Österreich (Archivversion)

Endlich wieder kurven

Es müssen ja nicht gleich die Alpen sein. Kurven satt finden sich auch zwischen Donau, Inn und Böhmerwald. Österreichs Nordosten präsentiert sich als ideales Revier für einen ersten schwungvollen Trip in der neuen Saison.

Eigentlich wollte ich mich einfach nur treiben lassen. Auf kleinsten Sträßchen gemütlich am Inn und an der Donau entlangfahren, den ersten Ausflug in diesem Jahr in vollen Zügen genießen. Eigentlich. Doch mein Ansinnen hält nur wenige Kilometer. Es ist der Charakter der quirligen KTM Duke, der mich auf Trab bringt. Denn im Bummeltempo – stets dann, wenn die Drehzahlen unter 3000 Touren fallen – schüttelt der Bock, als wolle er sich meiner entledigen. Und sämtliche Schrauben dazu. Gemütlich ist anders.Allerdings verführt auch die Strecke zu einer eher Duke-typischen Fahrweise: flott und mit guter Laune-Garantie. Der rote Einzylinder ist wie gemacht für dieses kurvige Revier. Schwungvoll presche ich zwischen Braunau und Obernberg durch eine malerische Flusslandschaft, die zum »Europareservat Unterer Inn« erklärt wurde. Dass man den Inn durch Staustufen gebändigt hat, tut dieser Idylle keinen Abbruch. Auf immer schmaleren Wegen geht es an Auwäldern, Schilfgürteln und kleinen Inseln vorbei, auf denen Kolonien von Möwen ihre Nistplätze angelegt haben. Der Andrang der Gefiederten ist so gewaltig, dass dieses Gebiet zu den artenreichsten Vogelparadiesen Mitteleuropas zählt.Eine ganze Weile später gönne ich mir eine erste Pause und spaziere über den Marktplatz von Obernberg. Bunte Rokokofassaden leuchten um die Wette. Grün, blau, lila, gelb – die tausend Jahre alte Kleinstadt präsentiert sich farbig wie eine Frühlingswiese. Schon früh am Morgen spazieren die ersten Sonnenanbeter umher und genießen die ersten wärmenden Strahlen. Das Wochenende fängt gut an.Kaum dass das Triebwerk wieder auf Temperatur gekommen ist, unterbreche ich meine Fahrt ein weiteres Mal. Mich lockt der Augustinerstift Reichersberg, der hoch über dem Inn gelegen ist. Als ich das Klostergelände betrete, brummt eine Honda Transalp auf den Hof. Dass es sich bei dem Typen in Endurokleidung um Pater Werner handelt, erfahre ich wenige Minuten später, als er mir im Mönchsgewand gegenüber steht. Die Ordensbrüder sähen seine Motorradleidenschaft gelassen, erklärt der Geistliche schmunzelnd. Im letzten Jahr hätte er sogar seine erste Bikerwallfahrt organisiert. Der Hof und der Biergarten seien fast aus allen Nähten geplatzt. Eine super Sache, die ab jetzt regelmäßig stattfände.Mir ist wieder nach Wind um die Nase. Und nach Kurven. In fliegender Fahrt geht es nonstop über Schärding am Inn entlang in Richtung Passau – Pater Werners Hausstrecke. Und die hat es wirklich in sich. Ab Wernstein führen mich diverse schmale Güterwege am steilen Uferhang entlang – oft nur einspurige, asphaltierte Strecken, auf denen praktisch kaum Verkehr herrscht. Unerwartet eröffen sich alle paar Kilometer neue Ausblicke über den sanft gewundenen Lauf des Inn und über die dichten Mischwälder diesseits und jenseits der deutsch-österreichischen Grenze, aus denen nur die Wernsteiner Mariensäule und die mittelalterliche Neuburg herausragen. Einfach genial.Viele Kreuzungen später geht mir aber endgültig die Orientierung verloren. Kaum einer der Wege ist auf meiner Karte verzeichnet – ich hätte besser eine Wanderkarte einpacken sollen. Eher durch Zufall lande ich wieder auf einer Bundesstraße, die mich in schnellen, übersichtlichen Kurven nach Passau führt. Wälder, Wiesen und