Nordtürkei (Archivversion) Zweite Heimat

Wer sich auf das Hinterland der Schwarzmeerküste einlässt, sollte gut Motorradfahren können. Die Landschaft hat alpine Dimensionen. Und die Strecken ebenso.

Der alte, von Tausenden von Schritten abgeschabte Holzboden des Teehauses ächzt unter dem Druck meiner Stiefel, als bereite es ihm unerträgliche Schmerzen, dass ein Ungläubiger ihn betritt. Und als die verzogene Eingangstüre mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fällt, zittern die Fensterscheiben an der gegenüberliegenden Wand. Totenstille! Der Schnauzbärtige, der soeben den schwarzen runden Stein über das abgewetzte Brett des Tavla-Spiels schieben wollte, hält inne, und sein Gegenspieler vergisst für einen Augenblick, an der Zigarette zu ziehen, die er sich gerade zwischen die Lippen geklemmt hat. Für einen Moment ist nur das Fauchen des Teekessels zu hören, der unbeirrt seinen heißen Dampf in den grauen Nebelschleier aus Zigarettenqualm bläst. Selbst der Blick Mustafa Kemals, des türkischen Republikgründers, dessen Bildnis in längst verblassten Farben etwas schief über dem Tresen hängt, scheint ausschließlich auf mich gerichtet. Locker bleiben. Das freundliche Nicken des jungen Mannes, der in der Ecke vor dem buckligen Holzofen steht und jetzt ein paar Teegläser in die Hand nimmt, wirkt wie eine Erlösung. Und nachdem ich meine neunundachtzig Kilo etwas misstrauisch auf einem kleinen Holzstuhl verstaut habe, werden die Gespräche in dem kleinen Teehaus wieder aufgenommen als wäre ich nie erschienen. Ein paar Jungen drücken ihre Nase am Fenster platt, und ihre Augen suchen mit neugierigen Blicken den bärtigen Fremden, der mit der dicken Enduro kam, die draußen, im Schatten des alten Olivenbaumes, neben der Straße steht. Fünfzehn Minuten später habe ich das dritte Glas Tee vor mir, und die zehn Türken, die inzwischen um meinen Tisch sitzen, haben mir über die Africa Twin fast ein Loch in den Bauch gefragt. Auf Deutsch, auf Englisch und notfalls mit Gebärden. Was eben gerade zur Verfügung steht. Das freundliche »Güle Güle«, mit dem sie mich kurze Zeit später verabschieden, gibt mir ein gutes Gefühl mit auf den Weg.Hinter Erzurum steigt die Straße kräftig an und führt mich bald wieder in die Berge. Ich bin im Osten der Türkei unterwegs, in Richtung Schwarzes Meer. Die georgische Grenze rückt näher, ist gerade noch 250 Kilometer entfernt. Ich weiche in ein Seitental aus, das parallel zur Hauptstrecke nach Norden führt. Seltsam gefärbte Berglandschaften säumen die Strecke. Dann beginnt eine hoch aufragende Schlucht, und die nächsten 60 Kilometer folgt die Straße in endlosen Kurven den steilen Felswänden entlang der sandbraunen Brühe eines Flusses bis nach Artvin. Hinter Artvin macht sich allmählich der Einfluss des Schwarzen Meeres bemerkbar. Wo bisher kahle Felswände aufragten, ist jetzt alles üppig grün bis an die Bergspitzen. Das Meer selbst ist aber auch von der letzten Passhöhe vor Hopa noch nicht zu sehen, verbirgt sich unter einem Nebelteppich, auf dessen Oberfläche die Sonnenstrahlen wie Tausende von Sternchen tanzen. Ein Abstecher in eines der Hemsintäler unterbricht meine Fahrt durch die gleichförmige Küstenlandschaft, und nach wenigen Kilometern verschwindet der zähe Nebelbrei wie ein Theatervorhang. Bühne frei für eine handvoll alter, unter steilen Berghängen ausharrender Bauernhäuser. Viele davon sind nur zu Fuß über wackelige Hängebrücken