Norddeutschland (Archivversion) Den Bach runter ...

Wirtschaftsflaute und weltweiter Strukturwandel haben Deutschlands Norden massiv gezeichnet. Umso tragischer, wenn’s die eigene Heimat ist. Eine Bestandsaufnahme von Nordlicht Michael Schröder.

Früh am Morgen im Hafen. Die Aprilia rollt an endlos lang erscheinenden Lagerhallen entlang. Das rechtwinklige Straßennetz, der Museums-Trawler Gerda, der permanente Geruch nach Salz und Fisch – alles so vertraut wie das Schreien der Möwen, das im nächsten Moment vom
tiefen Horn eines Dampfers übertönt wird. Die würzige Seeluft sorgt für einen klaren Kopf, der dankend realisiert, dass vieles beim Alten geblieben ist. Historisches Mauerwerk aus dunklem Backstein für die Fischverarbeitung rund um die Uhr. Zumeist
Familienbetriebe mit Direktverkauf von geräuchertem Aal,
Scholle und Kabeljau. Äußerlich widersetzt sich Bremerhavens
Fischereihafen hartnäckig der Moderne. Wirtschaftlich hält man sich im großen Stil mit Fischstäbchen über Wasser: 70000
Tonnen pro Jahr für Käpt’n Iglu und Co aus der weltweit größten Fabrik für Tiefkühlfisch. Von dieser zweifelhaften Delikatesse
einmal abgesehen – es tut gut, endlich einmal wieder daheim
im Norden zu sein.
Zehn Minuten später. Heringstraße, Ecke Lunedeich.
»Schon mal was vom Fischereihafenrennen gehört?« Roter Truck, freundlicher Fahrer. Uwe Wenta schielt vom hohen Sitz des
Sattelschleppers hinunter auf die kantige Italienerin mit fremdem Kennzeichen. Termindruck? Auf ein paar Minuten Klönschnack unter Bikern käme es nicht an. Hauptsache, er sei heute Abend in Stuttgart. Und morgen zurück am Meer. Ein Leben ohne Deich? »Nee, lass man.« Ohne das jährliche Rennen im Hafen schon gar nicht. Das »Monte Carlo des Nordens« – die Erinnerung schlägt einen Salto. Pfingsten 1979. Showdown in Fishtown für die
Vollgasfraktion, die es sich auf dem engen Kurs zwischen den
Lagerhallen dermaßen besorgt. Kopfsteinpflaster, Schienen, keine Auslaufzonen. Der völlige Wahnsinn. Die Zuschauer – ganz dicht dran, nur durch Strohballen von der Strecke getrennt. Mitten-
drin ein Sechzehnjähriger, angereist auf einer brandneuen, roten Yamaha DT 50 M. Mit 2,9 PS gegen den Nordseewind in die
Freiheit, die Eltern im 80 Kilometer entfernten Heimatort ahnungs-
los, welcher Virus sich bei ihrem Jungen da gerade einnistet.
Zurück im Hier und Jetzt. Georgstraße, schließlich Columbusstraße. Zerschundener Asphalt auf dem Weg ins Zentrum.
Mausgraue Häuserfronten, renovierungsbedürftige Altbauten, auffällig viele leer stehende Ladengeschäfte. Die Stadt – seit
dem Abzug der in der Nähe stationierten US-Army gegen Ende der Achtziger rapide gealtert. Die lässigen Boys hatten mit
den Taschen voller Dollars als Wirtschaftsfaktor gesorgt. Einen
Hauch von großer weiter Welt gab’s als Dreingabe. Dass hier
die wildesten Partys gefeiert wurden, hatte sich bis zu uns
aufs Land herumgesprochen. Gelegentliche Streifzüge waren
die Folge. Der Musik wegen. Frisch importierter Soul und Funk.
Die Neue Deutsche Welle hatte bei mir nie eine Chance.
Drei hoch aufragende Wohnblocks markieren beim Museumshafen die Stadtmitte, dominieren die Silhouette. Dröge Bauten
im Neue-Heimat-Stil, die Schiffschornsteinen nachempfunden sind. Vom Dach des Columbus-Centers dürfte die Aussicht dafür genial sein. Weser und Wattenmeer als silbrig glänzende Fläche, die spiegelgleich die vom Wind gehetzten Wolken reflektiert.
