Porträt Bernd Tesch (Archivversion) Der Alte

80 Millionen Male tauchte sein Name in den Medien auf, 10 000 Afrikafahrern hat er persönlich die Hand geschüttelt, fast jeder Fernreisende kennt seinen Namen - Bernd Tesch. Jetzt schloß er nach fast 20 Jahren die Türen von »Deutschlands erster Globetrott-Zentrale«. Das Ende einer Ära? Ein Weltreisender hat ihn besucht.

Seit 18 Jahren kämpft sich eine Reise-Fangemeinde durch Wind und Wetter einmal im Jahr Richtung Aachen. Skurrile Gestalten auf ebensolchen Motorrädern. Ein Pulk aus wettergegerbten Gesichtern, denen Minusgrade und Dauerregen ebenso egal sind wie ihrem Gastgeber. Bernd Tesch, der Initiator des »Tesch-Travel-Treffens«, ist ein Urgestein der jüngeren Motorrad-Reisegeschichte. Ein Mann mit faszinierender Aura und groteskem Outfit, der in Zeiten von Gore-Tex und Protektoren fast prähistorisch wirkt. Wer ihm auf seiner BMW begegnet, befürchtet einen Zeitsprung. Seine Beine stecken in einer alten, verspeckten Polizei-Motorradhose, die Füße in dicken Springerstiefeln aus den Kriegsjahren, und auf der Wachsjacke, scheint jeder der 111 111 selbsterfahrenen Afrika-Kilometer seine Spuren hinterlassen zu haben. Über all dem weht aus dem offenen Helm ein 50 Zentimeter langer, buschiger dunkler Vollbart, der bei Seitenwind nicht immer völlig freie Sicht nach vorn garantiert. Bernd Tesch erlebt die Strapazen des Motorradreisens täglich neu. Von Kindesbeinen an faszinierte den heute 54jährigen Aachener das Thema Fernreisen. Schon mit fünf Jahren lauschte er den atemberaubenden Storys seines Großvaters, eines Kapitäns a.D.: »Geschichten von Tigerjagden, Piratenüberfällen und Königsempfängen gehörten zu seinem Standardrepertoire, und wann immer es ging, bettelte ich Großvater eine Geschichte ab.« Sein Interesse und der Wunsch, dies alles selbst einmal zu erleben, waren geweckt.Zwar hat ihn bislang auch während einer Rußlandreise noch kein sibirischer Tiger überfallen, aber im wesentlichen steht er den Abenteuern des Großvaters kaum nach.Bereits als Teenager trampte er fast 42 000 Kilometer durch Europa. Während der Studienzeit war dann ein Heinkel Tourist-Roller sein Transport- und Reisemittel - bequem, sparsam und unauffällig. Doch erst 1971, auf einer sechsmonatigen Reise quer durch Afrika, brach bei ihm das Reisefieber in der allerschlimmsten Form von Fernweh aus. Kaum zurückgekehrt, begann der frisch gebackene Diplom-Ingenieur, die Reiseerfahrungen zu Papier zu bringen. In einer Auflage von 100 Exemplaren brachte er bald darauf im Eigenverlag seinen »Afrika-Führer für Selbstfahrer« auf den Markt. Um das Afrika-Fieber zu lindern, trieb es ihn immer wieder auf den Schwarzen Kontinent zurück. Kreuz und quer verliefen die Eintragungen seiner gefahrenen Routen in den folgenden Jahren auf der nordafrikanischen Landkarte. 1977 entschloß er sich, aus der Leidenschaft einen Fulltime-Job zu machen. Ein halbes Jahr, nachdem sich Klaus Därr in München als Extremausrüster niedergelassen hatte, eröffnete Tesch in Aachen seine »Globetrott-Zentrale«. Von dort rief er dann das Tesch-Travel-Treffen ins Leben und lud angehende wie praktizierende Fernreisende alljährlich zum Erfahrungsaustausch in die Eifel ein. Die Tendenz war klar: Um die Freiheit auf zwei Rädern sollte es nun ausschließlich in seinem Leben gehen.Einen wichtiger Meilenstein in der jüngeren Geschichte des Motorradreisens wurde 1976 in Japan gesetzt: Yamaha präsentierte die XT 500 und damit ein konkurrenzlos