Oberitalienische Seen (Archivversion) Von Sylvia Lischer; Fotos: Gerhard Eisenschink

Endlich mal wieder richtig durch die Ecken fegen – Kehren kehren, Kurven schrubben und zwischendurch das Wasser wechseln: Gardasee, Comer See, Lago Maggiore und Trabanten. Wer zum Saisonstart nach Oberitalien reist, hat mehr vom Frühling.

Am Ortsausgang von Riva öffnet sich die erste Katakombe der Gardesana Occidentale. »Tunnel«, wie auf dem Schild zu lesen war, scheint untertrieben: Kilometer um
Kilometer grob behauener Fels, diffus
gelbes Deckenlicht, dunkle Ecken. Gänsehaut. Kein Hauch von mediterranem Flair. Sporadisch in den Stein gesprengte Luken geben den Blick auf den Gardasee frei, der aus dem Inneren dieser grauen Röhrenwelt kalt und bedrohlich wirkt. Blechern schlägt der Klang des BMW-Einzylinders von den Tunnelwänden zurück. Ich drossle die F 650, taste um unerwartet enge
Kurven, hoffe auf Tageslicht.
Mehr als 2000 Arbeiter waren vonnöten, um diese irrwitzige Trasse aus dem Fels zu hauen. 74 Tunnel mussten gebohrt, 56 Brücken aus dem Gestein gehobelt werden, bevor man die 44 Kilometer lange Uferstraße zwischen Riva del Garda und Salò 1932 eröffnen konnte. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat: Zur Hochsaison transportiert
die Occidentale Millionen Touristen zur Westseite des Sees. Jetzt, im Frühjahr, gehört
sie ein paar gut aufgelegten Motorradlern allein. Na ja – fast.
Donnernd dringt eine Ducati 916 in den Bauch der Erde, dem die BMW samt Besatzung gerade entkommen: Sonne, Zypressen, ein paar wunderschöne Schwünge zwischen steilen Felswänden und Palmen. Blühende Oleanderbüsche, die malerischen Ziegeldächer von Limone – und schon geht’s wieder Untertage. Das volle Kontrastprogramm, durch den ständigen Hell-Dunkel-Wechsel alle Konzentration fordernd. In Gargnano bin ich reif für einen ordentlichen Espresso, steuere durch beinahe menschenleere Gassen zum Hafen, der sommers vor lauter Leben aus den Fugen zu platzen droht. Zum Trocknen aufgehängte Wäsche flattert an Balkonen, Fernseher flimmern durch offene Fensterläden, aus den Kneipen dringt die unvermeidliche Sportsendung, ein paar Segelboote, Yachten und Schwäne schaukeln auf
den Wellen. Sonst nichts. Noch dämmert der Ort im Winterschlaf. Im Osten schimmern die verschneiten Gipfel des knapp 2000 Meter hohen Monte-Baldo-Massivs. Bestenfalls stoßen dort oben gerade
die ersten Krokusse durch die letzte Altschneedecke, während hier unten schon die Orangen blühen.
Frühling! Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für eine Motorrad-Seefahrt durch Oberitalien. Gardasee, Comer See, Lago Maggiore und Co. wirken verträumt und unverbraucht, die Temperaturen sommerlich mild, der Verkehr wie abgeschnitten.
Bei Gargnano kurve ich in die westliche Bergwelt des Lago di Garda hinauf, und kaum ist das Blau aus den Rückspiegeln verschwunden, tut sich backbord ein neues Gewässer auf: der vergleichsweise kleine Valvestino-See. In engen Schleifen führt die Fahrbahn an dessen Ostufer entlang. Der Blick streift über tiefe Schluchten und zackig ausgeprägte Grate. Kalte Waldluft dringt hinters Visier, das plötzlich in Schwarzweiß zu senden scheint – bis aufs erste, zart sprießende Grün der Buchen. Am knapp über Meereshöhe gelegenen Gardasee ist der Frühling deutlich weiter.
Hinter Capovalle stürzt die Straße in breiten Serpentinen zu Tal, passiert einen stockfinsteren Tunnel und ermöglicht die Sicht auf den von mächtigen Bergen umgebenen
Lago d’Idro. Statt schierer Größe trägt er den Titel »höchstgelegener See der Lombardei« zur Schau. Über Storo und die teils spektakuläre Landstraße 240 könnte man von hier aus zum Ledro-See gelangen – wenn man wollte. Nur bedeutete das, den Rückwärtsgang Richtung Gardasee einzulegen. Ich aber will weiter westlich zum Lago d’Iseo.
Kurve an Kurve geht’s über Bagolino dem Passo di Croce Domini entgegen. Links und rechts der Fahrbahn schlagen die Lärchen aus, Myriaden von Schlüsselblumen hüllen die Hänge in leuchtendes Gelb, der
bayerische Einzylinder läuft zur Hochform auf: Frühlingsgefühle, ja, auch er! Be-
flügelt tänzelt der Single um die Ecken:
links, zweimal rechts, im Halbkreis herum,
und dann... ein weiß-rotes Schild mit der Aufschrift »chiuso«. Zu deutsch: geschlossen. Wintersperre. So viel zum Frühling. Enttäuscht steuere ich die nächstbeste Tankstelle an, um Näheres über den Zustand der Strecke zu erfahren. »Libero, libero«, versichert der Mann an der Kasse und fuchtelt mit den Armen Richtung Breno. Der Croce Domini sei frei. »Aperto” – offen, brüllt auch der Dorfkneipenwirt, dessen Stimme sich im Wettstreit mit der kreischenden Espressomaschine zu überschlagen droht. Na gut, dann wird’s versucht.
Valle del Caffaro: zwanzig, dreißig Kurven weiter. Waldarbeiter zersägen zwei um-
gestürzte Fichten, die sich über der Fahrbahn lang gemacht haben, am Straßenrand
tobt ein Wildbach, eisige Kälte liegt in der Luft. Bei Valle Dorizzo röhrt mir eine Kehrmaschine entgegen, dann ist Ruh’. Verwaiste Skilifte, ein geschlossenes Restaurant,
ein geparkter Schneepflug, menschenleere Gehöfte. In der Ferne ragen die schnee-
bedeckten Ausläufer des Adamello-Massivs empor, darüber rabenschwarze Wolken.
Ich stelle die Heizgriffe auf Stufe zwei.

Zwischenstopp am zweiten Durchfahrt-Verboten-Schild bei Kilometer 23. Während
ich grüble, ob die italienische Vokabel »chiuso« noch etwas anderes als »geschlossen« bedeuten kann, bollert eine Horde italienischer Sportmaschinen heran. Der Pass sei – »chiuso« hin oder her – ohne Probleme zu meistern, ermuntern mich die gut gelaunten Kollegen aus Brescia. Also weiter. Im Slalom an Wurzeln, Geröll und herabgestürzten Ästen vorbei, an Schneezungen, die in dichter werdender Folge auf die kaum noch handtuchbreite Fahrbahn lecken.
Im Eiertanz durch den Südzipfel des
über 600 Quadratmeter großen Adamello-Brenta-Naturparks, der Gemsen, Adler,
ja sogar Braunbären beheimaten soll.
Erspähen lassen sich allerdings nur ein paar Straßenarbeiter, die das vom Winter gezeichnete Asphaltband akribisch von seinen Blessuren befreien. Frühjahrsputz. Es wird gekehrt, geschippt, gewienert
und geflickt, bis jedes Loch verschwunden, jede Rille sauber abgedichtet ist. Als ich die BMW vorbeimogeln will – das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun noch immer im Nacken –, begrüßen mich die Herren charmant, halten zuvorkommend Ausschau nach Gegenverkehr, bevor sie mir freie Fahrt signalisieren.
Neben dem Rifugio auf der 1895 Meter hohen Passhöhe erhebt sich ein stattlicher Schneehaufen, darin steckt eine Eiskarte und ein Schild: »aperto.« Geöffnet also, das verstehe, wer will. In der Gaststube drängen sich Ausflügler um den knisternden Kamin, auf den Parkplätzen ringsum beachtlich viele Vehikel, angesichts der Tatsache, dass über sämtliche Zufahrtswege bis Anfang Juni eine Wintersperre verhängt ist. Italien eben – und gut so.
Die Abfahrt ins Valcamonica führt in picobello gekehrten Kurven runter nach Breno, in eine andere Welt: brütende Hitze, brandender Verkehr – der Weg zum Iseo-See wirkt wenig verlockend. Ich verstaue das Fleece-Equipement in den Koffern und rufe die Lektion Pässe noch einmal ab: In
der Praxis stellt sich hier offenbar niemand die Frage, ob »offen« oder »geschlossen«, sondern ob es »geht« oder nicht. Fasziniert von dieser Erkenntnis, durchforste ich
die Landkarte nach weiteren Bergstrecken. Der Lago d’Iseo kann warten.

Valle di Scalve, Passo del Vivione: eine Straße, die bis auf 1828 Meter Höhe führt.
Wintersperre von Oktober bis Mai, Durchfahrt verboten. Adrenalinkick, Vorfreude, Neugier – unterbrochen von einer klitzekleinen Regung des Restgewissens, dann geht’s
von blumenübersäten Almhängen begleitet den schneebedeckten Gipfeln der Bergamasker Alpen entgegen. Die Fahrbahn verengt sich mit jedem Kilometer, vollführt Dreher und Kapriolen, denen die F 650 lediglich im ersten Gang folgen kann. Nach dem Schild »Attenzione strada interotta« beruhigt sich die Lage etwas. Schnurstracks passiert
die Straße eine geöffnete Schranke und steigt, spektakuläre Ausblicke bietend, ohne jegliche Randsicherung Richtung Baumgrenze.
Riskant wird’s wohl erst, wenn der schmale Pass geöffnet und mit Gegenverkehr zu rechnen ist – denke ich und werde prompt eines Besseren belehrt: quer stehender Bagger hinter einer Kuppe, dahinter eine längs liegende Kluft. Gut fünf Meter Fahrbahn einfach weg. Lektion Nummer zwei: »Strada interotta« heißt unterbrochene Straße. Ein Hinweis, den man durchaus ernst nehmen kann. Kaum ist die Maschine zwischen Abgrund und Felswand gewendet, rollt ein sandbeladener Lkw rückwärts auf mich zu und drückt sich millimetergenau am hastig eingeklappten Spiegel der BMW vorbei. Der Fahrer grüßt, die Kippe im Mundwinkel, mit unbewegtem Gesicht. Leicht gestresst mache
ich mich vom Acker, rausche etwas zu schnell zu Tal, bremse scharf vor einem anrollenden Betonmischer und dem hektisch umherwieselnden Raupenbagger, der vor einer Stunde noch unbemannt am Straßenrand stand. So viel zu strada interotta.
Anderntags steht total legal rund um den Lago d’Iseo an: westliche und östliche
Uferstraße – eh klar. Die spektakuläre Stichstraße nach Parzanica – Ehrensache. Genau wie die Panoramastrecke nach Fonteno, der Presolana- und Crocetto-Pass und die
kurvige Sackgasse nach Lizzola am Ende des Seriana-Tals. Was für ein Programm! Danach kann der Lago di Endine kommen – See Nummer fünf in Richtung Lago di Como. Und rund 50 Kilometer weiter westlich eine interessante Variation zum Thema Wasser: San Pellegrino Terme. Wo jenes sündhaft teure Mineralwasser aus dem Boden sprudelt, das jeder Nobel-Italiener zum Drei-Gänge-Menü serviert. San Pellegrino – eine Produktmarke des Schweizer Nestlé-Konzerns, der das Edelwässerchen in 100 Länder der Erde exportiert. In der alten Kurstadt am Brembo-Fluss bröckeln derweil die Stuckfassaden. Das Grand Hotel, wo Anfang des 20. Jahrhunderts Hochadel und High Society residierten, steht leer. Zerbrochenes Glas säumt die Fensterrahmen. Vis-à-vis läuft das kostbare Quellwasser gratis aus einem Hahn vor der Therme – »reserviert für die Einwohner von San Pellegrino«. Verstohlen fülle ich meine Sigg-Flasche ab und mache mich auf ins
Valle Brembana gen Norden.

Der Abstecher nach Foppolo muss allein wegen der wildromantischen Etappe entlang des Brembo sein: eine Strecke zum Schwindligfahren, mit hoher Kurvendichte durch mehrere Felsgalerien auf 1600 Meter führend. Ideales Enduro-Revier. Danach brummt die F 650 über Mezzoldo Richtung Passo di San Marco, der mit seinen fast 2000 Höhenmetern offiziell freilich – na, was wohl? – »chiuso« ist. Offiziell bis Ende Mai. Ein gutes Dutzend Motorräder zieht am Durchfahrt-Verboten-Schild vorbei, die Fahrer grüßen, überholen einen Polizeiwagen, der im Schritttempo die Straße entlangpatrouilliert. Als die Verfolgungsjagd ausbleibt, düse
ich hinterher. Herrliche Kehren, vom Frühjahrsputz-Trupp der Provinz Bergamo längst blank gewienert, stehen in harter Konkurrenz zu nicht minder herrlichen Aussichten auf die Schneekappen der Bergamasker Alpen. Mit dem Übertritt
in die Provinz Sondrio ändert sich die
Situation allerdings dramatisch.
Nachbarschaftshilfe scheint für die
Straßenarbeiter aus Bergamo ein Fremdwort. Kaum ist die Grenze auf der Passhöhe passiert, säumen fast schulterhohe Schneeberge den Weg. Dazwischen eine Art Fahrrinne, die vom hiesigen Winterdienst provisorisch durch die altweiße Pracht gefräst wurde. Für Autos ist hier Schicht. Die BMW passt samt Koffern gerade so durch, rutscht mit leichten Abzügen in der B-Note bis zum Ende des Geschicklichkeits-Parcours und seilt sich im zweiten, dritten Gang – umgefallene Verkehrsschilder und Felsbrocken umfahrend – versiert über die San-Marco-Nordrampe ab. Vorbei an steilen Berghängen, auf denen, verstreut und umgeknickten Streichhölzern gleich, von Lawinen nieder-
gewalzte Nadelbäume liegen. Dass es auf 1500 Metern zu graupeln beginnt – egal. Aus dem Schornstein des Rifugio Alpe Lago steigt Rauch empor, rund um die Hütte stapeln sich gut fünf Meter Brennholz. Als ich anklopfe, zieht mich die Wirtin in der Küchenschürze mit einem italienischen Wortschwall in die warme Stube: Im Schlafsaal sei noch eine Matratze frei, Abendessen vorm Kamin in einer halben Stunde. Ricotta-Käse aus
eigener Produktion, Fleischeintopf und Polenta. Viele Gründe, zu bleiben.
In der Früh schneit ein orange gekleideter Straßenarbeiter-Trupp auf eine Runde Espresso herein, draußen auf der Passstraße röhren die Kehrmaschinen, die Strecke nach
Morbegno ist frei. Bei vier Grad plus starte ich die Abfahrt ins Valtellina, brettere über
die Schnellstraße nach Colico am Comer See und reiße mir unter Palmen die Sturmhaube vom Kopf. Bei sommerlichen Temperaturen rolle ich nach Varenna und auf die Fähre nach Bellagio. Mittelalterliche Burgen, noble Villen und Yachten prägen die Südhälfte
des Comer Sees. Tragflächenbote, Wassertaxis, blühende Rosensträucher. Schön, reich, doch nicht ganz mein Geschmack.

Ergo: retour. Varenna, Vendrogno und von dort das Stichsträßchen zum Skigebiet Alpe Giumello hinauf, dessen phänomenale Lage die animierende Aussicht auf den Rest meiner geplanten Lago-Tour erlaubt: Lago di Varese, Lago Maggiore, Lago di Lugano. Erneut beginnt es zu graupeln. Aber das Glück scheint mir hold. Auch hier ein Rifugio mit rauchendem Schlot: Capanna Vittoria. Drinnen prasselt das Kaminfeuer, der Wirt
bereitet gerade das Abendessen vor – Polenta funghi, Gnocci dello Chef und Strudel. Das Straßen-Putzteam der Provinz Lecco schaue hier allerdings ganz sicher nicht auf
einen Kaffee vorbei, kommentiert er mein Déjà-vu-Erlebnis. Wer am Ende einer Sackgasse eingeschneit wird, muss auf den Frühling warten.

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