Die ersten Sonnenanbeter zieht es inzwischen zum gegenüber-liegenden Strandbad. »Daran erkennt man Touristen. Oder die, die keine Arbeit haben.« Stefan, Mitte 30, Schnauzbart, hellblauer Trainingsanzug. Seine Hand fühlt über den Tank der Aprilia.
Seit Harz IV käme nur noch ein Golf I in Frage. Ob ich wüsste, dass die Arbeitslosenquote in Bremerhaven inzwischen bei
21,5 Prozent liegen würde? »Wir sind schlimmer dran als viele Gebiete in den neuen Bundesländern.« Man müsse nur auf die vielen leer stehenden Wohnungen achten.
Beim Zollamt links ab in die Franziusstraße. Wenige Gasstöße genügen, um in den Überseehafen zu gelangen. Ein riesiger,
unförmiger Schiffslaib spuckt fernöstliche Automobile aus. 2000, vielleicht 3000 Stück in wenigen Stunden, die wie ferngesteuert
in langer Reihe über das weitläufige Areal flitzen. Neue Fracht wartet bereits. Deutsche Karossen für den internationalen Markt.
»Macht bei rund 1200 Schiffsladungen pro Jahr über eine Millionen Fahrzeuge, die hier im Auto-Terminal umgeschlagen werden.« Peter Janßen ist Rentner und kennt sich aus. Er verbringt mehr Zeit im Hafen als daheim. Da drüben, das sei die Norway. Sein Blick richtet sich auf einen blauweiß gestrichenen Luxusliner. »Stapellauf 1960, 312 Meter lang, Platz für 2500
Passagiere und über 1000 Mann Besatzung.« Der Pott würde nach zwei Jahren Liegezeit demnächst nach Malaysia auslaufen, vermutlich, um abgewrackt zu werden. »Eine Schande ist das
bei einem so schönen Schiff!« Die Aprilia stoppt direkt vor
dem mächtigen Bug. Gänsehaut. Das Kind im Manne regt sich.
Zur See fahren kam noch vor Lokomotivführer.
»Einmal Labskaus für alle!« Treffpunkt Kaiserhafen – die letzte Kneipe vor New York. Eine Reisegruppe entert das bis in jeden Winkel mit ausgefallenen Souvenirs ausgestattete Hafenlokal
in Sichtweite der Norway. Bayerische Mundart zwischen Schiffs-
modellen, alten Taucheranzügen, Galionsfiguren, unzähligen
maritimen Gemälden. Die Wände seit Jahren von Schiffsbesatzungen aus aller Welt als Gästebuch genutzt. Weil die Besucher daheim im Süddeutschen etwas erzählen wollen, kommt eben nur echte Seemannsnahrung in Frage: gepökeltes Rindfleisch, eingelegte Rote Beete, Salzgurken, Zwiebeln und Matjes. Im
Fleischwolf zu einer unansehlichen Masse vermengt. Manche brauchen danach wirklich einen Schnaps.
Ein Bus hupt. Der Doppeldecker für die Hafenrundfahrt. Schichtwechsel im Treffpunkt Kaiserhafen. Werftarbeiter nehmen die frei gewordenen Plätze ein, Lkw-Fahrer aus dem nahen
Containerterminal, Matrosen aus Asien, US-amerikanische Crewmitglieder, auf deren Jacken »Pride of America« zu lesen ist.
Man ist wieder unter sich.
Die Aprilia schlägt einen Haken um die Lloyd-Werft. Schiffsbau seit 1857. Riesige Lagerhallen, ein Schwimmdock, gewaltige Kräne. Die »Queen Elizabeth 2«, die »Europa«, die »Norway«
und die »Norwegian Sky« liefen in Bremerhaven vom Stapel oder
wurden hier wieder in Stand gesetzt. Die »Pride of America”, das vorerst letzte Großprojekt, fertig zum Auslaufen. Als schwimmende Hotelstadt für Luxuskreuzfahrten überragt der modern gestylte weiße Riese sämtliche Hafenbauten. Made in Bremerhaven als weithin sichtbares Gütesiegel. Die Zukunft der Werft ist dennoch ungewiss, schon mehrmals drohte das Aus. Einst waren hier
über 10000 Arbeiter beschäftigt. Der Hafen profitierte von einer gewaltigen Auswanderungswelle in die Neue Welt, die Mitte
des 19. Jahrhunderts einsetzte, der Schiffsbau florierte.
Heute sind auf der Werft gerade noch 530 Personen angestellt. Der weltweite Wettbewerb hat deutliche Spuren hinterlassen.
Quer durch die Stadt geht’s in Richtung Norden. Die
Aprilia braucht dringend Auslauf. Vorbei an der Amüsiermeile, Candy’s House, Happy Midnight Bar II, Club Kristall. Neon-
reklamen an heruntergekommenen Fassaden, Müll vor den
Türen, besten-falls drittklassiges Rotlicht-Ambiente. Schnell noch ein Kaffee am Kiosk. Zwei Asiatinnen aus dem »Mai Thai Club« schielen herüber, lachen, widmen sich wieder einem Kampfhund, der wie verrückt an der Leine zieht. »Jungs, haut ab. Fotos mögen wir hier nicht!« Trainingsanzug im XXL-Format aus heller Ballonseide – das Herrchen vom Hund und beide
in Habachtstellung. Eine Szene wie in einem Western. Zeit,
die Stadt zu verlassen.
Kurven zwischen Wremen, Dorum und Cuxhaven? Allen-
falls ein leichter Knick. Die Straße eingefasst zwischen Deich und sattgrünem Weideland. Mächtige Bauernhäuser mit herausgeputztem Fachwerk und tief herunter gezogenen Reetdächern tauchen auf. Gärten, so groß wie Fußballfelder. Eine Auffahrt führt über den Deich, und der Weg endet vor dem Watt. Ab und zu blitzt die Sonne durch die schnell dahinziehenden Wolken-
fetzen und liefert in diesen kurzen Momenten überraschende Lichtreflexe, wenn sich die Strahlen in den vereinzelten Wasserpfützen spiegeln. Leuchtende Punkte bewegen sich draußen
im Schlick. Spaziergänger in Ostfriesennerzen, den in dieser Gegend obligatorischen gelben Regenmänteln. Strandkörbe halten als Logenplatz für ein einmaliges Schauspiel her. Von
hier aus wandert der Blick haltlos bis zum Horizont. Es ist
dieser Himmel, der den Norden so gewaltig erscheinen lässt, der aus jedem noch so belanglosen Gegenstand etwas
Besonderes macht. So imposant die Alpen auch sein mögen – mit der unglaublichen Großzügigkeit dieser Landschaft können sie nicht mithalten.
Cuxhaven an der Elbe. Gediegenes Ambiente. Ein See-
heilbad, das gut vom Tourismus lebt. Drei Millionen Über-
nachtungen im letzten Jahr, mehr als in jedem anderen Kurort der Republik. Geschätztes Durchschnittsalter der Besucher:
60 plus. Andere Motorradfahrer? Fehlanzeige. Plattdeutsche
Seemannslieder berieseln mich beim Tanken. Plakate verraten, dass demnächst der Musikantenstadl gastiert. »Moin.« Die
Begrüßungsformel für morgens, mittags und abends. Mit
Fischerhemd, blauem Troyer und Prinz-Heinrich-Mütze auf dem Kopf bedient der Tankwart auch sonst jedes Klischee. Zum
Hafen? »Hinterm Zentrum.« Marschmentalität. Kein Wort mehr als nötig. Die Aprilia passiert »Feuerschiff Elbe 1«, rollt an ewig langen Hallen für die Fischverarbeitung vorbei, gelangt zum leuchtend roten Dock der Mützelfeldtwerft. Alter und neuer
Fischereihafen, Amerikahafen, Freihafen. Zwei Schlepper liegen vertäut an den Kaimauern, die vielen Kräne verharren voll-
kommen bewegungslos am Rand der verwaisten Hafenbecken.
