Norditalien (Archivversion) Po-etische Momente

Einmal quer durch den Norden Italiens – von der Quelle des Pos in den Piemonteser Alpen bis zu seinem verzweigten Delta an der Adriaküste. Inklusive eines Besuchs bei Don Camillo und Peppone und einem Gang nach Canossa.

Vielleicht haben wir uns mit
der Jahreszeit doch verhauen. Obwohl der Mai für eine
Reise quer durch Norditalien eigentlich goldrichtig sein sollte. Von Klaus und mir
mit Bedacht für unsere Tour entlang des Pos gewählt, des größten Flusses in
Italien. Später im Jahr werden die Stechmücken in der schwülen Po-Ebene nämlich so riesig, dass sie von rechts wegen Nummernschilder tragen müssten und
Motorradfahrer schier in den Wahnsinn treiben.
Doch jetzt stehen wir erst mal auf 1800
Meter Höhe in den italienischen Alpen, nur einen Katzensprung von der Grenze nach Frankreich entfernt, und schnattern vor uns hin. Von Stechmücken weit und breit keine Spur, dafür Nieselregen, sechs Grad. Vor uns der Startpunkt unserer
Reise. Andächtig starren wir auf den Bach, der hier auf dem »Plateau der Königin« über die Almen plätschert. Ganz zur Quelle des Pos dringen wir um diese Jahreszeit nicht vor. Die befindet sich noch
mal gut 200 Meter weiter oben auf dem
»Pian del Re«, dem Plateau des Königs. Das steile, vier Kilometer lange Sträßchen
dorthin ist allerdings gesperrt: Gefahr von Steinschlag, Erdrutsch und Lawinenabgang, heißt es auf dem Schild am Schlagbaum. Gleich drei mögliche Katastrophen auf einmal, die Abenteuerlustige abschrecken sollen. Was der Wirt der nahen Berghütte nachdrücklich bestätigt. »Nicht mal zu
Fuß dürft ihr da rauf. Ein lautes Wort, und alles kann runterkommen.« Zur Untermauerung erzählt er die Schauergeschichte von 1989, als am nahen Alpengipfel Monviso 200000 Kubikmeter Eis abbrachen und 1000 Meter talwärts tosten. »Zu Schaden kam nur deswegen niemand, weil es nachts passierte.«
Eine raue Gegend, die Höhenzüge des Piemont. Bevölkert von einem wortkargen Menschenschlag, zwar freundlich, aber irgendwie ganz anders als sonst in Italien. Als Klaus und ich tags zuvor im nahen Örtchen Paesana Station machten, zauberte uns die Wirtin ein
herzhaftes Abendessen aus Pasta und
Brasato al Barolo, einem Rinderschmorbraten, der im kräftigen und edlen Rotwein nahezu ertränkt wird – obwohl der Koch frei hatte und sie selbst an die Töpfe musste. So weit, so gut und deutschen
Erwartungen an italienische Gastfreundschaft voll entsprechend. Doch an diesem Abend fanden mit Spannung erwartete Wahlen statt, und die Wirtsleute sowie
vier Gäste verfolgten den Ausgang am Fernseher in völligem Schweigen, jeder einsam an seinem Tisch. Eine solche
Grabesstille in einer Kneipe – undenkbar im restlichen Italien.
Dafür legt der Po nach zurückhaltendem Start an Lautstärke kräftig zu. Er hat sich als Geburtsstätte eines der kürzesten Alpentäler überhaupt ausgesucht und stürzt auf seinen ersten 25 Kilometern an die 1700 Höhenmeter nach unten. In spektakulären Wasserfällen donnert er dröhnend zu Tal, um sich dann in der Ebene als friedliches Flüsschen Richtung Turin zu schlängeln.
Und gleichzeitig ist Schluss mit dem wilden Kurvengetümmel der Alpen, brav und schnurstracks führen nun alle Wege in Italiens kränkelnde Autohauptstadt – Fiat hat in Turin seinen Sitz. Der Po bringt uns mitten ins Zentrum, dann zweigen wir nach Nordosten ab, Richtung Superga. Die mächtige Basilika fungiert als Wahrzeichen Turins und gleichzeitig als Ruhestätte der ehemaligen Könige des Hauses Savoyen.
