Pannen unterwegs Erstversorgung

Pannen haben ein hinterhältiges Wesen: Sie passieren stets dann, wenn garantiert keine Werkstatt in der Nähe ist – was aber nicht zwangsläufig das Aus der Reise bedeuten muss. Gedanken über die richtige Vorbereitung und die hohe Kunst des Improvisierens.

Das war’s dann wohl. Technisches K.o. in einem Kaff am Schwarzen Meer, irgendwo zwischen dem ukrainischen Seebad Jalta und der russischen Grenze: Die BMW R 1100 GS hat soeben ihre Arbeit eingestellt. Nicht mal mehr ein Klacken, wenn man den Schlüssel auf Position Start dreht. Einfach nur Stille. Was für die einen Kategorie »Mechaniker mit Meisterbrief«) als Herausforderung durchgeht, stellt die anderen (Spezies »zwei linke Hände«, zu der auch der Autor zählt) vor schier unlösbare Probleme. A: Fehlersuche – in diesem Fall ein abvibriertes Kabel im Zündschloss. B: Fehler eigenhändig beheben, weil sich weder eine Vertragswerkstatt noch eine ADAC-Notrufsäule in unmittelbarer Nähe befindet. Der Supergau.

Nun ist es also raus. Schröder reist durch alle Welt und kann gerade einmal einen Schraubenzieher von einer Kneifzange unterscheiden. Aber aus Furcht vor einer Panne lieber daheim bleiben? Wohl kaum. Vorsichtigeren Naturen sei folgender Erfahrungswert von Globetrottern nahe gelegt: je weiter von einer Vertragswerkstatt entfernt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, auf talentierte, im Improvisieren überaus erfahrene Mechaniker zu treffen. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel.

Beispiele gefällig? Dass der Trip ums Schwarze Meer (MOTORRAD 25/2005) fortgesetzt werden konnte, geht auf das Konto sympathischer ukrainischer Biker, die sich am nahen Strand sonnten. Das Zündschloss ausbauen? Kaum mehr als eine Fingerübung für meine neuen Bekannten. Wie aus dem Nichts war ein Lötkolben aufgetrieben und das Kabel wieder dort, wo es hingehört. Worte? Überflüssig. Es hätte ohnehin keiner die Sprache des anderen verstanden.

Kurios auch die Ersatzteilbeschaffung, die dem Fotografen Michael Martin 1995 im afrikanischen Ruanda widerfahren ist (MOTORRAD 20/1995). Ein gebrochener Bolzen lässt die Kardanwelle seiner BMW R 1100 GS im Gehäuse frei hin und her schlingern und das Hinterrad wackeln. Was einen augenscheinlich technisch überaus versierten Passanten dazu veranlasst, einen kleinen Baum zu fällen und aus dem Holz einen Zapfen zu schnitzen, den er anschließend mit einem Stein ins Gewinde drischt. Martin versteht die Welt nicht mehr, kann seine Reise aber fortsetzen.
Geschichten wie diese sind kein Einzelfall. Eine Zündspule wickeln? Einen Wasser- oder Ölkühler abdichten? Rahmen schweißen? Lager ersetzen? Machbar – überall auf der Welt, wo es Fahrzeuge gibt. Dass so manche Reparatur aus haftungsrechtlichen Gründen daheim nicht erlaubt ist? Schwamm drüber. Es geht schließlich ums Weiterkommen. Die Grenzen setzen Reisende im Prinzip selbst: An modernen, mit elektronischen Systemen ausgestatteten Fahrzeugen lassen sich die Ursachen vieler Defekte oftmals nur noch in Fachwerkstätten mit entsprechenden Prüfgeräten ermitteln. Aus den jeweiligen Reparaturanleitungen geht schnell hervor, welche Arbeiten ohne computergestützte Fehlerdiagnose überhaupt noch möglich sind.

Eine Panne – und jetzt?
Egal, ob in Afrika oder in Mitteleuropa – ein technischer Defekt geht gehörig auf die Nerven, wenn man sich nicht selbst aus dieser misslichen Lage befreien kann. Glück im Unglück haben (in den meisten Fällen) Inhaber eines Schutzbriefs, denn ADAC und AvD verfügen zumindest im europäischen Raum über ein flächendeckendes Servicenetz. In der Regel genügt ein Anruf, um Hilfe zu mobilisieren. Kann das Fahrzeug am Straßenrand nicht wieder belebt werden, erfolgt ein Transport in die nächste Vertragswerkstatt. BMW-Fahrer profitieren zeitlich unbegrenzt von einem europaweiten »Mobilen Service«. Die Pannenhilfe ist kostenlos, Ersatzteile werden berechnet. Piloten der meisten anderen Marken müssen sich mit einer Liste von Vertragswerkstätten in Deutschland sowie von den Importeuren im europäischen Ausland zufrieden geben. Was einen jedoch nicht davon abhalten sollte, einfach die nächstbeste Werkstatt anzusteuern – Sturzschäden wie ein verbogener Lenker, krumme Hebel oder ein schiefes Rahmenheck lassen sich von jedem Mechaniker für landwirtschaftliches Gerät richten, Schweißarbeiten sowieso.In Afrika, Asien oder Südamerika sind für Motorradfahrer ohnehin Autowerkstätten oder Schlossereien mangels Alternative die erste Adresse. Sie verfügen über die entsprechenden Werkzeuge, Gerätschaften (Schweißgeräte, Pressen, Drehbänke) und teilweise sogar auch über Ersatzteile wie zum Beispiel Radlager. Aufwendigere Arbeiten (Operationen am Motor) sollten ausschließlich an solchen Orten durchgeführt werden. In der so genannten Dritten Welt findet sich meist rasch ein Lkw-Fahrer, der gegen Bezahlung einen Transport in die nächste Stadt durchführt. Dorthin können auch eventuelle Ersatzteilsendungen geschickt werden. Einen solchen »Notfall-Plan« vor der Reise unbedingt mit dem heimischen Händler absprechen.

Grundausrüstung
Je nach Reiseziel und -dauer sowie Länge der Tour macht es Sinn, sich ein paar Minuten den Kopf darüber zu zerbrechen, was über ein gut sortiertes Bordwerkzeug hinaus an Hilfsmitteln und Ersatzteilen eingepackt werden sollte. Auch Alter und Zustand des Motorrads spielen eine Rolle: Wer mit seiner brandneuen Maschine eine Woche lang durch die Alpen cruist, wird – anders als der ewige Globetrotter im Sattel einer betagten Enduro – sicherlich kein Lenkkopflager, keine Zündkerzen, keine Kette oder gar eine CDI-Einheit mit sich herumschleppen. Sondern allenfalls Textilklebeband, Draht und ein paar verschieden große Kabelbinder. Vom abgebrochenen Blinker bis zu halterlosen Verkleidungs- oder Motorteilen (Kühler) lässt sich damit so ziemlich alles wieder an Ort und Stelle fixieren.

Plattfuss?
Bei den heutzutage überwiegend schlauchlosen Reifen hilft ein Pannenspray (zum Beispiel Reifenpilot), für größere Löcher ein entsprechendes Reparaturset (Pfropfen, CO2-Kartuschen). Zusätzlich sind eine Mountainbike-Luftpumpe plus ein Luftdruckprüfer sinnvoll. Enduristen wie Fernreisende setzen Ersatzschläuche (21 Zoll passt für notfalls alle Raddurchmesser), Montierhebel, Flickzeug und Ventilausdreher mit auf die Liste, auf der bereits folgende Posten stehen sollten: Kaltmetall, Schlauchschellen, diverse lange Schrauben und Muttern (M6 und M8), Kettentrenner und -glieder, ein Kettenschloss, Eisensäge und -feile, Brems- und Kupplungshebel sowie mehrere universelle Bowdenzüge. Das meiste davon hatte ich beim Trip rund ums Schwarze Meer übrigens mit dabei. Wie bei allen anderen Reisen auch. Weil’s das Gewissen ungemein beruhigt – besonders bei einem, der wenig Ahnung vom Schrauben hat.

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