Motorradartisten (Archivversion) Was soll der Zirkus?

Den abgelachten Klischees von der heilen Zirkuswelt knallen die Flic Flac-Artisten ihre krawallierende Show entgegen. Deshalb haben sie die Lipizzaner durch Honda und Ural ersetzt.

Chaos, Krawall, Streetgangs, Stinkefinger, Baseballschläger - in der Manege ist die Hölle los. So stellt sich Lieschen Müller den Untergang des christlichen Abendlands vor. Aber alles nur Zirkus. Und alles am Anfang der Vorstellung. Eine Parade der eher gewalttätigen Art. Brillant choreographiert, ein wohl kalkulierter Schock fürs hochverehrte Publikum. Jetzt ein dummer August oder ein Bälle jonglierender Seelöwe - und diese Dramatik, dieses Tempo, sie wären dahin. Weswegen Flic Flac-Direktor Benno dem Publikum die Kugel gibt. Aus perforiertem Flacheisen, solide vernietet, summa summarum gut drei Mann hoch. Dramatisch langsam schwebt sie vom Zeltdach herab, und fünf kleine Honda-Enduros hecheln nervös. Ein unglaublicher Druck lastet auf den Artisten: Erdbeschleunigung mal fünf. Jede Bewegung gegen diese Zentrifugalkraft treibt den Schweiß - Schwerstarbeit. Kombiniert mit einem unglaublichen Gefühl für Timing. Erst drei, dann vier, fünf Maschinen zirkulieren in der Kugel. Looping horizontal, Looping vertikal. Gleichzeitig. Eine Berührung, und es knallt. Dann stürzt die ganze Kompanie. »Noch nie was Ernsthaftes passiert«, sagt Marko. Ein paar Prellungen und Schürfwunden - das löchrige Eisen wirkt wie Schmirgelpapier. »Ich hätte Lust, schon mal außerhalb des Zirkus Motorrad zu fahren.« Klappt nicht. Marko hat keinen Einser. Dafür einen Abschluss als Diplom-Artist an der Staatlichen Hochschule für Ballett und Artistik in Berlin. »Der Zirkus hat Leute für die Motorradnummer gesucht, und da hab` ich mir gedacht: Versuch’s doch mal.« Denn Direktor Benno bestand auf dem »Globe of Speed«. Um das Tohuwabohu der Eingangsszene im Krach der Motoren und dem irren Kugelgewusel zu konservieren. Als die Motorradler, die er engagiert hatte, sich verabschiedeten, mussten eben neue ran. Typen wie Marko, die im Prinzip alles können. Globe of Speed – das hieß für Marko zunächst mal: fahren lernen, Kupplung kommen lassen, schalten. Dann rein ins Eisen, das kugelrunde. Zunächst allein. Immer schön halblinks oder -rechts halten beim ersten Hochdüsen. Wer direktemang nach oben möchte, fällt runter. Wer’s zu langsam angeht sowieso. 40 km/h Minimum, 50 Maximum. Nie schneller, sonst fließt kein Blut mehr ins Gehirn. Konsequenz: Delirium. Ein gefährlicher Rausch ohne einen Tropfen Alkohol. Für Marko ist das Bike ein Arbeitsinstrument wie die Rohrzange für den Installateur oder die Keule für den Jongleur. Für Aleksandre aus Moskau auch. Er und sein Partner Evgueni machen es sich auf dezent angechopperten und heftigst belederten und vernieteten Ural bequem, werfen Menschlein durch die Luft. Die wiederum wechseln, so sie sich nicht entscheiden können, mit dem Wachsen aufzuhören, alle drei Jahre und landen grandioserweise immer wieder auf den Beinen. Nicht ihren eigenen, sondern auf den Stiefeln ihrer Kicker. Amis haben die Show gesehen, Aleksandre und Co. sofort einen Deal offeriert. Las Vegas - Traum eines jeden Artisten. Und da wollen die vier aus Russland und der Ukraine hin, sobald ihr Vertrag mit Flic Flac abläuft. In einem Jahr. Die restliche Zeit gedenkt Aleksandre zu genießen. Im, wie er schmunzelt, »saubersten Zirkus der Welt«. Weil Tiere bei Flic Flac draußen bleiben müssen. Nix Prinzeschen auf Lipizzaner oder Dompteursschädel in Löwenmaul. Chef Benno setzt ausschließlich auf menschliche Höchstleistungen und ein neues Konzept. Das da heißt: weg von den abgelutschten Klischees. Weg vor allem vom immer wieder gern genommenen Traum vom ach so ursprünglichen Leben im »grünen Wagen« und diesem unsäglichen »Oh mein Papa, war eine wunderbare Clown«. Nein, die Realität muss rein in die Manege. Irgendwie. Ist Flic Flac-Philosophie. Mit Schlägereien, Boris B., der schon drin ist, mit Sex und Crime. Dem Zuschauer begegnet eine Welt, die definitiv nicht die seine ist. Von der er freilich glauben könnte, dass sie’s sei. So liest er’s Tag für Tag im bunt bebilderten Tagesblatt, so sieht er’s im unerbittlich aufklärerischen Privat-TV. Und so kriegt er’s bei Flic Flac vorgeführt. Als Sensation. Satirisch freilich dermaßen überhöht, dass sogar Kinder lachen, weil sie, Gnade der späten Geburt, von all dem Horror, der sich dahinter verbirgt, (noch) nichts verstehen. Steht plötzlich ein elektrischer Stuhl in der Manege. Knall, Blitz, der Delinquent reißt sich los, stürzt. Todeskampf. Doch dann, oh Wunder, steht er wieder auf - jongliert. Es gibt Zirkusse, die machen auf Poesie, da blasen Clowns Seife. Und es gibt Flic Flac, der macht auf »Pulp Fiction«, da beweisen Clowns Reife. Erschrecken die darob höchst amüsierten Kleinen. »Im Privatleben sind die Artisten alle weniger bunt«, weiß Kim. Was man von ihr nicht behaupten kann. Früher war sie Vater ihrer Kinder. Die haben jetzt zwei Mütter. Weil Kim vom Mann zur Frau mutierte, den Job als Dozent an der Uni schmiss. Jetzt fliegt sie. Einmotorig Reklame. Das Zirkusbanner im Schlepp. Bei fast jedem Wetter. Torsten schaut in die Wolken. Es brummt. Kim! Und es regnet. Also bleibt die Guzzi unter der Plane. Unter den motorradlastigen Flic Flacern ist Torsten der einzig wahre Biker. Seine alte Harley, Jahrgang 1969, rostet stilvoll vor sich hin. Er mag diese Big Twins nur verwarzt. Aber seine 1100er Guzzi Sport hält er penibel in Schuss. Die fährt er. Torsten studierte mal, betrieb nebenher eine Diskothek. Zum Zwecke der Finanzierung akademischer Würden. Guter Plan, doch der klappte nicht. Kohle ging für Mopeds drauf. Bei Flic Flac kümmert er sich ums Catering. »Fast immer ausverkauft, da fließt das Bier.« Seit knapp fünf Jahren arbeitet Aleksandre auf Ural. 453 Kilometer stehen auf der Uhr. Und die hat keinen Zähler nur für einen Tag. Wohnmobil - Manege - ein paar Mal im Kreis - und zurück. Aber so ist er nun mal der Zirkus: unproduktiv, nutzlos und nicht zu begreifen - ökonomisch und rational betrachtet. Sagte so oder so ähnlich Markos, des Todesfahrers Mutter, als es ihren Jungen auf die Zirkusakademie zog. War in Sachsen nach der Wende, die Staatszirkusse machten dicht. Was, wie Marko beweist, noch lange nicht heißt, dass mit Zirkus kein Staat zu machen wäre. »Ich schaue auf die Markierungen in der Kugel und weiß immer genau, wo ich bin.« So was nennt man heutzutage globales Denken. Und das gedeiht vorzüglich im Globe of Speed. Spielorte unter www.flicflac.de

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