ein Motorradtreffen. Nur eine Handvoll Voranmeldung liegen vor - 750 Gäste sind aber mindestens nötig, um nicht bodenlos in die roten Zahlen zu wirtschaften. Organisatorin Monika Eberle knallt den Hörer auf die Gabel: »Keiner will sich festlegen, alle warten, wie das Wetter wird.« Trübe Aussichten für die Tourerfete, die zum zweiten Mal in Beilngries an der Altmühl steigen soll. Am Donnerstag ein erster Hoffnungsschimmer: Der Wetterdienst meldet schwache Hochdruckeinflüsse für Samstag. Doch es bleibt eine Nervenprobe. Im strömenden Regen fährt Monika am Freitag testweise die Rallyestrecke ab, die dieses Jahr die traditionellen geführten Ausfahrten ersetzen soll. Die Freizeit-Rennfahrerin schafft es mit einer GSX-R 750 zwar in der Rekordzeit von 2,5 Stunden, entdeckt aber, daß im Roadbook eine Abzweigung vergessen wurde, sowie einen wegen Bauarbeiten inzwischen komplett gesperrten Streckenabschnitt. Also muß blitzartig eine Umleitung ausgearbeitet und das Roadbook umgeschrieben werden. Und jetzt alle 1000 Kopien ändern? Nein, man entscheidet sich für die direkte Information beim Start. Freitag abend. Nach einem kurzen Sonnenstrahl regnet es sich leise wieder ein. Und dann dringt er durch - zunächst nur vereinzelt, dann immer stärker, schließlich in einem grollenden Chor, der die kleine Stadt ab jetzt drei Tage beleben wird: der Sound großkalibriger Tourer und Enduros, die dick bepackt durch die Straßen rollen. Bald füllt Iglu um Iglu die Zeltwiese an dem kleinen Bachlauf. »Sie kommen trotz des Regens«, selbst die Organisationscrew ist bewegt. Und Tourer, endlich wieder echte Tourer, die bei den letzten Treffen rarer zu werden schienen. Vielleicht hat der Regen auch sein Gutes. Im Festzelt wirbelt Siegfried Gallus bereits hinter seinen Töpfen, reicht Steaks und dampfende Kaffeebecher über die Theken. Motorradfahren macht hungrig. Und Gastronom und Hotelier Gallus, der Organisatior vor Ort, schafft perfekte Abhilfe. Als der Himmel endlich richtig dunkel ist, wirft Globetrotter Rolf Henniges die Diaprojektoren an, entführt von der Altmühl auf den Schwarzen Kontinent, in die Dünen der Sahara und auf die Schlammpisten Zaires. Abenteuer Afrika, einmal ganz hindurch - Erfahrungen, die einige im Saal bereits hinter sich haben, von denen andere noch träumen. Stoff für Gespräche gibt es genug.Samstag. »Tanja« erinnert sich an das Versprechen des Wetterdienstes und räumt das Feld für warme Sonnenstrahlen. Seit neun Uhr drängen sich die Fahrer am Infostand, nehmen die Unterlagen zur Orientierungsrallye durch den Naturpark Altmühltal in Empfang. Ohne Zeitnahme, rein touristisch - nur zwölf Fragen sollen unterwegs beantwortet und das Lösungswort bis zum Abend abgegeben werden. Das Wagnis, nach acht Jahren bravem Tourguiding die Teilnehmer nun auf eigene Faust das Terrain erkunden zu lassen, scheint zu gelingen - die Rallye-Unterlagen gehen weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Aus abendlichen Zelt- und Biertischnachbarschaften bilden sich ungezwungene Fahrgemeinschaften, Spaß und Gemeinsamkeit siegt vor der Konkurrenz. Gegen mittag verschwinden die letzten, um 13.00 Uhr sind die ersten schon wieder zurück. Banges Erwarten am Anmeldestand - haben alle die Umleitung gefunden, waren die Fragen verständlich? Alles roger, melden die grinsenden Gesichter, eine super Tour. Währenddessen reisen unablässig weiter Motorräder aus dem gesamten Bundesgebiet, Österreich und der Schweiz an. 860 gemeldete Gäste registriert bis zum abend das Redaktions-Laptop, Besucher aus der Umgebung nicht mitgezählt. So schaut der örtliche Oldie-Club mal vorbei, zeigt prachtvolle Indian und BMW-Gespanne. Eine Norton Commando bellt zusammen mit zwei Eichstätter Harleys mehr Phon in die Luft als die gesamten Tourer zusammen - egal, da drücken selbst die Kurgäste fasziniert ein Auge zu. Auf dem Zeltplatz wird indessen der ganze Interpretationsspielraum der Gattung Reisemotorrad sichtbar. Die Tourenmaschinen und Reise-Enduros, die wesentlich das Bild bestimmen, flankieren Katanas, Streetfighter, ein paar 750er Honda der ersten Stunde, sportive Ducati und Gepanne der Extraklasse. Erst der Beginn der Abendprogrammes im Festzelt bringt die Hochstimmung auf dem Zeltplatz zum Abklingen. Sowohl der Gewinner der Tombola werden jetzt bekanntgegeben als auch die Sieger der Rallye. Besonderer Dank an dieser Stelle an Rainer Wieshoff - der passionierte Ducati- und Ballon-Fahrer hatte eine Runde mit seinem Fesselballon als Rallye-Preis gestiftet. Start am nächsten Morgen auf dem Festgelände. Super Idee, Rainer! Dann startet MOTORRAD-Mitarbeiter Joachim Deleker zum letzten Highlight: eine Diashow über seine Enduro-Tour durch die heißkalte Insel Island. Während die Tourer noch den Geschichten von Wasserdurchfahrten, überfluteten Motoren und Kaffeewasser aus Gletschereis lauschen, empfängt ein paar hundert Meter weiter die Köstritzer Jazzband unterm sternklaren Nachhimmel die letzten Motorenklänge mit Stevie Wonder und Lisa Stansfield-Songs. So schön und passend, daß selbst »Tanja« mitspielt und die Wolken weiterziehen läßt.

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