Motorräder in Manhattan (Archivversion) Big Apple Bikes

Die Straßen Manhattans gehören den Taxis und Fußgängern. Motorräder sind dort allenfalls Randerscheinungen. Aber charakteristische. Denn jede Maschine erzählt eine Geschichte.

Sie trug schon einiges an Ölnebel um den Kopf, aber das war nicht die größte Krankheit der Honda. Wobei Krankheit eigentlich falsch ist, das deutet auf die Innereien, und die waren so weit in Ordnung. Gebrechen trifft es eher. Shawn meinte, das sei so wie bei einem alten Footballspieler, der auch nicht mehr gehen kann, ohne dass ihm irgendwas weh tut. Shawn muss es wissen. Er hat Football gespielt, und die 1978er-CB 550 K ist seine. Der Blinker ist im Eimer, und die Fußrasten stehen so krumm wie die Zähne in den Mündern der Chinesen ein paar Blocks weiter Richtung Broadway. Das Nummernschild fehlt, "das hat einer von den Besoffenen geklaut".

Rivington Street, Ecke Freeman Alley, das ist nicht die beste Gegend, um in Manhattan ein Motorrad abzustellen, nicht über Nacht. Kein Vergleich mit den Zeiten vor 20, 30 Jahren. Aber dass die Lower East Side keine gefährliche Gegend mehr ist, heißt nicht, dass sie ein "safe spot" wäre, um seine Maschine zu parken. "Ich habe ja bisher noch Glück gehabt", sagt Shawn, der vor ein paar Monaten von Texas nach New York kam und sich seitdem als Musiker, DJ, Frisör, Bedienung und Mechaniker über Wasser hält. "Sams Clubman ist schlimmer dran als meine CB, halb so viele Meilen, aber doppelt so ramponiert."

Die 18 Jahre alte Honda von Sam Buffa lässt den Kopf hängen. Scheinwerfer ab, Blinker hin, Auspuff schief und Rasten ebenfalls. Ein ums andere Mal wird sie über den Haufen gefahren. "Kommt einer der Anwohner spät nach Hause und ist in der üblen Lage, seine verdammte Karre parken zu müssen, kann es schon sein, man schiebt dein Motorrad ein Stück zur Seite." Er meint: mit dem Auto. "Kann auch sein, dass die Zugedröhnten aus den Clubs die Maschine umtreten. Das ist der Preis, den du für den Reiz der Gegend zahlst."

"Drunken Alley" nennen manche die Freeman Alley, wo Sam Buffas Clubman meistens steht. Er arbeitet an der Ecke im "Freeman’s Sporting Club", einem Laden, wo sie Anzüge verkaufen wie sie Eisenhower, Kennedy und Clinton getragen haben, das Tuch direkt von der anderen Seite des East River, aus Brooklyn. Handgenäht und gerne auf Maß. Very nobles Oldschool-Ambiente im "Freeman’s", mit alten Frisörstühlen hinten im Shop, wo Shorty Maniace, ein Typ mit volltätowierten Armen, auf Wunsch die Klinge aufklappt. Und einem für schlappe 25 Dollar die Stoppeln vom Kinn rasiert. Kein Geld in New York. Wer ein Auto parken will, zahlt pro Stunde locker einen Zehner mehr dafür. Unten am Boden ist nicht viel Platz in Manhattan.

Die beste Motorradtour macht man zu Fuß, von einer parkenden Maschine zur nächsten. Die steht nur ein paar Minuten entfernt die Straße runter. Dort hat Kelly, die Ex-Freundin von DJ und Popstar Moby, ein kleines Café, das Teany. Und nebenan im Rivington Club stellen sie Turnschuhe aus wie Kunstwerke und verlangen zum Teil ebensolche Preise. Möglich, dass die BMW R 60/5 günstiger zu haben wäre als das teuerste Paar Schuhe. Über 50000 Meilen zeigt der Boxertacho, und so sehr viel mehr werden es nicht werden. Denn die BMW parkt häufiger, als sie fährt. Timothy behauptet, sie sei selbst schuld: "Sie ist morgens nicht angesprungen, ich musste wohin, ich hasse die U-Bahn, weil sie stinkt. In der Ridge Street", er zeigt mit dem Finger schräg hinter sich, "gibt es diesen Fahrradladen. Ich habe mir ein Fixed-Gear-Bike gekauft, und seitdem strample ich durch die Stadt." Die R 60 also darf Staffage spielen.

Mit der Brutale in der Grand Street ist das anders. Sie steht gegenüber eines kleinen Geschäfts für Künstlerbedarf, dem "SoHo Art Material". So ist die MV mehr als nur Dekoration. Denn in diesem Gegenüber steckt ein wesentlicher Teil der jüngeren Geschichte von Soho, dem Gebiet South of Houston, südlich der Houston Street. Die Geschichte läuft folgendermaßen: Günstige Mieten in weniger schicken Gegenden ziehen Kreative an, Intellektuelle, Designer, Künstler. Von dieser Mischung fühlen sich dann die angezogen, die Geld haben. Und von denen wiederum die, die Geld machen wollen. Lofts werden saniert, Restaurants ersetzen Kneipen, Galerien die Ateliers. Mieten gehen hoch, Künstler woanders hin. Und dann stehen irgendwann, Stadtentwickler und Soziologen sagen Gentrifizierung dazu, sehr teure Motorräder sehr kleinen Künstlerläden gegenüber.

In der Prince Street, die sich durch Nolita zieht, das Areal North of Little Italy, finden sich in einem Schaufenster französischer Champagner, russischer Kaviar und amerikanische Maßanzüge. Davor hübschen zwei fabrikneue Triumph das Trottoir auf. Die beiden Thruxton sollen, das ist von Caleb, dem sehr großen, sehr gut aussehenden, sehr distinguierten Schwarzen im Shop von Duncan Quinn zu erfahren, die Auslage ein bisschen aufpeppen, sollen dem High-End-Lifestyle der Quinn-Kunden einen ordentlichen Schuss Rock n’ Roll-Flair verpassen. Reine Deko-Ware also.

Das ist ganz im Sinne des Chefs, der vor etwa sechs Jahren schlicht keinen Bock mehr hatte, sich als Anwalt zu profilieren. Er fing an, Anzüge zu schneidern, um nicht länger Anzüge tragen zu müssen, die er nicht tragen wollte. Mittlerweile gilt Duncan Quinn als Top-Adresse in Sachen Herren-Oberbekleidung. Aber natürlich sind die Maschinen vor dem Laden nicht einfach so gewählt. Caleb sagt: "Mister Quinn hat selbst eine Triumph." Und, ja, es komme vor, dass er die in feinem Zwirn zu klassischer Halbschale pilotiere. "Es ist der Stil, den Duncan mag."

Auf der anderen Seite des Broadway, in Tribeca, dem Triangle Below Canal, hat Phil seine BMW K 1200 S in der Varick Street auf den Sidewalk gestellt. Einen Steinwurf nur von dort weg hat sich vor bald 30 Jahren ein vollkommen unbedeutender Schriftsteller seine erste bedeutende Prosa abgerungen. Paul Auster schrieb "Die Erfindung der Einsamkeit" in einem beklemmend engen Zimmer im Haus Nummer sechs. Phil hat’s nicht mit Literatur. Er hat’s mit BMW. Weil, so erklärt er, das Fahrwerk doch einfach am besten sei für die New Yorker Straßen. Deren Zustand bezeichnet er unmissverständlich als "shitty". Und sagt: "These German Bikes and New York streets, das ist eine ideale Kombination.” Die Frage ist: Wie meint er das?

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel