MOTORRAD Unterwegs Nordschweiz (Archivversion) Rösti & Rütli

Die Schweiz ist ein faszinierendes soziales und kulturelles Experiment. Zudem kringeln sich Slalom-Straßen in betörenden Landschaften. Schon im weniger touristischen Nordosten wie in den Kantonen Appenzell und Glarus oder im zu Sankt Gallen gehörenden Toggenburg ist Fahrgenuss garantiert.

Sanft schnurrt der Vierzylinder, das Ziel ist bereits seit hundert Kilometern unübersehbar. Es thront als riesige, weiß gepuderte Steinskulptur über einer grünen Spielzeuglandschaft. Magisch zieht der Berg die Aufmerksamkeit von der Straße ab, obwohl auch die schon Zacken und Steilstücke aufweist, dass man G-Kräfte spürt. Wir sprechen weder vom Fudschijama noch vom Kilimandscharo, die Rede ist vom Säntis, der nicht nur das Appenzeller Land, sondern fast den gesamten Nordosten der Schweiz dominiert. Auch wenn er nicht zu den 74 Viertausendern der Schweiz gehört, ist er mit 2501,9 Metern der absolute Chef im Alpsteingebirge und liegt so exponiert, dass auf ihm Wetterbedingungen herrschen, die man nur als extrem bezeichnen kann: Im April 1999 maß man eine Schneehöhe von 816 Zentimetern.

Bevor Urs und ich uns in die meteorologische Hölle des Everest von Appenzell wagen, nehmen wir die Einladung der sich davor ausbreitenden grünen Hügel an, sich auf schmalen Asphaltbändern besurfen zu lassen und dabei Aussichten zu genießen, die jeden Fan einer Modelleisenbahn-Welt zu Tränen rühren dürfte. Einzelne Gehöfte ziehen vorbei, ein jedes bewacht vom Appenzeller Sennenhund, der zwar nicht so groß, aber dafür hübscher als ein Bernhardiner daherkommt. Es ist absolut friedlich hier oben, die Welt scheint in den Fugen, das Leben ein beschaulicher Fluss im Wandel der Jahreszeiten. Anhalten, in einer „Beiz“ (Gaststätte) eine Ovomaltine trinken, dem knisternden Motor beim Abkühlen und den einheimischen Zechern beim „Jazzen“ (Kartenspiel) zuhören, zählt zur Würze einer jeden Appenzell-Tour. Genau wie das permanent präsente Gebimmel der Kuhglocken, deren widerkäuende Träger auf saftigen Wiesen den Grundstein zur berühmten Käseproduktion legen.

Die kann man in der Schaukäserei zu Stein live miterleben. Jeden Tag werden dort 9000 Liter unpasteurisierte Qualitätsmilch in einem penibel abgestimmten Prozess zu einem Käse verarbeitet, dessen köstlicher Geschmack zu den Highlights der Käsewelt gehört. Dafür spricht auch, dass neben der Bandit von uns eine alte BMW aus Ostholstein parkt, deren Fahrer extra die Route über Stein in Appenzell wählte, um sich auf dem Weg nach Italien Magen und Satteltaschen mit frischem
Käse vollzuschlagen.

Auch wir bunkern das leckere Erzeugnis und folgen erneut der Einladung zahlreicher Mini-Sträßchen in Appenzell, das als einziger eidgenössischer Kanton vollständig von einem anderen Kanton (St. Gallen) umschlossen ist. Wobei Appenzell sich in zwei Halbkantone aufteilt, die im Jahre 1597 per demokratischer Volksabstimmung in den Religionsgemeinden entstanden sind: das evangelisch-reformierte Appenzell Ausserrhoden und das römisch-katholische Appenzell Innerrhoden. In Letzterem leitet griffiger Asphalt in weiten Schwüngen von Stein in das Dorf Appenzell, wo bunt bemalte Holzhäuser das Ortsbild prägen.

