Nordamerika, Teil 1 (Archivversion) Country Roads

USA, Kanada, Alaska – ein Paar aus Australien durchstreift ein Jahr lang den nordamerikanischen Kontinent. Im ersten Teil der Reportage nehmen die beiden den Südwesten der USA unter die Räder. Und stellen fest, dass es nicht immer leicht ist, sich mit dem American Way of Life zu arrangieren.

Unaufhörlich prasselt der Regen
gegen das Fenster, jeder Tropfen hämmert schmerzhaft im Schädel. Jane ist zum Glück eingeschlafen.
Unsere Stimmung befindet sich bereits unter dem Nullpunkt, denn es gießt seit acht Tagen. Inzwischen hassen wir Hollywood. Wir hassen den Verkehr, die lausigen Fastfood-Gerichte, dieses schäbige Motelzimmer. Kein guter Start für einen einjährigen Motorrad-Trip durch Nordamerika.
Draußen auf dem Parkplatz warten die beiden Bikes darauf, dass es endlich losgeht. Janes BMW
F 650 GS hatten wir am dritten Tag nach unserer Ankunft in Los
Angeles erstanden. Ein Glücksfall: Baujahr 1997, aber mit nur 9919 Meilen auf der Uhr. Vier Tage später schob ich ein Bündel Dollar-Noten für eine 35 Jahre alte BMW R 60/5 über den Tresen. Diese oder keine – eine spontane Entscheinung aus dem Bauch heraus. Jane war beim Anblick der betagten Möhre dagegen entsetzt. Das Unwetter begann, als ich die Nummernschilder montieren wollte.
Wir müssen endlich los, um in dieser Bude nicht vollkommen verrückt zu werden. Die Entscheidung fällt mitten in der Nacht:
in einem Rutsch bis Phoenix, Arizona. Über die »Interstate 10«. Doch dann am nächsten Tag: zwei überbreite Spuren in jede Richtung, kein Verkehr, keine Kurve und maximal 65 Meilen pro Stunde. Fahren wie in Trance.
Vor Langeweile fallen wir beinahe
von den Böcken.
Phoenix kann unsere Laune auch nicht bessern. Ein Meer von einfachen Holzhaus-Siedlungen, die rund um
das windige Zentrum in die Wüste ge-
zimmert wurden – auf einer Fläche von 2000 Quadratmeilen! Immerhin spielt allmählich das Wetter mit. Jane und ich schlagen Kurs Südost ein, peilen auf der »10« Tucson an. Auf dem
Weg dorthin passieren wir einen dieser gigantischen Schrottplätze
für Militärflugzeuge. Rund 5000 ausrangierte Exemplare vom Phantom-Kampfjet bis zum gigantischen B-52-Bomber stehen hier in Reih und Glied, ein gleichermaßen zweifelhafter wie überaus ästhetischer Anblick. Das knochentrockene Wüstenklima konserviert diese fliegenden Vernichtungsmaschinen über Jahrzehnte. Leider ist das gesamte Areal seit den Ereignissen vom
11. September 2001 für Besucher gesperrt. Wie groß die Angst vor Terroranschlägen in den USA ist, erfahren Jane und ich kurz darauf am eigenen Leib, als wir ohne offensichtlichen Grund von einer Polizeistreife aus dem Verkehr gezogen werden. Motorradfahrer und Bartträger seien generell verdächtig, so die fadenscheinige Begründung des Polizisten: »Man weiß ja nie, wie ein Terrorist aussieht, besonders wenn er einen schwarzen Bart hat.« Aha.
Am nächsten Morgen fällt meine Rasur besonders gründlich aus.
Bis Flagstaff keine weiteren
Vorfälle. Rund 50 Meilen sind es von
hier noch bis zum Grand Canyon,
unserem nächsten Ziel. Das wir erst in
einem Monat erreichen werden, denn wir treffen Bill und Jack. Die beiden kommen mit ihrem schweren Pick-up
gerade von den Carlsbad Caverns und schwärmen in den höchsten Tönen von diesem augenschein-
lich überaus spektakulären Höhlensystem im Südosten von
Neumexiko. Ohne groß zu überlegen, brechen wir dorthin auf. Genauso hatten wir uns diesen Trip vorgestellt: Eine Reise,
die von spontanen Entscheidungen lebt.