Felder fliegen im Augenwinkel vorbei. Die Duke fühlt sich auf dieser Strecken wie zu Hause. Und irgendwie ist sie das ja auch.Am Passauer Ortsschild gehe ich vom Gas, obwohl von der Stadt noch nichts zu sehen ist. Genüsslich tuckere ich auf einer von steinalten Linden gesäumten Allee, bis sich die Fahrbahn in Serpentinen jäh abwärts stürzt. Nach einer scharfen Linkskehre fällt der Blick völlig unvermittelt auf die Passauer Altstadt – ein romantisches Geflecht von Kuppeln, Kirchtürmen und Residenzen am Zusammenfluss von Inn und Donau. Bis ins 17. Jahrhundert war Passau der Hauptumschlagplatz für Salz und andere wertvolle Waren, die über die Handelswege des Goldenen Steigs von Oberösterreich über Bayern nach Tschechien transportiert wurden.Plötzlich rauschen ein paar Superbikes an mir vorbei. Mit Passauer Kennzeichen und vermutlich auf dem Weg zur Hausstrecke. Die Gashand zuckt, und ohne zu zögern folge ich den Bikern auf ihrem Kurztrip an der Donau entlang. Kurven ohne Ende. Während die Duke scheinbar schwerelos von Biegung zu Biegung gleitet, verschwimmt die idyllische Flusslandschaft zum diffusen Gebilde. Erst bei dem Dorf Kasten gehe ich wieder vom Gas, lasse die anderen ziehen und schwenke auf den schmalen Abzweig hinauf zur Burg Vichtenstein, wo sich das, was mir auf den letzten Kilometern entgangen ist, im Panoramaformat präsentiert: das tief eingeschnittene Donautal. Träge strömt Europas zweitlängster Fluss in Richtung Osten, Felsen und Burgruinen ragen aus den dichtbewaldeten Uferhängen, Frachtschiffe schippern vorüber. Rheinromantik in Österreich. Durch den Sauwald und über St. Aegidi gelange ich wieder hinunter zum Donauufer.So gemütlich, wie eine Duke es erlaubt, folge ich dem Fluss bis Schlögen, wo sich der Lauf verengt, eine 180-Grad-Kehre beschreibt und nach Norden hin durch die Wälder mäandriert. Wer wie die Donau fast 3000 Kilometer unterwegs ist, hat das Recht, zwischenzeitlich auch einmal vom direkten Weg abzukommen und ein paar ausgelassene Schlenker zu unternehmen.Die Fahrbahn scheint es dem entschwundenen Fluss gleichzutun, wird schmaler, gewundener und führt mich durch dunkle Wälder zur Straße nach Kobling, wo ich erneut auf die Donau treffe, die sich hier nur mit einer Fähre überqueren lässt. »I komm scho.« Fährmann Helmut Holl, der seit 48 Jahren die Donaufähre von Kobling nach Obermühl betreibt, eilt herbei, schmeißt den Schiffsdiesel an, winkt mich an Bord und nimmt Kurs aufs gegenüberliegende Ufer, wo breits eine Gruppe Radler wartet. Seine besten Kunden, wie er mir während der Überfahrt vom Innviertel ins Mühlviertel verrät. Im Sommer sei er täglich bis zu elf Stunden in »Fährbereitschaft«.Kaum am anderen Ufer angelangt, werden die Duke und ich wieder von einer Unzahl von Kurven verwöhnt. Der Weg führt an der Kleinen Mühl entlang, die gemeinsam mit der Großen und der Steinernen Mühl dem Mühlviertel seinen Namen gegeben hat. Nach einem Schlenker über Untermühl und Neufelden erreiche ich über einsame Waldsträßchen den verschlafenen Ort Hühnergeschrei. Beim Anblick des Ortschildes muss ich schon ein wenig schmunzeln. Zumal, als ich gleich darauf die »American Bar« entdecke. Ein Hauch von Las Vegas im Nirgendwo.Tatsächlich geht’s noch einsamer. An der nahen Grenze zu Tschechien kapituliert das sanft gewellte Hügelland mit seinen Streuobstwiesen und Feldern vor dem schroffen Hauptgebirgskamm des Böhmerwaldes – einer Barriere mit bis zu 1400 Meter hohen, dicht bewaldeten Gipfeln, die düster und geheimnisvoll wirkt. Auf einer Forststraße gelange ich