Oberlausitzer Heide (Archivversion) Streifzug im Grenzgebiet

Im östlichsten Zipfels Deutschlands lockt eine riesige Seen- und Teichlandschaft. Ein ideales Terrain, den Cruiser mal einfach gleiten zu lassen.

Entspannt höre ich die nächste Frage: »In welchem Land heißt Pjekarnja Bäckerei?« Ich weiß die Antwort schon, bevor mir die vier Möglichkeiten vorgegeben werden. Zuvor konnte ich bereits die Frage nach einer großen, in Deutschland einheimischen Volks- und Sprachminderheit lässig beantworten. Und wofür ist die Lausitz im polnisch-tschechischen Grenzgebiet noch bekannt, außer für Lausitzring, Spreewald, Braunkohletagebau und Energie Cottbus? Na klar: für die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, den Teil Deutschlands, in dem morgens die Sorben ihre Brötchen beim Pjekarnja holen. Leider wache ich an dieser Stelle des Traums auf, sitze weder bei Günther Jauch, noch bin ich eine Million Euro reicher.Ein Traum ist auch das Wetter am Ausgangspunkt meiner Reise durch die Oberlausitz, dem Örtchen Oßling zwischen Hoyerswerda und Kamenz. Meine perlmuttweiße italienische Begleiterin aus Mandello zieht es prompt als erstes zur Gelateria »Alberto«, die hier der Dorfjugend mit Eis und Snacks das Warten auf den Schulbus versüßt. Während die California dort nun für Abwechslung sorgt, komme ich auf der kleinen Holzveranda bei einem Cappuccino mit dem Besitzer von »Alberto« ins Gespräch. Einem waschechten Sachsen, der die Eisdiele mit seiner Frau betreibt und das Eis selbst macht. Ja, hier gehe es los, mit den über tausend Teichen, Tümpeln und Weihern, bestätigt er, das Kerngebiet der nassen Landschaft aber liege weiter östlich. Wir plaudern noch ein wenig, dann mache ich mich mit der Cali auf den Weg ins Teichland.Von Oßling schwingt die Straße durch eine hügelige, von Feldern und Bruchwäldern gesäumte Landschaft, und die Guzzi nutzt brav jede Minimalschräglage in Richtung Süden aus. Doch schon bei Dröbra führt die Strecke wie auf einem Damm durch mit Seerosen überzogene Teichflächen. Ein Stopp macht optisch wie akustisch klar: Hier ist Frosch-, Teichhuhn- und Entenland. Es sieht aus, als wäre man in das finnische Seengebiet en miniature geraten.In den Wassern spiegeln sich düstere Wolkengebirge, die von Westen aufziehen und Gewitter verheißen. Doch noch strahlt die Sonne herab, und ich sehe zu, dass wir schnell in Richtung Osten Land gewinnen. »Rosenthal/Róžant« – das Ortsschild kündet schon wenige Kilometer weiter von der Zweisprachigkeit der Lausitz:. Die Sorben haben in dieser Region nicht nur ihre Sprache, sondern auch den Katholizismus hochgehalten; davon zeugt die für den Ort viel zu große Wallfahrtskirche mit ihren zwiebelturmartigen Dächern. Auch während DDR-Zeiten konnten Sprache und Kultur der Sorben hier überleben: Offizielle Gebäude tragen teilweise noch alte sozialistische Bezeichnungen wie »Haus der Freundschaft« auf deutsch und sorbisch.Von Rosenthal ist es nicht weit bis Kleinwelka kurz vor Bautzen. Der Amateurpaläontologe Franz Gruß demonstrierte hier eindrücklich, dass es schon vor Jurassic Park absolute Saurierfans gegeben hat. Nach wissenschaftlichen Vorlagen baute er von 1981 bis 1991 in den Wäldern lebensgroße Plastiken der Urviecher, die man heute im so genannten Urzoo bestaunen kann. Leider ist das Gewitter inzwischen näher gerückt und überfällt mich bei meinem Rundgang mit fetten Regentropfen, doch den Urzeitgiganten schadet es nicht: sie wirken in dem nassen nebeldampfenden Wald noch lebendiger – und unheimlicher.Ich flüchte nach Königswartha, auf sorbisch Rakecy, und finde im Heidehof sogar noch ein Zimmer. Und bin nun unmittelbar am Kern des Teichlands angelangt, dem UNESCO-Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Der Wirt des Gasthofs, der früher selbst mit seiner 250er MZ durch die Heide knatterte, erklärt allerdings, dass es die Region geschützt sein, und nur eine Straße hindurchführe. »Gehen se besser zu Fuß...«. Jenseits der Kernzone, bei Hermsdorf im Norden etwa, entdecke ich jedoch befahrbare Platten- und Schotterwege. die zwischen den Teichen hindurch über kleine Brücken in die Wälder führen. Der matschig werdende Untergrund bremst den Erkundungsdrang allerdings bald ein. Ein Cruiser gehört nun mal nicht in den Schlamm, und außerdem hat es auch etwas viel Beschaulicheres, auf einer der alten, noch nicht von Anglern besetzten Brücken über einem der unzähligen Wasserläufe zu sitzen und nach Libellen Ausschau zu halten.Noch weiter im Norden, zwischen Hoyerswerda und Lohsa, hat der Braunkohletagebau tiefe Talsenken von schier unglaublichen Ausmaßen hinterlassen. Da diese Riesenlöcher nach und nach voll Wasser laufen, entsteht zwischen alten Bauwagen und Loren eine neue, diesmal von Menschenhand geschaffene Seenlandschaft. Doch auch die kleineren Teiche der Lausitz wurden ursprünglich künstlich angelegt: zur Fischzucht. Bereits im 7. Jahrhundert haben slawische Siedler mit dem Teichbau in der Oberlausitz begonnen.Da in den Weihern, sumpfigen Wiesen und Wasserläufen Frösche ihre Heimstatt finden, sind Störche ebenfalls keine Seltenheit. Mit langen Beinen sieht man sie überall durch die Felder und Heidewiesen stolzieren und ihre markanten Nester auf vielen Dächern und Schornsteinen prangen. In der einsetzenden Abenddämmerung stoppe ich noch einmal an einem der unzähligen Teiche nahe Commerau bei Klix. Über dem dicht mit Schilf bestandenen Ufer erklingt ein gigantisches Froschkonzert, begleitet von lautem Insektensirren, -surren und -zirpen, das melodisch an- und abschwillt und beinahe wie ein kleines Symphonieorchester erschallt. Die bereits niedrig stehende Sonne zaubert funkelnde Reflexe in Orange-Rot auf das gekräuselte Wasser der Teiche und sorgt so für eine stimmungsvolle Lightshow zum Abschied. Das gefällt sogar der Guzzi. Auch ohne Eisdiele.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote