Osteuropa (Archivversion) Karpaten, Krim und Kaukasus

Text und Fotos von Michael Schröder

Auf dem Weg zum Nachtclub erklärt uns Vitali das Geheimnis seines Erfolgs: Kaffeemaschinen. Aus Italien hundertfach
in die Ukraine geschafft und gewinnträchtig verhökert. Plus säckeweise Kaffeebohnen. Der Renner in einem Land, in dem es unter jahrzehntelanger Sowjetherrschaft nur eine lösliche Brühe gab. Vitali redet ohne Punkt und Komma, Deutsch beherrscht der knapp 30-Jährige, in dessen Pension wir gelandet sind, fließend, dazu Englisch, Italienisch und ein paar Brocken Spanisch. Ob wir Interesse an einem neuen Projekt hätten?
Die Pläne für ein Hotel in den Karpaten seien längst fertig. »Aber noch fehlen etwa 500000 Euro.« Mehr von Vitalis Sorte – und die Ukraine wäre morgen eine neue Wirtschaftsmacht in Europa. Garantiert.
Der Besuch des Nachtclubs, zu dem uns Vitali unbedingt überreden wollte,
entfällt. Montags Ruhetag. Oder besser: Ruhenacht. Glück gehabt, denken Thomas und ich. Umkehren und schlafen gehen? Keine Chance. Vitali will seinen hundemüden Gästen auf jeden Fall noch etwas bieten. »Wie wär’s mit einer Hardrock-Bar?«
Thomas und mir sitzen die ersten 1700 Kilometer im Nacken. Stuttgart, Wien,
Budapest, schließlich die Grenze zur Ukraine bei Berehove. Unsicherheit, ob
es sich bis zu den Beamten in dem winzigen Bergnest herumgesprochen hat, dass
Touristen aus Deutschland neuerdings kein Visum mehr benötigen. Im Nachhinein eine völlig unbegründete Sorge. Pass
zeigen, ein paar Kreuze auf einem Formular, drei Fragen nach der Route, peng – der Stempel für die Einreise knallt aufs Dokument und einen Wisch, der bei der Ausreise abgegeben werden muss. Ob
wir allerdings je wieder aus dem Land
herausfinden werden, ist schwer zu sagen. Schilder, die die Ortsnamen lediglich in
kyrillischer Schrift ausweisen, entschlüsselt man am ersten Tag nicht im Vorbeifahren – eine echte Herausforderung an jeder Kreuzung.
Weil sich der Hardrock-Schuppen
als gar nicht so schlecht erwies und es ohne ein Mindestmaß an Schlaf nicht
geht, kommen wir erst gegen Mittag des nächsten Tages so richtig in Gang. Vitalis Kaffee – wirklich gut. Vielleicht noch ein, zwei weitere Tage durch die Karpaten cruisen? Verdient hätten sie’s. Dichte Wälder, sattgrüne Wiesen, schäumende Wildwasser. Optisch eine Mischung aus Allgäu und
Alpen. Und ungefähr so unerschlossen wie Alaska. Zeit müsste man haben. So heißt es aber Aufbruch in Richtung Odessa, das bereits am Schwarzen Meer liegt. 1000
Kilometer Landstraße sind’s bis dorthin. Bolzgerade. Der Blick auf die Landkarte verspricht eine dieser Etappen, die man nur erträgt, wenn man ein Ziel vor Augen hat. Wir haben sogar gleich zwei: den Elbrus, ein 5633 Meter hoher Eisriese mitten im Kaukasus, der – je nach geographischer Definition (siehe Kasten Seite 105) – als höchster Berg Europas gilt. Und die Runde ums Schwarze Meer. Macht grob geschätzt 7000 Kilometer. Könnte eng werden in drei Wochen.
Zumal es Angenehmeres gibt, als in der riesigen Ukraine Strecke machen
zu müssen. Die Dieselabgase der schier endlos langen Lkw-Kolonnen auf dem zerschlissenen Highway irgendwo zwischen Chmel’nyc’kjy, Vinnycja und Uman bringen uns fast um den Verstand. Prähistorische Fuhren zumeist russischer Herkunft. Mit rauchenden Kaminen wie Ozeandampfer und dennoch kaum schneller als die vielen Pferdefuhrwerke, die auf dem Randstreifen irgendwie zu überleben versuchen. Motorradfahrer, spüren wir sofort, rangieren in der Hackordnung noch weiter unten.
Gut 400 Kilometer. Mehr geht einfach nicht. Diverse Polizeikontrollen und belagerungsähnliche Zustände, sobald wir irgendwo halten – in beiden Fällen gilt
das Interesse den Motorrädern –, lassen keinen besseren Schnitt zu. Zusätzlich nagt die Hitze an unserer Kondition.
37 Grad noch am späten Nachmittag. Die Sonne lastet schwer über dem endlos scheinenden, flachen Land mit seinen unermesslich weiten Getreidefeldern. Kurz nach der Dämmerung biegen wir auf einen kleinen Weg ab, schlagen unser Zelt im Schutz einer Baumreihe auf. Curry-Hühnchen aus der Tüte, zwei an der letzten Tanke erstandene Biere und ein kolossaler Sternenhimmel gegen Mitternacht. Für
einen Moment ist das Glück perfekt.
Am nächsten Abend endlich in Odessa. Neoklassizistische Pracht am Schwarzen Meer, zugleich wichtigster Hafen
der Ukraine und berühmt für ein ausschweifendes Nachtleben. Im Hotel drei italienische Motorradfahrer kurz vor der abendlichen Pirsch über den Boulevard. »Che donne!« Was für Frauen! Die Burschen kommen aus dem Schwärmen
nicht mehr heraus. Noch kürzere Röcke und noch höhere Absätze als daheim auf der Piazza! Tatsächlich herrscht pralles Leben im Zentrum. Überwiegend junges, topmodisch gekleidetes Publikum. Die Straße als Laufsteg für eine grandiose Balz inmitten von ungezählten Kneipen, Restaurants und Clubs. Wummernde
Bässe, flackernde Lichter, Stimmengewirr.
Bis hinunter zur Potemkinschen Treppe, die durch den 1925 gedrehten Stummfilm »Panzerkreuzer Potemkin« Weltruhm erlangte, einer der bedeutendsten Streifen der Filmgeschichte. Nur sind wir zu müde, um all das richtig wahrzunehmen. Morgen werden wir unseren ersten von vier ge-
planten Pausentagen einlegen.
Mykolajiv, Cherson, Simferopol’. Ein weiterer zäher Tag auf Achse. Die Überquerung des breiten Dnepr und die
Ankunft auf der Halbinsel Krim markieren bereits die Höhepunkte. Ansonsten
brettflaches Agrarland. Ohne Funkanlage wären wir bei dieser Etappe vor Lange-
weile aus den Sätteln gekippt.
Zum Glück nur noch ein Katzensprung bis Sevastopol’. Bis 1996 hätten wir uns dieser prächtigen und überaus lebhaften Hafenstadt nicht einmal nähern dürfen. Militärisches Sperrgebiet. Abgeschottet bis zum Gehtnichtmehr. So was macht neugierig. Wir wollen unbedingt einen Blick auf die geheimnisumwitterte russische Schwarzmeerflotte werfen. Oder dem, was Rost und Finanznot davon übrig
gelassen haben: ein paar Kreuzer und
U-Boote, die in der von abgewirtschafteten Hafenanlagen gesäumten Bucht im Südwesten der Krim vor sich hingammeln.
Wir halten Kurs auf Jalta. Preschen entlang der von Zypressen und Reben
gesäumten Küstenstraße, die um die
sonnenverwöhnte Südspitze der Krim
herumführt. Was für eine grandiose
Strecke nach dem Alptraum der letzten Tage! Auf der einen Seite weiße, bis zu 1000 Meter hohe Klippen, auf der anderen die türkise See mit verlockenden Bade-
buchten. Surfer und Jetskis wie am Mittelmeer, Bikinis wie an der Copacabana,
Cafés und Bars, aus denen Soundtracks
a la Café del Mar schallen. Für die 75
kurvigen Kilometer bis Jalta geht ein ganzer Tag drauf – und ein weiterer in dem durch die gleichnamige Konferenz weltberühmt gewordenen Seebad selbst:
Roosevelt, Churchill und Stalin haben 1945 im nahen Livadija-Palast die Teilung Europas nach Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmt. Kein Ort, an dem man einfach vorbeirauscht. Vielleicht haben
wir uns auch ein wenig von der Lebenslust der urlaubenden Ukrainer anstecken
lassen. Auf Jaltas schriller Promenade wird bis in den Morgen gefeiert.
Unverändert genial der weitere Ver-
lauf der Strecke bis Feodosija. Eine einzige Kurvenorgie, zumeist am Meer entlang. Zunächst fühlen wir uns in die üppig
grünen Hügel der Toskana versetzt, kurz darauf in das karge Andalusien. Schließlich die letzten Kilometer in der Ukraine
bis zum Hafen von Kerc. Eine Fähre bringt uns über den Kanal, der das Schwarze
mit dem Asowschen Meer verbindet und gleichzeitig die Grenze zu Russland markiert. Wir sind nervös. Horrorgeschichten über korrupte russische Beamte schießen durch unsere Köpfe, über Willkür, Schikane und exorbitante Schmiergeldforderungen. Für alle Eventualitäten knistert ein Bündel US-Dollar in meiner Jackentasche. Unnötig, wie sich herausstellt. Das Ausfüllen der kyrillischen Formulare gerät zum Happening an dem kleinen Posten. Andere Reisende und die Beamten erteilen uns geduldig eine Lektion in ihrer Landessprache. Nach nicht einmal zwei Stunden rollen wir über russischen Asphalt.
Jetzt sind wir nicht mehr zu bremsen. Anapa, Novorossijsk, das Kaff Dzubga, hinter dem wir die Küste verlassen und endgültig den Elbrus anpeilen. Zwei
fantastische Fahrtage. Die kleinen Dörfer mit ihren einfachen, bunten Holzhäusern, dichte Wälder und die Weite, durch die
wir gleiten, erinnern an Bilder aus Sibirien. Die Hektik der ukrainischen Straßen ist diesem abgelegenen Teil Russlands völlig fremd. Schließlich künden die ersten
Hügel und Berge die Nähe zum Kaukasus an, dessen wild gezackte Kontur wir gelegentlich ausmachen können. Der absolute Wahnsinn! Die beiden BMW laufen auf
einmal wie von selbst. Viele Straßensperren lassen jedoch spüren, dass der nahe Gebirgszug, der die Grenze zu Georgien markiert eine hochsensible Region ist.
In Karacajevsk müssen wir uns entscheiden. Der eigentliche Weg zum Elbrus nähert sich dem abgelegenen Berg von Osten her – was für uns hin und zurück zwei weitere, lange Fahrtage bedeuten würde. Zeit, die wir eigentlich nicht mehr haben. Viel verlockender erscheint uns eine Piste, die laut Karte bis ins knapp
50 Kilometer entfernte Khurzuk führt –
ein winziges Bergnest, das nah der Westflanke des Elbrus liegen muss. In einer Stunde könnten wir dort sein.
Wie euphorisiert von dem Gedanken, noch vor Sonnenuntergang am Ziel
unserer Reise anzukommen, preschen
wir durch eine beeindruckende Schlucht. Rechts und links 2000, vielleicht 3000
Meter hohe Bergspitzen. Jetzt müssten
wir eigentlich ganz nah dran sein! Hinter Khurzuk, kaum mehr als zwei Hand voll armselige Hütten, endet schließlich der Asphalt. Eine Piste folgt einem Wildbach – und die Richtung müsste stimmen. Für das fantastische Tal, durch das der Weg führt, haben wir kaum einen Blick übrig. Unsere Augen sind stur nach oben ge-richtet. Der Gipfel des Elbrus – bloß nicht daran vorbeifahren. Weit kommen wir allerdings nicht – der Weg endet vor einem
militärischen Checkpoint. Die Grenzregion zu Georgien ist Sperrgebiet.
Zurück nach Khurzuk, das bereits
im Schatten liegt. »Elbrus?« Wir fragen ein paar verwegen aussehende Hirten. Sie zeigen nach links oben. Tatsächlich –
zwischen zwei Bergen ragt eine gewaltige Schneeflanke hervor, die schließlich in
den Wolken verschwindet. Der Elbrus muss riesig sein. Es gäbe einen Weg, der genau dorthin führe. Auf unserer Karte
ist dagegen nicht einmal die Schlucht verzeichnet, in die wir kurz darauf einbiegen.
Grobes Geröll, hohe Absätze, enge, steile Kehren. An einem tosenden Bach entlang geht’s immer weiter durch diese völlig abgelegene Bergregion. Erster, maximal zweiter Gang. Aber wir sind zu spät dran. Die vereiste Westflanke reflektiert bereits das letzte Tageslicht. Schade, dass der Gipfel sich weiterhin unter einer dichten Wolkenschicht versteckt hält. Nach etwa zehn Kilometern machen wir Schluss für heute. Zelt aufbauen, essen, schlafen.
Gegen acht die ersten Sonnenstrahlen auf dem Zelt. Raus aus der Hütte, früh-stücken, schnell den ganzen Krempel abbauen und verstauen. Keine Wolke am Himmel. Sehr gut. Denn heute muss alles klappen – wir haben nur noch diesen
einen Tag. Den beiden BMW geben wir
angesichts der Kletterei ein paar Minuten zum Warmlaufen. Jetzt oder nie.
Eine halbe Stunde später die Katastrophe: Thomas verliert auf einer schmalen Holzbrücke das Gleichgewicht, stürzt samt Motorrad etwa zwei Meter tief in
den Wildbach. Für einen Moment herrscht Panik. Bis ich im hüfttiefen Wasser zu
Hilfe komme, hat er sich zum Glück schon wieder aufgerappelt. Aber die Schmerzen sind heftig. Jede Menge Prellungen und wie sich am Nachmittag im Krankenhaus von Karacajevsk herausstellt, eine angebrochene Rippe. Dass die GS nach einem fast zweistündigen Vollbad überhaupt noch läuft, verbuchen wir als Wunder. Ein völlig verzogenes Rahmenheck und eine verbogene Bremsscheibe. Hätte schlimmer kommen können. Viel schlimmer. Im Nachhinein am schlimmsten: Wir haben »unseren« Berg, das große Ziel der Reise, nicht mehr gesehen.
Weitere Abstecher in den Kaukasus? Nach einem Tag Zwangspause schon
aus Zeitgründen nicht mehr möglich. Mit hängenden Köpfen mühen wir uns in
einem elendig langen Rutsch bis Soci, Russlands prächtigstes und renommiertestes Seebad, ergattern im Hafen im
letzten Moment Tickets für die Fähre, die am nächsten Abend mit Kurs auf Trabzon im Osten der Türkei ausläuft. Vier Tage später bereits Istanbul. Es einfach laufen zu lassen erwies sich als beste Therapie, um ein angeknackstes Ego wieder in
Form zu bringen. Der Frust weicht neuen Plänen. Die Angelegenheit mit dem Elbrus muss bereinigt werden. Baldmöglichst.

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