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Es geht weiter. Noch 134 km bis Calama.

Eisenbahnmuseum in Chile Krafträder unter sich

Was haben eine Dampflok und eine BMW F 650 GS Dakar gemeinsam? Beide haben ziemlich Druck auf dem Kessel. Geschichte einer seltsamen Begegnung mitten in der Wüste.

Ruta 5, noch 140 Kilometer bis Calama. Brutal reißt orkanartiger Wind an der BMW F 650 GS Dakar, kommt scheinbar direkt aus einem heißen Ofen. Nur mühsam lässt sich die Maschine auf Kurs halten. Plötzlich wächst ein kleines Kaff aus dem gnadenlosen Nichts der Atacama-Wüste: Baquedano. Flankiert von Staub-Tornados, die 50 Meter in den blauen Himmel züngeln. Jetzt nur noch trinken, ausruhen, dem Wind entfliehen.

Avenida Salvador Allende heißt die einzige Straße. Links ein paar billige Restaurants, Bars, Kioske und das winzige Tourismusbüro. Rechter Hand der Wilde Westen. Ein alter Bahnhof, dahinter ein riesiger Ringlokschuppen, das Museo Ferroviario. Hier darf man alles. Sogar mit dem Motorrad rumfahren. Auf der mächtigen Drehscheibe wurden einst 16 dicke Dampfloks positioniert. Jetzt stehen hier noch sechs verstaubte Ungetüme aus dem frühen 20. Jahrhundert. Auf Schienen von 760 Millimetern Spurbreite. Amerikanische und englische Boliden, doch auch eine Lok des genialen Konstrukteurs und Fabrikanten August Borsig aus Berlin.

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Das 80 Tonnen schwere stählerne Monster musste Salpeter-Züge von weit über 1000 Tonnen ziehen. Dafür brauchte es locker 100-mal mehr Leistung als der 50 PS starke Rotax-Einzylinder, der nur 420 Kilo Gesamtlast durch Chile schleppt und damit ausgelastet ist. Doch die BMW darf wenigstens noch fahren, die Borsig muss schlafen bis in alle Ewigkeit. Warum die Dampfrösser hier stehen und scheinbar neidisch auf die mobile Enduro blicken? Weil Baquedano im Schnittpunkt der wichtigsten Salpeter-Bahnstrecken zwischen Argentinien, chilenischer Küste und Bolivien liegt. Auch heute kommen hier noch Güterzüge durch. Ellenlang, gezogen von rußenden japanischen und amerikanischen Dieselloks. Salpeter, auch Nitrat genannt, war früher elementarer Bestandteil von Schießpulver und liegt in gigantischen Mengen im mineralreichen Boden der Atacama. Grund genug für Chile, 1878 den sogenannten Salpeter-Krieg vom Zaun zu brechen und dem Nachbarn Bolivien neben einer Menge bodenschatzreichem Land auch seinen einzigen Zugang zum Meer zu rauben.

Um 1920 verebbte der Salpeter-Hype, die Dampfloks standen still. Wartungsärmere Dieselmaschinen übernahmen den Gütertransport. 2008 wurden in Baquedano Szenen für „Ein Quantum Trost“ gedreht. Heute rüttelt der Sturm entfesselt am Wellblech des Lokschuppens, irgendwann werden Dachteile auf Touristenköpfe donnern. So lange bleibt das Museo ein bezaubernder industriehistorischer Ort. Jetzt verlassen Stollenreifen stählerne Räder, der Wind greift sich die BMW F 650 GS Dakar. Noch 134 Kilometer bis Calama.

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