Pakistan (Archivversion) Einmal ganz oben sein

Eigentlich wollte er nach China. Bis die Grenzer ihm die Einreise auf dem Karakorum-Highway verwehrten. Doch da war er bereits ganz oben, auf einer der höchsten Straßen der Welt.

Grell blendet das schnell näherkommende Scheinwerferpaar in die Rückspiegel, Unmengen von Katzenaugen reflektieren gespenstisch das Licht, Ketten rasseln und Glocken schrillen, knapp saust das Ungetüm an uns vor. Krampfhaft versuchen wir weiter geradeaus zu halten, Staub breitet sich langsam über Stefan und mir uns. 300 Meter später parkt das Ungetüm am Straßenrand. Nein, doch kein Drache, sondern ein nach pakistanischer Landesart über und über geschmüchter Lastwagen. Breit grinst uns der Fahrer des Wagens entgegen. Noch einen Stempelabdruck hier am letzten Zollübergang bei Mirgave abholen, und die Einreise ist gepackt. Mit unseren Schlafsäcken verkrümmeln wir uns hinter das Gebäude und erwarten voller Spannung das unbekannte Pakistan.Im wilden BaluchistanDie Warnungen vor den düsteren Baluchen, Dieben und Wegelagerern haben wir noch im Ohr. Die Strecke vom Iran nach Indien war bis vor kurzem nicht ungefährlich und Transitreisende wurden in unsicheren Gebieten sogar von bewaffneten Eskorten begleitet. Doch von alldem ist in der kargen Einöde nichts zu merken. Das schmale Band der Straße von Horizont zu Horizont ist das einzige Ereignis, lediglich alle 50 bis 100 Kilometer von ein paar ärmliche Hütten unterbrochen. Baluchistan ist Pakistans größte Provinz und umfaßt über 40 Prozent der Gesamtfläche. Aber nur knapp vier Prozent der Bevölkerung leben hier.Die Strecke verschlechtert sich zusehends. Immer wieder müssen wir auf die Piste - eine neue Straße ist im Bau. Eine Regel gibt im Verkehr den Ton an: Je größer, um so mehr Recht auf Vorfahrt. Der weitverbreitete Haschisch-Konsum verhilft dabei zur nötigen coolness. Meist machen wir freiwillig Platz. Runter in den Graben und zurück auf die Piste. Langsam wird es zur Routine.Nach schier endlosen Kilometern erreichen wir Quetta. Über 100 000 Einwohnern drängen sich in der Provinzhauptstadt. Die Stände entlang der Straße sind voll mit Obst, Gemüse und geschlachtetem Vieh. Roti, das landesübliche kreisrunde Fladenbrot, wird in Lehmöfen gebacken und verbreitet einen verführerischen Duft. Es wird schon hier zu unserer Leibspeise. Entlang der afghanischen GrenzeDie Gegend scheint menschenleer. Nur selten begegnen wir einem Fahrzeug. Einzig die Himmelsrichtung gibt uns das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Irgendwann taucht auf einem Hügel das Fort von Zhob auf. Von hier aus kontrollierte Oberst Robert Sandeman von 1866-92 als englischer Kolonialverwalter die Stämme der Baluchi. Beinahe 100 Jahre hatten die Engländer die Herrschaft über Indien und das heutige Pakistan. Erst am 14. August 1947 endete die Herrschaft der Krone. Heute residiert im ehemals britischen und offenbar unverändert belassenen Prunkzimmer ein pakistanischer Regierungsbeamter. »The Boss«, wie er sich selbst nennt. Auf einer Tafel über seinem Schreibtisch sind alle Verwalter der britischen Krone seit 1890 aufgelistet. Die Pakistani haben es sich nicht nehmen lassen, diese Tafel seit 1949 in Ehren weiterzuführen. »The Boss« steht ganz unten. Als uns ein Bediensteter Tee serviert, ist das alte Kolonialisten-Bild komplett.Nur mit Mühe bringen wir »the Boss« davon ab, uns eine Eskorte für die Weiterreise mitzugeben.Auf verbotenen PfadenIm Morgengrauen ziehen wir weiter, lediglich ein paar schlaftrunkene Gestalten auf dem Weg zum Morgengebet sind unterwegs. Die Strecke nach Dera Ismail Khan entpuppt sich als bislang schönste der gesamten Reise. Über Stock und Stein, durch Flüsse und Schlamm geht es dahin. Eine böse Schlammpassage wird einem Bus vor uns zum Verhängnis und er rutscht fast über den Böschungsrand. Alle Passagiere müssen erstmal von Bord, dann wird gemeinsam Hand angelegt. Bei den Flußdurchfahrten sind sie dafür im Vorteil. Mühsam balancieren wir die schwerbeladenen Mopeds über die faustgroßen, glitschigen Flußkiesel. Stefan erwischt es irgendwann und verschwindet samt Motorrad in den Fluten. Es dauert eine Weile, bis wir alles geborgen haben. Ein Alukoffer ist aus der Halterung gerissen und muß wieder hingebogen werden. Da taucht eine Gestalt auf, die so gar nicht in die rauhe Umgebung der finsteren Mienen und Gewehre paßt. Drei Uhren hat er am Handgelenk und ein Transistorradio unter dem Arm. Pirkhan, er möchte uns zum Chai einladen. Aus der kurzen Teepause entwickelt sich ein interessantes Abendprogramm. Pirkhan bietet uns ein Nachtlager an und wir sind froh, nicht mehr im Dunkeln auf die Piste zu müssen. Bald sitzen wir inmitten seiner acht Geschwister bei köstlichen Maisfladen und Hühnersuppe. Auf deutsch, englisch und unsere Gastgeber zusätzlich noch in der Landessprache »Urdu« führen wir eine rege Unterhaltung. Wo Worte fehlen, helfen Zeichnungen weiter, und mit Strichmännchen, Sonne und ähnlichen Symbolen werden die Familienverhältnisse erörtert und Geschichten erzählt. Gelegentlich hallt Gewehrfeuer durch die Nacht. Freudensalven von einem Familienfest. Islamabad: Weltstadt der ModerneGestern kämpften wir auf den Pisten ums schiere Überleben, heute rollen wir achtspurig nach Islamabad. Von blitzsauberen Luxuslimousinen über monumentale Protzbauten bis hin zu dem schick gekleideten Manager mit Handy ist alles vertreten. Der traditionelle Eselskarren am alten Bazar und die Turbanträger vervollständigen die Szenerie.1959 wurde Islamabad zur neuen Hauptstadt ernannt. Damals ein Städtchen mit 50 000 Einwohnern. Im neuen Koordinatensystem war der »zero point« bald festgelegt. Um die übliche Verslumung zu verhindern, sollte sich die Stadt nur in eine Richtung ausdehnen. Inzwischen reihen sich sechs Stadtfelder mit insgesamt 200 000 Einwohnern aneinander.Wir werden zum »Foreign Camp« geschickt, einem Zeltplatz nur für Ausländer. Da stehen sie, die Landrovers, Enduros und Wohnmobile aus aller Welt. Gegessen wird im Pizza Hat. Die Portionen sind riesig, die Preise auch.Auf Marco Polos Spuren ins Karakorum«Wenn man dieses Land verläßt und drei Tage immer weiter in nordöstlicher Richtung wandert, dabei Berg auf Berg übersteigt, gelangt man endlich auf einen Punkt, wo man glauben könnte, daß die Gipfel ringsum das Land zum höchsten der Erde machen ... Wenn man diese zwölf Tagereisen hinter sich hat, muß man noch weitere vierzig Tage in derselben Richtung wandern, muß Berge, Täler und viele Flüße überschreiten, ohne eine Hütte oder etwas Grün zu sehen ... Endlich erreicht man einen Platz, der Kashcar heißt und früher, wie man sagt, ein unabhängiges Königreich gewesen ist, jetzt aber unter der Herrschaft des Großkhans steht.« (Marco Polo, 13. Jahrhundert)Wo früher die Reisenden bis zu zwei Monate unter größten Strapazen unterwegs waren, frißt sich heute ein 1300 Kilometer langes und sechs Meter breites Teerband durch das Gebirge. Ihren Ausgangspunkt nimmt die Strecke bei Havelian, etwa 100 Kilometer nördlich von Islamabad und führt über 600 Kilometer weiter bis nach Kashgar in das »Reich der Mitte«. 20 Jahre arbeiteten bis zu 15 000 Pakistani und 20 000 Chinesen an diesem Mammutprojekt. Hoch oben am Kunjerab-Paß beginnt China. Mit über 4700 Metern hat er beinahe die Höhe des Mont Blanc.Entlang des Hunza-Flusses schlängelt sich die Strecke durch die riesige Bergwelt. In schier unermeßlicher Wiederholung reiht sich eine Kurve an die andere. Die vertikale Sitzposition ist nur der eine Augenblick Übergang von einer Schräglage in die nächste. Mühelos klettern unsere Kawasakis Meter um Meter empor. 4000 Höhenmeter sind insgesamt zu bewältigen. Doch wir haben nicht das Gefühl, den gewaltigen Bergen näherzukommen. Noch zeigt der Höhenmesser etwa 6000 Meter Differenz zwischen uns und den Gipfeln. Nicht weniger als 82 7000er ragen um uns empor. Unfaßbar.Hinter Chilas sehen wir ihn zum ersten Mal, den Mächtigsten der Region, den Nanga Parbat. 8126 Meter ragt er über den Meeresspiegel hinaus.Langsam, aber merklich wird es eisig kalt. Immer neue Kleidungsschichten müssen helfen, den eisigen Wind vom Leib halten. In etwa 3300 Metern Höhe schlagen wir unser Zelt in einer Felsmulde auf, geschützt vor unverhofftem Steinschlag. Auf dem Kocher brodelt ein Topf Tee nach dem anderen. In voller Montur und mit eisigen Zehen stehen wir im Freien und wärmen uns die Finger an der Tasse. Morgens ist das Innenzelt mit einer Eisschicht überzogen. Träge fließt der Tee aus der Feldflasche in den Topf. Eiskristalle glitzern uns entgegen. Selbst unsere braven Motorräder frieren kräftig. Es dauert einige Zeit, bis sie sich zu einem frostigen Klappern bewegen lassen. Der Wasserbeutel im Freien ist tiefgefroren. Der Kunjerab-Paß: das Tor nach ChinaGipfelbild. In über 4700 Metern ist die Paßhöhe erreicht. Die ersten chinesischen Schriftzeichen tauchen auf. Bei minus 25 Grad suchen meine starren Finger den Auslöser. Die Haut scheint am Metallgehäuse der Kamera festzukleben. Vor uns weidet eine Herde Yaks. Neben den riesigen Tieren wirkt der Hirte wie ein Zwerg. Sie scheinen die einzigen Lebewesen hier oben. Außer den Zöllnern. Der erste Schlagbaum versperrt den Weg. Chinas Grenzterrain beginnt. Wir dürfen durch. Hier noch. Doch nach 150 Kilometern ist Schluß. An der Hauptgrenzstelle, 400 Kilometer vor dem Ende des Karakorum-Highways, verweigern die Zöllner endgültige die Weiterfahrt für unsere Kawasakis. Eigentlich sollte hier an der Grenze unser Kontaktmann aus Peking warten, der die Grenzformalitäten für uns erledigt. Es fehlt jede Spur von ihm, und er taucht auch nicht mehr auf. Auf die Nachsicht der Grenzer zu hoffen ist aussichtslos. Auch als wir unser Reportagevorhaben schildern, verziehen die Uniformierten keine Miene. Kein Interesse an Imagewerbung. Wir arbeiten uns von einem Schreibtisch zum nächsten vor, versuchen es mit unzähligen Telefonnummern bei irgendwelchen »Zuständigen« in Peking. Es hilft nichts. Nach über 12 000 Kilometern und vier Tagen Kampf mit den chinesischen Behörden geben wir auf. Fast. Kashgar: Metropole der alten SeidenstraßeVergnügt schaukeln wir in dem alten Linienbus durch die ersten Straßen von Kashgar, betrachten durch die Scheiben, einen riesigen Stau von Eselskarren. Wir durften ja nach China, nur nicht unsere Motorräder. Also bleiben die Bikes oben und wir nehmen den Bus. In unserer Montur fühlen wir uns zwar etwas deplaciert, wie auch die Blicke der Mitreisenden bestätigen, aber die alte Stadt entschädigt uns für alle Mühen. Von der Nähnadel bis zum Kamel wird hier alles geboten, was man zum Wüstenleben braucht. Es ist Markttag. Ungeachtet aller Durchfall-Warnungen futtern wir uns an den Ständen lustvoll entlang. Vom Sesamkringel über Honig-Erdnuss-Plätzchen und Zuckerrohrröllchen leiten wir über zu gegrillten Fleischspießen. Wir schlendern durch die Stoffstraßen und die Gewürzgassen mit getrockneten Echsen und fein säuberlich aufgerollten Schlangen. Auf dem Vogelmarkt werden stolz die frisierten Hähne präsentiert, am Schuhmarkt die Second-Hand-Ware meistbietend verkauft. Vom alten Chinesen mit grauem Spitzbart, den schwarzgekleideten Kirgisen mit Pelzhut, dunkelhäutigen Pakistani bis zum Uiguren und Usbeken ist alles anwesend, dazwischen auch die weiß gepuderte, jeansgekleidete und hochgestylte Chinesin. Den nächsten Tag verbringen wir wie phrophezeit wegen Magenverstimmung im Bett. Die »weltallerschönste« Endurostrecke im HindukushRechts ragen die Felsen in nahezu senkrechten Überhängen in die Höhe, links halten sorgsam aufgeschichtete Steine den Schotter der Fahrbahn vor dem Abgrund fest. Weit unter uns rauscht das Wildwasser in den Tiefen der Schlucht. Zurück in Pakistan wollen wir in einer dreitägigen Reise auf einer anspruchsvollen Hochgebirgspiste über den Shandur-Paß in das westlich gelegene Chitral im Hindukush. Vorsichtig dirigieren wir die Mopeds durch die rutschigen Kehren, den Abgrund ständig vor Augen. Einheimische bieten auf dieser Strecke Jeeptouren für Rucksacktouristen an. Fahrer gäbe es nur gute, die schlechten seien längst abgestürzt, steht im Reiseführer. Rangierspuren in den engen Serpentinen zeugen von harter Arbeit hinter dem Steuer. Unsere KLR lassen sich da leichter handhaben, auch wenn wir dafür zuweilen unter den überhängenden Felsen den Kopf etwas einziehen müssen. Immer wieder überraschen gefrorene Rinnsale mit spiegelnder Glätte. Die Landschaft entschädigt allerdings für alles. Schneebedeckte Berggipfel, goldenes Herbstlaub und vereinzelte, oftmals nur über windige Hängebrücken erreichbare Dörfer bieten ein phantastisches Panorama. Ist die Anzahl der Häuser für den Aufwand einer Brücke zu klein, muß ein gespanntes Drahtseil genügen. Mit Seil und Kiste werden Mann und Maus hin und her transportiert. Höhenangst darf man nicht haben. Drei Tage sind wir am Rande des Abgrunds unterwegs. Als wir wieder Teer unter den Rädern spüren, atme ich auf.Letzte EindrückeKurz vor elf schlängeln wir in Alis Kleinbus durch die verstopften Straßen in die Stadt. Zielstrebig und im Millimeterverfahren bringt er uns von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Gestern erst haben wir uns kennengelernt und spontan hat er uns eingeladen, den Tag mit ihm zu verbringen und uns die Stadt zu zeigen. Lahore, Kulturmetropole und mit etwa fünf Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Pakistans. Viele Völker und Kulturen hinterließen hier ihre Spuren. Von den Afghanen über die zerstörungswütigen Sikhs bis zu den Briten, die 1947 abzogen. Vom alten Fort der Mogulen blicken wir hinab auf das Treiben der Altstadt. Irgendwo muß der Innenhof der Badshahi-Moschee sein, wo sagenhafte 60 000 Gläubige Platz finden sollen. Ein letzter Gang noch durch Shalimar-Garden und dann bringt Ali uns zurück, überschüttet uns noch einmal mit seiner Gastfreundschaft. In dem ratternden Kleinbus, zieht noch einmal alles an mir vorüber: Wieviel haben wir erlebt, welche Kontraste ausgehalten. Die düsteren Mienen der Baluchen, die traumhaften Pisten, der Herbst in den Bergen, unser Scheitern in China und der Blick von einem der höchsten Gebirge der Welt. Einmal waren wir ganz oben.

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