Der Weg führt über die Interstate 40 in Richtung Albuquerque, hangelt sich an der legendären »Route 66« entlang. Man muss allerdings schon sehr genau Ausschau halten, um irgendeine Spur von der alten Strecke, die einst von Chicago bis Los Angeles führte, zu entdecken. Bestenfalls eine Handvoll kleiner Nester bieten noch einen Hauch Wildwest-Romantik. Two Guns, Church Rock, Bluewater, Holbrook. Einfache Motels mit neonfarbenen Leuchtreklamen, Souvenir-Shops, Pick-ups, Männer mit spitzen Stiefeln und riesigen Cowboyhüten. Doch rasch verschwindet »die Mutter aller amerikanischen Straßen« wieder unter dem breiten Asphaltband der »40«. An anderer Stelle verläuft sie irgendwo im Sand der Wüste.
Erst in Albuquerque taucht die »66« wieder auf: Sie führt als »Central Avenue« quer durch die Stadt, rechts und links flankiert von unzähligen
Gebrauchtwagenhändlern, Einkaufs-
zentren und Fastfood-Läden. Wir
fragen uns nach einer BMW-Werkstatt durch, weil Janes Bike aus unerfindlichem Grund stottert und bisweilen mehrmals während der Fahrt einfach die Arbeit eingestellt hat. Doch es ist Wochen-
ende, erst Montag, so vertröstet man uns bei BMW, könne man nach der F 650 schauen. Nun gut. Eine Wal-Mart-Filliale versogt mit dem Nötigsten für die nächsten beiden Tage: Kartoffelchips
(im XXL-Beutel), Bier, diverse Tütensuppen und »Sandie’s pecan
chocolatechips-cookies« (die Nummer eins unter den Keksen
auf dem amerikanischen Kontinent!). Auf der Suche nach Haar-
shampoo verweist man uns auf die Regalreihen im gegenüber-
liegenden Gebäudeteil des Supermarkts, grob geschätzt zwei Meilen weit entfernt. Neidisch blicken wir
einem Batterie-betriebenen Dreirad hinterher, das von einer Rentnerin
mit rosa Lockenwicklern durch die Gänge manövriert wird.
Montagabend. Die BMW-Experten können keinen Defekt feststellen – nicht unbedingt die Antwort, die ich hören will. Der Spaß kostet dennoch 85 Dollar. Erst die Fahrt hinunter nach Carlsbad sorgt für andere, angenehmere Gedanken. Drei Tage Einsamkeit und endlose Weite. Amerika wie aus dem Bildband, zumindest bis kurz vor Alamogordo. Mitten im Nichts auf einmal eine Ampel mit Warnschild: Bei Rot würden Raketentests stattfinden – Highway 70 führt direkt durch die »White Sands
Missile Range«. Immerhin wird man informiert, wenn’s knallt.
Tags darauf in Carlsbad. Der Spaziergang durch das gewaltige Höhlensystem geht in Ordnung, aber dafür muss man nicht bis hierher fahren. Das nahe Roswell erscheint da viel interessanter: Dort soll 1947 ein UFO abgestürzt sein, und man will Wrackteile und tote Außerirdische gefunden haben. Dass es sich dabei
um die Trümmer eines geheimen
Spionageballons gehandelt hat,
wird bis heute von Ufologen und
Verschwörungstheoretikern nicht als
Erklärung akzeptiert. Die unscharfen Aufnahmen im örtlichen UFO-Museum helfen auch nicht weiter, der Unter-
haltungswert ist allerdings enorm.
Zumal wir im Souvenir-Shop Chris kennen lernen, der bestens informiert zu sein scheint. Ob wir wüssten, dass die US-Militärbasis auf dem Mars vor 15 Jahren von Aliens vernichtet wurde? Oder dass George W. Busch über
einen Bunker auf dem Mond verfügt, in den er sich im Falle eines Angriffs
von Außerirdischen verkriechen kann?
Es fällt immer schwerer, ernst zu bleiben. Also Rückzug. »Fahrt bloß nicht nach Dulce!« Chris brüllt eine letzte Warnung hinterher. »Dort leben Aliens, die auf der Suche nach attraktiven Frauen sind, um sich mit ihnen zu paaren.« Dulce steht ab sofort ganz oben auf unserem Wunschzettel.
Wir tauchen ab in die Weite Neumexikos, genießen den seltenen Umstand, nicht an jeder Ecke auf andere Touristen zu treffen. Vielleicht geht uns deshalb der Rummel in Santa Fe auf die
Nerven. Die halbe Welt, so scheint es, bummelt durch die zahllosen Galerien, in denen indianisches Kunsthandwerk angeboten wird. Nicht unser Ding,
obwohl die Stadt zugegebenermaßen über eine tolle Atmosphäre verfügt. Wir verkrümeln uns in die nahen Sangre de Christo Mountains, schlagen einen Haken in westliche Richtung, gelangen mit dem letzten Tropfen Sprit nach Dulce. Ein armseliges Kaff am Rande eines Apache-Indianerreservats. Fortpflanzungswillige Außerirdische? Jane ist maßlos enttäuscht. Die einzigen Fremden hier sind wir.
Südwest-Colorado. Endlich Kurven! Was für eine Erlösung nach wochenlanger Fahrerei über zumeist bolzgerade Highways. Die etwa zehn Kilometer lange, fast schon serpentinenartige Zufahrt zu den indianischen Felsenwohnungen von Mesa Verde wird gleich viermal unter die längst eckig gefahrenen Reifen genommen,
um diesen Rausch zu intensivieren. Der Blick auf die Landkarte – egal in welche Richtung – verheißt auch in nächster Zukunft
wenig Schräges: Eine breite Straße schleudert uns sofort wieder hinaus in die Weite der wüstenhaften Prärie.
Es ist nahezu unmöglich, in diesem Winkel des Landes an »Four Corners« vorbeizufahren – dem einzigen Ort in den USA,
an dem sich vier Bundestaaten
berühren: Colorado, Utah, Arizona
und Neumexiko. Über Meilen weisen
unzählige Schilder penetrant auf
diese geografische Besonderheit hin. Irgendwann gibt man auf und biegt einfach ab, reiht sich in eine lange Warteschlange ein. Am Ende zahlt man drei Dollar dafür, um für einen kurzen Moment in vier Staaten
gleichzeitig zu stehen. Was für eine geniale Geschäftsidee! Rund 50
Souvenirbuden verdienen sich hier eine goldene Nase, und der Besitzer des gigantischen Parkplatzes dürfte ebenfalls aus dem Gröbsten heraus sein. Vermutlich ärgern sich hinter-
her die meisten, weil sie Geld für etwas unglaublich Sinnloses verschwendet haben. Wenigstens geht es Jane und mir so.
Wir gestehen ein, dass wir den Abstecher nur gemacht haben, um nicht möglicherweise etwas verpasst zu haben.
Ein kurzer Schlenker durch Arizona, schließlich Utah. Von der Sonne verdörrtes Land. Indianerland. Nutzloser Boden, so weit der Blick reicht. Mehr hat man den Ureinwohnern Nordamerikas offensichtlich nicht zugestanden. In den desolaten Reservaten, von denen einige so groß sind wie die Schweiz, herrscht bittere Armut. Wer hier lebt, nimmt verständlicherweise, was er kriegen kann. Und der Blick aus weiter Ferne auf die aus jedem Western bekannten Felsformationen des Monument Valley ist das Einzige, was noch kostenlos
zu erhaschen ist. Wer näher an diese rot glühenden Tafelberge, Türme
und Säulen heran will, muss zahlen. Fünf Dollar pro Fahrzeug. An jedem Aussichtspunkt wartet zusätzlich eine
aufdringliche Armee von fliegenden Händlern mit körbeweise billigem Schmuck, und immer steht ein alter Navajo-Indianer auf einem gelangweilt dreinschauenden Pferd im Bild, der anschließend hartnäckig einen Dollar für die Aufnahme verlangt. Egal. Die zehn Dollar, die wir für die gut 22 Kilometer lange Strecke durch das fantastische Monument Valley
berappen, sowie der Betrag für den völlig überteuerten Campingplatz waren im Nachhinein das am besten angelegte Geld während des gesamten Trips. Erst bei der Abfahrt stellt sich heraus, dass der Parkplatz des Supermarkts in Mexican Hat ebenfalls eine sensationell gute Aussicht bietet. Und das ausnahmsweise einmal völlig ohne Gebühr und fliegende Händler.
Wir lassen es laufen, wollen rasch zum Grand Canyon. Doch auf dem Colorado-Hochplateau pfeift nach Sonnenuntergang ein eisiger Wind, und Jane friert erbärmlich. Unsere Ausrüstung ist für Temperaturen um den Gefrierpunkt nicht geeignet. Neidisch schielt sie
auf die alte R. Der Boxer erweist sich bekanntermaßen als hervorragende Fußheizung. Inzwischen kann ich
neben der linken auch meine rechte Hand am Zylinder wärmen: Der Gasgriff der BMW klemmt schon seit
Längerem und hält wie ein Tempomat die Fuhre stur auf Tempo 95. Gegen Mitternacht haben wir’s geschafft,
fallen hundemüde in die Schlafsäcke.
Auf diesen Anblick waren wir einfach nicht vorbereitet. Wer zum ersten Mal vom »South Rim« in diesen 1000 Meter tiefen Graben blickt, ringt nach Luft. Minutenlang. Sämtliche Sinne schlagen Alarm, versuchen verzweifelt, zu begreifen, was einfach unfassbar ist: dass der Colorado River in der Lage gewesen sein soll, sich dermaßen gewaltig durch den Fels zu fräsen. Von hier oben betrachtet, erscheint das vollkommen utopisch. Ein eindrucksvolleres Naturphänomen kann es auf der Welt nicht geben. Keine Ahnung, wie lange ich fassungslos in die Tiefe gestarrt habe; Jane behauptet, es waren drei Stunden.
Ein paar Tage im Fahrtwind. Auf einer alten Bekannten,
der »Interstate 40« in westliche Richtung, bis wir bei Kingman Kurs auf Las Vegas nehmen. Der Lichtschein der Stadt ist im Nachthimmel schon von Weitem
zu erkennen. Wir verlieren uns sofort
im Sog dieser wilden wie hemmungslosen Welt der Spieler. Die grell
illuminierten Kasinos und Hotels im Zentrum wirken wie eine halluzinogene Droge. Alles Echte schwindet, macht Platz für ein künstliches, glänzendes Scheinuniversum, von dem man
sich nur allzu bereitwillig blenden lässt. 100 Prozent Entertainment.
Mit diesem Rezept fischen sie auch noch den letzten Cent aus deiner
Hosentasche. Garantiert.
Bei Tag gleichen die Straßen
der Wüstenmetropole denen jeder
anderen großen amerikanischen
Ansiedlung: eine Aneinanderreihung von Gebrauchtwagenhändlern, mittelmäßigen Hotels und Einkaufszentren. Echten Spielern ist das gleichgültig. Sie harren in den voll klimatisierten Kasinos aus – oder suchen mit leeren Taschen sofort das Weite.
Drei Tage, dann reicht es. Gegen Mittag brechen wir auf, was sich als krasse Fehlentscheidung erweist –
die Hitze in der Wüste Nevadas bringt einen fast um den Verstand. Erst bei Einbruch der Nacht wagen wir uns aus dem Schatten einer Tankstelle wieder hinaus in
die Weite, spulen viele ereignislose Meilen ab. Der Hammer fällt gegen 23 Uhr kurz vor der Ortschaft Rachel. Das Zelt haben
wir direkt neben dem Highway 375 aufgebaut.
Früh am nächsten Morgen entdeckt Jane einen älteren Herren, der nahe unserem Lagerplatz auf einem Stuhl mitten auf der schnurgeraden Straße sitzt und durch ein Fernglas in den Himmel starrt. »Hinter den Hügeln liegt Area 51, militärisches Sperrgebiet«, sagt der Alte und erzählt weiter, dass man dort außerirdische Flugobjekte lagern und deren Besatzungen gefangen
halten würde. Erst vor einigen Jahren hätte die Regierung die Existenz
dieses Ortes überhaupt zugegeben.
Er selbst will endlich einmal ein wahr-
haftiges UFO in echt sehen. Darum würde er hier mitten auf der Straße
sitzen, die 1996 offiziell von der Bun-
desregierung auf den Namen »Extraterrestrial Highway« getauft wurde – die »Außerirdische Straße«. Der Glaube an Besucher aus anderen Welten scheint in vielen Amerikanern tief
verwurzelt. Tankstelle und Supermarkt in Rachel profitieren auf jeden Fall
von den vielen irdischen Gästen. Der Renner im »Little A’le’Inn-Restaurant«: der Alien-Burger.
Über einen abermals endlos
scheinenden Highway preschen Jane und ich nach Kalifornien. Mit jedem
Kilometer in Richtung Westen wird
die Landschaft grüner. Wir fliegen förmlich über die einsame Bergstraße bis zum Lake Tahoe, hatten schon fast vergessen, wie gut Wald riechen kann. »Highway 4« bringt uns über einen gut 3000 Meter hohen Pass endgültig auf Kurs in Richtung San Francisco. Ja, viele Straßen dieser fantastischen Stadt sind wirklich so steil,
wie man es aus dem Kino kennt. Bevor wir weiterziehen, nach Kanada und Alaska wollen wir, muss ich dringend die Bremsen meiner alten 60/5 überholen lassen.
Teil zwei der Reisegeschichte folgt in der nächsten Ausgabe.

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