zu dem auf etwa 1000 Meter Höhe gelegenen Aussichtsturm Moldaublick, von dem man knapp über Baumgipfelhöhe Wald bis zum Horizont und natürlich die Moldau erspäht. Irgendwo lugt eine Kirchturmspitze aus dem Dickicht und vermittelt die leise Ahnung einer Ortschaft. Ansonsten nichts als Grün.Nach den einsamen Forststraßen im Böhmerwald kommt mir die Geschäftigkeit von Freistadt gerade recht. Schon von weitem lockt die kleine Bilderbuchstadt mit ihrer mittelalterlichen Stadtmauer, ihren Türmchen, Erkern und Toren, und wenig später manövriere ich die Duke durch die engen Gassen des historischen Stadtkerns. Über Kopfsteinpflaster geht es an Patrizierhäusern und Arkadenhöfen vorbei zum Marktplatz. Wären da nicht Boutiquen und Eiscafés, man könnte glauben, man befände sich auf einem Trip in die Vergangenheit. Selbst die Straßennamen erinnern an die Geschichte der mittelalterlichen Handelsstadt: Eisengasse steht da zu lesen, Samtgasse und natürlich Salzgasse.Auf dem Weg nach Osten scheint es, als habe sich die Gegend seit den Zeiten des Salzhandels nur unwesentlich verändert. Hin und wieder taucht ein Gehöft auf, ansonsten führt das holprige Asphaltband durch schier lückenlose Waldeinsamkeit. Über den mit 1058 Meter höchsten Pass Oberösterreichs kurve ich nach Liebenau, dann führt die Strecke ins Tanner Moor. Eine rauhe Gegend, die den Eindruck erweckt, als sei hier außer Fuchs, Dachs und Mooreule niemand zu Hause. Nebel wabert um die Fichten am Fahrbahnrand, klamme Kälte kriecht in den Jackenkragen. Wer die Zivilisation weit hinter sich lassen will, ist hier genau richtig.Als nach Süden zur Donau hin die Straßen wieder breiter und übersichtlicher werden, verfällt auch die KTM in ungestümen Kurvenrausch. Im Augenwinkel huschen Granitfelsen vorbei, die wie versteinerte Kobolde aus den Wäldern lugen. Erschöpft von viel zu vielen hastig abgespulten Kilometern rolle ich schließlich auf den Stadtplatz des Donaustädtchens Grein, setze mich auf die Terrasse der »Kaffesiederei Blumensträußel« und lausche dem Klaviergeklimper aus dem alten Stadttheater und dem Geplätscher des Springbrunnens. So friedlich wie jetzt ging es im Strudengau nicht immer zu. Der romantische Donauabschnitt war bis zum Bau der Staustufe bei Ybbs gespickt mit gefährlichen Wirbeln und Strudeln, in denen nicht wenige Flösse und Boote untergegangen sind. Prominenteste Opfer: Kaiserin Elisabeth, die 1854 an dieser Stelle kenterte, während sie als Braut auf dem Weg nach Wien war. Seit gut 50 Jahren präsentiert Grein statt Strudel im Wasser allerdings nur noch Strudel auf dem Teller.Nach dem dritten leckeren Stück mache ich mich endlich wieder auf den Weg. In rasanter Fahrt geht es donauaufwärts nach Linz. Ein Abstecher zum Pöstlingberg muss sein, denn der bietet einen grandiosem Blick über die oberösterreichische Landeshauptstadt. Dann fahre ich abermals an der Donau entlang, an pittoresken Seilfähren, Schlössern und einsamen Kiesbuchten vorbei. Verlockend. Doch der Abend naht und die Devise lautet: keine weiteren Zwischenstopps.Bei Ried im Innkreis schwinden die guten Vorsätze dahin. Kurz entschlossen schwenke ich von der B 148 nach Mettmach und kurve von dort auf zum Kobernaußerwald. Auch wenn die Sonne jeden Moment am Horizont zu verschwinden droht, einen letzten Schlenker durch das dünn besiedelte Hausruckviertel möchte ich mir heute noch gönnen. Innviertel, Mühlviertel, Hausruckviertel – erst drei Viertel ergeben den richtigen Takt. Der österreichische Walzerkönig Johann Strauß hat das einst nicht anders gesehen.
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Infos (Archivversion)

Das Gebiet zwischen Donau, Inn und Böhmerwald kann zwar nicht mit alpinen Dimensionen aufwarten, an attraktiven Strecken herrscht hier dennoch kein Mangel.
AnreiseIn die beschriebene Region gelangt man am schnellsten auf der A 8, die von München nach Salzburg führt. Oder man peilt auf der A 3 Passau an. Beide Städte eignen sich gut als Ausgangspunkt für die Tour, die in Braunau am Inn startete. In Österreich herrscht auf den Autobahnen Vignettenpflicht. Eine Jahresvignette für ein Motorrad kostet 29 Euro; eine Wochenvignette, die zehn Tage gültig ist, schlägt mit 4,30 Euro zu Buche.ÜbernachtenIn Österreich findet sich in jedem Ort eine Pension oder ein Hotel. Empfehlenswert ist ein Aufenthalt bei den »Bikerwirten«, einem Zusammenschluss von besonders motorradfreundlichen Gastwirten und Hoteliers, die sich in der Broschüre »Traum-Bikertage« vorstellen. Diese Broschüre und weitere Infos über Oberösterreichs erhält man bei der Tourismusregion Innviertel-Hausruckwald, Bayrhammergasse 6, A-4910 Ried im Innkreis, Telefon 0043/7752/87207, sowie unter www.tiscover.com.Zu den »Bikerwirten« gehört der Landgasthof Stranzinger in Mettmach, Telefon 0043/7755-7252, wo für eine Doppelzimmer inklusive Frühstük ab 24 Euro zu zahlen sind. Ebenfalls ein »Bikerwirt«: die Pension »Zum Dorfwirt” in Liebenau, Telefon 0043/7953/247; Internet: www.tiscover.com/dorfwirt-rockenschaub. Hier kostet eine Übernachtung samt Frühstück 21 Euro.SehenswertWer sich für die Geschichte der Donauschifffahrt interessiert, sollte sich Schifffahrtsmuseum in Grein anschauen. Sehr sehenswert sind auch die spätbarocke Stiftskirche, die umfangreiche Bibliothek und die moderne Vinothek im Augustiner Chorherrenstifts Reichersberg. Hier finden auch Bikerwallfahrten statt. Die Termine erfährt man unter Telefon 0043/7758/23130 sowie im Internet unterwww.stift-reichersberg.co.atLiteraturEinen guten Überblick über die Region verschafft der HB-Bildatlas »Oberösterreich« für 8,50 Euro. Ende April erscheint ein weiterer MOTORRAD-Reisefüher aus der Edition Unterwegs: in »Österreich« finden sich sieben reich bebilderte Tourenvorschläge von Sylvia Lischer und Gerhard Eisenschink, die auch diese Geschichte produziert haben. Für 16 Euro im Buchhandel oder zu bestellen im MOTORRAD-Shop, Telefon 0711/182-2424; www.motorradonline.de. Als Landkarte empfiehlt sich die Generalkarte Österreich, Blatt 1 »Niederösterreich, Oberösterreich« von Mairs Geographischer Verlag im Maßstab von 1:200 000 für 6,50 Euro. Ein weiterer Tipp ist die »Bikerkarte Österreich« im Maßstab von 1:200 000 für sieben Euro. Auf diesem Blatt sind neben Tourenvorschlägen auch diverse Übernachtungstipps und Sehenswürdigkeiten verzeichnet. Erhältlich ist die Karte bei der Tourismusregion Innviertel-Hausruckwald (Adresse siehe unter »Übernachten«).Gefahrene Strecke: 500 KilometerZeitaufwand: zwei Tage

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