Osteuropa/Türkei (Archivversion) Die Gipfel-Runde

Die letzten Semesterferien ¿ und es sollte ein ganz besonderer Reisewunsch in Erfüllung gehen: einmal per Motorrad rund um das Schwarze Meer, um den Elbrus im russischen Kaukasus sowie den Ararat in der Türkei zu besteigen.

Dichter Nebel hat die kleine Baracke verschluckt, in der ich seit vier Tagen mit einer kleinen Gruppe von Bergsteigern aus Weißrussland auf besseres Wetter warte. Bei klarer Sicht ließe sich von diesem 4200 Meter hoch gelegenen Standpunkt an der Südflanke des Elbrus der gesamte Kaukasus überblicken, doch im Moment erkennt man draußen vor der Tür nicht einmal die Hand vor Augen. Ein paar Stunden Sonne würden genügen, um auf den 5642 Meter hohen Gipfel zu gelangen, aber so richtig glaubt niemand mehr im Raum an den Erfolg des Unternehmens. Unmut macht sich breit. Ich hatte mir nichts sehnlicher gewünscht, als auf Achse bis zu diesem Berg zu fahren und zu Fuß die letzten Höhenmeter zu bewältigen. Wunschgipfel Nummer zwei: der 5137 Meter hohe Ararat im Osten der Türkei. Drei Monate hatte ich für diesen Motorrad-Trekking-
Trip durch die Ukraine, Russland und die Türkei eingeplant ýÿ meine letzten Semesterferien.
Draußen frischt derweil der Wind auf, und mir bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten. Ich hänge einzelnen Stationen der langen Anreise in Gedanken nach. Das
lebhafte Lýÿviv ýÿ das ehemalige Lemberg ýÿ im Westen der Ukraine mit seiner phänomenalen Altstadt, das sich
längst zu einem angesagten Treff für Szene- und Kulturfans aus aller Welt entwickelt hat und bereits als das
zweite Prag gehandelt wird. Oder die nahezu unberührte, hügelige Waldlandschaft der Karpaten mit ihren freundlichen Bewohnern. Mehr als einmal haben Hirten oder Bauern mich beim Wildcampen mit frischer Milch, Brot und Käse versorgt. Momente und Begegnungen, die man garantiert nie vergisst.
Als einprägsam im negativen Sinn erwiesen sich Hunderte, überaus langweilige Kilometer durch die brettflache Ukraine bis in die Hafenstadt Odessa. Etliche Kontrollen und massig viel Verkehr. Zum Glück ist es von dort nur ein Katzensprung bis auf die Halbinsel Krim,
über die sich eine wunderschöne, von Zypressen, Palmen und Reben gesäumte Küstenstraße windet. Auf der einen Seite das türkis schimmernde Schwarze Meer, auf der anderen bis zu 1000 Meter hohe Klippen. Brillant! In den vielen Badeorten herrscht Urlaubsstimmung wie am Mittelmeer, einzig das weltbekannte Jalta passt nicht recht ins Bild. Zu viel Trubel, zu viele unansehnliche Hotelbauten und Hochhäuser, zu viel Nepp.
Erst weiter westlich zog mich die Krim wieder in
ihren Bann. Schwungvoll flog die vollbepackte Honda in Richtung der russischen Grenze. Eine endlose Kurvenorgie immer am Meer entlang durch eine Landschaft, die gleichermaßen an Spaniens und Italiens Süden erinnert. Per Fähre gelangte ich schließlich vom ukrainischen Feodosija ins russische Kerc und in die Hände überaus unfreundlicher Grenzbeamter und Militärs. Es
dauerte lange, bis die Einreise gestattet wurde. Doch der Ärger war bald vergessen, als nach zwei Fahrtagen die Bergriesen des Kaukasus auftauchten. Über Karacajevsk, Pjatigorsk und Baksan rasch bis Terskol, das direkt am Fuße des
Elbrus liegt. Der höchste Berg Europas ýÿ ich hatte ihn erreicht!
