Ostseeküste (Archivversion) Riviera des Nordens

Kurven und Pässe? Wird man an der deutschen Ostseeküste vergeblich suchen. Dennoch, das platte Land rund um die Insel
Rügen begeistert – nur eben auf andere Art.

Zwischen Anklam und Usedom passiert’s: Ein längliches Etwas spurtet auf die Fahrbahn, starrt einen Moment lang auf meine Sachs Roadster 800 und verschwindet kurz vor der drohenden
Kollision zwischen zwei knorrigen Alleebäumen am Straßenrand. »Vorsicht,
Wildgefahr!« – das Bundesministerium
für Umwelt und Naturschutz hat solche Begegnungen in der Rubrik »10 Gebote –
damit Sie nicht am Alleebaum landen«
unter www.alleen-fan.de prophezeit. Mit dem Schrecken davongekommen, fahre ich in gemäßigtem Tempo weiter. Rätsle, was für eine Art Wild das wohl gewesen sein mag. Dachs? Marder? Iltis?
Erst ein paar Kilometer weiter bringt ein rot-weißes Warnschild schließlich
die Lösung: »Achtung, Otterwechsel.« Nach der zügigen Anreise per Autobahn von Süd- nach Norddeutschland regis-
triere ich mit einem Schlag, dass sich sowohl Landschaft als auch Tierwelt stark geändert haben.
Die schier endlosen Alleen, deren
Blätterdach sich wie grüne Tunnelröhren über die Fahrbahn wölben, täuschen
zunächst noch darüber hinweg, dass sich das Land hier quasi in der Übergangsphase zur Wasserwelt befindet – beim Blick auf die Karte sind rund um meinen Standort fast nur noch blaue Flächen auszumachen: im Westen der Peenestrom, im Osten das Stettiner Haff, im Norden das eine oder andere Achterwasser und die Ostsee. Erst nach einer Weile lichtet sich das Dickicht, eine türkisgrüne Brücke kommt in Sicht, dahinter liegt Usedom. Ich gebe Gas, rausche quer über die Insel den berühmten Seebädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin entgegen – der mit etwa 40 Kilometer feinstem Sandstrand versehenen »Pommerschen Riviera«.
Dann, in Ahlbeck, endlich das Meer – blaugrau glitzernd unter wolkenlosem Himmel. Als ich von Urlaubsgefühlen überwältigt darauf zubrumme, steigen links und rechts der Straße Hunderte Möwen auf und umkreisen die Giebel farbenfroh restaurierter Villen. Sie tragen Namen
wie Waltraud, Barbara, Astrid oder Dora und sehen aus, als ob sie einem Architektur-Lehrbuch aus dem 19. Jahrhundert entsprungen seien. Da sich die wohlhabenden Bauherren der vorletzten Jahrhundertwende für keinen einheitlichen
Stil entscheiden konnten, gleichen einige pompösen römischen Palästen, andere Pipi Langstrumpfs Villa Kunterbunt.
Ich tuckere weiter nach Heringsdorf, dessen ausufernde Villenviertel nahezu
lückenlos in die der benachbarten See-
bäder übergehen. Die Anzahl an den Prachtbauten ist gewaltig, selbst Lebens-
mittelgeschäfte oder Souvenirläden sind
in herrschaftlichen Gebäuden untergebracht. Gleich darauf mache ich die historische Seebrücke aus, die 508 Meter weit ins Meer hinausreicht – und an deren Ende ein Ausflugsschiff mit »Travel-Free-Angeboten« zu einem Kurztrip ins benachbarte Polen lockt: »Boris-Jelzin-Wodka für 8,90 Euro, Jakobs Krönung für 2,99 Euro...« Ich widerstehe meinem Schnäppchentrieb, schaue stattdessen in »Des Kaisers Pavillon« vorbei, wo schon Kaiser Wilhelm II.
zu Gast war und ich die Wahl zwischen Advokat- oder Fiaker-Kaffee habe. Die
Bilder an der Wand erzählen von den
Zeiten um 1900, als in Heringsdorf noch getrennte Badestunden für Herren und Damen galten. Im Strandkorb durften
sich Mann und Frau allerdings gemeinsam tummeln, er im dunklen Anzug, sie im Schleppenkleid. Davor buddeln die Kinder im Matrosenanzug im Sand.
Nach einer kleinen Runde durchs Hinterland rolle ich über Bansin und Zinnowitz gen Westen. Das Villen-Ambiente bleibt erhalten, hinzu gesellen sich Aldi, Plus und Edeka und holen mich von meinem Trip in die Kaiserzeit ins 21. Jahrhundert zurück. Der Weg nach Karlshagen führt zunächst durch eine hübsche Allee, anschließend durch dichten Kiefernwald. Bis zur Wende war hier Endstation,
die Strecke bis Peenemünde militärisches Sperrgebiet. Zu Zeiten des Nationalsozialismus, so erfahre ich im Historisch-Technischen Informationszentrum Peenemünde, entwickelte hier der Physiker Wernher von Braun für Hitler die so genannte Wunderwaffe V 2 – eine mit Sprengstoff beladene Großrakete, die beim ersten Testversuch bereits auf der Startrampe explodierte und beim vierten Start nach einer allerdings
zufrieden stellenden Flugdistanz wie ein Stein in die Ostsee fiel.
Am Hafen von Peenemünde werfe
ich einen kurzen Blick auf das zu einem Museum umfunktionierte russische
U-Boot »U 461«, daneben lädt der zum Restaurantschiff umgebaute Großsegler »Vidar« zum Piatenschmaus: »Skalp vom Kielschwein« (Steak mit Röstzwiebeln), »Hooks Lieblingsfraß« (Champignonsteak mit Bratkartoffeln) oder »John Silvers Gebeine« (Eisbein mit Sauerkraut), und zum Nachtisch gibt’s eine »Kanonenkugel mit Schwarzpulver« (Eisbecher Cappuccino).
Nun gut. Ich brettere weiter zur »Brücke der Freundschaft« vor Wolgast, stehe im Stau, bis sich die Klappkonstruktion über die Peene spannt und verlasse mit einer endlos anmutenden Autoschlange die Insel Udedom. Eine Stippvisite in der
Hansestadt Greifswald, dann lasse ich mich über die dicht befahrene E 251 der nächsten Ostseeperle entgegenstrudeln: Rügen – mit knapp 1000 Quadratkilo-
metern Deutschlands größtes Eiland. Bei Reinberg biege ich, dem Verkehrsstrom
in Richtung Stralsund und Rügendamm entfliehend, nach Stahlbrode ab und
steuere die Insel mit der Autofähre an. Kaum zwanzig Minuten später stellt sich ein Gefühl großer Ruhe und Geborgenheit ein. Umfangen von den dschungelgrünen
Armen steinalter Alleebäume, taucht
die Sachs in eine aus Blättern und Ästen
geformte Röhre und gleitet völlig entkoppelt vom Rest der Welt dahin. Genial.
Bei Garz stoße ich auf die Deutsche Alleenstraße, die – bis zum Bodensee knapp 2500 Kilometer lang – auf Rügen
ihren Anfang nimmt. Gleich drei Einstiege sind auf der Insel zu verzeichnen, denn
bei den attraktiven Alternativen konnte man sich unmöglich für einen einzigen entscheiden.
Putbus taucht auf, die weiße Stadt
des Fürsten Wilhelm Malte I.: Schlosspark, Orangerie, Theater, Rundplatz mit Obelisk. Anfang des 19. Jahrhunderts in klassizistischer Manier errichtet, zeugt der Pomp vom einstigen Feudalismus Rügens. Dann schlägt die Deutsche Alleenstraße wieder wie ein Tunnel über mir zusammen. Bei Klein Strelow registriere ich, dass aus
der Lindenallee eine nicht minder schöne Eichenallee geworden ist, übersehe das Schild: »Achtung, Belagwechsel« und
hopple wie ein Duracell-Hase über eine Passage aus grob behauenem Pflasterstein, die noch aus DDR-Zeiten stammen muss. Dem vor mir her schlingernden Wohnmobil scheint es weitaus schlechter zu ergehen: Es scheppert, als flöge
sämtliches Geschirr aus den Schränken. Auf der B 196 justiere ich die Spiegel nach, cruise durch eine Kastanienalle
nach Granitz und Binz und weiter Richtung Sellin durch eine Buchenallee.
Bei einem Streifzug durch Sellin erliege ich erneut dem Charme der klassischen Bäderarchitektur. Ringsum Villen mit verspielten Türmchen, prachtvollen Säulen, filigranen Holzintarsien, Erkern, Loggien und Balkonen. Eine ausladende Treppe führt hinunter zum Strand, den eine Seebrücke mit einem märchenschlossartigen Gebäude ziert. Zurück auf die Straße.
Vorbei an den Seebädern Baabe, Göhren und Thiessow gen Süden. Zwischen den schmucken Badeorten erstrecken sich kleine Wäldchen, ab und an Abzweige
mit Hinweisschildern, von denen zwei mich vor Lachen fast vom Motorrad fallen lassen: »FKK-Hundestrand« und »Textil-Hundestrand«.
Zurück auf der Deutschen Alleen-
straße, steuere ich über Putbus das
Fischerdorf Lauterbach an. Endlich kein Seebad, keine millionenschwere Brückenkonstruktion, keine Belle-Epoque-Villen. Vom Räucherschiff »Berta« aus werden Brötchen verkauft, wahlweise mit Räucherrollmops, Kräutermatjes oder Krabben. Schräg gegenüber der Hornfischbar hängen Papierlampions an den Bäumen, auf den Tischen stehen Teelichter in
Papiertütchen, und die darüber aufgespannten Sonnenschirme fliegen bei
der ersten Windböe die Straße entlang. Aufatmend sinke ich auf einen der letzten freien Stühle, bestelle Seehecht mit
Bratkartoffeln und schaue über Schiffsmasten aufs Meer.
»Das ist kein Meer, sondern Bodden«, werde ich bei meiner anschließenden
Kai-Promenade von Kapitän Jeschke belehrt. Der hauptberufliche Fischer verkauft den letzten Fang des Tages vom Kutter weg, puhlt zwischendurch Flundern aus dem Netz und klönt mit den Passanten. Sohn Kai wiegt ab, Käufer eilen herbei
und verstauen die Fische in mitgebrachten Tüten und Kisten. Als mir Jeschke einen knapp 27 Pfund schweren Hecht zu
Demonstrationszwecken vor die Nase
hält, beginnt fast eine Rempelei unter den Kunden. »Um sechs Uhr früh geht’s raus, um acht zurück«, erläutert mir der Kapitän nach Abflauen des Tumults, »bringst’n Kasten Bier mit, dann kannste mitfahren.«
Am nächsten Morgen, zehn vor sechs. Kapitän Jeschke nimmt freudig seinen Kasten Rostocker entgegen, bittet mich
zu Sohn Kai an Bord und holt noch schnell seinen Vater, der heute das Steuer übernimmt. Punkt sechs legt die Luxusyacht »Saxonia« traumschiffartig vom Lauter-
bacher Hafen ab, wir ballern im 80-PS-Kutter »LAU-O4« hinterher. Jeschke reicht mir Ölzeug, was sich beim ersten Brecher, der mir ins Gesicht klatscht, als gute Idee erweist. Die Wolken dräuen, der Wellengang ist moderat, es herrscht Landwind. Wir fahren an der Insel Vilm vorbei bis zu einem roten Markierungsfähnchen, das den Fischgrund von Jeschke markiert.
Der Echolot-Schreiber verzeichnet gelb-graue Fischsymbole in knapp fünf Meter Tiefe, Jeschke Senior tuckert an den
ausgelegten Netzen entlang, der Kapitän holt mit der hydraulisch betriebenen
Seilwinde den ersten Fang des Tages ein. Mitunter verheddert sich das Netz und schneidet Jeschke in die schwieligen
Hände, während Kai und ich im Akkord
die zappelnden Flunder herauspuhlen. »Leider kein Hecht«, bemerkt Jeschke, fast entschuldigend.
Nach der Boddenpartie dirigiere ich die Sachs über Bergen und Sassnitz zur Stubbenkammer auf der Halbinsel Jasmund und werfe einen Blick auf die jäh abstürzenden Kreideklippen des von Caspar
David Friedrich einst auf Öl gebannten
Königsstuhls. Obwohl garantiert tausendmal als Foto gesehen – der Anblick des Originals ist eine Klasse für sich.
Ein Ausflug zum Kap Arkona – Deutschlands Nordkap – muss sein. Zwei markante, historische Leuchttürme markieren am Rand der fast 50 Meter hohen Kreidefelsen dieses oft recht windige Ende der Republik. Dann schaukle ich per Fähre nach West-Rügen und gelange schließlich über den Rügendamm nach Stralsund, durchforste das Weltkulturerbe der
Hansestadt und brettere – pünktlich zum Abendessen – zurück nach Lauterbach. Denn eins steht fest: Nach meinem Ausflug mit den Jeschkes gibt’s im Räucherschiff Berta und in der Hornfischbar
heute frische Flunder.
Tags darauf folge ich über Stralsund bis Demmin wieder einmal dem Lauf der Deutschen Alleenstraße. Ein Lkw-Konvoi kommt mir entgegen, fegt mich fast von der Sitzbank, so stark ist der Luftzug in dem Tunnel aus Bäumen. Später muss ich heruntergefallene Äste umkurven – die Stadtwerke sind mit ihren Fahrzeugen samt Hubkorb, Säge und Häckselmaschine schwer mit der Baum-Pflege beschäftigt. Vermutlich wird sie die Instandhaltung der Baumreihen das ganze Jahr hindurch auf Trab halten – das Netz der Alleen und einseitig von Bäumen gesäumten Strecken addiert sich allein in Mecklenburg-Vorpommern auf eine Länge von 4374 Kilometer.
In Demmin stoße ich auf die Deutsche Hanseroute, die mich – selbstredend
durch Alleen – entlang der Peene zurück nach Anklam führen wird. Von der See
ist soweit landeinwärts nichts mehr zu spüren. Trotzdem lockt mich ein Fisch-
lokal am Demminer Hanseufer. Aber die servierte Flunder schmeckt dann doch nicht mehr ganz so gut wie die am Abend zuvor auf Rügen. Kann ja auch unmög-
lich eine der Flundern sein, die ich unter Anleitung von Kapitän Jeschke aus dem Netz gepuhlt habe.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel