Nordhessen (Archivversion) Mittendrin

Lust auf Gebirge? Aber die Alpen zu weit? Dann ab in die Kasseler Berge. Einfach tolle Strecken, und das mitten in Deutschland.

Schon lange schwärmt mein Kumpel Thomas uns von seiner Heimat vor. Ständig spricht er Kurven bis zum Abwinken, von schmalen Sträßchen die verwegen allen Kühnheiten der Topographie folgen. Vermutlich hat er sich gerade in diesem munteren Auf und Ab verloren, denn am vereinbarten Treffpunkt bei Hannoversch-Münden fehlt von ihm jede Spur. Dafür treffen Sabine und ich Larry, einen Lkw-Piloten, der neben seinem Truck bei der morgendlichen Vesper sitzt. Wir plaudern, und ich erfahre, dass es die »Kasseler Berge« eigentlich gar nicht gibt. Zumindest nicht auf dem Papier. Ein Begriff aus dem Volksmund sei das, der für die Gegend zwischen Hattenbacher Dreieck und Göttingen stehe. »Bergan kriechst du wie eine Schnecke, bergab verglühen fast die Bremsen. Aber mit deinem Bike hast Du hier bestimmt viel Spaß.«Das werde ich bald überprüfen, denn gerade rollt unüberhörbar die 16 Jahre alte Honda 750 - die mit dem ebenso legendären wie unkaputtbaren Single-ohc-Motor - auf den Platz. Der Spaß kann also los gehen. Motor an, Tschüß Larry, rauf auf die Landstraße und ab in Richtung Witzenhausen. Dann der Schwenk von der B 80 auf ein kleines und verwinkeltes Sträßchen, das über die Höhen des Kaufunger Waldes führt. Traumhaft. Wie auch der Abstecher hinauf zur Burg Hanstein, bis zur Wende östlich des Stacheldrahts gelegen und heute vielleicht der beste Ort für weit reichende Ausblicke über das Werratal.Ein paar Minuten später lotst uns Thomas über eine verwegene Serpentinenstrecke Richtung Hoher Meißner. Ein hemmungsloser Kurvenspaß, der in einem ziemlich steilen Sträßchen hinauf zum Frau-Holle-Teich endet, dem Schauplatz des gleichnamigen Grimmschen Märchen. Noch einmal geht es ein Stück bergan. Dann passieren wir das 750 Meter über dem Spiegel der Weltmeere gelegene Gipfelplateau und stürzen uns quasi Downhill in Richtung Rotenburg an der Fulda. Der richtige Ort, um inmitten uriger Fachwerkhäuser einen gemütlichen Gasthof heimzusuchen. Wer hier her kommt, sollte unbedingt »Ahler Worscht« probieren: frisches Bauernbrot belegt mit einer leckeren Mettwurst, die nur in Nordhessen serviert wird.Schließlich treibt´s uns weiter. Wir fahren wie im Rausch. Gasgeben, Bremsen, Kuppeln und Schalten, alles flutscht. Wieder sind es ausschließlich Nebenstraßen oder kleine Wege, über die uns Thomas bis zum Richelsdorfer Gebirge führt. Würden wir es nicht besser wissen – wir wären sicher, hinter der nächsten Kurve die Nordsee zu erblicken. Zwischen den kleinen Ortschaften Iba und Süß umschmeichelt plötzlich ein neues Aroma unsere Nasen. Es riecht nach salziger Meeresluft. Die Erklärung dafür ist schließlich unübersehrbar. Vor uns erhebt sich leuchtend weiß ein imposanter Berg: der Monte Kali – eine von diversen gewaltigen Salzhalden, die allesamt höher sind als die natürlichen Erhebungen im direkten Umfeld. Das Ganze erinnert irgendwie an die schneebedeckten Alpen.Kaum später startet die Auffahrt ins Knüllgebirge. Wir halten uns Richtung Eisenberg. Eine tolle Strecke, die sich locker für spannende Bergrennen eignen würde. Wir lassen´s einfach laufen, genießen die Schräglagen, das ständige Beschleunigen und Abbremsen und den überraschend milden Fahrtwind. Erst am späten Nachmittag ist Schluss. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir unser Hotel in Bad Wildungen.Am nächsten Morgen kochen die Füchse erst mal Kaffee. Will heißen, dass südlich von Kassel dicke Dunstschwaden samt tief hängender Wolken die Sonne ärgern – und uns. Auch ein paar dicke Tropfen sind mit von der Partie. Das Frühstück zieht sich in die Länge, doch irgendwann lichtet sich der Himmel ein wenig. Sofort sind wir wieder unterwegs. Doch bald haut Thomas schon wieder in die Bremsen und hält am Knusperhäuschen in Reitzenhagen, das unter Motorradfahrern auch als Leckermäulchentreff bestens bekannt ist. Nicht zuletzt, weil Wirt Rolf sehr leckeres Brandteiggebäck serviert, das an übergroße Windbeutel erinnert. Eventuell vorhandene Diätpläne ade. Dafür lacht inzwischen wieder die Sonne.Verhalten kurven wir durch den Kellerwald – die Straßen sind noch naß und an vielen Stellen liegt noch immer Laub vom letzten Herbst. Die Gedanken haben Zeit, sich an frühere Märchenstunden zu erinnern. Denn hier soll einst die Wildunger Schönheit Schneewittchen bei den sieben Zwergen gelebt haben. Doch das interessiert Motorradler vermutlich nur am Rande. Vielmehr zieht es uns hier an den Eder-Stausee, dem Motorrad-Treffpunkt dieser Region, wo sich auf einem Parkplatz an guten Tagen bis zu 200 Biker treffen - sofern sie nicht gerade auf der Serpentinenstrecke hinauf zum Schloss Waldeck unterwegs sind. Dort gibt´s aus der Vogelperspektive nämlich den besten Blick über den Stausee, dessen Form mit ein wenig Fantasie an eine Krake erinnert.Derweil geht unsere Nordhessen-Tour auf ihre letzte Etappe. Wir düsen Richtung Fritzlar, genießen eine der schönsten Altstädte Hessens und lassen uns im Tal der Fulda wieder zurück nach Hannoversch-Münden treiben. Dort verabschiedet sich Thomas von uns, dreht noch einmal mächtig am Gas und verschwindet auf seiner Hausstrecke. Der Sound seiner alten Honda werden wir nicht so schnell vergessen. Auch nicht seine Bemerkung, dass es hier und dort noch ein paar nette Wege geben würde. Das klang wie eine Einladung.

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