Wir sind immer noch in der Hütte.
Der fünfte Tag. Es ist noch dunkel, doch auf einmal herrscht ungewohnte Hektik ýÿ ein klarer Sternenhimmel verheißt gutes Wetter. Anziehen, Rucksack packen und so schnell wie möglich raus in den Schnee. Um vier Uhr stapfe ich im Schein meiner Stirnlampe ein riesiges Gletscherfeld hinauf, bin Teil einer unwirklichen
Szenerie: Dutzende Bergsteiger wandern in regelmäßigen Abständen ýÿ wie Perlen an einer Kette ýÿ den Berg hinauf. Mindestens ebenso viele müssen wegen Höhenkrankheit oder Erschöpfung aufgeben und kommen mir kurz darauf schon wieder entgegen.
Nach zwei Stunden macht die Kälte
zu schaffen, jeder Schritt kostet enorme Kraft, und es wird immer schwieriger,
im Schnee einen sicheren Halt zu finden.
Völlig außer Atem gelange ich zum Joch zwischen Ost- und höherem Westgipfel. Endspurt. Jetzt giltýÿs!
Gut eine Stunde später. Alle Anstrengungen sind wie weggeblasen. Ich stehe auf dem 5642 Meter hohen Gipfel des Elbrus, nur das zählt. Nicht die Höhe, sondern der
grandiose Ausblick raubt den Atem. Unzählige schnee-
bedeckte Bergspitzen, gewaltige Gletscher. Wie aus der Flugzeugperspektive breitet sich der Kaukasus unter
meinen Füßen aus. Mich erfüllt eine große innere Zufriedenheit ýÿ ein Traum ist Realität geworden.
Einige Tage später gehtýÿs zurück an die Küste des Schwarzen Meeres. Vom mondänen Ferienort Soci soll
es eine Fähre in die osttürkische Hafenstadt Trabzon geben. Das Schiff existiert tatsächlich ýÿ ein betagter ehemaliger Ostseedampfer, auf dem ich zu meiner großen Überraschung ein holländisches Paar treffe, das auf ihren beiden Enduros nach einem Trip durch Russland nun ebenfalls die Osttürkei als Ziel hat. Nach sechs mehr oder weniger einsamen Wochen tut Gesellschaft sehr gut.
In Trabzon angekommen, brechen wir gemeinsam auf,
um das bis zu 4000 Meter hohe pontische Gebirge, das gleich hinter der Hafenstadt aufragt, zu erkunden.
Bereits nach 40, 50 Kilometern keine Spur mehr von der Hektik unten an der Küste. Allenfalls ein abgelegenes Bauerndorf taucht auf, auf dessen Dächern nur die montierten Satellitenschüsseln an das 21. Jahrhundert erinnern. Gegen Mittag steht unser Trio ratlos vor einer Abzweigung und starrt auf die Karte. Doch die staubige Piste ist längst nicht mehr auf dem Blatt verzeichnet.
Die Intuition entscheidet. Ein Blick genügt, und wir sind uns einig. Links entlang. Irgendwo wird der Weg schon enden, die grobe Richtung stimmt auf jeden Fall.
Ich gebe Gas, jage mit einer langen Staubfahne im Schlepp von Kehre zu Kehre. Die Strecke ýÿ wie gemacht für die Africa Twin. Weiter oben in den Bergen verschlechtert sich der Weg, gleicht wenig später einem steinigen Bachbett. Die schwerbeladene Fuhre auf Kurs zu halten, entpuppt sich auf einmal als Schwerstarbeit. Es lauern
zudem unzählige tiefe Gräben, und in den vielen steilen Kehren habe ich Mühe, das Vorderrad am Boden zu
halten. Kurz darauf ist endgültig Schluss. Der Weg verläuft sich in einer hochalpinen Felsenwüste. Hier würde man
allenfalls auf einem Esel weiterkommen. In Sachen
Navigation müssen wir wohl noch ein wenig an unserer
Intuition arbeiten. Langsam rollen wir im ersten Gang
wieder zurück in Richtung Küste.
In einem Bergnest verspricht ein kleines Kaffeehaus Abwechslung. Drinnen ausschließlich Männer, die ihre Zeit mit Tee trinken und Tavla spielen ýÿ die türkische Backgammon-Variante ýÿ vertreiben. Für einen Moment herrscht vollkommene Stille im Raum, denn mit drei verstaubten Motorradfahrern rechnet hier niemand. Gleich darauf werden Stühle gerückt und die fremden Gäste eingeladen, Platz zu nehmen und zu erzählen, woher sie kommen.
Unzählige Tassen Tee machen die Runde, von denen
wir keine einzige bezahlen müssen. Die Freundlichkeit
und überschwängliche Gastfreundschaft der Türken ist beeindruckend.
Kurz vor der Abenddämmerung entdecken wir einen traumhaften Lagerplatz auf einer Almwiese. Noch bevor die Zelte stehen, taucht die untergehende Sonne die
von Rhododendren bewachsenen Hügel in ein rot glühendes Farbenmeer. Wenig später kocht das Nudelwasser, sitzen wir im weichen Gras und genießen die Ruhe um
uns herum. Ein glücklicher Moment. Vier weitere Tage
treiben wir die Enduros durch diese einsame Bergwelt.
Über Asphalt rollen wir erst wieder kurz vor Rize schon fast an der Küste.
Wir preschen bis zur Hafenstadt Hopa und dringen weiter in den Osten des riesigen Landes ein. Über Kars führt der Weg zuerst an der georgischen Grenze entlang, dann an der armenischen, die kurz vor Igdir direkt an der Straße verläuft. Dann drängen sich schneebedeckt ins Bild: der Ararat und sein kleinerer Bruder Küçük Agri Dagi. Zwei einsame Riesen, majestätisch aus der ostanatolischen Hochebene aufragend und Konzentrationspunkt unzähliger Mythen und Legenden. Nach der alttestamentarischen Sintflut soll auf dem Gipfel des Ararat die Arche Noah gestrandet sein. Außerdem war seine Besteigung bis ins Jahr 2000 nur in Ausnahmefällen genehmigt, und auch heute darf man diesen Berg nur mit offizieller Er-
laubnis und Führer erklimmen. Ein Abenteuer, das ich mir
trotz aller bürokratischen Hürden und Kosten nicht entgehen lassen möchte.
Bereits am übernächsten Tag starte ich zusammen
mit zwei Belgiern und dem Guide Juma von Dogubayazit aus in Richtung Ararat. Zuerst per Geländewagen, später zu Fuß bergauf bis ins erste, von Nomaden betriebene Lager. Da die bergsteigerischen Ambitionen meiner beiden Begleiter eher gering sind, verlasse ich am nächsten Tag mit Erlaubnis des Führers die Gruppe und nehme den Rest des Anstiegs alleine in Angriff. Im Basislager auf 4500 Meter Höhe schlage ich schließlich mein Zelt auf. Schmutzigbraune Schneezungen reichen fast bis zum Camp, in dem eine illustre Runde von internationalen Bergsteigern ihre Zelte auf jeden freien Fleck zwischen Steinen und Felsbrocken gequetscht hat.
In der Morgendämmerung breche ich bei bestem Wetter zum Gipfel auf. Nach der Besteigung des Elbrus ist mein Körper noch immer recht gut an die sauerstoffarme Höhenluft gewöhnt. Ich komme rasch voran und stehe bereits um neun Uhr mutterseelenallein auf dem Gipfel des Ararat. Durch den dichten Dunst lassen sich die 4000 Meter weiter unten gelegenen Häuser von Dogubayazit erkennen. Ich fühle mich so leicht, als könnte ich ins
Tal schweben, werde von einer fast irrationalen Euphorie ausgefüllt.
Nach zwei Ruhetagen in Dogubayazit wird es langsam Zeit, den rund 6000
Kilometer weiten Heimweg anzutreten.
Als der riesige Van-See in Sicht kommt, haut es mich fast aus dem Sattel. Ein türkis schimmerndes Gewässer, dass
von bis zu 4000 Meter hohen, zumeist schneebedeckten Bergen umrahmt ist. Durch den ungewöhnlich hohen Sodagehalt fühlt sich das Wasser seidenweich und seifig an ýÿ wer hier seine Klamotten waschen will, braucht kein Waschmittel. An der Nordseite des Sees findet sich in einer idyllisch gelegenen Kiesbucht ein perfekter, ungestörter Platz zum Campen. Und wie zur Krönung lässt der Vollmond das Wasser nachts taghell glitzern.
Nach dem trostlosen Tatvan führt die Straße ganz
allmählich vom Hochland hinab in die südostanatolische Tiefebene. Es wird spürbar wärmer, und südlich von Diyarbakir, der heimlichen Hauptstadt der Kurden, windet sich die Strecke über Kiziltepe und Siverek weitgehend durch sonnenverbrannte Steppe. Die türkische Regierung hat mit dieser Region Großes vor: Durch den Bau von 22 Staudämmen und 19 Wasserkraftwerken an Euphrat und Tigris sollen im Rahmen des milliardenschweren ýÿSüdostanatolien-Projektsýÿ bis 2010 neben Arbeitsplätzen auch fruchtbares Ackerland geschaffen und ein Teil der Energie-
versorgung des Landes sichergestellt werden. Über die ökologischen Folgen, die solch ein massiver Eingriff in
die Natur mit sich bringt, kann nur spekuliert werden.
Per Fähre gelange ich über den gigantischen Atatürk-Stausee, nehme anschließend die steile Auffahrt zum Nemrut Dagi unter die Räder, die bis auf eine Höhe von 2000 Meter führt. Der 150 Meter höher gelegene, künstlich errichtete ýÿSchotterýÿ-Gipfel gilt als der größte Grabhügel der Welt, geschaffen vor über 2000 Jahren vom makedonischen König Antiochus I. Der größenwahnsinnige Herrscher ließ zudem rund um sein Grabmal mächtige Felsenreliefs und bis zu neun Meter hohe Statuen errichten, die ihn und vier Götter der römischen Geschichte zeigen. Auf den beiden windigen Terrassen sind aller-
dings nur noch die übergroßen Köpfe zu sehen, die mit fremdartigen Blick in die Ferne starren. Schwer verständlich, dass dieses archäologische Juwel erst 1881 ent-
deckt wurde. Ich sehe dem Stein-Apollo noch mal tief in die Augen und steige den schmalen Pfad wieder hinunter, gerade noch rechtzeitig, um dem Trubel zu entgehen,
den drei eintreffende Reisegruppen veranstalten.
Der Rest der dreimonatigen Reise vergeht wie im
Fluge. Ich durchquere zügig Anatolien bis zur ägäischen Küste ýÿ Pausen kann ich mir aus Zeitgründen leider
kaum noch leisten. Ein Blick auf die Sinterterrassen von Pamukkale, ein kurzes Bad im Meer bei Çesme, eine Stippvisite in der Metropole Istanbul, und in zwei Tagen durch Bulgarien, Jugoslawien, Kroatien und Slowenien
bis heim nach Innsbruck ýÿ während der letzten 2000
Kilometer habe ich praktisch nur noch zum Tanken und zum Schlafen gehalten. Kurz vor meiner Haustür gönne ich mir schließlich einen Hotdog an einer Würstchenbude. ýÿWo kommenýÿs denn her, an so einem schönen Tag?ýÿ
fragt die Verkäuferin. ýÿIch bin eine Runde Motorrad
gefahrenýÿ, antworte ich verschmitzt, ýÿeine Runde ums Schwarze Meer.ýÿ

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