Organisierte Motorradreisen Nicht nur für Lemminge

Je knapper die Zeit und je stressiger der Job, umso wichtiger die Fluchtwege. Organisierte Motorradreisen liegen im Trend. Wir nennen Ihnen nicht nur die wichtigsten Veranstalter und Ziele, sondern erklären auch, wie Sie die richtige Tour finden.

Foto: Johann
+++ MIT DOWNLOAD DER ANBIETER-ÜBERSICHT +++ Vermutlich gehören Sie zu der überwältigenden Mehrheit der MOTORRAD-Leserinnen und -Leser, die nie – niemals – an einer organisierten Reise teilnehmen würden, oder? Schlechtes Essen, Zimmer zur Straße und immer nur im Pulk durch die Gegend schnecken – nein, danke. Außerdem hätten Sie das alles viel besser und vor allem billiger hinbekommen. Doch halt: Wie gehen Sie auf Tour? Allein? Mit den Kumpels, der Familie? Wohin und wie lange? Und wieso lesen Sie das hier eigentlich? Schlummert vielleicht doch in irgendeiner vergessenen Bewusstseins­ecke der Wunsch nach dem ganz beson­deren Trip? In den Himalaja, die Wüste Gobi oder ans Kap Hoorn? Was komplett Verwegenes? Na? Bei näherer Betrachtung entpuppt sich das tolle Ziel dann aber oft als eines, das auf eigene Faust für Otto-Normal-Biker kaum erreichbar ist. Weil man keine Zeit für die Organisation hat, kein rechtes Moped, keine Reisegefährten, sich einfach nicht traut. Oder alles auf einmal.

In der Tat gibt es zur organisierten Tour in manchen Gegenden der Welt kaum Alternativen. Das beginnt beim auf­­wendigen Biketransport, bei zeitraubenden Grenzformalitäten, unverständlichen Sprachen und Wegweisern. Und endet bei Ländern wie China oder manchen Sahara-Staaten, die Motorrad-Individualreisenden komplett den Zugang verwehren.

Veranstalter organisierter Reisen versprechen, die ganzen Unannehmlichkeiten zu übernehmen. Ankommen, aufsitzen, losfahren und abends ins reservierte Hotelbett fallen. Geselligkeit inklusive. Das ist in etwa der Ablauf bei Reisezielen in touristisch unkomplizierte Regionen wie Europa, Neuseeland, Kanada und die USA. Diese Länder wären dank verfügbaren Mietmaschinen und guter touristischer Infrastruktur eigentlich problemlos auf eigene Faust ­zu bereisen. Was also kann einen dazu veranlassen, bei solchen Zielen trotzdem eine organisierte Tour zu buchen?

Beispielsweise der Wunsch, Route ­und Highlights nicht selbst ausarbeiten zu müssen. Etwa aus Mangel an Vorbereitungszeit. Oder weil allein zu reisen einfach keinen Spaß macht und Freunde oder Partner nicht ins Boot zu kriegen sind. Oder man die Landessprache nicht beherrscht und sich dadurch unterwegs unwohl fühlt. Entscheidend für echten Gruppenspaß ist, vor der Buchung seine Erwartungen genau zu formulieren. Und die Angebote daraufhin abzuklopfen. Es kommt nämlich nicht nur darauf an, einen guten Veranstalter zu finden, sondern auch das optimale Angebot für die individuellen Ansprüche. Die Fragen in unserer Checkliste oben helfen, das optimale Leistungspaket zu schnüren. Wer sich vor der Buchung mit den Veranstaltern über diese Fragen unterhält – was gerade bei längeren Reisen unbedingt zu empfehlen ist –, findet schnell heraus, wo sich die eigenen Vorstellungen wiederfinden. Und wo nicht. Bauchgefühl beachten!

Je exotischer das Ziel, desto bedingungsloser ist der Reisende später auf den Veranstalter und dessen Team vor Ort – idealerweise eine Crew aus deutschen und einheimischen Reisebegleitern – angewiesen. Die Fragen der Checkliste bekommen umso größere Bedeutung. So sind Freiräume wie unabhängiges Fahren meist nicht mehr möglich, die Gruppe wird deutlich bestimmender. Kommt man mit dem Leihmotorrad nicht zurecht, sind Alternativen kaum zu organisieren. Empfindet man die Strecken zu schwer oder zu lang, kann nicht einfach auf eigene Faust abkürzt werden. Strecken, die in Europa als ausgewiesenes Enduro-Terrain gelten würden, fungieren in Asien, Afrika oder Südamerika oft als Haupt­straßen. Deshalb sind realistische Vorstellungen sowie entsprechendes Training im Vorfeld unabdingbar für schöne Reise­­erlebnisse. Kompetente, auskunftsfreudige Ansprechpartner sind bei solchen Reisen eine Grundvoraussetzung. Kommen bereits im Vorgespräch Zweifel auf, sollte man eine Buchung dreimal überlegen.

In unserer Übersicht (siehe Download) – die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt – aus 128 Anbietern überwiegend aus dem deutsch­sprachigen Raum wird sich sicher auch eine Reise finden, die Ihren Vorstellungen entspricht. Schmökern Sie doch mal. Und vielleicht ist so ein Trip ja gar nicht so öde, wie Sie immer dachten.

 

 

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Checkliste für organisierte Trips

Um die optimale Reise zu finden, müssen zunächst die eigenen Bedürfnisse ermittelt werden. Und dann gilt es, die Angebote abzuklopfen. Und das Kleingedruckte nicht zu übersehen.

- Will ich einfach nur schön Motorrad fahren, egal wo? Oder ein bestimmtes Land per Bike erleben? Egal auf welchen Strecken oder Maschinen.

- Wie viel individuellen Spielraum lässt die Reiseleitung unterwegs zu? In unkompliziert zu bereisenden Ländern kann man sich auch mal von der Gruppe absetzen und nach eigenem Plan ins abendliche Etappenziel fahren.

- Manche Veranstalter bieten freie Fahrt per Roadbook-Navigation an. Will ich so etwas?

- Entsprechen die angesteuerten Sehenswürdigkeiten meinen Vorstellungen?

- Bei Touren mit Mietmaschinen: Welche Typen stehen zur Auswahl? Sind Sitzhöhe und Gewicht okay? Eventuell beim heimischen Händler ausprobieren.

- Welche fahrerischen Ansprüche stellt die Strecke? Wer ständig an seiner Leistungsgrenze entlangjongliert, hat weniger Spaß und höheres Risiko. Vor Alpentrips tut ein Sicherheitstraining gut, vor Touren mit hohem Schotteranteil erhöht ein Endurotraining den Spaßfaktor enorm. Und zwar auch bei "anfängertauglichen" Strecken.

- Wie groß sind die Gruppen? Zehn Motorräder gelten als Obergrenze.

- Wie umfangreich ist die Fahrzeit? Wann wird morgens zum Beispiel gestartet und abends das Ziel erreicht? Achtung bei Streckenlängen: 300 Kilometer sind auf einem amerikanischen Highway schnell abgespult, in den Alpen oder gar auf Schotter dagegen ein langer Tag.

- Und last, not least: Was ist alles im Reisepreis enthalten? Flug? Benzin, Eintrittsgelder, Spezial-Events? Für echte Vergleiche genau hingucken.



Rechtliche Lage

Keiner will davon ausgehen, dennoch kann es passieren – die Tour wird zum Flop. Damit es möglichst gar nicht so weit kommt, lässt sich einige Vorsorge treffen. Und wenn's unterwegs trotzdem kriselt, gibt's hier die Tipps vom Anwalt.

- Vorher möglichst genau über den Veranstalter informieren. Mit wem mache ich den Vertrag, und wie sieht der genau aus? Bei Internet-Anbietern liefern Homepage und Impressum die Grundlage. Wann war die letzte Aktualisierung? Ist nur ein Postfach und eine Handynummer auszumachen – Vorsicht. Ebenso bei Bankkonten, bei denen der Kontoinhaber vom Firmennamen abweicht.

- Firmensitz beachten. Danach richtet sich der Rechtsstand. Ein Anbieter in Bangkok zum Beispiel untersteht thailändischem Recht.

- Reisesicherungsschein fordern. Jeder Anbieter ist gesetzlich verpflichtet, ihn auszustellen. Diese Versicherung trägt sorge, dass dem Kunden bei einer Insolvenz des Veranstalters keine Kosten entstehen. Im Klartext: Sie bleiben dann nicht vor Ort auf den Kosten von Hotel, Mietmotorrad oder Flug sitzen. Ohne Sicherungsschein – Finger weg!

- Tourbeschreibung vor Reiseantritt genau studieren. Je präziser diese ausfällt, desto mehr hat man sicher in der Hand. Sätze wie "mit etwas Glück erreichen wir den xy-Pass", bieten keine Handhabe, wenn’s dann ausfällt. Bei definitiver Ankündigung muss der Veranstalter Ersatz leisten.

- Mängel direkt vor Ort reklamieren und nicht erst zu Hause. Der Reiseleiter muss die Chance haben, für Abhilfe zu sorgen. Tut er es nicht: Mängel dokumentieren.

- Versicherungen: Auch bei organisierten Reisen Auslandsreisekrankenversicherung und Schutzbrief mit Rückholservice abschließen. Reiserücktrittskosten-Versicherung gegen Stornogebühren überlegen.

- Wenn Leihmotorräder zum Einsatz kommen: Wie sind die Motorräder versichert und mit welcher Deckungssumme? Wie hoch ist die Selbstbeteiligung bei Kasko-Versicherungen? Kann bis zu 2000 Euro betragen, aber gegen Bares reduziert werden.

- Leihmotorräder vor Tourantritt auf einer kurzen Proberunde prüfen. Sind wesentliche Dinge wie Reifen, Bremsen, Kupplung, Beleuchtung oder Motorleistung okay? Vor Ort kann der Veranstalter oft noch für Abhilfe sorgen, unterwegs meist nur noch reparieren. Eventuelle Vorschäden gemeinsam mit dem Vermieter/Veranstalter dokumentieren.

 

 

Die Psychologie der Gruppe

Auch ausgeprägte Individualisten können mit ein paar Grundregeln eine Gruppenreise stressfrei genießen.

- Trotz Reiseleitung umfassend über Route und Reiseland informieren. Landkarte und Literatur schaffen vor allem in exotischen Ländern die nötige Unabhängigkeit und "Spielübersicht". In der Vorbereitungsphase helfen sie, sich optimal auf die Bedingungen einzustellen (z. B. Klima/Kleidung, Geld, Essen, allgemeine Lebensbedingungen) und späteren Frust zu vermeiden.

- Einzelzimmer statt der meist üblichen Doppelzimmer überlegen. Der Aufpreis für ein wenig Privatsphäre kann sich lohnen.

- Nicht alles muss zwingend gemeinsam gemacht und nicht jede Sehenswürdigkeit im Team erkundet werden. Hier für persönlichen Freiraum sorgen, sofern die Landesbedingungen dies zulassen.

- Auf Rasttage achten und die gezielt gestalten.

- Hauptkonfliktpunkt auf Gruppenreisen ist das Tempo: Vorher erkundigen, wie individuell gefahren werden darf. Wenn immer Gruppe angesagt ist, muss das Tempo am Schwächsten orientiert werden.

- Schwächere Fahrer können in Gruppen schnell unter Druck geraten. Vor allem bei Offroad-Touren. Deshalb vorab genau erkundigen und ehrliche Selbsteinschätzung gegenüber dem Veranstalter zeigen. Wenn's unterwegs doch schwierig wird: offen mit dem Reiseleiter sprechen.

- Frauen haben bei Gruppenreisen meist deutlich weniger Stress, wenn noch andere Teilnehmerinnen dabei sind. Vorher erkundigen.

- Last not least: sich einlassen. Nicht von vorneherein Widerstände aufbauen. Und vielleicht ganz neue Gefühle von positiver Gruppendynamik und Gemeinschaftsgeist erleben. Etwas Abenteuerlust und Bereitschaft, sich auf andere Menschen, Länder und Umstände einzulassen, muss sein.

- Bei aufwendigen Fernreisen den Veranstalter um Informationsaustausch mit Ex-Teilnehmern bitten. Seriöse Anbieter werden dies arrangieren.



Reisetipps im Netz


Reiseforen können eine wertvolle Hilfe bei der Suche nach dem richtigen Veranstalter sein. Hier ein paar interessante Adressen:

www.fernwehforum.de
www.motorradkarawane.de
www.motorradonline.de

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