Ostküste USA––––– (Archivversion) Georgia ... on my mind–––––

Wer von New York in den tiefen Süden fährt, erlebt sicher landschaftlich nicht die Exzesse des Westens. Aber vielleicht mehr von Amerikas Seele als irgendwo sonst.

Die Jungs scheinen sich allmählich warmzuspielen. Vier Saxophonisten, ein Schlagzeuger, ein Keyboarder und zwei Gitarristen hauen in dieser New Yorker Kneipe derartig auf die Klappen, Tasten, Saiten und Felle, daß es mir schier den Kopf wegreißt. »Sexy motherfucker«, tabulose Prince-Songs, gewagte George Michael-Rhythmen. Das Bier schwappt bedenklich in dem sich verwindenden Plastikbecher, den mir die Thekendame reicht. Fünf Dollar für eine Light-Brühe, die bei uns maximal als Chlausthaler durchgehen würde. Ein paar signierte Beatles-Fotos hängen an der Wand. Verdammt, langsam dringt es zu mir durch, es ist echt: Manhatten, der Broadway, die dritte Straße, die vielleicht berühmteste Kreuzung der Welt, vorhin bin ich durchgefahren, zwischen Millionen gelber Taxis und Häusern im Höhenrausch. Mein Gott, ich muß die Augen zusammenkneifen, um zu kapieren, wo ich bin. Dies sind die Quadratmeter, auf denen John Lennon lebte, J.D. Salinger seine Enten beobachtete und Sylvia Plath ihre Glasglocke, wo bei Tiffany gefrühstückt wurde und Greta Garbo noch immer nächtens durch den Central Park wandern soll. Neben dem Brandenburger Tor und dem Münchner Viktualien Markt vielleicht der intensivste Flecken der westlichen Welt. Inzwischen ist es plattenreif, was diese Jungs da vorn produzieren, immer schrillere Soli hinlegen und sich allmählich zum Rapp durchgrooven. Draußen heult die klassische Polizeisirene vorbei, und es schüttet wie aus Eimern. New York. Wie eine heiße Adrenalin-Dusche, unter der ich gar nicht mehr raus will. Doch morgen schon geht es weiter, mit der BMW - diretissima in die Appalachen. Jenen xxx Kilometer langen Gebirgszug, der als einzig nennenswerte Erhebung die nordamerikanische Ostflanke hinab in den Süden geleitet. Wenn man die heftig klopfenden Politik- und Business-Herzen erst mal hinter sich gebracht hat, die New Yorks, Philadelphias, Baltimores und Washingtons mit all ihrer gnadenlosen Geschäftigkeit und dem erbarmungslosen Fahrstil der Einwohner, der nichts mehr mit dem berüchtigt-relaxten Rumgeschnecke der übrigen Amerikaner zu tun hat, sondern wo die Pedale einfach hemmungslos in die Bodenbleche gerammt werden - wenn man diese endlosen Freeway-Meilen überlebt hat, dann endlich entspringen diese genialen Straßen. Straßen, die auf so animierende Namen wie Skyline Drive, Appalachian Trial und Blue Ridge Parkway hören und auf den Kämmen der über 2000 Meter hohen Bergkette in einer einzigen genialen Kurve bis hinab nach Georgia führen.Einen Tag und xxx harte Kilometer später überquere ich in Washington den Potomac River und damit die Grenze zu Virgina. Hier beginnen die Südstaaten, hier beginnt ein anderes Amerika. Südwestlich von Washington verlasse ich die Interstate und biege auf den Skyline Drive ein. Buchstäblich der Himmelslinie folgend, überquert und umrundet er die Gipfel in einem verwegenen Kurvenspiel, taucht ab in waldige Täler, zu kleinen Bächen und Seen, um sich dann wieder hoch hinauf zu schwingen und den Blick auf dieses unvergleichliche Viginia frei gibt: grüne Hügelketten, Rehe an den Straßenrändern, tief unten das Shenandoah-Vallye, im Westen der Appalachian Trail. Wie erlöst lasse ich die BMW in tiefe Schräglagen gleiten und den perfekten Kurvenradien locker folgen. Verkehr gibt es kaum, denn diese Parkways sind für kommerzielle Fahrzeuge gesperrt und ausschließlich Genußorientiert. Keine Trucks, keine Ampeln, keine Orte. Aber Motorräder. Denn wer hier im Osten mit einem Bike unterwegs ist, nimmt den Skyline Drive oder der Blue Ridge, ganz klar. In einem kleinen Lokal brutzeln Mutter und Tochter Hamburger, das Stück zu zwei Dollar fünfundsiebzig, Fritten kosten einen Dollar Aufpreis, Ketchup gibt´s gratis. »Not a fancy but a good place to eat«, lautet die freiwillige Selbsteinschätzung auf der fettigen Speisekarte. Frei übersetzt etwa: Nicht gerade das Mövenpick, aber sonst okay. Zwei Harley-Fahrerinnen sprechen mich an. Wo ich hinwolle und ob das wirklich eine BMW sei, mit dem einen Zylinder. Echt? Respekt. Das gefällt ihnen, das kleine Ding. Sähe aus, als hätte man Spaß damit. Ich verstehe immer nur die Hälfte, ihre Aussprache ist ein einziges breites Mahlen, als würde ein Kaugummi von einer Backentasche in die andere geschoben. Südstaaten-Slang, schlimmer als Bayrisch. Ich kapiere jedenfalls so viel, daß sie mit ihrer Road King über die Route 66 an die Westküste wollen, nach San Francisco vielleicht. Ein Trip quer durch den Kontinent, an der Sissy-Bar gerade mal eine Tasche und ein Rucksack - in Amerika reist man lightwight und in den Klamotten, die man beim Aufbruch offenbar gerade am Leib hatte. Wenn es kalt wird oder regnet, kramt man halt was hervor, irgendwelche billigen Plastikklamotten zum Drüberziehen, die aussehen, als kämen sie geradewegs aus dem Angebots-Container von Aldi. Kommen sie wahrscheinlich auch, nur heißt es hier Sears oder Target. Alles easy, Motorradfahren ist keine ausgeklügelte Wissenschaft mit Klimamembran und so, sondern locker. Hauptsache, man hat fun dabei. Der Blue Ridge Parkway hat inzwischen den Skyline Drive abgelöst, die Blue Ridge Mountains bestimmen das Bild und im Westen die grünen Höhenzüge West Virginias. John Denvers Country Roads ersetzen allmählich den hektischen Rapp des Nordens. Der Pulsschlag wird ruhiger, paßt sich dem schwingenden Rhythmus des Asphaltbands an, den endlosen Kurvenformationen. Kein Alpenpaß währt so lange, keine Traumstrecke fährt sich so ungestört. Hier oben bist du völlig für dich, mit dieser Straße und diesen Eichen, Birken, Buchen, Farnen und rund 1600 weiteren Pflanzen, die den Wegrand säumen. Ich vergesse Zeit und Stunde in diesem Rausch, überquere namenlose Highways, die Interstate 77 saust irgendwann unter einer Brücke hinweg, die Dämmerung zieht bereits herauf. Fast unmerklich überquere ich die Grenze zu North Carolina, dunkelviolett wölbt sich der Himmel über den Hügelketten, Schwarzhirsche wagen sich mit funkelnden Augen vorsichtig an den Straßenrand, das Fahren wird jetzt gefährlich. Es ist lausig kalt geworden, seit die Sonne weg ist. Felsen am Wegesrand strahlen immer wieder tröstliche Tageswärme ab, ich fühle die Steine mehr, als daß ich sie sehe. Am Air Bellows Gap schwingt sich die Straße noch mal hoch hinauf, Lichter leuchten aus den Tälern tief unten herauf, Tausende von Zikaden erfüllen melodisch die Nacht. Darüber inzwischen ein unglaublicher Sternenhimmel. So intensiv, als wäre die Milchstraße ein paar Blocks näher als zu Hause. Es ist spät, als ich Blowing Rock endlich erreiche, ein kleines Feriennest, wo um zehn Uhr nachts die Lichter ausgehen und die Bed & Breakfast-Vermieter den Schlüssel unter die Fußmatte schieben. Es dauert ein wenig, bis ich mein gebuchtes Quartier finde, ein wunderschönes altes Südstaaten-Farmhaus mit Veranda und Holzsesseln unter alten Eichbäumen. Es sieht aus, als stamme es geradewegs aus dem 19. Jahrhundert. Wäre drinnen nicht die gleich einer Boeing im Leerlauf tosende Air Condition - ich käme mir vor wie Scarlett O´Hara bei der Rückkehr nach Tara. Vorsichtig versuche ich die grausam deplazierte Motorradausrüstung diskret in meinem Zimmer zu verteilen, doch ein mehrlagiges Tüllkleid käme auf den polierten Polsterstühlchen bestimmt besser als die staubige Tuareg-Jacke. Na ja, times are changing. Vermutlich wäre Scarlett heute auch eher mit einer BMW GS statt ihrem schwindsüchtigen alten Klepper unterwegs nach Atlanta. An den Wänden breitet sich auf ungezählten Ölschinken das ganze blutige Schlachtengemetzel des Bürgerkriegs im vorigen Jahrhundert aus. Bei den Verlierern im Süden immer noch allgegenwärtig, während die Nordstaatler sich schon vor über hundert Jahren kaum noch erinnerten, daß es da mal eine Ungereimtheit gab. Im Kugelhagel stürzende Männer sind zu sehen, weinende Mütter und brennende Farmen. Hier, in den ehemals konföderierten Südstaaten, hat fast jede Familie schmerzhafte Verluste in diesem Desaster erlitten, das über 600 000 Amerikaner das Leben kostete und damit noch immer mehr als jeder andere Krieg der Nation. Doch fast noch schlimmer war die Niederlage: Zurück in die Staatengemeinschaft Abraham Lincolns zu müssen und die Verfassung akzeptieren. Inklusive Skalvereiverbot. Es bedeutete das Ende für die mächtigen Plantagen-Besitzer des Südens, deren Existenz auf den leibeigenen Arbeitern fußte.Meine Vermieter Jeanette und Roger stammen allerdings gar nicht von hier, sondern aus New York. Sie genießen ihre Gäste und ihr bis zur Firstpfette mit Gemälden, Hindenburgskulpturen, Kuckucksuhren, Puppen und geschnitzten Griffith-Möbeln vollgestopfte Haus. Und sie lieben dieses Leben hier draußen, wo der einzig hektische Moment der ist, wenn die Bäckersfrau morgens zu wenig Doughnuts hat.Der Parkway wird immer schöner, Felsen brechen zunehmend durch das Grün, die Hügelketten North Carolinas und West Virginias verblassen in unzähligen Blautönen am Horizont. Die ersten Nummernschilder aus Georgia tauchen auf, der Blues des Südens beginnt sich unter die Country-Songs zu mischen, der harte Rock ist lange vorbei. Rechts zweigt die Auffahrt zum Mount Mitchell ab, mit 2037 Metern nicht nur der höchste Flecken North Carolinas, sondern auch der kälteste und windigste, wie an einem kleinen Infostand treffend beschrieben wird. Der Berg selbst sieht schlimm aus, zerzaust der Mount St. Helens nach dem Ausbruch, dürre, abgestorbene Baumstümpfe in den Himmel reckend. Zerstörerisches Zusammenspiel von Ozonloch und Acid-Rain, Sauerer Regen, wie ein Schaubild erklärt. Ein paar Motorräder in vollem Reiseornat biegen auf den Platz. Während ich mich fröstelnd in meiner Jacke vergrabe, haben die Amis gerade mal eine Weste übers T-Shirt gezogen. Sie scheinen nie zu frieren. Manche sagen, sie trügen die Klima-Aggregate bereits in der Brust. An einer kleinen Tanke wärme ich mich auf. Ach was - Tanke, das ist keine Tankstelle, sondern ein Stück Lebensart. Ein Laden, irgendwo am Highway 19, in dem das ganze Leben und Sterben eines Kontinents am Tresen geregelt wird. Denn was »Starvin Marvin« auf 50 Quadratmetern nicht verkauft, braucht auch niemand. Von Gewehren, Chilibohnen und Angelködern über Windeln, Romane und Puppenkleider bis hin zu Hamburgern, Brennholz und Haargel - Marvin hat alle Lebenssituationen im Griff. Ein Schild weist daraufhin, daß er bei Überfällen nicht lange mit dem Notruf 911 rummacht, sondern handelt. Ein Smith&Wesson-Bild verdeutlicht, was er meint. Außerdem steht noch zu lesen, daß es sich hier um die letzte Alk-Tankstelle sei. Wenige Kilometer weiter beginnt in Cherokee das Indianer-Reservat, wo alle Feuerwasser-Produkte auf dem Index stehen. Leider steht in Cherokee manches andere nicht auf dem Index. Zum Beispiel der erbarmungslose Ausverkauf von allem, was irgendwie mit indianischer Kultur zu tun hat. Der ganze Ort ist ein einziger Souvenierschuppen, ein einziges Tomahawk- und Federschmuck-Arsenal, ein einziges Potemkinsches Dorf einer Cowboy- und Indianer-Idylle, die mit der Wirklichkeit nur noch rudimentär in Zusammenhang steht. Denn die liegt am Ortsrand und besteht nicht mehr aus wilden Mustangs, romantischen Tippis und dem großen Manitou, sondern aus abgewrackten Camaros und heruntergekommenen Wohntrailern, vor denen sich der Müll häuft, und einer Hoffnungslosigkeit, die mir das Grauen unter den Helm treibt. Daneben renovierungsbedürftige Motels, wo das Vacancy-Schild stets brennt und wahrscheinlich nie ein Zimmer gebucht wird. Ein Vater läßt seinen Sohn vor einer Fastfood-Pizzeria indianische Tänze aufführen. Drei verschiedene, von April bis September. Alle halbe Stunde geht der Junge rum und sammlt Dollarscheine bei den Pizza-Essern. Dann beginnen sie wieder von neuem, der Getto-Blaster schraddelt übersteuert vor sich hin, Vater haut auf die Trommel, und der Junge hüpft apathisch auf schmerzenden Füßen. Nordwestlich von Cherokee führt eine lange Paßstraße in die Smoky Mountains und zur Grenze nach Tennessee. Mitten auf der Fahrbahn prangt eine unglaubliche Ölspur. Breit, alt und fett wie in Italien vor der Mautstelle. Die Strecke scheint den alten, fertigen Schlitten aus dem Tal buchstäblich das Öl aus den morschen Dichtungen zu pressen. Je steiler die Straße, desto dicker die Spritzer. Ein frisches Rinnsal verfolge ich über den ganzen Paß, bei offensichtlich nötigen Atempausen am Rand sich zu ganzen Lachen ausbreitend, dann unverdrossen tröpfelnd wieder auf den Highway einschwenkend. Gebannt verfolge ich diesen Todeskampf, doch die alte Schlurfe muß es geschafft haben. Irgendwie, dieses eine Mal noch. Wolkenfetzen fegen über mich hinweg, Sonne und Dunst wechseln sich ab, rauchende Berge, wahrhaftig. Die Temperaturen sind empfindlich gefallen, ich bin mit 6643 Fuß am höchsten Punkt der Reise angekommen. Und gleichzeitig fast an ihrem Ende. Nach Georgia nehmen die Höhenmeter jetzt nur noch ab, dichte, fast tropische Vegetation nun rechts und links der Straße. Von Rankpflanzen dschungelartig überwucherte Bäume, gemütliche Farmhäuser mit den typischen Südstaatenveranden und vorwiegend schwarzen Bewohnern. Einst als Sklaven für die riesigen Plantagen ins Land geschafft, prägen sie nun als freie Menschen den Charakter des tiefen Südens, die ruhige, geradezu mittelamerikanisch träge Atmosphäre, in der die Uhren um Stunden langsamer zu gehen scheinen als noch vor einer Woche in New York. Hier kämpfte Martin Luther King, hier wütete der Ku Klux Klan am brutalsten und hier lebt der höchste Prozentsatz schwarzer Amerikaner. Hier schägt der Puls Afro-Amerikas am deutlichsten. Als ich in Atlanta auf den Flug nach Frankfurt warte, höre ich Klaviermusik. Tatsächlich, ein Pianist unterhält an einem Steinway-Flügel die Gäste eines Cafés. Es ist wunderbar, ihm zuzuhören. Auch wenn er weiß und dies nicht New Orleans ist, auch wenn er Klavier statt Saxophon spielt und Sinatra statt Armstrong - er könnte es bestimmt. Ich sollte ihn fragen. Schließlich wird der Flug aufgerufen, ich muß los. Doch dann, fast schon in der Paßkontrolle, kommen tatsächlich die ersten Takte. Ich wußte, daß er es kann: »Georgia, oh Georgia...«.

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