In den Köpfen der Menschen bestimmen Traditionen das Geschehen. Jedes Jahr werden Ende April sogenannte Landsgemeinde-Wahlen abgehalten. Die Innerrhodener treffen sich dazu auf dem Dorfplatz von Appenzell und bringen als Stimmausweis ihr Seitengewehr mit. Die Männer von Ausserrhoden treffen sich mit ihrem Degen abwechselnd im 1950 Einwohner zählenden Örtchen Trogen, dem Sitz des Kantonsgerichts, oder in Hundwil, einem malerischen 1000-Seelen-Nest. Weil das Frauenwahlrecht erst 1990 eingeführt und die Gültigkeit des julianischen Kalenders immer noch nicht abgeschafft wurde, sagt man den einheimischen Appenzellern ein gewisses Beharrungsvermögen nach, das man auch schlicht Sturheit nennen könnte.

Davon spüren wir heute nichts, im Gegenteil, die Menschen entpuppen sich als herzlich und hilfsbereit. Als wir bei der Quartiersuche auf einen Hof rollen, erzählt die Dame des Hauses, dass man die Landwirtschaft aufgeben musste und nun gerne die pittoreske Scheune zum Wohnhaus umbauen würde. Gnadenlose Denkmalschutzvorschriften, deren Einhaltung sich niemand leisten könne, vereitelten das Ansinnen. Alles bräche auseinander, die Tradition geriete in ernsthaften Konflikt mit der Gegenwart. Europa kreise die Schweiz immer weiter ein. Nur eine Generation früher, das erfahren wir von vielen Appenzellern, sei alles noch in Ordnung gewesen. Zehn Kinder hätten in einer Kammer gewohnt. Der Vater Bauer, die Mutter Hausfrau, das Leben im Rhythmus der Jahreszeiten. Jeder hatte seine Aufgabe. Vieh- und Landbesitz bedeuteten Reichtum. Für das Wahrnehmen der Welt da draußen fehlte die Zeit. Das Bewusstsein verharrte zwischen Bergwänden. Ob die Appenzeller die schwierige Rolle der Schweiz in den Kriegen, als die Rohstoffe knapp wurden und im Mittelland auf Fußballplätzen Kartoffeln angepflanzt werden mussten, überhaupt mitbekommen haben?


Zurück in der Gegenwart überrascht Appenzell damit, dass es auf so kleinem Raum eine unfassbare Menge zu entdecken gibt. Kapellen am Wegesrand, gurgelnde Bäche, Raubvögel, buckelige Sennen, freundliche Hunde, atemberaubende Ausblicke, Flora und Fauna in Hochform. Und dass es Spaß macht, dieselben Strecken zweimal zu fahren, immer wieder andere Perspektiven zu entdecken. Mit der gebotenen Rücksicht, versteht sich. Appenzell, das Motorrad-Wanderland. So zoomen wir uns über Steinegg und Weissbad an den Fuß der Ebenalp oder surfen über Schlatt und Haslen nach Teufen, genießen die Strecke von Appenzell über Gonten nach Urnäsch oder von dort nach Waldstatt.

Urnäsch, mit 2300 Einwohnern größte und älteste Gemeinde in Appenzell-Ausserrhoden, ist Ausgangspunkt unserer Fahrt Richtung Säntis, die schon lange überfällig ist. Wir nehmen die 1278 Meter hohe, zu Füßen des Säntis gelegene Schwägalp in Angriff und sausen um die Kurven, dass die Rasten kratzen. Auf der Passhöhe sind Hunderte Motorräder geparkt, ihre Fahrer sitzen vor der Seilbahnstation und feiern die bestandenen Kehren und den erhabenen Säntis.


Hätten wir Wanderschuhe, würden wir uns seinen Gipfel verdienen. Fünf Stunden, so lange dauert das, meine ich mich zu erinnern, denn langsam wird unsere Fahrt für mich auch ein Ausflug in die eigene Vergangenheit. Im Gegensatz zu meinem Begleiter Urs war ich schon mal hier, habe ganz in der Nähe jahrelang in den Sommermonaten in einer Textilfabrik Geld für Leben und Studium gescheffelt. Damals lief ich auf den Säntis, heute fahre ich samt Urs und anderen Touristen mit der Seilbahn. Das Panorama oben ist überwäl-tigend, wir sehen sechs Länder: Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich, Italien und natürlich die Schweiz. Vom Alpenhauptkamm ganz zu schweigen, den Segelfliegern oder den flugbegabten Alpendohlen. Bizarr, wie der Wind hier oben die Eis- und Schneemassen gestaltet hat. Wie einsam müssen sich die Wetter-warte gefühlt haben, die von 1882 bis in die 1930er Jahre allein auf dem Gipfel die harten Winter überdauern mussten ...

Einsam fühlen wir uns nicht, als wir die fahrerisch anspruchsvollere Seite der Schwägalp Richtung Neu St. Johann ins Toggenburg hinuntersausen. Die ein oder andere Guzzi wird geschnupft, herzhaft bewegte Super Dukes und verwegen abgewinkelte Ducatis vorbeigelassen. Kaum im Tal, schlagen wir uns wieder bergwärts über Bendel, Hemberg und Heiterswil nach Wattwil, wo ich damals im größten Textildruckwerk der Ostschweiz Mädchen für alles war. Heute dehnen sich anstelle der stolzen Fabrik staubige Brachflächen entlang der Straße, letzte Ruinen zeugen vom ehemaligen Textil-Veredelungsboom. Die Wirtin vom Hotel Löwen nebenan ist geschrumpft und hat einen Rundrücken, aber sie managt den Laden immer noch. Fast in den Ruin habe sie die Schließung der Firma getrieben. Doch sie sei ja auch eine Dreckschleuder gewesen: An manchen Tagen sei der Fluss Thur, der durch Wattwil und am Firmengelände entlangfließt, rot gewesen, an manchen gelb, an manchen blau, je nachdem, was in der Färberei angefallen sei. Das fällt mir jetzt auch wieder ein, neben anderen skurrilen Geschichten von heißen Sommern, dem Duft nach Heu und Feierabend-Rennen die Schwägalp hoch, mit alten, liebenswerten Motorrädern. Es gab nicht nur eitel Sonnenschein, sondern auch Geschichten von Disharmonien zwischen Schweizern und Deutschen.

Eine davon erzähle ich Urs: Ich komme von der Spätschicht in mein Hotel, schaue nach meiner topgepflegten Yamaha TR 1, die davor geparkt war. Sie ist weg – oder zumindest nicht mehr so, wie sie war. Liegt als zerklumpter Haufen Metall auf dem Boden, als sei ein Panzer darübergerollt. Ich frage in der Nachbarschaft. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Ich gebe eine Anzeige in der Lokalzeitung auf. Nach drei Wochen verpetzt eine alte Dame den Täter, gibt mir Name und Telefonnummer. Ich stelle ihn zur Rede, ein Kerl wie ein Baum. Er habe das deutsche Nummernschild im Scheinwerferlicht seines Riesentraktors gesehen und sich gedacht, „diese Scheißkarre muss weg“. Fuhr einfach drüber. Und warum? „Weil ich keine Schwaben mag.“ „Schwaben“ ist im Toggenburg das Synonym für alle Deutschen, auch wenn sie von der Küste kommen. Die Versicherung des Täters kam für den Zeitwert auf, rechtliche Konsequenzen hatte der Vorfall keine, der Vater des Treckerfahrers war ein Freund des Polizeichefs von St. Gallen. Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.

Wir begraben sie, die alten Geschichten, besichtigen lieber Lichtensteig, ein malerisch über dem rechten Ufer der Thur gelegenes, altertümliches Städtchen, mit seinen schönen Haubenhäusern. Dann sausen wir über den Rickenpass an die Ufer des Walensees, der sich südlich hinter den Churfisten in ein enges Tal schmiegt. Zwar werden wir nicht aus den vielen Kurven getragen, doch so langsam aber sicher aus unserer Appenzell-Geschichte. Magisch zieht uns der Süden an, und wir driften über die Berge Richtung Glarus. Schon im Toggenburg hat die Landschaft ihre vom Appenzeller Land gewohnte Lieblichkeit verloren, jetzt wird sie rauer und extremer. Die Berge werden höher, die Alpseen tiefer, donnernd rutschen Schneelawinen von den Steilhängen.

Wie am Anfang der Schöpfung liegt am Ende einer schmalen, serpentinenreichen Bergstraße der Obersee. Hier bekommen wir in einer kleinen Herberge ein Zimmer für die Nacht und genießen die absolute Stille und die Urgewalt der Natur. Die Landschaft erinnert an den Yosemite-Nationalpark in den USA, Frösche hüpfen über die Wiesen, und das letzte Licht leckt an den Bergspitzen. Anderntags lenken wir die Bandit ein Tal weiter zum Klöntaler See und den Pragelpass hinauf, bis wir (Ende Mai) im Schnee stecken bleiben und umkehren müssen. Unbeirrbare Skifahrer kommen uns entgegen, ein älterer Herr erzählt von einem riesigen Laib Käse, den er zu Hause horte. Seit Jahren säbele er immer wieder Stücke als Reise-Proviant von ihm ab.

Wir schneiden auf schmalstem Asphalt die Landschaft entzwei und erforschen das Tal der Sernft bis Elm und weiter bis Wichlen, wo vor gewaltigen Felswänden eine Panzer-Werkstatt und andere Militär­Einrichtungen zur Umkehr mahnen. Auf der Rückreise, als wir auf dem Kerenzerberg über dem Walensee Pause bei Gleitschirmfliegern machen, kracht es. Kein Gewitter, keine Lawinen, sondern Männer, die mit scharfen Waffen auf Zielscheiben schießen. Ein regelmäßiges Szenario, da die Schweizer an den Wochenenden Schießübungen absolvieren müssen. Schließlich sind über 90 Prozent der Schweizer Armee Dauer-Wehrpflichtige, und die müssen fit bleiben. Wer in den Städten genau hinsieht, bemerkt die permanente Präsenz des Schweizer Militärs, und wer es wissen will, erfährt, dass alle Personen, die im gesellschaftlichen Leben eine Position erreicht haben, analog dazu auch im Militär einen hohen Rang einnehmen. Wir schlagen uns ebenfalls wieder in die Höhe und hangeln uns am Walensee entlang nach Sargans, dann an den Berghängen über Buchs, Gams, Sennwald, Oberriet nach Altstätten, wo Stoss- und Ruppenpass locken und unsere Heimkehr in die Lieblichkeit des Appenzeller Landes.


Als wir an einem sonnenüberfluteten Hang rasten, ein Stück Käse und die Sicht auf den Säntis genießen, kommt ein Subaru-Kombi angefahren. Aus dem Wagen lehnt sich eine junge Frau und schreit uns an, sofort die Wiese zu verlassen, sonst hole sie die Polizei. Alles auf Schwyzerdütsch, das ich glücklicherweise noch verstehen kann. Jetzt kommen sie doch noch einmal hoch, die alten Geschichten. Als ich später meinem alten Schweizer Freund Paul, einer Seele von Mensch und Inhaber eines „Büros für Utopien“, davon erzähle, meint er, die Schweizer seien eben anders. Mitunter stimme die Chemie mit deutschen Durchreisenden nicht. Es sei denn, sie seien Millionäre. Das sind überhaupt die Lieblings-Ausländer der Schweizer. Ist das in Deutschland etwa anders? Auch keifende Frauen gibt es überall. Also ignorierten wir die Dame und widmeten uns dem Anblick des Säntis, der ob dieser kleingeistigen Befindlichkeiten nur im Abendrot glänzen und seinem Gipfel eine würdige Wolke aufsetzen konnte.

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