oder alte, steinerne Bogenkonstruktionen zu erreichen. Das Tal ist eine Sackgasse, in dem sich bei Nordwind die vom Meer anströmenden Wolken stauen und abregnen. So hat sich hier eine ungewöhnlich dichte, alles überwuchernde Vegetation gebildet. Dieses Klima macht die Gegend um Rize, wenige Kilometer nördlich liegend, zum größten Teeanbaugebiet der Türkei. Von hier wird das ganze Land mit den Blättern für das Nationalgetränk versorgt. Auf jedem auch noch so kleinen nutzbaren Fleckchen stehen niedrige Teebüsche, und drum herum lockern in weite Tücher gehüllte Frauen mit Harken den Boden auf. Mehrere Fabriken in der Gegend verarbeiten die Blätter weiter, bis sie versandfertig verpackt sind. Östlich von Rize beginnt endlich ein Seitental, das nicht als Sackgasse endet. Danach habe ich gesucht. Aber bevor es auf die kurvenreiche Strecke geht, will der Magen beruhigt werden. Die Sprachbarriere in dem Lokanta in Ikizdere ist leicht zu überwinden: Kurzerhand öffnet der Wirt alle Töpfe, in denen auf einem Monstrum von Herd leckere Gerichte vor sich hin köcheln. Das Lokal ist zwar einfachst eingerichtet, aber die reisgefüllten Paprikaschoten sind eine wahre Gaumenfreude.Die Lust aufs Fahren treibt mich weiter. Immerhin beginnt der Ovitdagipass nahezu auf Meereshöhe und führt auf der Passhöhe noch durch Altschneefelder vom letzten Winter. Das letzte Stück ist unasphaltiert. Wo das Schmelzwasser über die Straße läuft und den Boden aufweicht, entsteht unterm Hintern ein Gefühl, als sei der Reifen platt. Die Blechdächer der letzten Berghütten, die noch dick von Schnee umschlossen sind, verschwinden hinter der Bergkante, und für kurze Zeit führt die aus dem Schnee gefräste Straße durch gleißend weiße Helligkeit. Doch wenige hundert Meter nach der Passhöhe grast bereits wieder die erste Schafherde auf spärlichem Grün, beaufsichtigt von zwei dick vermummten Kindern. Ungestüm windet sich der Weg hinab nach Ispir, um auf der anderen Talseite gleich wieder zum Gölyurt-Pass hinauf zu klettern. Von hier bietet sich ein überwältigender Blick auf die schneebesetzten Zacken der Karadeniz-Bergkette im Westen. Spontan drehe ich um: Bei Pazaryolu soll es eine Strecke quer durch diese Berge geben. Eine ältere, dicht verschleierte Frau erklärt mir mit ausladenden Handbewegungen den Weg zur richtigen Abzweigung. Zweimal links, dann rechts und dann auf einer großen Brücke den Fluß überqueren. Nach einigen Wochen auf Reise wird die Zeichensprache verständlich wie Worte. Jetzt rollt die Honda auf einer Rüttelpiste 70 Kilometer lang durch einsame, mächtige Berge. Mal geht es am Flussbett entlang, das bis knapp an die Uferränder mit sandfarbener Brühe gefüllt ist, mal steigen einige Serpentinen über kurze Pässe. Außer wenigen abgeschiedenen Dörfern, in denen das Motorrad oft staunende Blicke erntet, begleitet mich nur die Einsamkeit dieser majestätischen Landschaft bis nach Bayburt, dessen Häuser wie ein achtlos liegen gelassenes Würfelspiel am Hang stehen. Nach einigen Wochen in der Türkei ändert sich die Einstellung zu Entfernungen. Die folgenden hundert Kilometer zum Zigana-Pass sitze ich quasi auf einer Backe ab. In weiten Kurven zieht sich der Pass über das Kalkanli-Gebirge, und nach der Passhöhe finde ich mich in einem Tal wieder, das ich eher in den Alpen suchen würde. Nur die Minarette der Moscheen erinnern an Orient. Und die Tatsache, immer wieder beim Einkaufen von Proviant vom Ladentisch weg zu einem Glas Tee eingeladen zu werden. In Maçka zweigt ein Seitental zum Sumelakloster ab. Eine Hinterlassenschaft der Griechen, die hier bis 1923 zugange waren. Zum Kloster führt eine wilde Piste hinauf, neben der ein Bergbach laut gischtend über die Felsen schießend sogar den Motor übertönt. Das Kloster und vor allem seine Lage trägt die typische Handschrift griechischer Baumeister: Weltentrückt klebt es wie ein Adlernest an der Felswand. Aus der Distanz sieht es allerdings besser aus als von Nahem. Die Mauern sind fast nur noch Ruinen, die Malereien im Innern zum größten Teil zerstört. Da die türkischen Moslems das Portraitieren von Heiligen verbieten, wurden die Fresken als Gotteslästerung angesehen und zerstört oder zumindest den Abgebildeten die Augen ausgekratzt. In der Hafenstadt Trabzon stoße ich wieder auf die Küste. Der Nebel ist inzwischen verschwunden, und ich stelle fest, dass das schwarze Meer seinen Namen nicht verdient hat. Es leuchtet gerade so blau wie der Himmel über ihm. In Trabzon, wo noch eine Ecke des traditionellen Marktes erhalten ist, fülle ich meine Proviantvorräte auf. Zwischen zu kunstvollen Pyramiden aufgeschichtete Zitronen und glänzenden Fischleibern, die geradewegs aus dem Meer zu kommen scheinen, gehören Reisigbesen und Plastiksandalen genauso zum Angebot wie die Dienste ungezählten Schuhputzer. Frauen in moderner, westlich orientierter Kleidung sind hier ebenso unterwegs wie tiefverschleierte Traditionalistinnen. Sie machen am deutlichsten, welchen Wandel die Türkei seit einigen Jahren vollzieht. Die Küstenstraße führt immer in Meereshöhe nach Westen und könnte bei dem schönen Wetter trotz einer gewissen Geradlinigkeit ein Genuss sein, wäre da nicht das schlichtweg irrsinnig anmutende Verhalten mancher Verkehrsteilnehmer. An Ampeln habe ich mir angewöhnt, so weit rechts wie möglich anzuhalten, seit ich gesehen habe, dass rote Signale von einigen Autofahrern und sogar Reisebussen mit Vollgas ignoriert werden. Je größer das Fahrzeug, desto ungültiger die Ampel, scheint das Motto. Auch Überholmanöver direkt vor meiner Nase lassen darauf schließen, dass ein Motorrad als vollwertiger Verkehrsteilnehmer ernstgenommen wird. Langsam dämmert mir, dass die Küste allenfalls für den abendlichen Sonnenuntergang taugt. Ansonsten ist das Hinterland interessanter. Hinterland heißt in diesem Fall ein ein- bis zweihundert Kilometer breiter Gebirgsstreifen, in dem ich am liebsten jede einzelne Straße abklappern würde, so vielfältig bietet sich die Gegend dar. Mal von allen erdenklichen Straßenzuständen abgesehen, ändern sich Landschaften und Aussehen der Menschen unablässig. So auch in Ünye, wo ich wieder ins Inland abdrehe Richtung Akkus. Allerdings habe ich die richtige Abzweigung verpasst und bin ein Tal zu spät abgebogen. Der Weg soll zwar irgendwann auch auf die Strasse nach Akkus treffen, aber im Moment verursacht der Untergrund übelste Schüttelei. Von Traktoren in den nassen Lehm gepresste Spurrillen sind jetzt trocken, und machen das Fahren zum Balanceakt. Dafür gibt es in diesem unzugänglichen Gebiet noch Bauerndörfer, so intakt wie sonst nirgends mehr zu finden. Alte Holzkonstruktionen, denen die Jahre anzusehen sind, und daneben die auf hölzernen Stelzen thronenden Vorratshütten. Die schwer zu bearbeitenden Hügel haben die Gegend für Haselnusssträucher prädestiniert. Ob wild oder kultiviert, die Büsche