Osteuropa (Archivversion) Grenzwert

Europa im Wandel: Die EU-Grenze wurde in den vergangenen Jahren deutlich in Richtung Osten verschoben. Zwei Motorradfahrer sind dem neuen Verlauf vom Mittelmeer bis zur Ostsee fast 4000 Kilometer weit gefolgt. Nach den südlichen Staaten geht’s im zweiten Teil der Reise durch Polen, Litauen, Lettland und Estland.

Welcome in Kaczynski-Country. Das durch die Zwillingsbrüder an der Regierungsspitze zuletzt im Westen etwas in Misskredit geratene Land zeigt sich auf der 897 nach Cisna von seiner schönsten Seite. Bodennebel verwandelt die dünn besiedelten, bis zu 1300 Meter hohen Beskiden in ein Reich der Feen und Elfen. Irgendwo gleitet selbstvergessen eine Skaterin über die Dorfstraße, Pferdewagen wirken eher folkloristisch als ärmlich, und vor einem adretten Einfamilienhäuschen steht statt Gartenzwerg ein lebensgroßer Woytila. In Samok gibt’s noch ein Zimmer in der Herberge Dom Turysty. Die besseren Hotels sind schon alle belegt – Aufschwung Ost am Standort der Omnibusfabrik AutoSan. Und nie zu vergessen der Alptraum, der am 1. September 1939 mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen begann ...

6. Tag, Sanok – Chelm, 372 Kilometer

Gute Gelegenheit zur frühsportlichen Bearbeitung von Reifenflanken und Stiefelspitzen bietet die Straße von Sanok nach Przemysl. Besinnungspause dann in Zamosc. »Die Stadt aus dem 16. Jahrhundert zeigt, wie stark sich die polnische Intelligenz und Herrscherklasse trotz der Nähe zu Russland in ihren Ideen von Italien inspirieren ließen«, weiß der Reiseführer. Auf dem Tisch Lasagne und Cappuccino, dahinter die weitläufige Piazza mit ihrem zartrosa getünchten Rathaus, eines der am meisten fotografierten des Landes. So auch von einer Mädchenklasse aus Tel Aviv, die eine Studienreise durch Polen macht, Thema Holocaust. »Where are you from«, fragt mich ein Lehrer mit der traditionellen Kippa auf dem Kopf und schluckt, wenn auch kaum merklich, bei der Antwort. Seine Schäfchen posieren derweil ausgelassen zum Gruppenbild für den Fremden in der schwarzen Lederhose. Lachende Augen, blitzende Zahnspangen, fröhliches Geschubse. Erinnerung an meinen Besuch vor drei Wochen in Auschwitz, an die Baracken mit ihren Fotowänden voller Portraits von Frauen, die von den Nazis vergast worden sind.
»Your driving licence and documents please.« Trotz mattgrauer Tarnkappenbomberlackierung ist die V-Strom dem Radarstrahl in die blitzende Falle geflogen. Mit 76. Erlaubt sind 30, obwohl Strzyzów doch längst zu Ende war; und woo soll das Schild gestanden haben? 200 Zloty (50 Euro) sind weg – bei uns wäre es für drei Monate der Lappen gewesen.
In Zosin Blinker links und dann nichts als Weite. Rechts der Bug, dahinter die Ukraine, irgendwann Kiev. Aus dem Wasser lugende Baumkronen, angepflockte Kühe, freifliegende Schnaken. Dazwischen wie eine rote Hummel die Transalp. Fast bis zum Horizont abgeerntete Felder, stoppelig wie eine Meckifrisur. Wenn da mal ernsthaft Getreide angebaut wird, kriegen woanders die Bauern graue Haare. Zusammen mit der gülden untergehenden Sonne erreichen wir Dorohusk, stoßen auf die E 373 Richtung Ukraine. Rechts eine lange Schlange Trucks, links daneben eine Budengasse, das Reich der kleinen Schmuggler. Kastenwagen, bestimmt voller Glimmstengel, einäugige Vehikel mit funzeligen 6 Volt, manche Autos nur noch zusammengehalten vom Glauben. Der allein hilft nicht immer: Auf einem abgesperrten Parkplatz glänzen, inzwischen mondbeschienen, M-Klasse, Cheyenne und Panda, letzterer vom Wachpersonal. Knapp 30 Kilometer weiter westlich finden Ross und Reiter in Chelm ein Quartier, das quadratisch praktische Hotel Kamena (400 Meter bis zur Altstadt).

7. Tag, Chelm – Druskininkai, 513 Kilometer

Gut, dass der hoteleigene Nightclub zu hatte, die Nacht lang genug war. Von Chelm aus geht es nach Wlodawa, ermüdend geradeaus durch den Wald. Eine gute Stunde Vollgas mit ‘ner Hayabusa, und man wäre schon fast in Minsk, der Hauptstadt von Weißrussland, wo mit Präsident Lukaschenko einer der letzten Despoten Europas regiert. So bleibt es beim Stop an der Grenze vor Brest. Die Karawane macht Pause. »Orchideen Rehbein« steht auf einem weißen Sprinter. 100 Meter weiter stehen an der Leitplanke andere Blumen, ob rehäugig oder nicht, ist hinter ihren Sonnenbrillen nicht zu erkennen.
Blinker rechts und mit Kurs Nord auf die 19. Bei Ryboly eine pastellig blau-grüne Holzkirche als Relikt aus einer anderen Welt, vor Bialystok eine bizarre Sammlung von Kotflügeln und Motorhauben, die wie Wäsche wohlsortiert auf Leinen hängen; ansonsten ein schier endloser Strom von 40-Tonnern, die fünfachsig über die Alleen donnern. Mitschwimmen - oder Messer zwischen die Zähne und die Tachonadel zucken lassen. Vielleicht auch ein Gedanke an Umgehungsstraßen, Autobahnen, Schienennetz. Nördlich von Augustow verlassen wir den Strom, schwenken ab auf die 16 zur litauischen Grenze bei Ogrodniki. Glitzernde Seen, im Gegenlicht die Silhouetten von Bäumen und Badenden. Ferienparadies Masurische Seenplatte. Die Stimmung steckt an, sogar die gute Transe, die mit besonders sanftem Punch durch die Botanik bei Bose blubbert. Den Tag ausklingen lassen, wo es am schönsten ist? Dann säßen wir wohl noch auf der Piazza von Zamosc.
Nach der Grenze ist es wie immer: ganz anders. Kaum hast du dich an die Struktur eines Landes gewöhnt, schon kommt die nächste. Jetzt also Litauen, der südlichste der drei baltischen Staaten. Gleich hinter Lazdijai geht’s los. Schotterpiste, karge Hügel, staunende Kinderaugen, das ist alles. Eine Täuschung. In der Dämmerung, wo sich weißrussische Hasen gerne mal verhoppeln, springen zwei neongrelle Signalwesten auf die Piste. Polizeikontrolle. Auf unsere Frage nach dem Warum nur vielsagendes Grinsen.
Dann inmitten von Kiefernwäldern Druskininkai, Kurort mit salzigen Minerawasserquellen und eine Insel der Sterne. Drei oder vier haben sie alle, die noblen Hotels, da kann man noch so lange mit den staubigen Enduros auf der Suche nach Alternativen durch die Nacht cruisen. »Do you want to dance with us. We are looking for men.« Die Mädels in Mini und Netzstrümpfen feiern Junggesellinnenabschied. Nüchtern sind sie nicht mehr, kein Wunder bei einer Stunde Alkoholvorsprung. Im Vergleich zu Polen ist’s im Baltikum schon eine Stunde später. Höchste Zeit, sich endlich für ein Zimmer zu entscheiden.

8. Tag, Druskininkai – Daugavpils, 358 Kilometer

»Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt ist wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.« Die Ärzte auf MTV, Samstagmorgen um 7:05 Uhr im Hotel Pusynas. Auf dem XXL-Flachbildschirm im Frühstückspalast die litauischen Basketballer im WM-Taumel. Wer nicht Beifall klatscht, hat am Buffet alle Hände voll zu tun: Sauerkrautsuppe und Heringe (oder natürlich auch anderes), da bleibt kein Magen leer. »Und noch ein Häppchen für Papa.« Auf der Terrasse sitzt eine schicke Kleinfamilie, nach der sich Werbeagenturen als Model für ihre Produkte die Finger lecken würden. Aber Papa hat schon einen guten Job, ist Richter in Vilnius.
Lebenslänglich für alle, die in der litauischen Hauptstadt Betonburgen und Blechlawinen zu verantworten haben. Aufmunternd schiebt sich uns aus der verdunkelten Kabine eines 735i, für den urbanen Infight zusätzlich an den Flanken beplankt, ein Unterarmgemälde entgegen und formt die beringten Finger zum Victory. Den V2 wird ganz warm ums Herz. In der Altstadt dann jede Menge Barock. Und Bräute. Ob am Kathedralenplatz oder vor der Philosophischen Fakultät - überall Hochzeitsgesellschaften. Hier verschwindet Aurelia mit ihrem Waldemar in einer Stretch-Limousine, dort lassen Jaunuju und Palyda noch etwas vom Ersparten über, steigen in einen bescheidenen Isuzu Bus. Irgendwo singt sogar jemand »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...«Auch sonst ist in Vilnius für jeden Geschmack was dabei, vom KGB-Museum bis zur Frank-Zappa-Büste.
Hunger. In Švencionys findet sich über einem kleinen Supermarkt mit dem Uzkandine Bistro zur Abwechslung mal was ganz alltägliches, ziemlich bunt und überhaupt nicht etepetete. Vorerst satt, gleiten wir auf der 102 in einen voll romantischen Sonnenuntergang. Und bei Zarasai hinein nach Lettland.
Düster ist es in Daugavpils, mit knapp 130.000 Einwohnern immerhin zweitgrößte lettische Stadt. Doch je dunkler die Stadt, desto heller das Blond und länger das Bein. Catwalk in the dark. Chronistenpflicht, kein Chauvispruch. Zimmersuche. »Flora D, kleines nettes Hotel im Stropi-Park«, steht als Lesertipp im Reiseführer. Hört sich gut an. Noch besser die 120 Dezibel von Andrés Vulkan und Janis‘ Drag Star. Die beiden Kamikaze lotsen uns durchs nächtliche Daugavpils, dass von den Druckwellen aus Thunderpipes und Fishtails keine Alarmanlage stumm bleibt. Flora D liegt dann ganz still in einem Wäldchen; und hat zwar Zimmer, doch nichts zum Essen. Das gibt’s erst ein paar hundert Meter weiter im Nahodka. Hoppala. Neben dem separierten Speisesalon – bisher beste Küche von allen – liegen Magic Room und Studio, wirklich magisch und mit der Möglichkeit, Tischtanz zu studieren. Dafür reisen sogar Kicker aus Liepaja an, das angrenzende Hotel Paparde ist ausgebucht.

9. Tag, Daugavpils - Tartu, 472 Kilometer

»Verbindungsstraßen können teilweise unbefestigt sein«, lesen wir vorfreudig. Pladder pladder, nicht das beste Wetter. Gelegenheit zum Einsauen bieten die 51 Kilometern von Kãrsava nach Vilaka, ein Großteil davon festgewalzte Piste. Ob die beiden Jungs am Straßenrand es je erleben werden, dass ihre Hausstrecke, die 45, mal asphaltiert wird? Immer dem 21-Zöller der Transalp folgend durchs Borderland. Auch wenn es an der russischen Grenze oft nicht so scheint: Die Zivilisation war schon da, hat ihr Revier mit Burnouts und Satellitenschüsseln markiert. Mit freundlicher Hilfsbereitschaft auch. An einer Tanke in Aluksne kopiert man uns schnell eine Detailkarte für den Weg nach Estland.
Wie sieht’s hier denn aus?! Gestutzte Hecken, Straßen breit ausgewalzt wie Landebahnen. Mit zwei Gischtwolken als Kondensstreifen düsen wir nach Tartu, wieder mal eine zweitgrößte Stadt im Lande. Punktlandung im »alten« Europa. Shoppingpalast, Gelenkbusse, Jeans statt Mini, Irish Pub mit Guinness für 3 Euro, Swiss Schnitzel, Public Viewing. Im Hotel Tartu neben finnischem Design leider auch Bodenseekaffee.

10. Tag, Tartu – Riga, 719 Kilometer

Noch 180 Kilometer bis nach Narva und der durch den gleichnamigen Fluss gebildeten Grenze zu Russland. Für den Feinschliff einer adäquaten Endurooptik sorgt der Umweg über Vaksnarva. 1000 schlammige Pfützen, aber nur fünf googelige Einträge - das Grenzdorf am Ufer des Peipsisees ist der ungeschminkte Nordostzipfel der neuen EU-Länder. Baumaterial vor der russisch-orthodoxen Kirche, eine freundliche ältere Frau mit zwei Brocken Deutsch (Mutter, Bremen) und drei Männer mit Plastikkanistern am Dorfbrunnen, that’s it.
War Piran (wir erinnern uns?) eine Bella Donna, ist Narva das Aschenputtel. Einziger Schmuck der im Zweiten Weltkrieg völlig zerstörten Stadt ist, abgesehen mal vom barocken Rathaus, die Hermannsfestung am Ufer der Narva. Auf der anderen Seite liegt die russische Burg Ivangorod, 120 Kilometer weiter St. Petersburg. Der Grenzverkehr an der Brücke tröpfelt so vor sich hin, den LKW-Strom hat man zuvor schon abgezweigt. Ans Dach der Abfertigungsanlage werden heute die gelben EU-Sterne geschraubt. Die Grenzer kontrollieren gründlich, öffnen Motorhauben, als sei darunter wie zu Zeiten eines Moskwisch 412 Platz für säckeweise Schmuggelgut. Was kaum jemandem aufzufallen scheint, ist ein schwarzer Panzerkreuzer ohne Kennzeichen, der aussieht wie’n fabrikneuer 600er Benz, aber am Heck das Typenschild S 700 trägt, als sei Produktpiraten in Fernost ein verräterischer Schnitzer unterlaufen. Zurück.
Ein unspektakulärer Blick auf die Ostsee bei Sillamäe, eine nette Begegnung an der Fischbude, irgendwo bei Riga ein Quartier: unter unserem Zimmerfenster ein Grünstreifen mit frischen Zwillingsreifenspuren, Fernverkehr hautnah.

11. Tag, Riga – Dortmund, 1735 Kilometer

Start um 6 Uhr, Zielankunft 27 Stunden später. Dazwischen viel Land und Straße - aber das kennen wir inzwischen ja.

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