Motorradfahrer bei der Tour de France (Archivversion) Rad an Rad

Kaum zu glauben, aber wahr: 90 Motorräder begleiten die Tour-de-France-Radler bei ihrem dreiwöchigen Trip. Zwei Bikes rollen dabei in deutschem Auftrag über Frankreichs Landstraßen und Bergpässe – und ermöglichen ihren Besatzungen spektakuläre Bilder vom größten Radsport-Event der Welt.

Die erste Etappe der Tour de France 2005, ein Einzelzeitfahren über knapp 20 Kilometer. Top-Favorit Lance Armstrong zieht einen gewaltigen Schwarm von Presse-Motorrädern hinter sich her. Gut ein Dutzend Fotografen lauert in seinem Windschatten auf das Bild des Tages: Der amerikanische Superstar setzt zum Überholen des vor ihm gestarteten Jan Ullrich an. Auch Gero Breloer, im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) unterwegs,
fixiert die beiden Kontrahenten im Sucher seiner Digitalkamera. Als sein Fahrer Guy Devuyst die Spur wechselt, um eine noch bessere Position zu erreichen, streift er im dichten Gedränge mit einem Koffer seiner Maschine das Vorderrad eines Kollegen – und hätte um ein Haar einen Massensturz im Pulk der Foto-Bikes ausgelöst.
Aber alles ist noch einmal gut gegangen. Guy und Gero haben auch diese knifflige Situation gemeistert. Seit 1998 bilden der belgische Motorradler und der Foto-
graf aus Düsseldorf eine Fahrgemeinschaft.
Sie haben sich einen der 16 Motorrad-Startplätze ergattert, die der Veranstalter des weltgrößten Radsport-Ereignisses an Presseagenturen vergibt. So schwierig es ist, in diesen erlauchten Kreis vorzustoßen, so hervorragend sind dann die Arbeitsbedingungen: Die Motorradfotografen können sich meist auf der Höhe des Renngeschehens bewegen und haben die besten Chancen, jede Attacke oder jedes Schwächeln von Armstrong, Ullrich und Co in eindrucksvollen Bildern festzuhalten.
Die Fahrt im Renn-Tross verlangt allerdings volle Konzentration und viel Routine. Rund um die Radler herrscht bisweilen ein Verkehr wie zur Rushhour auf den Pariser Champs Elysées. Neben den Teamautos, den Fahrzeugen der Presse und den offiziellen Wagen des Veranstalters mischen bei der Tour sage und schreibe 90 Motorräder mit – damit ist die Fraktion der motorisierten Zweiräder fast halb so groß wie das Feld der strampelnden Pedaleure. Meist kommen die großen Sporttourer von BMW, Kawasaki und Yamaha zum Einsatz.
Die TV-Live-Bilder wären längst nicht so spannend, würden sie nicht vorwiegend vom Motorrad aus produziert. Außerdem nutzen die Vertreter von Jury und Zeitnahme sowie der Getränkeservice für die Fahrer die Mobilität und die Wendigkeit der Bikes. Und ein großes Aufgebot der Republikanischen Garde, ansonsten im Dienste des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, sorgt für die Sicherheit der imposanten Tour-Karawane.
Während die Gendarmen größtenteils mit Spezialanfertigungen der Vierzylinder-BMW-K-Reihe ausgerüstet sind, begnügt sich Guy Devuyst mit drei Töpfen aus
Bayern. Mit seiner blauen K 75 reißt er pro Jahr etwa 35000 Kilometer bei Radrennen runter. Neben der Tour de France stehen noch weitere Rundfahrten sowie zahlreiche Eintages-Klassiker auf dem Programm. Gut 20 Einsätze kommen da in der Saison für das dpa-Tandem zusammen. »Guy lebt den Radsport. Er kennt die Rennszene, das vereinfacht unsere Arbeit. Ich kann ihm auch mal die zweite Kamera in die Hand drücken, und er schießt ein druckreifes Bild«, lobt der 33-jährige Gero Breloer nicht nur die fahrerischen Qualitäten seines belgischen Piloten. Der spielt den Ball
zurück: »Obwohl Gero einen Kopf größer ist als ich, spüre ich ihn hinten auf dem Motorrad kaum. Er spielt perfekt mit.«
Während des Rennens sind Guy und Gero über den Tourfunk mit der Rennleitung und den Regulatoren verbunden, die den Verkehr steuern. »Wenn ein Fahrer eine Attacke startet, darf jeder Fotograf
für kurze Zeit mal ganz nah ran. Das funktioniert wie in einem Kreisel«, gibt Gero Breloer Einblicke in die internen Spielregeln des Tour-Fahrbetriebs. Untereinander kommunizieren die dpa-Kollegen notfalls auch ohne Worte: Manchmal drückt Gero einfach seine Knie mehr oder weniger sanft in den Rücken von Guy, und der weiß dann genau, wohin er fahren muss.
Die größte Herausforderung für Guy ist das Fahren im Schritttempo am Berg. Und für diese Übung ist die BMW K 75 das
beste Bike, sagt der Flame: »Die fährt selbst im zweiten Gang bei 1000 Touren ohne zu ruckeln und lässt sich sanft
und geradlinig beschleunigen.« Qualitäten wie ein Traktor eben. Darauf schwört auch
Michael Rathgeber, dessen Yamaha XJ 900 als zweites Motorrad bei der Tour de
France unter deutscher Flagge rollt: im Auftrag des Sendepools von ARD und ZDF. Hinten auf der ebenfalls blau lackierten
Maschine turnt Kameramann Klaus Jürgen Stuhl. Er bereichert das vom französischen Fernsehen gelieferte Live-Bildmaterial mit weiteren Actionszenen sowie Features.
Die beiden Freunde aus dem Mainzer Raum kennen sich seit frühen Renntagen – Michael war Langstreckenfahrer bei Moto aktiv, Klaus Jürgen sein Mechaniker – und arbeiten seit 13 Jahren bei Marathon- oder Triathlon-Events auf dem Motorrad zusammen. In diesem Jahr haben sie ihre sechste Tour de France absolviert. Michael Rathgeber, im Hauptberuf Yamaha-Händler, hat ebenfalls großen Respekt vor den Anstiegen der Tour, wo er im chaotischen Gewusel der Fans sein Bike in langsamer Fahrt stets so ausbalancieren und stabilisieren muss, dass der Kameramann verwacklungsfreie Bilder aufnehmen kann: »Ich drehe den Gashahn etwa ein Viertel auf und trete gleichzeitig auf die hintere Bremse, damit steuere ich die XJ.« Die halsbrecherisch wirkenden Abfahrten bei Tempo 80 oder 90, Rad an Rad mit den Tour-Profis, sieht der 46-jährige Rheinland-Pfälzer als ehemaliger Motorrad-Rennfahrer dagegen relativ entspannt.
Wie die dpa-Mannschaft hat auch das deutsche TV-Team weniger Angst vor eigenen Fehlern als vor dem unberechenbaren Verhalten der Fans. Einer von ihnen brachte bei der jüngsten Tour in den Pyrenäen ein Motorrad des französischen Fernsehens zu Fall und wurde dabei fast unter dem Bike begraben. Zum Glück gab es nur ein paar Schrammen, und der Zwischenfall ging für alle Beteiligten glimpflich aus –
wie der Schlenker von Guy und Gero am ersten Tag der Tour.

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