Motorradszene Frankreich (Archivversion) Vive la France?

Leben wie Gott in Frankreich funktioniert auch nicht mehr wirklich gut. Jedenfalls nicht für die französischen Motorradfahrer.

Wenn sich die Franzosen richtig aufregen, ist ordentlich was los. Wunderbar lässt sich das vom sicheren Ausland aus zum Beispiel bei Streiks beobachten: Da wird nicht, wie etwa in Italien oder Deutschland, mal kurz zwei Stündchen warngestreikt, nur um die verlorene Zeit brav am gleichen Abend mit Überstunden wieder hereinzuholen. Nein, wenn die Franzosen sauer sind, legen
sie gleich ihr ganzes Land lahm, wenn’s
sein muss, sogar für Wochen. Ein paar gut
ausgeprägte Zorn-Gene scheinen sich von der Französischen Revolution 1789 bis in die heutige Zeit herübergerettet zu haben.
Das gilt erst recht für die Motorradfahrer, die »motards”. In diesem Frühjahr taten sie ihren Unmut wieder öffentlich kund. Trotz schneidender Temperaturen demonstrierten am 9. und 10. April rund 7000 erregte Motorradfahrer in Paris, jeweils weitere 1000 in Le Mans, Poitiers, Bordeaux, Lyon und Straßburg, und rund 300 trotzten auf zwei Rädern sogar den zehn Zentimeter Neuschnee in Clermond- Ferrand. Hintergrund: Die französische Regierung hatte im letzten Jahr probehalber eine Lichtpflicht für Autos eingeführt. Was in Italien von der Zweiradfraktion ohne größere Proteste einfach hingenommen wurde, trieb die Franzosen auf die Straße: »Wir werden ohnehin schon oft genug übersehen”, begründeten die Initiatoren
ihren Einspruch »Wenn jetzt auch die Autos mit Licht fahren, heben wir uns gar nicht mehr ab, und unsere Unfallzahlen steigen mit Sicherheit!”
Organisierte Protestaktionen dieser Art haben in Frankreich eine lange Tradition. Dahinter steckt vor allem die Fédération Française des Motards en Colère (FFMC), zu Deutsch: der Verband der zornigen Motorradfahrer. Er wurde offiziell 1980 in Le Havre gegründet, die Bewegung selbst indes geht auf die 70er Jahre zurück –
als die Franzosen die Freiheit auf zwei
Rädern wieder entdeckten. Die jungen Wilden kamen oft aus den unteren Schichten und steckten ihr ganzes Geld in ihre Motorräder. Das reichte hinten und vorne nicht, denn der Benzinpreis stieg wegen der Ölkrise 1973 von 1,25 auf 3,30 Francs, Ersatzteile und sogar Reifen waren horrend teuer, und die Versicherungen erhöhten die Prämien Jahr für Jahr um 15 bis 30 Prozent – eine Honda CB 500 zu versichern kostete damals glatt viermal so viel wie die Prämie für einen R4.
Damit nicht genug: Öffentliche Meinung, Medien und Staat gaben allein den Motards für die allgemein steigenden Unfallzahlen die Schuld. Der damalige staatliche Referent für die Verkehrssicherheit, Christian Gerondeau, schlug nach seinem schweren Unfall auf dem Heimweg vom Bol d’Or 1978 tatsächlich vor, Motorräder mit mehr als 750 cm³ zu verbieten und
zudem eine möglichst schwierige Führerscheinprüfung oder Strafsteuern einzuführen. Die Regierung hörte das Wort Steuern und griff den Vorschlag flugs auf – mit einer obligatorischen Luxus-Vignette für Motorräder über 750 cm³.
Das war zu viel. Es kam zu spontanen Demonstrationen, die zornigen Motards riefen zum Boykott auf. Mit großen Er-
folg: Mehr als 80 Prozent der betroffenen Motorradfahrer verweigerten den Kauf der Vignette; um die Polizei bei Kontrollen
zu verwirren, klebten sich 1000er-Piloten einen 500er-Sticker aufs Motorrad – und umgekehrt. Eine Solidaritätsbewegung sondergleichen schweißte die französischen Motorradfahrer zusammen. Durch einfallsreiche Aktionen machten sie immer mehr von sich reden. So picknickten
einzelne Gruppen in den Gärten von französischen Abgeordneten, fielen in Luxusrestaurants ein, klauten die Statue von Präsident Valery Giscard d’Estaing aus einem Wachsfigurenkabinett, markierten auf den Straßen gefährliche Stellen mit roter Farbe und entfernten rutschige
Zebrastreifen.
Als 1981 François Mitterand die Wahlen gewann, schaffte sein Kabinett die Luxus-Vignette ab und bat die zornigen Motards mit ihrer inzwischen ordnungsgemäß gegründeten Organisation FFMC zur Diskussion an den runden Tisch. Viele Maßnahmen, die im Lauf der Zeit Motorradfahren in Frankreich sicherer machten, etwa spezielle Leitplanken, weniger rutschige weiße Linien oder Warnschilder
bei Schleudergefahr speziell für Zwei-
räder, gehen auf diese Initiative zurück.
Als Sofortmaßnahme reduzierte die Regierung außerdem die Autobahngebühr für Motorräder um 40 Prozent.
Parallel plante der FFMC, eine eigene Versicherung zu gründen, damit sich auch junge Motorradfahrer die Prämien leis-
ten konnten. Kein einfaches Unterfangen, denn immerhin mussten rund 40000 Motards davon überzeugt werden, je-
weils 280 Francs (rund 40 Euro) locker zu machen, damit das Basiskapital zustande kam; zudem versuchten die etablierten Versicherer, das Vorhaben zu torpedieren. Doch gegen alle Widerstände setzte sich die Idee durch: Im September 1983 wurde die »Mutuelle des Motards« vom Finanzministerium genehmigt, die ersten Policen wurden ausgestellt. 21 Jahre später,
am 31. Dezember 2004, hatte sie 177000
Mitglieder mit 258000 Versicherungsver-
trägen, 182160 davon für Motorräder.
In den 25 Jahren seit der Gründung
der FFMC hat sich die französische
Motorradszene allerdings stark gewandelt. Der Solidaritätsgedanke ist, wie in allen postindustriellen Gesellschaften, zu einer fernen Erinnerung verblasst, selbst unter den Motards. Auch wenn nach wie vor jede Menge Zweiräder über Frankreichs Straßen kurven: 2003 waren es insgesamt 655000 Motorräder über 125 cm3, dazu 702000 Roller, 434000 125er und 655000 50er. »Das sind geschätzte Werte, echte Statistiken zum Bestand gibt es nicht«, sagt Didier Ganneau, Chefredakteur des Monatsblatts »l’Officiel du Cycle et de la Moto«. Aktuell zeichnet sich eine Trendwende ab. »Der Markt der Sporttourer à la Honda VFR oder Yamaha TDM, bislang bei uns die großen Renner, ist komplett zusammengebrochen«, erklärt Ganneau. Die großen Gewinner der letzten Jahre sind dagegen die so genannten urbanen Zweiräder, also Roller und 125er-Motorräder.
Knapp 80000 wurden davon in Frankreich letztes Jahr neu zugelassen; in Deutschland waren es nicht ganz 46000. Fast alle dieser frisch gebackenen Zweiradfahrer sind Umsteiger vom Auto, die es Leid sind, in Paris, Marseille und Bordeaux ständig im Stau zu stehen. Sie nutzen
eine Regelung, die es erlaubt, mit dem Autoführerschein auch 125er-Zweiräder zu fahren. Vom Motorradfahren haben sie
nur wenig Ahnung, außerdem kein Interesse an einer wie auch immer gearteten Zweiradkultur. Ihre 125er dienen als Transportmittel, und damit basta.
Logischerweise steigt durch den Trend jedoch die Präsenz der Zweiradfahrer im Straßenbild und in der öffentlichen Wahrnehmung, und das wiederum ruft die
Politiker auf den Plan. Schon ist die Rede davon, das Durchschlängeln zwischen Autokolonnen mit strengen Strafen zu
ahnden. In Paris kündigte der sozialistische Bürgermeister Bertrand Delanoë, der mit Unterstützung der Grünen regiert, für die nächsten Jahre eine starke Reduzierung von Rollern und Motorrädern auf den Straßen der Hauptstadt an. Wenn es nicht anders ginge, werde er sogar generelle Fahrverbote für manche Viertel verhängen.
Sollte Delanoë Ernst machen, werden andere Städte wohl schnell nachziehen. Die Folgen für die Motorradfahrer und das Motorrad an sich kann man sich ausmalen. Die Hersteller, außer Voxan, MBK und
Peugeot ohne Heimvorteil, stehen solchen Drohungen hilflos gegenüber, denn sie
haben versäumt, sich zu organisieren, wie etwa in Deutschland der Industrie Verband Motorrad IVM oder in Italien die Ancma. Die Zeche zahlen sie möglicherweise jetzt.
Dabei haben es die französischen
Motards ohnehin nicht leicht. So quälen sie sich mit einem antiquierten 100-PS-Limit. Wie viel Spaß kann eine völlig zugestopfte, verzweifelt nach Luft ringende Suzuki GSX-R 1000 schon machen? Kein Wunder, dass nach Schätzungen rund 90 Prozent aller Sportmotorräder gleich nach dem Kauf von diesen Zwängen befreit werden – womit sich ihre Fahrer ins rechtliche Abseits und den versicherungsfreien Raum begeben.
Damit nicht genug, erstellt die Polizei regelmäßig Statistiken über Schnellfahrer, bei denen die Motorradfahrer stets als
die bösen Buben dastehen – Politiker und Medien nutzen solche Zahlen gern zur kollektiven Verteufelung. Außerdem ist Motorradfahren in Frankreich ein ziemlich teurer Spaß. So kostet die Haftpflicht- und Diebstahlversicherung für eine Honda CBF 600 in Paris durchschnittlich 1000 Euro. Eine Mechaniker-Stunde schlägt mit 60 Euro zu Buche, von den Kosten für Ersatzteile, Reifen und Zubehör erst gar nicht
zu reden. Das können sich nur noch
gestandene Wohlstandsbürger leisten. »Es ist kein Zufall, dass das Durchschnitts-
alter der französischen Motorradfahrer bei knapp 40 Jahren liegt«, bestätigt Didier Ganneau von »l’Officiel du Cycle et de la Moto«. »Ältere kaufen fast nur noch wertbeständige Marken wie BMW oder Harley-Davidson.”
Leben wie Gott in Frankreich – das gilt offenbar in unserem Nachbarland ledig-
lich für eine recht privilegierte Gruppe
von Motorradfahrern. Doch ein kleines Fünkchen Hoffnung keimt, denn unter den
jungen Franzosen sind Zweiräder derzeit en vogue. Die Rollermode in den Großstädten und ein wachsendes Interesse für Supermoto könnten die Szene beleben – falls die Politiker diesen Trend nicht mit Verboten im Keim ersticken. Und falls die Jungen von gestern, die sich in Bewegungen wie der FFMC oder der »Mutuelle des Motards« engagieren, auch die Jungen von heute zu nehmen wissen.

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