sind allgegenwärtig. In Tekkiraz ist die Holperei endlich zu Ende, und in Niksat wird das Land bereits wieder karger. Der Einfluss des Schwarzen Meeres klingt allmählich wieder ab. Auch der des Orients. Niksat gehört zu den letzten Orten, die noch Flair ausstrahlen. Kaum im Ortskern angelangt, werde ich wieder zum Tee eingeladen. Diesmal ist mein Gastgeber ein älterer Herr, der mir mit Stolz ein graubraunes Fell präsentiert. Es stammt von einem Wolf, den er im letzten Winter erlegt hat. Begegnungen, die mich abends oft zweimal überlegen lassen, ob ich mein Zelt irgendwo in der Einsamkeit der Berge aufstellen soll. Am frühen Nachmittag erreiche ich Amasya, die Stadt, die als schönste des türkischen Nordens gilt: An der Nordseite des Flusses ist die komplette Altstadt erhalten. Und nahezu völlig ohne postkartenbehangene Souvenierläden oder kitschüberladene Kioske. Wie seit Jahrhunderten wird der Stadtteil immer noch bewohnt, die engen Gassen und überhängenden Häuser sind ein einziges, lebendiges Museum. Eines in Amasya ist sogar für die Ewigkeit gemacht: Über den Dächern der Stadt gibt es eine Abteilung für die Upperclass - mehrere Gräber für Könige sind in den blanken Fels gehauen. Königlich ist dort oben auch der Blick über die Stadt. Ungezählte Minarette ragen in den bereits rot verfärbten Abendhimmel. Wie auf Bestellung tönt ein durchdringendes Allahuakbar von den Türmen, bricht sich an den Felsen, scheint von allen Seiten gleichzeitig zu kommen. Das Tal ist erfüllt von den eigenwilligen, langgezogenen Lauten der Gläubigen, die Allah als einzigen Gott preisen und Mohammed als seinen Propheten. Eine Stimmung, die mich vollkommen einfängt, mir den Orient näher als alles andere bringt. Nach dem Auf- und Abstieg zu den bis zu sechs Meter hohen Steinsärgen ist die Kühle in der Sultan Beyazid II Moschee, eine der bedeutendsten der ganzen Türkei, eine Wohltat. Alle Hektik bleibt am Eingang zurück, Teppiche dämpfen jedes Geräusch. Einige Männer sind in ihr Gebetsritual versunken, beugen sich kniend gegen Mekka. Was mich neben den umfangreichen Verzierungen besonders fasziniert, ist der riesige Kronleuchter, der mit mehreren Metern Durchmesser von der Decke funkelt. Ich verlasse Amasya Richtung Nordwesten und biege bei Harza nach Vesirköprü ab. Bald taucht der Altinkaya Stausee auf, und damit beginnt die nächste tolle Motorradstrecke. Am Ende des Sees stoße ich auf das Dorf Beybükü. Von allen Orten, die ich bisher gesehen habe, wirkt dieser am ursprünglichsten. Als ich mir die alten Holzhäuser etwas genauer ansehe, stehe ich zufällig neben der Schule. Und damit ist der Unterricht natürlich gelaufen. Die ganze Kinderschar umringt das Motorrad, und zuletzt finde ich mich im Klassenzimmer wieder und versuche, der Lehrerin mit meinen mangelhaften Französischkenntnissen standhaft Rede und Antwort zu stehen. Stunden später, draußen bei Inebolu, höre ich wieder Meeresrauschen. Hier beginnt der schönste Teil der Schwarzmeerküste. Das Land, das hier steil in die tanzenden Wellen des Schwarzen Meeres abfällt und nur an den Flussmündungen ein wenig Platz für kleine Dörfer lässt, wird von einer schmalen, gewundenen Straße durchzogen. Es gibt fast keinen Verkehr, stattdessen tiefe Ausblicke auf das Meer, auf einsame Sandstrände und eine bizarre Felsküste. 180 Kilometer lang genieße ich jede Kurve, als wäre es die letzte.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote