Nordböhmen––––– (Archivversion) Auch ein Paradies–––––

Die just entstehende gute Nachbarschaft zu Tschechien will gepflegt sein. Deshalb darf ein Ausflug nach Nordböhmen nicht ausschließlich als erbaulich gelten. Er ist wichtig.

Der ältere Herr, der vor dem Grandhotel von Liberec seine Frau erwartet, kennt sich bestens aus: »Zum Rathaus geht«s geradeaus, über die Straßenbahnschienen hinweg, dann in der ersten Altstadtgasse rechts halten.« Der Mann ist Deutscher, wohnhaft bei Nürnberg, geboren in Reichenberg. So nannte die deutsche Bevölkerung Liberec, und es waren 1935 rund 28000 Deutsche und nur 5000 Tschechen, die in der wohlhabenden Industriestadt am Fuße des Isergebirges lebten. Böhmisches Manchester bezeichnete sich Reichenberg stolz, denn die tradionsreiche Tuchherstellung in abertausenden Kleinbetrieben wurde hier schon früh in großen Fabriken konzentriert. Auf die Frage, was er denn empfinde, wenn er seine alte Heimat besucht, antwortet der Mann ohne Wehmut: »Daß ich den Tschechen viel Glück wünsche.«Immer noch - sieben Jahre nach der Sanften Revolution - weht ein Hauch von ungeordnetem Aufbruch durch die Stadt. Zum Konglomerat aus historischen Baudenkmälern, die wohl jeden Deutschen seltsam vertraut anmuten, und lustlosen Zweckbauten wollen die pastellfarbenen Camel-Sonnenschirme vor den Straßencafés noch nicht recht passen. Dafür passen die meisten Menschen wiederum eher zu den Sonnenschirmen als zu den Bauten: Hier proben Jugendliche Dolce Vita, dort wuselt einer in seinem Computerladen, Handwerker pfeifen durch einen Neubau.Holzkohle aus den dichten Wäldern - das war der Beitrag, den das Isergebirge zum einstigen Reichtum lieferte. Die Straße windet sich über sanfte Buckel, und tatsächlich öffnet sich der Blick nur selten. Nichts als Buchen, aber welches Vergnügen, den Lichtstrahlen hinterherzujagen, die es durch das Blätterdach bis auf die Straße schaffen. Dann lichtet sich der Wald zur rechten Seite hin, macht Wiesen Platz. Im Grund des Tales ein Fluß, flankiert von Straßendörfern. In diesen Dörfern haben früher die Tuchmacher gewohnt, weiter östlich auch Glasbläser, die in Heimarbeit die weltberühmten Gablonzer Bijouterien hergestellt haben: gläserner Schmuck und Perlen aus Jablonec, der Nachbarstadt von Liberec. Endlich taucht Schloß Frydlant auf. Die Straße hält geradewegs draufzu, der tiefsandige Parkplatz ist dicht belegt, aber der Wärter kennt die Belange von Motorradfahrern und weist ein gepflastertes Plätzchen direkt neben seiner Hütte zu. Den Helm nimmt er mit hinein, und daß die nächste Führung in einer halben Stunde beginnt, verrät er auch noch.Also gut. Wallenstein. Albrecht von, geboren 1583, ermordet 1634. War der Motorradfahrer? Niemals. Reisender? Eher in Sachen Kriege, Intrigen und Macht. Politiker also, und der hat, nachdem er die Protestanten geschlagen hatte, dem katholischen Kaiser in Wien für«n Appel und«n Ei die ganze Gegend rund um Frydlant abgekauft. Daraufhin mehr oder weniger segensreich in Nord- und Ostböhmen gewirkt, und jeder, der hier rumreist, begegnet ihm auf Schritt und Tritt. Also Wallenstein, jetzt und hier, und der olle Friedrich Schiller hat nicht umsonst ein ganzes Drama über diesen Mann geschrieben, und - verdammt noch mal - warum soll Motorrad fahren nicht auch bilden. Man könnte die plötzliche Begegnung mit diesem Herrn nämlich auch so sehen: Diese Gegend ist nicht nur ein zum Zwecke munteren Fortkommens mit kleinen Straßen und erbaulichen Hügeln verzierter Freizeitpark, sondern eines der Zentren mitteleuropäischer Kultur. Wo sich Deutsche, Österreicher, Juden und Tschechen getroffen haben, um sich in schlechten Zeiten die Köpfe einzuschlagen und in guten ein Paradies zu gestalten. Eines, das vor Reichtum nur so trotzte, als beispielsweise die norddeutsche Tiefebene noch unter einem Dickicht von Erlen und Eichen vor sich hin moderte. Deshalb Wallenstein.Und am nächsten Tag gleich noch mal. In Jicin nämlich, einige Zeit Hauptstadt des Herzogtums Frydlant, hat der steinreiche Feldherr einen riesigen Markplatz nach seinem Willen errichten lassen. Gesäumt von Arkaden, Schloß und Kirche. Letztere muß übrigens auf einen Turm verzichten, weil sich Wallenstein noch während der Bauarbeiten in allzu viele Intrigen mit Russen, Franzosen, Spaniern, Sachsen und Österreichern verstrickt hatte und auf Geheiß des Kaisers tot oder lebendig aus dem Verkehr zu ziehen sei. Ein Ire war es, der den Befehl blutig vollstreckte, und die Münzen im Brunnen werfen wohl Neureiche, die ein ähnliches Schicksal umgehen wollen. Ihnen wird nicht geholfen, denn mit List und Tücke fischen freche Jungs - und Mädels - das ganze Kleingeld heraus und kaufen sich Cola davon. Ein Prost auf Wallenstein.Aus der Niederung Jicins hebt sich die Straße in eine Hügellandschaft, der eigentlich nur Zypressen und Weinstöcke fehlen, um mit der Toskana konkurrieren zu können. Was Wunder, wenn romantisierende Künstler und Schriftsteller sie vor über 100 Jahren das Tschechische Paradies tauften. Aber sie haben dieses Gemenge aus bizarren Felsen, tiefen Wäldern, Schlössern und Seen auch deshalb so genannt, um ihren ebenfalls romantisierenden deutschen Kollegen etwas entgegenzusetzen. Die träumten von Rügen und dem Elbsandsteingebirge, die in ihrem Nationalstolz erwachenden Tschechen eben von der Gegend zwischen Jicin, Turnov und Sobotka. Ihr Vermächtnis hallt noch heute wider, wenn ganze Busladungen voll über Wanderwege die mittelalterliche Burg Kost umrunden. Vergnügt und frei.Die eher gleichmütige Toleranz der Ausflügler weicht zweifelhaftem Interesse, als die Yamaha TRX vor der Imbißbude eines Braunkohlegebiets parkt. Die Kumpel fragen nach dem Preis und diskutieren danach wohl über den Unsinn, soviel Geld für ein Zweirad auszugeben, weil es dafür doch einen ganzen neuen Skoda gibt. Sogar mit VW-Motor. Der Strom, den sie mit ihrer Kohle produzieren, treibt auch die Bänder in Mlada Boleslav, wo schon seit 100 Jahren Autos gebaut werden, und erst der bekundete Respekt vor dieser Tradition läßt wieder einiges Wohlwollen im Hinblick auf die Yamaha keimen. Immerhin: Als sie startet, um den ebenso häßlichen wie ökonomisch notwendigen Fleck Böhmen zu verlassen, sind alle Ohren gespitzt. Die grinsenden Gesichter sind noch nicht ganz aus dem Rückspiegel verschwunden, da lädt ein Rummel schon wieder zum Halten ein. Wie früher, und ach, so niedlich: Schiffschaukel und Kettenkarussell, nicht an den Rand gedrückt von hypertechnischen Radaubahnen und Höllen-Loopings. Nein, mittendrin als Hauptattraktion und vollgestopft mit lachenden Kindern und coolen Teenies. Los komm, eine Runde fahren wir mit.Wie gut das tut. Wie gut, daß es so lange vorhält. Denn nachdem der Weg Richtung Pardubice die letzten Hügel überwunden hat, versinkt er in einer zwar paradiesisch fruchtbaren, aber eintönigen Ebene. Die Felder und Wiesen, die Stallungen: Alles scheint in dieser kolletiv erschlossenen Agrar-Steppe allzu groß. Verzweifelt mühen sich kleine Kirchen, alte Dorfkerne oder liebevoll gepflegte Gärten, ein wenig menschliches Maß beizusteuern.Bevor die Elbe erreicht ist, auf einmal: noch ein Paradies - Kladruby nad Labem. Kladrub an der Elbe, umgeben von Pappel-gesäumten und gut gepflegten Weiden empfängt das älteste noch existierende Gestüt Europas seine Besucher. Links und rechts der Lindenallee, die auf das Hauptgebäude zuführt, grasen, hübsch getrennt, Stuten mit und ohne Fohlen sowie Hengste. Schimmel überwiegen, und auch das ist wieder mal historisch begründet. Die weißen Alt-Kladruber nämlich dienten Jahrhunderte lang dazu, den Kaiser und seinen Hofstaat durch Wien zu ziehen. Die schwarzen - sie werden heute im nahen Slatinany gezogen - waren für die kirchlichen Würdenträger.Die Nachkommen nehmen«s gelassen und stecken ihre aristokratisch gebogenen Nasen lieber ins frische Gras. Und auch der Leiter dieses hipologischen Paradieses pflegt seine ganz eigene Meinung über den Lauf der Welt: »Der Fortschritt«, sagt Dr. Norbert Zalis tief bewegt und mit Blick auf die Yamaha, »ist eine prima Sache. Er dauert nur schon zu lange.« Irgendwie hat dieser Spruch etwas typisch Böhmisches. Aber irgendwie auch nicht.

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