Nordwest-Spanien (Archivversion) Ans Ende der Welt

Der westlichste Punkt Spaniens galt bei den Römern als das Ende der Welt. Ein ideales Ziel für die erste lange Frühlingsausfahrt von den bizarren Bergen Picos de Europa durch das grüne Nordspanien bis zum Cabo Finisterre.

Was haben Träume und Radlager
gemeinsam? Sie können platzen. Manchmal ist das eine unmittelbare
Folge des anderen. Erst löst sich das
Radlager auf, dann der Traum. Was das
alles mit dieser Reise zu tun hat? Nun,
der Traum von der ersten langen Tour
des Jahres droht drei Tage vor der Ab-
fahrt zu platzen, weil ein Radlager meiner
Dominator zerbröselt und dabei den
Lagersitz in der Nabe gleich mit zerstört. Überflüssig zu erwähnen, dass derlei Missgeschicke für gewöhnlich Samstagsnachmittags geschehen. Die Honda hat sich ins Abseits manövriert. Nur gut, dass in der Garage meine allzeit bereite XT 500 wartet. Mit 24 Jahren und 210000 Kilometern auf dem Buckel. Sowie unendlich viel
Reiseerfahrung, fast frischen Reifen und mit vollem Tank. Genug Argumente, um die Yamaha direkt reisefertig zu machen. Ein geplatztes Radlager kann ich noch akzeptieren, einen geplatzten Traum hingegen nicht.
Ein paar Tage und viele Kilometer später bin ich in Spanien, stehe abends auf
der Passhöhe des Puerto de Piedrasluengas und entdecke weit im Nordwesten Berge,
die ich in den Dolomiten, niemals aber in Spanien erwartet hätte. Wie eine gigantische Mauer überragen die Picos de Europa all die anderen Gebirgszüge. Wolken driften
um die himmelhohen Gipfel und bizarren Felstürme, einzelne Sonnenstrahlen beleuchten
abwechselnd Wolken und Bergwände. Ein geradezu entrücktes Bild. Schlagartig ist
die Langeweile während der langen Anreise vergessen.
Direkt unterhalb der gewaltigen Picos duckt sich Potes, der Hauptort der Region
und idealer Ausgangspunkt für Tagestouren auf zwei Rädern und zwei Beinen. Mitte Mai gehört mir der riesige Campingplatz La Viorna fast alleine, nur ein paar Holländer haben ihre obligatorischen Wohnwagen schon so früh im Jahr installiert. Auch
die fantastischen Straßen, die sich rund um die Picos schlängeln, präsentieren
sich zu dieser Jahreszeit nahezu unbelebt. Perfekte Bedingungen also für – je nach
Gusto – entspanntes oder verschärfteres Motorradwandern.
Mir ist zunächst nach Letzterem, wobei die Auffahrt zum Puerto de San Glorio äußerst gelegen kommt. 1300 spannende Höhenmeter bis zur Passhöhe, aufgeteilt in die unterschiedlichsten Kurven, aus-
gelegt mit griffigem Asphalt und begleitet von wunderschönen Aussichten in die
engen Täler. Die Straßen in den Picos brauchen sich vor ihren Pendants in den Alpen keineswegs zu verstecken. Auf
der Passhöhe biege ich auf eine Schotterpiste ab, die hinauf zum Mirador del Oso, dem Aussichtspunkt des Bären führt, von dem ein lebensgroßer weißer Steinbär
in die Berge blickt.
Der Platz für die Skulptur könnte
kaum besser gewählt sein. Ein 360-Grad-Panorama der Extraklasse, freie Sicht
auf die spektakulären Picos, deren höchster Gipfel immerhin 2648 Meter misst.
Allerdings herrscht dort oben noch tiefster Winter. Die Picos liegen kaum 25 Kilometer vom Atlantik entfernt, was ihnen reichlich Niederschläge einbringt. Selbst auf der
kaum 1700 Meter messenden Passhöhe residiert noch die kalte Jahreszeit mit einer
dicken Schneeschicht. Über eine schmale Spur versuche ich, mich hinunter ins
Tal von Potes zu hangeln, bleibe aber ruck, zuck in einem tiefen Schneefeld stecken. Keine Chance weiterzukommen.
Lediglich in den Tälern weit unterhalb der 1000-Meter-Marke hat der Frühling
bereits seine Spuren hinterlassen. Zarte, hellgrüne Blätter an den Bäumen, kunterbunte Blumen entlang der schmalen Straße, und vor dem Café in Portilla de la Reina stehen
ein paar Stühle in der Sonne. Höchste Zeit für das zweite Frühstück und einen genauen Blick in die Karte. Auf der nächsten Passhöhe, dem Puerto de Pandetrave, zweigt
ein viel versprechender Weg ab, der quer durch die Berge nach Fuente De führt. Schnell noch einen »café cortado« ordern, und dann nichts wie los.
Zu früh gefreut, denn nach kaum zwei Kilometern auf der schlammigen Piste steckt die XT erneut bis zur Achse im
weichen Nassschnee. Dieser Weg braucht ebenfalls noch ein paar Wochen, bis er
befahrbar ist. Wenigstens entschädigt mich die Aussicht zu den höchsten Gipfeln der Picos. Sechs riesige Geier schweben vorbei, ohne auch nur einmal ihre Flügel zu bewegen. Hier im Nationalpark finden sie ein fast perfektes Refugium.
Ich packe die Karte aus und suche nach tiefer gelegenen Pisten, die nicht wieder im Schnee zu verschwinden
drohen. Aber nicht etwa die Wege ziehen mich magisch an, sondern die blaue Fläche auf der Karte – der Atlantik. Kaffee am Meer statt XT im Schnee? Ein prickelnder Gedanke. Zwei Stunden später macht die Yamaha Pause unter einer Palme und ich in einem Strandcafé am Atlantik. Dunkelblaues Wasser, tiefblauer Himmel, 25 Grad im Schatten. Habe ich nicht eben noch
im Schnee festgesessen?
Für den Rückweg nach Potes finde
ich in der Karte eine Strecke, die weit
hinauf in die Berge führt. Diesmal in Nord-Süd-Richtung und somit deutlich von den schattigen Nordhängen entfernt, wodurch die Sonne bessere Chancen hat, die weiße Pracht zu schmelzen. Zwei Stunden Kurven schwingen vom Meer bis hinauf nach Sotres an der Nordseite der Picos. Dort zweigt der Weg über die Berge nach Espinama ab.
An der Kreuzung stehen vier englische Biker mit dicken, mehrzylindrigen Reiseenduros. Allerdings kommen die Jungs nicht von Espinama, wie ich gehofft hatte, sondern sind gerade im Begriff umzukehren. Ich kann sie nicht überreden, gemeinsam die Piste
zu versuchen, sie murmeln etwas von zu viel Gepäck. Warum ihre Motorräder wohl
»Adventure« oder »Varadero« heißen?
Egal, ich will jedenfalls Schotter. Die schmale Spur holpert im weiten Tal bergwärts. Ab und an eine Steilstufe, die den ersten Gang fordert, sonst tut es auch der zweite. Mehr geht aber nicht. Für die imposanten Kalkfelsen beiderseits des Tals habe ich keinen Blick frei, die Piste ist anspruchsvoller, als erwartet. Dicke Steine, ausgewaschene
Rinnen, schmierige Felsplatten, steil und geil. Und völlig legal zu fahren. Und schneefrei. Noch. In einem langen Bogen folgt der Weg einem grünen Grat, hält direkt auf eine
verschneite Nordwand zu. Kein Mensch
ist zu sehen, nur ein paar Ziegen.
Der Höhenmesser zeigt 1700 Meter, als ich den höchsten Punkt erreiche.
Pause und genießen. Mir ist mächtig
warm geworden, der XT ebenfalls. Die Abendsonne setzt die gewaltigen Berge ins beste Licht, mahnt mich indes auch, nicht zu lange zu warten. Wer weiß,
was noch kommt, bevor es dunkel wird. Und tatsächlich, kaum einen Kilometer weiter stoppe ich vor einem etwa 20
Meter breiten Schneefeld, das von zwei tiefen Reifenspuren geteilt wird. Eine
verdammt weich und nasse Masse. In
den Spuren kann ich unmöglich fahren, doch ans Umkehren will ich nicht denken. Also durch! Fünf Meter Anlauf, mehr
geht nicht. Tief durchatmen. Erster Gang,
Vollgas und Kupplung kommen lassen,
los. Der Schnee saugt die XT geradezu auf, die Räder tauchen blitzartig bis zu den Achsen ab, der Vortrieb sinkt gegen null. Ich springe ab, versuche gleich-
zeitig zu schieben und am Gas zu bleiben,
zentimeterweise buddeln wir uns zum
rettenden Ende des Schneefelds durch – und schaffen es! Puh, erschöpft lasse
ich die Arme sinken, das war knapp.
Jetzt reicht es endgültig mit dem Schnee, schließlich war Frühling angesagt!
Ich entschließe mich dorthin zu fahren, wo es garantiert keinen gibt: noch einmal zum
Meer. Immer nach Westen, so weit es geht. 700 Kilometer durchs Landesinnere, durch eine überraschend einsame und bergige Landschaft. Stundenlang folge ich kleinen Teerstraßen entlang der Cordillera Cantábrica in Asturien und Galicien, genieße das wunderbare Frühlingswetter und staune über 2000 Meter hohe Pässe, von denen ich noch nie gehört habe. Einfach nur fahren. Ohne Zeitplan und Hektik. So lange, wie die Lust reicht.
Je näher ich Santiago komme, desto öfter begegnen mir große, blaugelbe Schilder am Straßenrand, »Camino de Santiago«, der Jakobsweg. Der berühmte Pilgerweg
(siehe auch Kasten auf Seite 154) endet in Santiago de Compostela, einer der schönsten Städte des Landes. Das Leben pulsiert rund um die imposante Kathedrale im Centro
historico. Enge Gassen, gemütliche Restaurants und Eiscafés unter alten Arkaden,
windschiefe Häuser mit hölzernen Balkonen und viele Jakobsweg-Pilger. Einige sind
sogar zu Fuß gekommen, waren Wochen oder gar Monate unterwegs, und vielen
sind die Strapazen anzusehen. All das gehört zur einzigartigen Atmosphäre Santiagos.
Zwei Tage fesselt mich die Stadt,
dann locken die Strände der Westküste. Schon früh morgens spüre ich, dass
ein perfekter Tag auf mich wartet. Das nächtliche Gewitter hat die Luft gereinigt und diese einzigartige Kombination aus
Wärme und Feuchtigkeit zurückgelassen, die sich so angenehm auf der Haut anfühlt. Der würzige Duft von Eukalyptusbäumen schwängert die Luft, ab und an vom süßlichen Aroma blühender Ginsterbüsche angereichert. Mein Ziel an diesem Tag ist klar: das Ende der Welt. Nicht mehr und nicht weniger. Wobei der Weg zum Cabo
Finisterre nicht weit ist, rund 100 Kilometer.
Irgendwo weit vor mir liegt der Atlantik. Berge sieht man meist lange, bevor man
sie erreicht. Das Meer nicht. Dafür kann man es riechen. Ich spüre ganz fein die ersten Ausläufer seines kühlen Atems. Mit entspannten 80 Sachen läuft die XT nach Westen.
Es gibt sogar einige Kurven, aber heute Morgen brauche ich nicht mal die vorletzte
Rille. Die Leichtigkeit des Seins. Es gibt solche Tage. Ab und zu ein »café cortado« vor einer sonnigen Bar. Der Geruch nach Seetang und Salz wird intensiver. Und plötzlich, nach einer langen Rechtskurve, liegt das Ende der Welt auf einer felsigen Landzunge
vor mir. Cabo Finisterre mit seinem weißen Leuchtturm, auf drei Seiten umgeben vom langweilig ruhigen Atlantik. Irgendwo da hinten liegt Amerika.
Ab hier folge ich der grünen Küste im weiten Bogen ostwärts. Wiesen wechseln
mit Eukalyptuswäldern ab, hin und wieder ein kleines Dorf. Den Leuchtturm am Cabo
Vilán hat der Seenebel verschluckt, der in langen Streifen entlang der Küste zieht. Von Osten nähert sich ein gigantischer, tiefschwarzer Gewitterturm, von der Abendsonne dramatisch beleuchtet. Dumm nur, dass ich auf Kollisionskurs mit diesem Monstrum
bin. Kein passender Ausklang für den perfekten Tag. Doch die Lösung wartet hinter der nächsten Kurve. Ein sandiger Weg windet sich hinunter zu einer kleinen Bucht, flankiert von rundlichen, braunen Felsen. Vor dem Sandstrand breitet sich eine ebene Grasfläche aus, der absolute Traumspot. 20 Minuten später steht mein Zelt an genau dieser Stelle, das Teewasser kocht, der Atlantik rauscht, und der Gewitterturm kratzt die Kurve hinaus aufs Meer. Ich wusste doch, dass dies ein perfekter Tag wird.
Die Nordküste Galiciens ist eher beschaulich als dramatisch. Kleine Fischerdörfer, manchmal malerisch in einer Bucht versteckt, hügeliges, grünes Land mit ausgedehnten Eukalyptuswäldern, zwischendurch leider auch hässliche Industriestädte. Zudem hat sich Seenebel breit gemacht und sorgt für feuchtes, graues Wetter. Wenig einladend zum gemütlichen Bummeln. Es fühlt sich eher nach irischem Herbst an, denn nach spanischem Frühling. Das muss nicht sein. Also biege ich wieder ins Landesinnere ab, mal sehen, wie weit der Frühling in den Picos de Europa vorangekommen ist.
Es ist erstaunlich. Eine einzige sonnige Woche hat gereicht, um die Buchen- und
Eichenwälder auch oberhalb von 1000 Metern in ein hellgrünes Meer aus frischen
Blättern zu verwandeln. Fast kann man zusehen, wie alles wächst. Und wie der Schnee schmilzt. Ich kreuze noch ein wenig über die nahezu verkehrsfreien Kurvenwunder in
den Picos, schraube mich dann hinauf zum Puerto de Piedrasluengas und staune noch mal über die so gewaltig erscheinenden Berge im Nordwesten. Ein paar Tage und viele Kilometer später rollt die XT in die heimische Garage. Wie sie gefahren ist? Wie immer, ohne ein einziges Problem. Womit der Traum von der ersten langen Ausfahrt des Jahres wahr wurde. Zum Glück. Auch ohne Dominator.

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