Eine Fahrt wie durch ein Industriemuseum. Rückzug nach
Bremerhaven. 40 Kilometer über die A 27. Kein Tempolimit,
kein Verkehr, keine Kurven. Heftige Windböen von rechts
sorgen dennoch für abartige Schräglagen. Die Propeller der
riesigen Windkraftwerke rotieren im Grenzbereich.

Ein Euro für einen Pott Kaffee, einssiebzig für ein üppig
belegtes Brötchen. »Kiosk Weserschlösschen« in Blexen lockt hungrige Frühaufsteher nach kurzer Fährfahrt
über die Weser mit einem unschlagbaren Preis-Leistungs-
Verhältnis. Birkenalleen säumen die Strecke über die wenig
bewohnte Halbinsel Butjadingen weiter bis Langwarden. Leere Straßen, die im rechten Winkel zueinander verlaufen, die feuchten Weiden und Wiesen von unzähligen Kanälen und Flüssen durchzogen. Der Entwässerung wegen. Kühe, Schafe und
Menschen würden sonst früher oder später im Sumpf versinken. Norddeutsche Provinz. Stammtischbrüder in Tossenserdeich
erteilen Nachhilfe in Plattdütsch. »Köm un Beer« heißt Kümmel und Bier und werde »bi de Dorpslüüd«, den Dorfbewohnern, ausnahmslos in dieser Reihenfolge getrunken.
Eckwarden, Varel, Dangast am Jadebusen. Viele unspektakuläre Kilometer bis Wilhelmshaven, Deutschlands größtem
Marinestützpunkt. Es geht durch dunkle Straßenzüge. Heruntergekommene Altbaufassaden, Geschäftsaufgaben, Gesichter ohne Lebensfreude. »Hier funktioniert gar nichts mehr.« Der frustrierte Mittfünfziger schaut vom Deich über den Südstrand der Stadt auf das braune Wasser. »Vor 15 Jahren die Pleite
der Schreibmaschinen-Firma Olympia, nun auch noch die
Verkleinerung der Truppe. Wer kann, haut ab.«
Ich presche weiter nach Jever. Die Brauereimetropole des Nordens ist schon lange vor dem Ortsschild an drei hohen,
mit dunklem Glas verhangenen Gärtürmen zu erkennen. Optisch
ein Hauch von Dallas mitten in der ostfriesischen Pampa,
»das Bier herb wie das Land«. Mein Eisschrank daheim kennt kein anderes. Die letzten 50 Kilometer bis Emden. Über die überlastete B 210. Trucks, Pendler, Urlauber. Auffällig viele
tiefergelegte Mittelklasse-Pkw mit überdimensionalem Flügelwerk, die Fahrer im Rennfieber. Das Überholen von Lkw-Konvois als ultimative Herausforderung der Kids im Kampf gegen die Langeweile. Anwohner verlangen auf riesigen Schildern Tempobeschränkungen und Ortsumgehungen.
»Mit diesem Schiff kannste durch das Eismeer der Bering-see segeln.« Die »Heureka« von Kapitän Alexander Göhring liegt versteckt unter Bäumen am Südkai im Binnenhafen von Emden vor Anker, umgeben von Kränen für die Containerverladung, Werftanlagen, riesigen Gastanks. Vom ausgemusterten Rumpf bis zum piekfeinen Dreimaster wären viele tausend Arbeits-
stunden nötig gewesen. Unter Deck betreibt Ehefrau Dalija
ein kleines Restaurant. Maritime Gemütlichkeit. Dunkles Holz,
Netze an der Decke, viel Messing. Bald soll es mit bis zu 30 Passagieren an Bord auf große Fahrten gehen. Wellen schlagen gegen den Rumpf, lassen den Segler auf und ab tanzen. Im
Hafenbecken rangiert ein Monstrum aus Stahl, zwängt sich in eine Schleuse. Millimeterarbeit für Kapitän und Lotsen, bis man endlich in der Ems freie Fahrt in Richtung Nordsee hat. »Der Pott kann 5000 Autos laden.« Ein Angler hat für einen Moment seine Rute beiseite gelegt, präsentiert einen sich windenden Aal. Nach Bremerhaven sei man Nummer zwei in Sachen Autoverschiffung. »Dank VW, die bauen hier den Passat. Wenn die mal dicht machen, na dann gute Nacht.“

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