Im nahen Chieri empfiehlt die Besitzerin des Hotels »Tre Re« fürs Abendessen die Pizzeria »Del Pino« im benachbarten Pino Torinese. Guter Tipp für Motorradfahrer: Dort hat ein
kleiner Fan-Club des Grand-Prix-Piloten
Roberto Rolfo, der aus dem Städtchen stammt, seinen Sitz. Der Kellner erzählt vom lokalen Motorradfahrerleben. Wie beispielsweise der tollen Kurvenstrecke nach Superga, die seit über zehn Jahren gesperrt sei, weil ein paar Clubs dort
Rennen ausgetragen hätten und es fast
jedes Wochenende zu Unfällen mit Toten gekommen sei.
»Von wegen«, schnaubt am nächsten
Morgen ungehalten die Hotel-Wirtin,
zusammen mit ihrem Mann BMW-K-100-
Besitzerin. »An der Straße hat früher der Bürgermeister von Pino Torinese gewohnt. Der meinte, Motorräder würden zu viel Krach machen und ließ die Straße für
motorisierte Zweiräder kurzerhand
sperren.« Willkürliche Streckensperrung auf italienische Art.
Wir pirschen weiter ostwärts durchs Turiner Hügelland südlich des Pos, auf italienischen Landkarten entweder »Colline
del Po« oder »Colli torinesi« genannt. Schmale Sträßchen, übersät mit riesigen Schlaglöchern, schlängeln sich über die sanften Kuppen. Fast jedes Dorf scheint hier über eine idyllische Burg zu verfügen oder zumindest über eine Nobelvilla der Turiner High Society. Kurz vor Casale
Monferrato treffen wir wieder auf den Fluss. Das Bild hat sich gewandelt: Aus dem bislang so braven Gewässer ist dank einiger Zuflüsse ein riesiger Strom geworden. Von den Hügeln aus betrachtet wirkt es, als stünde die ganze Ebene unter Wasser. Hier gedeihen Italiens asiatische Momente – der Po bewässert die riesigen Flächen für Reisanbau.
Wir suchen eine Brücke und fahren auf der Nordseite des Flusses
ein Stück zurück nach Westen. Umgestürzte Bäume und eingefallene Häuser säumen das Ufer – Auswirkungen der letzten großen Überschwemmung
vor vier Jahren. »Der Po stieg damals in eineinhalb Stunden um vier Meter an«,
erinnert sich Reisbauer Franco Chiumello, 71, aus Palazzolo. Die Schuld daran gibt
er nicht unbedingt den starken Regenfällen, sondern vor allem der schlecht
organisierten Verwaltung. »Die haben bis zum letzten Moment gewartet und dann die Schleusen der Staudämme komplett aufgemacht. Kein Wunder, dass der Po
alles verwüstet und den ganzen Reis
weggeschwemmt hat.« Längst sind die Reisfelder wieder angelegt, doch die
Erinnerung sitzt tief. Der Po sorgt zwar für fruchtbares Land, verbreitet aber auch Angst und Schrecken. Verständlich, dass ihn die Italiener nicht mit fröhlichen Liedern besingen.
Bedrückt machen wir uns wieder auf den Weg, der düster-graue Himmel hebt unsere Laune nicht gerade,
und nach einer Weile schlagen uns die ewig schnurgeraden Straßen entlang des Stroms aufs Gemüt. Also verlassen wir kurzfristig den Po und stürzen uns voll
Lust in das Kurvengeschlängel des Apennin. Die Sonne macht sich weiterhin rar, doch die vielen kleinen Pässe erwärmen zumindest das Herz. Im Gasthof in Bobbio stellt uns die Kellnerin, ohne lange zu
fragen, erst mal eine dicke Gemüsesuppe auf den Tisch – offenbar sehen wir ganz schön verfroren aus, sind aber wieder bester Stimmung. Dafür scheint man uns hier mit Riesenportionen ums Eck bringen zu wollen. Vor Klaus’ Wildschweinbraten hätte auch Obelix kapituliert, meine Tortelli mit Spinat und Ricotta würden für eine ganze Familie reichen.
Nächster Morgen. Jetzt aber hurtig wieder Richtung Po! Oder doch erst noch ein paar Pässe mitnehmen, weiter durch den Apennin Richtung Osten. Gar nicht so einfach, denn die Straßen verlaufen alle in Nord-Süd-Richtung. Eine detaillierte Karte ist hier unerlässlich. Bei Berceto treffen wir auf die SS 62. Eigentlich wollten wir ja keine Bundesstraße fahren – meist eher langweilig, weil zu gut ausgebaut. Diese muss
jedoch ein Motorradfahrer entworfen
haben, derart harmonisch und flüssig folgt Kurve auf Kurve. Leider kommt nach rund 30 Kilometern bereits unser Abzweig. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und fahren noch einmal ein paar Kilometer zurück, ehe wir uns endgültig nach Osten Richtung Canossa aufmachen.
Wir wollen Buße tun, weil wir den Po so schändlich verlassen haben – ähnlich wie Kaiser Heinrich IV. im Jahr 1077 mit seinem berühmten Canossa-Gang. Nur musste der damals Papst Gregor VII. besänftigen, der den Kirchenbann über ihn verhängt hatte. Von der einst stolzen Felsenburg blieben lediglich Ruinen, sie wurde 1255 zerstört. Immerhin ragen auf den umliegenden Hügeln zahlreiche gut erhaltene Burgen auf, die alle einst zum Reich der mächtigen Matilde von Canossa gehörten – die fromme Gräfin hatte den Deal zwischen Kaiser und Papst eingefädelt.
Mangels Canossa-Burg sparen
wir uns die Buße und eilen dem Po entgegen, den wir in Brescello wieder erreichen. Hier wurden in den
50er und 60er Jahren die Geschichten um »Don Camillo und Peppone« gedreht: Gino Cervi als kommunistischer Bürgermeister und Fernandel als katholischer Priester, die ständig im Clinch liegen, sich im Grunde aber doch lieben. Der Schöpfer ihrer Abenteuer, Giovanni Guareschi, hatte in seinen Büchern nie von einem
bestimmten Ort gesprochen, sondern nur von einem Städtchen am Po; Brescello wurde zum Drehort erkoren, weil sich
Kirche und Rathaus auf dem Hauptplatz
direkt gegenüber liegen.
Der kleine Ort lebt heute noch gut von und mit seinem Filmruhm. Don Camillo und Peppone finden sich überall; von
den beiden Bars auf der Piazza über den Lambrusco bis hin zu den Honigmelonen vom Gemüsehändler heißt hier fast alles nach den Filmhelden. Im Don Camillo und Peppone-Museum finden sich Requisten, prominent am Eingang steht Peppones 500er-Guzzi mit Beiwagen. Echte Moviestars gibt’s natürlich auch: Beinahe sämtliche Einwohner wirkten damals in der einen oder anderen Komparsenrolle mit. »Das da hinten in der dritten Reihe, das bin ich«, erklärt mir der weißhaarige Besitzer der Bar »Don Camillo« stolz und weist
mit großer Geste auf ein verblichenes Schwarzweiß-Bild an der Wand.
Die Kehrseite des Ruhms, zumindest für uns: In Brescello ist in dieser Nacht kein Zimmer frei, zumal gerade der riesige Tross der Veteranenrallye »Mille Miglia«
in der Nähe vorbeizieht. Wir wechseln daher ans Nordufer des Flusses, ins Veneto nach Pomponesco. Was für ein Unterschied! Schlagartig wird uns klar, wie stark der breite Strom die Italiener noch heute trennt. Herrscht in den Ortschaften der Emilia das pralle italienische Leben mit lautstarken Diskussionen auf der Piazza, wirkt am Nordufer alles deutlich gedämpfter, man gibt sich zurückhaltender. Auch
in Ordnung, aber zum Frühstück am nächsten Morgen zieht es uns doch wieder
ans wildere Südufer, in die Bar »Lido Enza«
direkt am Fluss.
