Pfalz––––– (Archivversion) Kontrast-Programm–––––

Gegensätze beherrschen eine Motorrad-Tour durch die Pfalz. Schattige Wälder im Süden, sonnenverwöhnte Weinberge im Osten und wogende Weizenfelder im Norden versprechen einen abwechslungsreichen Zwei-Tages-Trip in Süddeutschland.

Buchstäblich im Grenzbereich kurven wir über die engen Waldstraßen. Während wir noch auf deutschem Boden rollen, gehören die Bäume zur Linken schon zu Frankreich, genauer gesagt zum Elsaß. Vor einiger Zeit war es noch legal möglich, über winzige, meist geschotterte Waldwege - zum Beispiel den vom pfälzischen Schönau ins elsässische Wengelsbach - auf die andere Seite zu gelangen. Doch ganz so grenzenlos ist die Freiheit heute nicht mehr. Neue Verbotsschilder beschränken die Einreise ins Nachbarland auf die besser ausgebauten Übergänge bei Wissembourg oder Lembach.Wir haben uns vorgenommen, jede noch so kleine in der 1:200 000er Generalkarte der Pfalz verzeichnete Strecke auszuprobieren, um herauszufinden, welche die schönste ist. Ein Vorhaben, das ideal an einem Wochenende zu bewältigen ist. Doch wir sind unter der Woche unterwegs. Denn erstens sind dann die Straßen leerer und zweitens die an Wochenenden gesperrte Kurvenstrecke durch das Elmsteiner Tal für Biker freigegeben.Nothweiler - Schönau - Fischbach ist schon mal nicht schlecht für den Anfang. Wald wechselt sich mit saftig grünen Wiesen ab. Zwischen Fischbach und Eppenbrunn staut sich der Saarbach zu einem kleinen Weiher, vor dem sich bereits einige Badegäste eingefunden haben. Wir halten ebenfalls an und springen kurz in die Fluten. Welch ein Genuß. Gut erfrischt geht es weiter. Wir wechseln jetzt allerdings die Bäche. Am Buchbach entlang verzeichnet die Karte erstaunlicherweise nicht die grüne Linie für landschaftliche Reize. Obwohl der Südwesten der Pfalz hier geradezu amerikanische Impressionen verströmt: Bizarre, rote Buntsandstein-Felsen ragen im Wasgau und im Dahner Felsland Arizona-gleich empor. Anders als in Übersee jedoch rankt sich hier um jedes dieser Steinmonumente eine Sage. Namen wie Teufelstisch, Jungfernsprung und Galgenfelsen lassen ahnen, worum es darin geht. Die Vegetation rund um den Teufelstisch wurde kürzlich sogar etwas ausrasiert, um Besuchern auch ohne anstrengende Wanderung - vor allem in Motorradstiefeln - einen Blick vom Parkplatz auf das Felsgebilde zu ermöglichen. In Dahn gibt es einen pfiffigen kleinen Abzweig, der rund um die Ruine Altdahn führt und dahinter wieder auf die Hauptstraße trifft. Gleich danach stoßen wir auf eine Stichstraße mit dem Hinweis Bärenbrunnerhof. Tatsächlich liegt am Ende der Straße ein uriger, einsam gelegener Bauernhof mit Gartenwirtschaft. Und der kleine, verschlungene Weg von Schindhard dorthin ist so schön, daß er in unserer Pfalzstraßen-Hitliste sofort auf Platz eins schießt. Die vielen Sandsteinformationen der Gegend waren natürlich ideale Sockel für Wehrburgen, die hier im Mittelalter entstanden sind. An der weithin sichtbaren Burg Berwartstein führt sogar ein so schönes Sträßchen vorbei, daß es in die Endauswahl der schönsten Pfalzstrecke kommen könnte.Die Burg gehört zu den interessantesten Wehrbauten des Mittelalters. Treppen, Gänge und Kammern sind direkt in die roten Buntsandsteinfelsen gemeißelt. Ins Burginnere gelangte man früher nur durch einen Aufstiegskamin, in dem Holz- und Strickleitern angebracht waren, die bei Bedarf einfach hochgezogen wurden. Ein einzelner Mann konnte diesen Aufgang verteidigen, indem er so unschöne, im Mittelalter aber weitverbreitete Dinge tat, wie siedendes Pech, heißes Öl und flüssiges Blei auf die armen Angreifer zu gießen.Auch der zwei Meter breite Brunnen wurde in den Stein gemeißelt: 104 Meter tief bis zur Talsohle. Selbst auf fortschritliche Einrichtungen mußten die Berwartsteiner Burgherren nicht verzichten: Im Rittersaal aus dem 13. Jahrhundert befindet sich ein ebenfalls in den Fels gebrochener Aufzugsschacht zur Küche, um die oiden Rittersleut zügig mit Speis und Trank zu versorgen.Südlich der Burg steht auf einem Vorsprung des Nestelberges ein Wachturm namens Kleinfrankreich. Er ist der Hauptgrund, warum es so gefährlich war, Berwartstein zu attackieren. Angreifer wurden zwischen beiden Verteidigungsanlagen gnadenlos in die Zange genommen. Das Gelände hat seinen damaligen Namen bis heute behalten: Leichenfeld. Zuletzt bewährten sich die mächtigen Mauern der Burg im Zweiten Weltkrieg. Viele Pfälzer überlebten in ihrem Schutz die Tieffliegerangriffe der Alliierten.Genug der kriegerischen Vergangenheit. Wir bringen die Triumph wieder auf Kurs und schwingen friedlich über das Asphaltbändchen, das sich durch dichten Wald von Vorderweidenthal nach Hauenstein windet. Ein alter steinerner Wegweiser gefällt uns so gut, daß er der ohnehin schon wunderschönen die Strecke auf Platz verhilft. Allerdings nicht lange.In Albersweiler beginnt eine Straße, die laut Karte durchgehend bis zur B 48 befahrbar ist. Sie endet zwar am Forsthaus Taubensuhl, aber was sie bis dorthin an Einsamkeit und Idylle bietet, verdrängt die Bärenbrunnerhof-Strecke von Platz 1. Langsam wird es schwierig zu entscheiden, welche Wege die schönsten sind, es gibt einfach zu viele in der Pfalz. Einige Forststraßen sind legal benutzbar, allerdings mit der Einschränkung: »Befahren auf eigene Gefahr.« Ein Teil der Tour zwischen Johanniskreuz und Wilgartswiesen gehört dazu. Höhepunkt auf dieser Strecke ist der Luitpold-Turm, der direkt neben der Straße aus dem Forst ragt und dessen Aussichtsplattform einen großartigen Blick über den gesamten Pfälzer Wald bietet.In Ramberg statten wir dem Landgasthof St. Laurentius einen Besuch ab. Das junge Besitzerpärchen fährt selbst Motorrad und hat ein paar gute Tips auf Lager. Zum Beispiel den, erst dem Madenbachtal bis zum Schänzelturm zu folgen, um dann über das Tiefenbachtal und Edenkolben auf die sogenannte Totenkopfstraße nach Helmbach ins Elmsteiner Tal zu gelangen. Eine Strecke, die schon auf der Karte toll aussieht. Doch zunächst erkunden wir den Fahrweg entlang des Helmbachs, der in das sogenannte Stille Tal mündet. Tatsächlich, es ist wirklich ruhig. Im Garten eines Forsthauses trinken wir Kaffee und beobachten drei Haflingerpferde, die ausgelassen auf der Wiese nebenan herumtoben.Später, im Elmsteiner Tal angekommen, wird sofort klar, warum diese Strecke gefährlich und nach zahlreichen tödlichen Unfällen nun an Wochenenden für Motorradfahrer gesperrt ist: Die Kurven haben genau die richtige Motorrad-Frequenz. Eine nach der anderen, dazu griffiger Asphalt. Bei jedem Mal wird man mutiger, schneller und schräger. Bis es irgendwann mal nicht mehr reicht. Doch die Sperrung scheint nur zu verdrängen. Jetzt gilt die B 48 zwischen Trippstadt und Annweiler als die neue Todestrecke, wie uns ein einheimischer Motorradfahrer erzählt. Währenddessen fliegen im Elmsteiner Tal die Autolenker mit quietschenden Reifen an uns vorbei. Völlig legal. Auch am Wochenende.Nördlich von Kaiserslautern lichtet sich der Wald, wird von Wiesen und Feldern abgelöst. Nach einem kurzen Abstecher in das völlig unorthodox in einer Kirche untergebrachte Motorradmuseum von Gespann-Weltmeister Heinz Luthringshauser in Otterbach kurven wir eine Weile durch wogende Weizenfelder. Rund um den Donnersberg sind die Straßen zwar ganz nett, aber erst kurz vor Bad Dürkheim, zwischen Carlsberg und Ungsheim im Freisheimer Wald, können wir wieder das Prädikat Motorradstraße vergeben.In Bad Dürkheim beginnt mit der Weinstraße der letzte Teil der Tour und damit das kulinarische Finale. Die Pfälzer feiern gerne und viel. Zwischen Mai und Oktober gibt es jede Woche irgendwo ein Weinfest. Wir kommen genau richtig zu dem in Wachenheim. Erfreulicherweise fehlt das bei solchen Anläßen meist übliche Blasmusik-Schunkel-Ambiente. Softrock-Musik von mehreren Lifebands sorgt für eine angenehme Klangkulisse und ein relativ junges Publikum. Zahlreiche Essenstände bieten allerlei Pfälzisches, vom Saumagen bis zur Grumbeeresupp, wie Kartoffelsuppe in der sympathischen Mundart der Pfälzer genannt wird. Aber es wird nicht nur gerne und viel gegessen, das Trinken kommt auch nicht zu kurz. Wir bestellen zwei Schoppen Wein und bekommen je ein Halbliter-Wasserglas serviert. In anderen Weinregionen Deutschlands entspricht der Schoppen einem Viertelliter und wird in eleganten Stielgläsern gereicht. Doch in der Pfalz ist eben alles ein bißchen anders. Gottlob ist unser Hotel nicht weit und die Triumph sicher geparkt. Zum Wohl.

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