Motorradhotels Würden Sie diesen Menschen ein Zimmer vermieten?

Nachdem sie lange die ungeliebten Gäste der Hoteliers waren, sind Motorradfahrer jetzt ein umworbener Kundenkreis. Wie kommt´s zum Sinneswandel?

Mit einer MOTORRAD-Leseraktion vor 13 Jahren fing alles an. Wer Hotels kenne, die gern Motorradfahrer beherbergten, wollte die Readktion wissen und verüöffentlichte die Empfehlungen der Leser in den nachfolgenden Jahren immer wieder im Heft. Unter dem Titel »Angenehme Ruhe« legte sie später das Reisemagazin MOTORRAD-Touren als Broschüre bei. Offenbar war das nötig, da Motorradreisende sich damals in vielen Hotels nicht erwünscht fühlten. Er selbst habe das zwar nicht so empfunden, erinnert sich der damalige Reiseredakteur Fred Siemer, »aber unsere Leser wünschten diese Information«.

Inzwischen auf Taschenbuchstärke und rund 650 Adressen aus ganz Europa angeschwollen, wird das Verzeichnis seit einigen Jahren in der Edition Unterwegs vertrieben (MOTORRAD-Shop, 29,80 Mark). Aber heute ist es nur noch ein Stein in einem ganzen Mosaik aus Quartier-Offerten für reisende Biker. Der Motorradfahrer ist kein gastronomischer Problemfall mehr, sondern ein lukrativer Kunde. So initiieren Nobelhotels wie Arabella, Steigenberger oder Maririm Wochenenden für Harley-Fahrer inklusive Mietmaschinen, und Novotel hat in 22 Häusern einen Extraservice mit Sonderpreisen für Zweiradler eingerichtet. »Die Motorradfahrer haben sich seit den 80er Jahren sehr verändert und sind für uns eine hochinteressante Zielgruppe geworden. Bis zum Managager fährt ja inzwischen alles Motorrad«, erklärt Uwe Schlünsen, Direktor von Novotel in Leipzig, selbst Motorradfahrer und Initiator der Aktion. »Wir verstehen uns als junge, moderne Hotelgruppe, und da passen Motorradfahrer gut dazu.« Novotel schulte sogar die Angestellten »für den richtigen Umgang mit Motorradfahrern«, wie eine Infobroschüre verrät. Was darunter zu verstehen ist, bleibt allerdings offen.

Auch bei Minotel Deutschland, einem Hotelverband vorwiegend mittelständischer Familienbetriebe der Drei-Sterne-Kategorie, erklärten sich 55 von 66 Hotelchefs bereit, Bikern einen besonderen Service zukommen zu lassen. Wie bei Novotel werden sichere Parkplätze, Trockenräume, Werkstattadressen und Tourenvorschläge zur Verfügung gestellt. Noch weiter geht die in fünf Ländern vertretene Gruppe der elf Motor Bike Hotels sowie MOHO, ein Verband von sechs östereichischen Hotels mit Motorradausrichtung. Hier müssen die Chefs selbst Motorradfahren und ihren Gästen mit Rat und Tat zur Seite stehen können. Bei den Motor Bike Hotels erhält der Kunde einen Mitgliedspaß und jede zehnte Nacht gratis, bei MOHO gibt´s Aktionswochen für Harley- und Ducati-Fahrer sowie Motorradfahrerinnen. Die Nächte in diesen ebenfalls vorwiegend Drei-Sterne-Hotels liegen mit durchschnittlich etwa 80 Mark pro Nacht und Nase nicht auf Low-budget-Niveau. Hier kommt eher der service- und komfortbewußte Tourer auf seine Kosten als der Schnäppchenjäger. Kundenwerbung lautet die Zauberformel für diese neue Bikerfreundlichkeit in Ländern, die sich bislang nicht gerade durch ausgeprägte Zweiradbegeisterung hervorgetan hatten. Seit billige Fernreiseziele den klassischen Urlaubsdestinationen die Gäste weglocken, bemüht man sich vor allem im ostalpinen Bereich forciert um neue Kundenkreise. Die Alpen werden zum Erlebnisraum umfunktioniert, neben Rafting, Canyoning und Mountainbiking wird eben auch Motorbiking promotet. Es scheint, als würde jede Kröte geschluckt, um bei den Übernachtungen wieder schwarze Zahlen zu schreiben. Touristikgemeinschaften werden gegründet und »Biker willkommen«-Fahnen vor Hotels und Restaurants gehißt. Mitunter schießt man dabei auch etwas übers Ziel hinaus. Etwa wenn ein Tiroler Hausprospekt den Hotelier samt Model im Badedreß auf einer Honda zeigt, um Zweiradlern die Motorrad-Aktionswoche samt »Tour de Sepp« für 449 Mark nahezubringen. Alternativ kann bei Sepp aber auch eine Naturwoche mit Wanderung und Holzsägen gebucht werden. Sie wünschen, wir spielen - der Marketingphantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Selbst wenn Vignetten und Radarfallen draußen alles wieder sabotieren.Motorradfreundlichkeit also nichts als Marketingstrategie? Sicher nicht nur. Manchem Wirt steht seine Zweiradkundschaft wirklich nah. Wie den Elsässern Linda und Jacky Bergmann, die in ihrem kleinen Relais mit Guzzi-Werkstatt schon mal das Schlafzimmer räumen, bevor sie einen Biker im Regen stehen lassen. Oder die Aussteiger von Las Clauzes, die mit einem alten südfranzösischen Landgut für Zweiradler ihren Lebenstraum verwirklichten. Und wenn so was gerade nicht an Ihrer Strecke liegt?

Einfach anhalten und reingehen, wo Albergo oder Gasthof dransteht und was nett aussieht, ist auch in Zeiten von Motorradhotels noch immer nicht der schlechteste Weg.

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