Oman (Archivversion) Wüste light

Wüstenfans suchen neue Möglichkeiten. Nachdem politische Unruhen und Terrorgruppen Reisen in die Sahara für Individualisten zunehmend schwieriger machen, bietet die benachbarte arabische Halbinsel attraktive Alternativen. Beispielsweise im Sultanat Oman.

Es ist schon fast dunkel, als wir Jebel Ali, den Freihafen südlich von
Dubai, verlassen können. Noch wenige Kilometer bis zur Grenze des Omans, unserem eigentlichen Reiseziel. Die Einreise schaffen wir
heute nicht mehr, also rollen wir abseits der Straße die Schlafsäcke aus,
genießen die erste Nacht unter dem sternenklaren Himmel der Wüste. Wir,
das sind neben Petra und mir auf einer steinalten R 100 GS noch Frank,
ebenfalls BMW, Jürgen auf einer KTM LC4 sowie ein befreundetes Ehepaar
mit Suzuki DR 350 und DR-Z 400.
Die Einreise ist unkompliziert, das Visum gibt’s für wenige Euro an der
Grenze, und schon bald brummen wir in Richtung des Golfs von Oman. Auf einer Piste, die weder in der Karte noch im Reiseführer verzeichnet ist, zweigen wir bei Shinas in die Berge ab. Das zunächst hügelige Gelände wird immer gebirgiger, bis die Piste unvermittelt an einem Steilabbruch endet. Dort finden wir einen wunderbaren Lagerplatz auf einem kleinen Plateau oberhalb eines Bachlaufes. Gegenüber liegt ein Palmenhain, dahinter ein Dorf.
Zurück am Meer, beschließen wir übermütig, in Strandnähe weiterzufahren. Keine gute Idee, wie wir bald merken. Denn unter einer dünnen, harten Lehmschicht verbirgt sich grundloser Schlamm, in den wir urplötzlich bei 60 km/h einbrechen. Ein Sturz ist das Ergebnis dieser blödsinnigen Aktion, aber er bleibt zum Glück folgenlos. Ein Autowäscher muss uns später samt Mopeds vom dick verkrusteten Dreck befreien. Bei Sohar verlassen wir erneut die Küstenebene und orientieren uns bei Yanqul Richtung Gebirge. Einheimische mit beladenen Kamelen trotten vorbei, und ein alter Bauer zeigt uns stolz den ganzen Ort und dessen Bewässerungssystem. Hier gibt sogar zwei Kanäle – einen für kaltes
und einen für warmes Wasser.

Als wen ig später der Anlasser meiner BMW streikt, entscheiden wir,
die 200 Kilometer nach Nizwa auf der Hauptstraße durchzufahren und dort per Paketdienst das Ersatzteil aus Deutschland zu ordern. In drei Tagen soll es in der Hauptstadt Muscat eintreffen. 250 Euro Transportpreis – für ein Päckchen in der Größe eines Schuhkartons. Als Entschädigung
ist in Nizwa wenigstens gerade Markttag. Wie im gesamten Oman tragen fast alle traditionelle Kleidung, sowohl Männer als auch Frauen. Kühe, Ziegen und Schafe werden ausgiebig begutachtet, uns Touristen nimmt man nur am Rande zur Kenntnis.
Kickstartend geht es am nächsten Tag zum Djebel Shams, mit 3009 Metern der höchste Berg des Oman. Gegenüber des Gipfels führt eine Piste in steilen Serpentinen auf ein 2000 Meter hohes Plateau. Kühl und frisch weht der Wind hier oben, doch der Ausblick vom Rand des Plateaus, das fast 1000 Meter senkrecht abfällt, ist grandios. Noch extremer wird es am Djebel Akhdar, einem militärisch genutzten Gebiet, für das in Birkat al Mauz eine Genehmigung beantragt werden muss. Unkompliziert, aber zeitaufwendig. Auf 2000 Metern herrscht dort ein mediterran-mildes Klima, das sogar Walnüsse, Mandeln, Aprikosen und Rosen an den extrem steilen, terrassierten Hängen gedeihen lässt.
In Muscat interessiert uns zunächst nur der Anlasser. Tatsächlich ist er eingetroffen, und so quartieren wir uns in einer schönen Bucht nahe dem Omani Dive Center zum Schrauben, Baden und Tauchen ein. Petra hat das Glück, beim Schnorcheln eine Wasserschildkröte begleiten zu können.
Mit wieder intakter Elektrik brechen wir nach Süden auf, fahren auf einer guten Piste am Meer entlang, die immer wieder von Flussbetten gekreuzt wird. Ins enge Wadi Shab begeben wir uns zu Fuß auf Erkundungstour. Eine paradiesische Szene tut sich auf, Gärten mit üppiger Vegetation prägen das von steilen Felswänden umklammerte Tal. Das breitere Wadi Tiwi ist sogar befahrbar, wir kreuzen mehrfach den Flusslauf, passieren einige Dörfer. Gegen Ende wird die Piste zunehmend schwieriger, steile Auf- und Abfahrten fordern volle Konzentration. Der Kontrast zwischen reichem Grün im Tal und der wüstenhaften Umgebung fasziniert uns völlig.
Nach diesem Abstecher geht es auf direktem Südkurs Richtung Dhofar Gebirge nahe der Grenze zum Jemen. Zwei Tage führt die Route durch eine Kiesebene, die an Monotonie kaum zu überbieten ist – die andere Seite der Wüste. Das Dhofar bildet kein Gebirge im eigentlichen Sinne, sondern eine Hochebene mit tief eingeschnittenen Tälern, die nach Süden steil abfallen. Erst 1989 wurde es durch eine Straße erschlossen, zuvor war die Region nur schwer erreichbar. Vor Mughsayl fällt die Strecke 500 Höhenmeter in Serpentinen fast senkrecht an der Felswand zum Wadi Afawl hinab. Dahinter breitet sich die sechs Kilometer breite Bucht von Mughsayl aus: weißer Sandstrand, eingerahmt von schwarzen, hoch aufragenden Klippen. In einer abgetrennten Lagune entdecken wir Flamingos und Reiher. Der sommerliche Monsunregen verhilft der Region zu geradezu tropischer Vegetation, und in Salalah bietet nahezu jedes Café frisch gepresste Säfte an, deren Früchte von den Mango-, Papaya- und Bananenplantagen der Umgebung stammen. In den Bergen östlich der Stadt grasen Rinder einträchtig neben Kamelen, und im nahen Mirbat gedeihen Baobab-Bäume, die ansonsten in Afrika heimisch sind. Wie diese hierher geraten sind, weiß keiner so genau.
Für den weiten Weg zurück nach Norden wählen wir zunächst eine Nebenstraße nahe der Küste über den Gebirgszug Jebel Quara. Bis auf Höhe der Wasserscheide sorgt der Sommermonsun für dichte Vegetation, danach reflektiert nur noch weißer Kalkstein gleißend das Licht. Auf einer Piste stauben wir in das Wadi Ayoun, bis am Ende der Geröllstrecke tief unter uns ein lang gezogener, dunkelblauer See funkelt, umsäumt von Schilf und den dahinter fast senkrecht emporsteigenden Felsen der Schlucht.

Bei Marmul erreichen wir das Erdölzentrum des Oman. Der Asphalt geht bald in eine Wellblechpiste über, und zahllose Abzweige zu den Ölanlagen machen die Orientierung schwierig. Auf ödem Wellblech schütteln wir uns zur Küste durch, und erst ein spektakulärer Steilabstieg bringt dort wieder Leben in die Sinne. Unten empfängt uns das Wadi Shuwaymiyah,
ein zunächst weites Tal, das sich zu einer wilden Kreideschlucht verengt und schließlich an einem kleinen, palmenumrandeten Bassin mit Wasserfall endet – die schönste Stelle der Reise.
Die Route nach Norden – diesmal auf einer wechselnden Teer- und Pisten-Mischung in Küstennähe – ist genauso ereignislos wie der Hinweg. Einen Lichtblick bildet allenfalls die Halbinsel Ras Madrakah mit ihren Kontrasten aus wei-
ßem Sand, schwarzem Vulkangestein und dem blau spiegelnden Meer. Erst mit der Wüste Wahaybah Sands wird es wieder spannend. Da die Offroad-Erfahrung in unserer Gruppe gut harmoniert, nehmen wir zuversichtlich die 250 Kilometer lange Strecke unter die Räder. Via Wellblech geht es zunächst durch ein weites, von vielen Nomaden bevölkertes Tal, danach querfeldein über eine weißsandige, von Kamelgrasbuckeln durchsetzte Ebene. Glücklicherweise ist der Sand fest
genug, um im ersten Gang vorsichtig zwischen den Höckern hindurchzirkeln
zu können. Trotzdem fordert es volle Konzentration und auf Dauer viel Energie. Leichter wird es erst nachmittags, als wir eine Gegend mit rotem Sand und
weißen Dünengürteln erreichen. Unter ein paar Akazien schlagen wir die Zelte auf, genießen eine Nacht in echter Sahara-Stimmung.

Tags darauf gilt es, einen Dünengürtel quer zu überwinden, bevor wir in ein Tal mit wieder längs aufgereihten Dünenzügen gelangen. Ab dort ist auch die Piste wieder erkennbar, aber nur als tief ausgefahrene Sandspur. Wir halten uns daher an den seitlichen Dünenhängen, wo Kamelgras für mehr Stabilität sorgt. Die Berge der Hajar-Mountains am Horizont sind das erste Zeichen, die Straße bei Mintarib das letzte – die Wahaybah Sands ist bewältigt.
Nach einer Pause in Al Mudaybi, zwischen den befestigten Häusern und Wehrtürmen im alten Stadtkern, erreichen wir nördlich von Ibra wieder das Gebirge, tauchen erneut ein in das Abenteuergebiet aus wilden Pässen, Wadis mit Flussdurchfahrten, frei laufenden Ziegenherden – und den beeindruckend freundlichen Bewohnern entlang der Strecke. Zwischen Majis und Al Ain entdecken wir einen verlassen wirkenden Palmhain als Nachtlager. Eine schöne Lichtung mit glasklarem Wasser ist schnell gefunden. Erst
als ein alter Oasenbauer auftaucht, realisieren wir, dass dieser Ort doch bewohnt ist. Aber wir dürfen gerne campen, und die Idee,
in kleinen Iglu-Zelten zu schlafen, gefällt ihm. Unser Kaffee trifft dagegen nicht seinen Geschmack. Dass die Menschen weltweit ähnliche Sorgen umtreiben, erfahren wir,
als er vom Geschäft erzählt. Wie deutsche Bauern über die Milchquote klagt er über
die Dattelpreise.
Fast sind wir wieder an unserem Ausgangspunkt an der Grenze der Vereinten
Arabischen Emirate angelangt, nahe dem Grenzort Al Buraymi. Doch statt westlich nach Dubai zu fahren, gehen wir auf Nordkurs. Um nach einer kurzen Transitpassage durch die Emirate wieder
auf omanisches Terrain einzureisen: auf der Halbinsel Musandam, einer Exklave. Prompt kollabiert dort unmittelbar vor einem Straßenbauarbeitercamp die zweite BMW. Kardanbruch an Franks Maschine obwohl extra für die Tour erneuert!
Die chinesischen Bauarbeiter jedenfalls freuen sich über die Abwechslung,
reichen Essen und Tee beim Schrauben und staunen, dass Deutsche mit Ersatz-Wellen im Gepäck reisen.

Hinter Ras al Khaymah endet im Wadi Kab Shams der Asphalt, das
Tal wird enger, misst irgendwann lediglich fünf Meter lichte Weite zwischen den senkrecht aufsteigenden Felswänden. Natursteinhäuser kleben wie Schwalbennester an den Hängen und bilden die Behausungen der Gebirgsnomaden. Am Talende schraubt sich ein letzter steiler Pass in engen Serpentinen 1000 Meter in die Höhe, um einen herrlichen Ausblick auf die umliegenden Berge und tiefe Schluchten darzubieten. Bis Khasab an der Nordspitze ist nun nur noch Fahrspaß angesagt. Kurven aller Radien wechseln sich auf hervorragendem Straßenbelag ab, flankiert von den steil aufragenden Hajar-Bergen und azurblauem Meer, auf dem Delphine springen und Dhauboote schaukeln. Wir haben nicht nur den höchsten Norden, sondern auch das
Maximum des Oman erreicht.

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