Norwegen (Archivversion) Zeitreise

August 1983, nördlich von Oslo. Wir kannten uns kaum 24 Stunden, als die noch junge Freundschaft im ersten Tunnel Norwegens beinahe ein jähes und explosives Ende gefunden hätte. Damals hatte ich die Angewohnheit, den Auspuff meiner XT in Tunnels mit einer wohldosierten Fehlzündung von innen zu reinigen: Killschalter aus, ein kurzer Gasstoß, Killschalter an, Krawumm! Seit 1000 Kilometern hatte ich keinen Tunnel mehr. Höchste Zeit also für die kleine Extra-Explosion. Nach dem Tunnel war Birgit weg. Ich kehrte um und fand sie am Tunnel- ausgang neben ihrer BMW hockend, auf der Suche nach Ursache und Auswirkungen des gewaltigen Knalls. Ich war geständig, Birgit mächtig sauer, aber trotzdem fuhren wir gemeinsam weiter. 25 Jahre später, derselbe Tunnel, dieselben Motorräder. Kurz zuckt mein Daumen wieder zum Killschalter, aber ich denke an den mit nun 220000 Kilometern nicht mehr ganz taufrischen XT-Motor und verkneife mir die Fehlzündung. Noch. Wir haben Nordkurs angelegt, wollen durch die einsamen Mittelgebirge entlang der Grenze bis nach Röros fahren. Schon bald tauchen wir ein in die schier endlosen Kiefern- und Fichtenwälder Ostnorwegens, suchen kleinste Wege, vermeiden Hauptstraßen. Wie eh und je strahlen rote, gelbe oder weiße Holzhäuser in den Ortschaften diese einzigartige nordische Gemütlichkeit aus. Hektik ist hier völlig unbekannt. Nur dank Orientierungssinn und guter Karte verirren wir uns nicht in der Weite der Wälder. Trotzdem sind Überraschungen nicht ausgeschlossen. So landen wir am Abend ungeplant am Halsjöen, einem der unzähligen Seen im Grenzgebiet.

Der Sandstrand bietet den perfekten Zeltplatz für die erste Nacht. Die Stille wird nur vom heiseren Sirren der Moskitos und dem dumpfen Fauchen des Benzinkochers gestört. Um Mitternacht ist es immer noch nicht dunkel, aber die frostige Nacht treibt uns in die warmen Daunenschlafsäcke. Ich fand kaum Schlaf in der ersten norwegischen Nacht. Das uralte, zig Mal geflickte Baumwoll-Firstzelt wurde nur mit wenigen Druckknöpfen verschlossen. Hungrige -Moskitos schwirrten fast ungehindert ins Zelt, für einige war es ihr letzter Flug, andere machten fette Beute. Außerdem war mir erbärmlich kalt. Der tonnenschwere Steppdeckenschlafsack wehrte sich erfolglos gegen die Minusgrade, im Laufe der Nacht zog ich mir den dicken Wollpullover an und deckte mich mit der schmierigen Belstaff-jacke zu. Es half nichts, ich fror dem Morgen entgegen, bis mich die Kälte und der Drang nach heißem Kaffee aus dem Zelt trieben. Der schwachbrüstige Esbit-Kocher brauchte dreißig lange Minuten, bis das Wasser endlich heiß genug war. Aber wir hatten Zeit, fuhren, wann wir wollten und wohin wir wollten, hatten morgens noch keine Ahnung, wo wir abends sein würden. Genau so hatte ich mir die Freiheit des Motorrad-reisens vorgestellt. Zum Glück hat sich an unserer Reisephilosophie auch 25 Jahre später nicht viel geändert. Nur von der alten und billigen Ausrüstung ist bis auf die lieb gewonnene rote Emaille-Blech-tasse nichts mehr übrig. Wir lassen uns auch heute Zeit, bis wir wieder ins Labyrinth der kleinen Waldwege eintauchen. Die Gegend wird einsamer, die Berge höher. Kahle, graue Felsen knacken die 1500-Meter-Marke, drei Rentiere stapfen über eine mit arktischen Weidenröschen übersäte Lichtung.

Dicke Schauerwolken segeln am tiefblauen Himmel, die Fernsicht in der frischen und glasklaren Luft ist grenzenlos. Die betagten Mopeds laufen wie gewohnt: bestens. Wohlfühltempo 80 - schneller kann in Norwegen richtig teuer werden - macht gelassen. Gegen Abend erreichen wir Röros, eine der schönsten Städte des Nordens, von der UNESCO mit Weltkulturerbe-Status geadelt. 330 Jahre lang wurde hier Kupfer gefördert, die Gewinne sorgten für Wohlstand. Als wir vom Stadtrundgang zum Campingplatz zurückkommen, entdecken wir an der BMW multiple Inkontinenz. Beide Benzinhähne tropfen, und die Gabel pumpt Öl aus den Verschlussstopfen. Kleinigkeiten, die auch vor 25 Jahren passierten. Birgit sorgt für dichte Verhältnisse, noch bevor ich die Spaghetti al dente habe. Wir ändern unseren Kurs auf West, nehmen das Fjordland ins Visier. Die einsamen Wälder des Ostens werden von steilen, an der 2000er-Marke kratzenden Bergen abgelöst. In Sunndalsöra, einer Industriestadt am Sunndalsfjord, biegen wir auf den Aursjövegen ab, eine schmale Piste, die sich allmählich hoch aufs Fjell windet. Die grob geschotterte Spur verlangte den Federwegen alles ab, Löcher, Spurrillen, Wellblech, das komplette Programm. Aus dem Plastikkoffer der XT drangen bedenkliche Geräusche. Zehn schwere Konservendosen, Pichelsteiner Topf, Feuerzauber oder Königsberger Klopse, suchten sich eine neue Lage im Koffer, zermalmten dabei eine Familienpackung Raider, das heute Twix heißt.

Um den hohen Preisen Norwegens ein Schnippchen zu schlagen, hatte ich reichlich Vorräte dabei. Ein Anfängerfehler. Irgendwann ignorierte ich das Blechdosengetöse im Koffer, ließ mich faszinieren von der magischen Stimmung des subarktischen Fjells. Kahle, runde Buckel, fast 2000 Meter hoch, hartes, graugrünes Gras, helles Islandmoos, unzählige Seen und noch mehr Altschneefelder, über die der eisige Westwind blies. Es war erbärmlich kalt, doch wir waren sprachlos und völlig begeistert von der wilden, einsamen und abweisenden Welt. Nichts hat sich geändert. Fast nichts. Nur die Piste ist besser geworden. Genau seit der Zeit, als der Aursjövegen eine private Mautstraße wurde. Die Strecke hügelt noch einige Kilometer übers Fjell, bevor der Abstieg ins Eikesdalen beginnt, garniert mit dem spannendsten Tunnel weit und breit. Stockdüster, kaum drei Meter breit, grob behauene Felswände. Dazu noch matschig und mit zwei gegenläufigen 200-Grad-Kurven versehen. Die Sechs-Volt-Funzel der XT erhöht die Spannung noch und erreicht bei Leerlaufdrehzahl gerade noch Taschenlampenniveau. Ein Dutzend Kehren später umgarnt uns die Idylle des Eikesdalen. Bilderbuchschöne Bauerhöfe, Obstbäume, gepflegte Wiesen mit hellbraunen Kühen. Mit der paradiesischen Ruhe ist es zwei Stunden später allerdings vorbei, als wir uns an den berühmten Trollstigen in die Karawane aus Wohnmobilen und Reisebussen einreihen. Seit 1984 ist der ehemals spannende Elf-Kehren-Schotteraufstieg geteert. Die tolle Aussicht von oben ins enge Isterdalen raubt zwar noch immer den Atem, aber das touristische Remmidemmi nervt. Weshalb wir hinunter zum Norddalsfjord rollen und mit der schwarzweißen Fähre ans andere Ufer schippern.

Sofort legt sich die RV 63 wieder mit dem Berg an, kurvt hoch bis auf 624 Meter und offenbart gleich darauf den Postkartenblick auf den Geirangerfjord. Geiranger war schon immer ein Brennpunkt des Tourismus. Doch was an diesem Augusttag 1983 passierte, übertraf alles, was der kleine Ort je gesehen hatte. Die SS Norway, mit 315 Meter Länge seinerzeit das welt-größte Kreuzfahrtschiff, tastete sich erstmals in den Geirangerfjord. Der Auflauf an Schaulustigen war gewaltig. Alle waren ergriffen von der schieren Größe und Eleganz des klassischen Liners, der in den 60er-Jahren als SS France den Atlantik im Liniendienst nach New York überquert hatte. Und nun unter neuem Namen und norwegischer Flagge über die Weltmeere dampfte. Der einstige Stolz Norwegens wird inzwischen im fernen Indien am Strand von Alang, würdelos abgewrackt. Heute nimmt kaum noch jemand Notiz von den vielen Schiffen, die Geiranger ihre Aufwartung machen. Vorbei ist die Ära der schönen Ozeanliner. Heute sehen moderne Touristendampfer eher aus wie überdimensionale weiße Plattenbauten. Über Nacht kommt der große Regen, im Fjordland ein nicht gerade seltenes Phänomen. Der Wetterbericht im Internet warnt vor einem ortsfesten Sturmtief, das erst übermorgen langsam nordwärts abziehen soll. Also warten. In Norwegen meist besser als der Versuch, dem Wetter zu trotzen.

Auch 1983 wurden wir in Geiranger schwer gewässert, hatten aber im Gegensatz zu heute keine Ahnung, wann es besser werden würde. Internet und computerberechnete Wettermodelle waren Zukunftsmusik, es gab maximal das Dagbladet, die Tageszeitung. Und wir wollten weiter. Also musste die Geheimwaffe her: blaue Müllsäcke. Das schlechte Wetter folgte uns nordwärts bis zu den Lofoten. Nach einer Woche Regen und Kälte waren wir am Ende. Wir wussten damals kein anderes Mittel, als einfach so weit nach Osten zu flüchten, bis endlich wieder die Sonne schien. Damit hatte das Tief nicht gerechnet, wir entkamen. Allerdings waren wir nicht mehr in Norwegen, sondern an der finnisch-russischen Grenze. Das Sturmtief ist abgezogen, hat aber vergessen, den Regen mitzunehmen. Dank wasserdichter Ortliebsäcke und Regenkombis bleibt trotzdem alles trocken, als wir Geiranger verlassen. Wir folgen der schönsten Straße Norwegens, die sich fast 1500 Höhenmeter in feinsten Kurven vom Fjord bis auf den Aussichtsberg Dalsnibba windet. Bei Trockenheit ist sie ein Traum. Doch es regnet gnadenlos weiter, so lange, bis wir im Oldedalen, zu Füßen des riesigen Gletschers Jostedalsbreen, eine kleine Campinghütte mieten. Ruck, zuck sind alle Bügel, Haken und Vorsprünge mit triefnassen Klamotten behängt, und die Heizung steht auf voll. Dann ist endlich die Sonne zurück und mit ihr der unbändige Drang zu fahren und die Wärme zu spüren. Das sieht die BMW allerdings anders. Nach kaum zehn Kilometern wird ihr Licht immer schwächer, und schließlich kollabiert die Karre ganz. Kein Strom und somit auch kein Zündfunke - die fast neue Batterie ist leer.

Wir prüfen Steckverbindungen, Kontakte und suchen nach Kriechströmen. Nichts. Der Verdacht fällt auf die Lichtmaschine. Per Handy rufen wir unseren Freund und BMW-Spezi Gero an. Seine Ferndiagnose ist ebenso präzise wie erschütternd: Bruch des Lichtmaschinenankers. Tolle Sache, mitten im skandinavischen Nichts. Was nun? Ersatzteile für die alte G/S werden wir in Norwegen kaum bekommen. Eine Express-Sendung scheint uns zu riskant, denn wir wollen die letzten Reisetage nicht mit Warten vergeuden. Also knoten wir einige Spanngurte zusammen, und die kleine XT zieht die dicke BMW nach Olden. An einer Tankstelle kaufen wir ein Ladegerät, das die Batterie erst mal wieder auf Trab bringt. Ein paar Stunden an der Steckdose, und die G/S ist wieder am Start. Nun gilt es, Strom zu sparen. Licht und E-Starter sind ab sofort tabu, Saft gibt es nur noch für die Zündspule. Das sollte bei voller Batterie für mindestens vier Stunden reichen. Die BMW fährt einwandfrei, das flaue Gefühl im Magen bleibt gleichwohl. Vor allem in den langen, düsteren Tunnels... Doch da der Boxer nun wieder friedlich wummert, biegen wir in Sognedal zum Jotunheimen ab, dem Heim der Riesen. Die Straße kurvt, kaum dass sie den türkisgrünen Lustrafjord verlassen hat, hinauf zum Sognefjell, zu den höchsten, dramatischsten Bergen Skandinaviens. Frisch verschneit bohren sich die Gipfel steil in den tiefblauen Himmel, auf glitzernden Seen dümpeln Eisschollen, und breite Gletscherzungen lecken talwärts.

Nichts hat sich in dieser arktischen Welt geändert, die Weite begeistert uns wie vor 25 Jahren. Nur der Schotter der RV 55 ist unter Asphalt verschwunden. Wir kehren um und peilen Laerdal- söyri am Sognefjord an. Fast fünf Stunden sind wir jetzt unterwegs. Unsere Anspannung steigt definitiv schneller, als die Bordspannung fällt. Besonders im letzten Tunnel, real sieben Kilometer lang, gefühlt dagegen 25. Die BMW schafft es, zündet aber tausend Meter weiter am Campingplatz ihren finalen Funken. Punktlandung, Schwein gehabt. Das ist uns zu spannend. Ein Voltmeter muss her, um den Ladestand der Batterie zu kontrollieren. Wir wissen: Jenseits von elf Volt sind wir auf der sicheren Seite und den vielen Tunnels gewachsen. Unsere Gemütslage entspannt sich, und das Wetter könnte nicht besser sein: 24 Grad, Sonne. Die Tage bis zur Fähre in Egersund teilen wir in 200-Kilometer-Etappen ein, bummeln entlang des sanften Hardangerfjords bis zum Atlantik, kreuzen hinauf zum Saudafjell, das viel sanfter als seine nördlichen Kollegen ist und zelten auf wunderschönen Plätzen (mit Strom) direkt an den Fjorden. Doch dann bittet die bisher so zuverlässige XT ebenfalls um etwas Aufmerksamkeit und brennt neidisch ihren Gleichrichter samt Sechs-Volt-Scheinwerferbirne durch. Ich verpasse ihr eine Zwölf-Volt-Lampe, die der defekte Gleichrichter nicht zerstören kann, um in den Tunnels zumindest etwas Licht zu haben. Und im letzten Tunnel vor Egersund passiert es, der Daumen zuckt zum Killschalter. Einmal noch, es muss sein! Krawumm! Birgit bringt schon lange nichts mehr aus der Fassung.

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