Normandie (Archivversion) Küste mit Geschichte

Oh, là là, une Road King«, bemerkt
ein Passant beim Blick auf das schmucke Stück Schwermetall in »two-tone chopper blue and
brilliant silver«, als Susanna und ich unser Quartier in le Tréport für eine erste Erkundungsrunde verlassen. Die Gefahr, nicht
allzu weit zu kommen, ist groß. Straßencafés und Bars locken mit frischen Muscheln und kühlem Wein zum Einkehrschwung, während der Blick neugierig auf den alten
Fischerhafen fällt und die höchsten Klippen der Küste erklimmt, nach Sand und Sonne lechtzend über den Atlantik streift. »Klonk« – bevor das Unternehmen
Normandie ein vorzeitiges Ende findet, rastet der erste Gang ein, gleitet die Harley wie von einem mächtigen Gummiband gezogen raus aus le Tréport.
Irgendwo hoch oben auf dem grünen Dach der Steilküste bei Mesnil-en-Caux
findet sich ein stilles Aussichtsplätzchen. Engine off. Das Meer leicht gekräuselt,
die Sonne wunderbar warm. Momente, in denen die Normandie, benannt nach dem
Wikingerstamm der Normannen (Nordmänner), fast mediterran wirkt.
Der nächste Tag beginnt dagegen düster. Nieseliges Grau hat die Klippen und die Kirche Saint-Jacques von le Tréport verschluckt.
Wie ein Geisterschiff verlässt unser amerikanischer Reisedampfer die Hafenstadt mit Kurs Südwest, umrundet bald darauf in Touffreville eine mit Dahlien üppig bepflanzte Verkehrsinsel wie eine bunte Boje. Eigentlich kaum der Rede wert, hätten wir nicht wenig später
angehalten und Thomas kennen gelernt, rote Haare, Game-boy in den Händen, der uns
Ledermenschen anfangs skeptisch mustert. Aber die Neugier verdrängt jede Furcht, und schließlich dreht Thomas, acht Jahre jung
und stolz wie Oskar, ein paar Ehrenrunden auf dem Sozius wie auf einem Kirmeskarussell. Beobachtet wird das von zwei älteren Damen. Eine erzählt mir von ihrem Mann,
der ein Jahr im Krieg war, danach vier Jahre in Gefangenschaft. Erste Begegnung mit dem dunklen Kapitel der deutsch-französischen Beziehungen.
Stets mit ein paar Kilometer Abstand zur Küste kreuzen wir auf der D 925
über Land. Die aus dem Nebel auftauchenden Telegraphenmasten erscheinen wie Masten gestrandeter Schiffe, frisch geschnittenes Getreide bedeckt wellengleich
die Felder. Dazu duftet es nach Salbei und Kamille. Gleich hinter Dieppe – im
Sommer fest in der Hand urlaubsreifer Hauptstädter – verspricht die auf der Karte grün markierte D 75 Fahrspaß.

Grüne »Schönheitslinie« hin oder her, eigentlich sind fast alle Straßen der Normandie, deren höchste Erhebung mit 417 Metern der Signal d’Ecouves ist, wie
maßgeschneidert für die voluminöse Road King. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls cruist es sich im Sattel des 350-Kilo-Brockens ganz relaxed über die sanft geschwungenen, nur selten unvermittelt die Richtung wechselnden Straßen; zumindest auf solchem Terrain kommt der Wunsch nach fahrdynamischerem Gerät nicht auf.
Der Wunsch nach Sonne wird am frühen Nachmittag endlich erfüllt. Wunderbarerweise genau am Château de Janville, wo die Hortensien im Schlosspark zu leuchtenden Bällen in Blau und Rosa werden. Deutlich gedeckter sind die Farben in der Kapelle
Notre Dame du Salut oberhalb von Fécamp: An den Wänden des dämmerigen Gotteshauses hängt eine ganze Gemäldegalerie mit Windjammern, manche stolz unter voller Takelage, andere havariert oder mit zerfetzten Segeln in sturmgepeitschter See. Ebenfalls mit maximaler Schlagseite durchpflügen wir beim Abflug von Fécamp ein paar
Serpentinen und steuern Etretat an.

Tausendmal auf Bildern gesehen, und dann nicht selbst geknipst – das darf nicht sein. Die Küste von Etretat mit der markanten Falaise d’Aval und der vorgelagerten Felsnadel Aiguille ist neben dem Mont Saint Michel das Wahrzeichen der Normandie, wenn auch schwerer zu finden. Den wohl besten Logenplatz mit Blick auf die Felsen hat,
wer am Ortseingang von Etretat die D 11 verlässt und den Schildern zum »Musée Nungesser et Coli« folgt. Das Museum ist zwei Fliegern gewidmet, die hier am 8. Mai 1927 letztmalig gesichtet wurden, als sie auf dem Weg von Paris nach New York den Atlantik überqueren wollten, zwölf Tage vor Charles Lindbergh. Der Blick auf Falaise d’Aval und
Aiguille ist übrigens unbeschreiblich.

Nach so viel grandios geformtem Kalk eine ordentliche Portion Technik und Stahlbeton. Vorbei an Le Havre, nach schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg eher zweck-
mäßig als schön wieder aufgebaut, twisten die fetten Pneus durch ein verschlungenes
Geflecht von Umgehungs- und Schnellstraßen zur Pont de Normandie über die Seine.
100 PS mehr und 200 Kilo weniger an Bord – die futuristisch-gigantische Brücke wäre
eine Rampe zu den Sternen; na ja, zumindest zu tief hängenden Wolken. Auch nicht schlecht: Für Motorräder ist die Passage kostenfrei.
Auf der anderen Seite der Seine liegt die alte Hafenstadt Honfleur, im 16. Jahrhundert ein bedeutender Seefahrerstützpunkt, seit dem 19. Jahrhundert eine prominente Künstlerkolonie und heute ein touristischer Magnet par excellence. Besonders das von schmalen Häusern umstandene Hafenbecken ist ein prima Postkartenmotiv, und beim Besuch der zahlreichen Galerien reift vielleicht sogar der Plan, statt in eine Sonderlackierung mal in die farblich wie formal gelungene Gestaltung eines Stückchens Leinwand zu investieren. Gut möglich aber auch, dass bei gefühlten 53 Grad Lufttemperatur die Lust auf ein
Bad im Meer alle anderen Gedanken verdrängt. Ein geeigneter Sandstrand liegt
jedenfalls gleich westlich von Honfleur an der D 513.
An der so genannten Blumenküste zwischen den Mündungen von Seine und Orne finden sich Badeorte wie Trouville, Deauville – ein Gruß an Honda – und Cabourg. Reiseführer schwärmen vom nostalgischen Schick der Belle Epoque, Reisende schimpfen gelegentlich auf den Nepp, wenn für Ice Tea und Orangina zusammen 8,20 Euro zu zahlen sind; die Sehnerven signalisieren ans Gehirn ganz einfach »très joli«. Blumenkübel, groß wie Smart-Cabrios, trennen die Fahrbahnen, Motorradpolizisten in strammen Stretchhosen erfreuen die aufmerksame Touristin und der tägliche, überaus lebhafte Fischmarkt von Trouville nicht nur einkaufende Hausfrauen.

So schwer der Ortswechsel fällt – zwei Stunden später sitzen wir nicht mehr
auf einer Terrasse an der Côte Fleurie, sondern parken an der Pegasus Bridge,
vis-à-vis eines ausgemusterten Panzers. Daneben gibt es Ansichtskarten mit
Motiven von der Invasion. Das Innere des benachbarten Cafés ist bis zur Decke vollgestopft mit militärischen Devotionalien und erinnert daran, dass hier kurz nach
Mitternacht des 6. Juni 1944 britische Fallschirmjäger und Lastensegler gelandet sind, um die strategisch wichtige Brücke zu erobern. Heute ist das Café Gondrée – zu
erreichen über die Orne-Brücke an der D 51 nördlich von Caen – ein ideales Fleckchen Erde, um das meist friedliche Treiben an
den Nachbartischen zu studieren. Der Krieg ist lang vorbei, wir Deutschen sind Gäste
wie andere auch.
Westlich der Orne, stoßen wir auf den Küstenstreifen, wo unter dem Tarnnamen Overlord die Landung amerikanischer, englischer und kanadischer Truppen im von der Wehrmacht besetzten Nordfrankreich er-
folgte. Aufgeteilt auf die Abschnitte Sword Beach, Juno Beach, Gold Beach, Omaha
Beach und Utah Beach, ging hier am frühen Morgen des 6. Juni 1944 – dem D-Day – eine gewaltige Armada an Land: 6000 Schiffe und 13000 Flugzeuge setzten innerhalb weniger Stunden 160000 Soldaten ab. Weitere zwei Millionen Soldaten und 400000 Fahrzeuge folgten. Am 21. August 1944 war für die Deutschen die Schlacht um die Normandie verloren, drei Tage später Paris befreit. Bei den wochenlangen Kämpfen starben schätzungsweise 200000 Soldaten der Alliierten, 350000 Angehörige der Wehrmacht und 50000 französische Zivilisten. Zum Gedenken an die Toten reisen alljährlich am 6. Juni Veteranen und deren Nachkommen an die blutgetränkten Strände, die ihre alten Codenamen bis heute behalten haben.

Heile Welt am anderen Zipfel der Cotentin-Halbinsel: Barfleur ist ein arglos hübscher Fischerort, in dessen Nähe der höchste Leuchtturm Frankreichs steht und wo der Tidenhub bis zu zehn Metern beträgt. Als sei das nicht genug der berichtenswerten Dinge, hat Richard Löwenherz von hier 1194 zur Krönung nach England übergesetzt. Fast noch einen Tick lieblicher erscheint das benachbarte Gatteville: ein margeritengeschmücktes Dorf wie aus dem Bilderbuch.
Es ist spät geworden. Fast 21 Uhr. Diese Traumstrecke entlang der Bucht von Ecalgrain im äußersten Nordwesten der Halbinsel mussten Susanna und ich gleich zweimal fahren. Die Ausblicke auf das Meer rauben jedweden Sinn für die Realität. Ein Anruf im fernen Pontorson ist notwendig, dass es bis zu unserem Eintreffen
im vorab reservierten Hotel wohl noch etwas dauere – und dann folgt ein gut dreistündiges, unvergessliches Road-King-Movie. Kein Stückchen Chrom, in dem
sich nicht wie ein Kussmund die untergehende Sonne spiegelt, kaum ein Kreisverkehr, in dem es nicht erst links zu einer flüchtigen, fast kosenden Berührung von Metall und Asphalt kommt, dann nach rechts umgelegt und wieder hochgeschaltet wird, auf dass der 88er-Twin Cam seinen Blues weiter in die Nacht wummere. Um Mitternacht sind wir am Mont Saint Michel. Eigentlich genau die richtige Zeit für eine Audienz beim hell erleuchteten Klosterberg. Der an der Grenze zur Bretagne aus dem Meer ragende Granitfelsen, gekrönt von den Türmchen und Dächern einer Abtei, ist eine der markantesten Silhouetten der Christenheit und, wen wundert’s, zumindest tagsüber umbrandet von touristischen Fluten.

Neun Kilometer weiter südlich entpuppt sich in Pontorson der »Istanbul Kebab« als Hort wahrer Menschenliebe, finden dort zu arg vorgerückter Stunde Döner nebst
ein paar Dosen Bier dankbare Abnehmer. Der Wirt vom Hotel Montgomery, Besitzer
einer alten R 100 S, versorgt uns mit den Zimmerschlüsseln, seine Frau Marie-Christine mit Tipps für die Rückfahrt – nach tiefem Schlaf.
Der nächste Tag beginnt entspannt auf einer Hand voll schwungvoller Landstraßen, bis wir in Domfront landen, einem mittelalterlichen Festungsstädtchen. Im Zentrum des Geschehens: die Bar Normand mit Blick
auf die neo-byzantinische Kirche. Bessere Crêpes haben wir übrigens während dieser Tour nicht verdrückt. Hätten wir allerdings auch den Cidre probiert, wären wir an diesem Tag nicht mehr weit gekommen. So rollen
wir gelassen bis Bagnoles-de-l’Orne, Heilbad inmitten des Waldes von Andaines. Rund
um den Brunnen an der Place de la Republique bitten die Bars zur Spätvorstellung.
Wir nehmen – nachdem mit dem an Thomas Manns »Zauberberg« erinnernden Hotel le Christal eine passende Bleibe gefunden ist – gern an der letzten Vorführung teil.
Freilich steht bei einer Normadie-Tour noch das Nationalgestüt Haras du Pin, Pilgerstätte für Pferdefans, auf dem Programm. Ebenso das Dorf Camembert, wo, richtig, ein normannischer Exportschlager reift. Zufall oder nicht, jedenfalls zerfließt rund um Camembert der Asphalt fast in der Mittagshitze, liegt Lethargie in der bleiernen Luft, so dass die Tachonadel freiwillig Siesta bei 70 macht. Die Äpfel an den Calvados-Bäumen sind noch nicht reif – aber wir so langsam reif fürs Meer.

Yport wartet mit einem Kies- statt Sandstrand auf, doch wer will da allzu pingelig sein? Muscheln gibt es etwas später in St. Valery-en-Caux unter den schützenden Schirmen der Brasserie Le Corsaire. Die Gläser auf den Tischen funkeln goldgelb oder rosé, vom Yachthafen weht Gelächter herüber. In Quiberville können
wir anderntags zusehen, wie aus den Netzen eines Fischerboots der frische Fang
gepflückt und direkt an den Marktstand nebenan weitergereicht wird. Kurz darauf
zuckelt die Harley wieder durch den Ausgangspunkt der Reise, le Tréport. Straßen-
cafés, Bars, der urige Hafen, die Klippen. Ein letzter Halt vor der Heimreise? Nur
für ein paar Minuten? Lieber nicht. Die Gefahr, dann nicht mehr weit zu kommen, wäre groß. Viel zu groß.

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