Von nun an halten wir uns brav an die
Route, die der Po vorgibt. Und gerade Strecken hin oder her: Es macht Spaß.
Hier im Osten wirken der Fluss und seine Anwohner viel lebensfroher als im Westen. Dass wir die Motorräder oft auf den schmalen, teils ungeteerten Dämmen oberhalb des Pos entlangtreiben dürfen und dabei eine exklusive Aussicht auf
den mächtigen Strom genießen, hebt die Stimmung ebenso wie der Sonnenschein und die steigenden Temperaturen. Selbst wenn wir jenseits der kilometerbreiten Deiche fahren, verlieren wir das Wasser nie aus dem Blick, denn die Hauptstraßen wurden hier fast durchweg erhöht angelegt – als weiterer Damm und damit Schutz vor Überschwemmungen.
Vorbei an der Ortschaft Adria, wo seit rund einem Jahr eine neue Rennstrecke für Autos und Motorräder existiert, gelangen wir ins berühmte Po-Delta. An dieser Stelle verzweigt sich der Strom in insgesamt acht Arme, Kanäle mit 200 Kilometer Länge durchziehen das Mündungsgebiet. Weil ein Großteil der Gegend unter Naturschutz steht, rechnen wir schon fast damit, dass der Verkehr nur eingeschränkt erlaubt ist. Von wegen. Schließlich müssen sich die Fischer ja auch irgendwie fortbewegen. Wie Anna, der wir bei Sonnenuntergang unterhalb von Rosapineta an der Lagune begegnen. Sie und ihr Mann Bruno, beide in Rente, betreiben das Fischen als Hobby. Gerade, sagt Anna, habe sie eine kleine Flunder aus dem Meer gezogen und hält uns ihren Fang lachend entgegen. Die Pfähle im flachen Wasser der Lagune, so erklärt sie, markieren die Gebietsgrenzen der Muschelzüchter. »Und in den Pfahlbauten im Wasser werden die Muscheln dann gleich geputzt.«
Den nächsten Tag widmen wir dem Delta. Ohne Landkarte, denn ständiges Nachschauen würde inmitten dieser idyllischen Wasserlandschaft nur stören, und verirren kann man sich hier kaum. Kreuz und quer stromern wir durch das Gebiet, mal oben auf einem kiesbedeckten Damm, mal auf schmalen Asphaltwegen, umgeben von Po-Armen, dem offenen Meer oder einer Lagune. Hohe Schilfgräser säumen die Ufer, gelegentlich tauchen Sandinseln wie aus dem Nichts
im Wasser auf, Reiher schwingen sich elegant in die Lüfte, und immer wieder laden
hölzerne Aussichtstürme zum Verweilen ein. Vogelgezwitscher und das Rauschen des Wassers erfüllen die Luft, nur dann und wann unterbrochen vom Geräusch
eines Bootsmotors. Eine Landschaft, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Die Benediktiner-Abtei Pomposa schleudert uns zurück ins Hier und Jetzt. Wahre Touristenströme pilgern zu diesem eindrucksvollen Bauwerk, dessen Ursprünge aus dem siebten Jahrhundert stammen. Nach so viel Kultur lechzen wir nach Entspannung, und die finden wir am Lido
di Volano an der Adria. Sommerlich gekleidete Familien lecken im bunt bestuhlten Bagno Nelson genüsslich ihr Eis, Väter schaukeln ihre Kleinen im Kinderwagen durch die Gegend, die ersten Sonnenanbeter aalen sich genüsslich in der Sonne. Von anfangs sechs auf jetzt 28 Grad hat uns der Po in nur vier Tagen geführt –
Italiens größter Strom birgt die ganze Bandbreite des Nordens.

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