Motorradtreff Café Hubraum (Archivversion)

Über die Wupper...

...und hinein ins pralle Motorradleben. Das freilich auch seine Gefahren hat, vor allem an einem gewissen Örtchen.

Die Kohlfurther Straße im Solinger Ortsteil führt steil bergab, dann folgt ein scharfer 90-Grad-Linksknick am Café, anschließend geht es bergauf in Richtung Schnellstraße L 74. Tempo 30! Die Frau in dem 3er-BMW war wohl
etwas schneller, verfehlte zwar den Traditionstreff der Ruhrpott-Biker, nicht aber das Haus direkt gegenüber, ein Erweite-
rungsbau des Café Hubraum. Mit über 100 km/h schlug sie dort in das Schlafzimmer ein. Fahrerin und Schläferin blieben unverletzt. Seither ist das Café Hub-
raum um eine Anekdote reicher.
Bereits in den 20er Jahren trafen sich dort Motorradfahrer, um ihre Ausflüge ins nahe Bergische Land zu starten. Rainer Esslinger, 38, gelernter Bäcker, und sein Kompagnon Dirk Fach, 44, im früheren Leben Kunststoffschlosser, sind heute die Chefs des Café Hubraum.
Fach? Er wird doch nicht? Doch:
Bruder Holger ist Trainer der Borussen in Mönchengladbach in der Bundesliga, und Dirk heizt den Bikern ein. Und das gleich auf zweifache Art und Weise. Seine Firma Heat Pro ist in der Rennszene ein Begriff mit Reifen- und Gabelvorwärmsystemen, auf die auch das Supersport-Team von Yamaha Deutschland in der Weltmeisterschaft vertraut.
Heizkörper Nummer zwei ist der zentrale Kamin in der Wirtsstube, vor dem kräftig Bikergarn gesponnen wird. Über 15 Stammtisch-Fraktionen haben ihren festen Platz im Programm. Montags, beim Sportfahrerstammtisch, verteilt IDM-Su-
perbike-Meister Stefan Nebel in legerer Atmosphäre die neuesten Informationen vom letzten Rennwochenende. Lieblingsmahlzeit des neuen Yamaha-Fahrers bislang: das legendäre Kawasaki-Schnitzel, mit Käse überbacken, Champignonsauce und Beilagen für 9,50 Euro. »Aus aktuellem Anlass bevorzuge ich neuerdings
das Yamaha-Schnitzel mit Zigeunersauce und Beilagen«, betont der Meister. Andere Marke, aber gleicher Preis. Auch Philipp Hafeneger, Nebels Yamaha-Teamkollege in der Superbike-IDM 2004, ist stets
dabei – eine einfache Übung für ihn:
Er wohnt gerade mal einen Kilometer vom Hubraum entfernt.
Dienstags tagen die »Alten Säcke«. Besonderes Merkmal: Alle Teilnehmer müssen mindestens 60 Jahre alt sein, will ein jüngerer »Alter« sich dazusetzen, müssen er und zwei Begleiter mindestens 200 Jahre auf dem Biker-Buckel haben. Außerdem finden sich im Café noch die Women on Wheels, das Bandit-Forum, die Honda-CBX-Freunde und so weiter und so fort. Wer’s genau wissen will, schlägt nach im Internet (siehe Kasten rechts).
»Wir sind früher oft zu Treffs in der Gegend gefahren«, sagt Fach. »Das waren dann meistens Buden mit Pommes rot-weiß, vor denen die weibliche Begleitung gemurrt hat, dass sie schon wieder nichts Richtiges essen könne. So entstand unsere Idee für das Café Hubraum.«
Die Preise sind korrekt, wie auch Rennfahrer Nebel bestätigt, das Konzept stimmt: An warmen Tagen bevölkern bis zu 5000 Biker – über den Tag verteilt – das Areal mit seinen 500 Plätzen draußen, direkt an der Wupper und in Sichtweite der Bergischen Wuppertaler Museumsbahnen gelegen. Wer öfter kommt, kann sich eine Zehnerkarte für das Hubraumschnitzel – 5,90 statt 6,50 Euro – zulegen.
»Unsere Kundschaft hat den Laden mit gestaltet«, erzählt Fach. »Einer hat
einen Helm von Seitenwagen-Legende Siegfried Schauzu mitgebracht, der an-
dere hat eine seltene Plakette von einem Heinkel-Treffen gestiftet.« Irgendwo in
einer Ecke hängt ein Satz Pleuel einer 250er-Grand-Prix-Yamaha von Kel Carruthers, Weltmeister in den 60er Jahren.
Wer die Toilette besucht, gibt keiner Türklinke, sondern von außen einem Blinker, von innen einer Fußraste die Hand. Der Blick nach oben lohnt: Dort hängen Rennverkleidungen oder das, was von
ihnen übrig geblieben ist, von der Decke. An den Nummern können Sportkenner die Fahrer ausmachen. Eine 17, das ist die von Ex-Superbike-Meister Udo Mark. Eine rote Ducati-Verkleidung mit der 19
– leichte Übung: Das war die von
Superbike-Meister Edwin Weibel aus der Schweiz. Und auch ein Überzug der Weltmeister-Yamaha R6 von Jörg Teuchert hat sich in die Höhen verirrt. Vorsicht also beim Ablass: Mann wird ständig abgelenkt. Das Geheimnis der Damen-Toilette zu lüften, verbat uns die Höflichkeit.
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Café Hubraum in Solingen: Reportage über den Motorradtreff (Archivversion) - Adressen

Genaue Lage für GPS-Fahrer: Breitengrad N 5111.402 Nord, Längengrad E7 06.561 Ost. Sonst gilt: Kohlfurther Straße 30, 42651 Solingen, Telefon 0212/530893. Vorsicht! Häufige Radarkontrollen im Umfeld. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 16 bis 23 Uhr, Samstag
11 bis 24 Uhr, Sonntag 10 bis 24 Uhr. Beson-
dere Kennzeichen: coole Atmosphäre, korrekte Preise. Mehr Infos: www.cafehubraum.net.

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