preiswertes, einfaches und robustes Off-Road-Reisemotorrad. Die Enduro-Epoche war angebrochen. Nach der Publikation von mehreren klaglos überstandenen Gewaltetappen mit teilweise 1500 Kilometern langenTankdistanzen und nach erfolgreich absolvierten Einsätzen bei der Rallye Paris-Dakar avancierte die XT neben den BMW zum Fernreise-Bike Nummer eins. In den ersten fünf Jahren nach ihrer Markteinführung trug auch Tesch zur Legendenbildung um dieses Motorrad bei. Systematisch tüftelte er Spezialtanks und stabile Träger- und Koffersysteme für die neuen, wüstenhungrigen Enduristen aus. Vieles paßte nicht nur für die XT, sondern auch an die vielen anderen Enduros, die nun auf den Markt kamen. Die Erfahrungen seiner eigenen Reisen und die Gespräche auf dem Treffen verschafften Tesch Kompetenz und genaue Kenntnis des Bedarfs. Jedoch entdeckten auch andere den Zug der Zeit und die neuen Stollenreisenden als investitionsbereite Kunden, überall gab es nun motorradtaugliche Reiseausrüstung zu kaufen. Umsatzträger, wie Schlafsäcke und Zelte, waren an jeder Straßenecke erhältlich. Den weiten Weg nach Aachen konnte man sich hierfür sparen. » Anfangs waren Klaus Därr und ich noch die einzigen - heute gibt es rund 600 Globetrotterläden in Deutschland«, schildert Tesch das Dilemma. Er vertraute indessen auf die Werbewirksamkeit seiner Person und den mit seinem Namen verbundenen Qualitätsbegriff. Kundenabwanderung versuchte er jedoch durch inkompetente Werbung vergeblich zu verhindern. »Ich bin kein begnadeter Geschäftsmann«, gibt er selbst zu, »und es wäre zeitweise lukrativer gewesen, als Straßenfeger zu arbeiten.« Die Arbeit als Berufsglobetrotter wurde zum ständigen Überlebenskampf. Trotz zunehmenden Zeitaufwands waren Umsatz und Gewinne rückläufig. Denn die Kunden nutzten Teschs Kenntnisse als Fernreiseexperte zwar weiterhin in stundenlangen Beratungsgesprächen, nicht unbedingt aber, um bei ihm dann auch etwas in klingende Münze umzusetzen. »Auf drei Beratungen kam ein Verkaufsgespräch.« Dennoch sah der Globetrotter keinen Grund, die Branche zu wechseln. Neben Reisen, seinen Survivaltrainings in der Eifel und dem Travel-Treffen baute er eine weitere Passion aus: Er hielt Nachforschungen über Weltumrunder, sammelte alle erhältlichen Bücher dieses Genres, besuchte weltweit viele der Autoren und lud sie zusätzlich noch auf seine Treffen ein. Mancher Afrika- oder Alaska-Feuerland-Fahrer nutzte die Chance, mit seinen Vorträgen einem begeisterten Publikum das Fernreisen schmackhaft zu machen. Doch nicht nur bekannte Referenten trugen dazu bei, einen Hauch von Abenteuer in die Eifel wehen zu lassen. Viele Weitgereiste brachten auch wertvolle Insider-Informationen über Fahrtrouten und Vorbereitung mit und trugen dazu bei, hier eine Kontaktbörse für potentielle Fernreisende entstehen zu lassen. Sein großes Engagement auf dieser Ebene und seine Reiseleidenschaft reduzierten entsprechend den Zeitanteil für das Privatleben immens. Die Trennung von seiner Frau war nicht mehr zu verhindern. Die seit 25 Jahren seinen Tagesablauf steuernden Begriffe »Reisen« und »Motorrad« formten schließlich eine eigene Welt um den kauzigen Hünen. Eine Welt, die einen alltäglichen Kampf gegen die Realität geradezu herausfordert. Sicherlich ist es richtig zu sagen: »Es kommt nicht darauf an, wovon man lebt, sondern wofür.« Das Handicap dieser Weisheit ist jedoch, daß sich das »Wovon« nur bedingt gegen Null drosseln läßt. Auch bei einem Bernd Tesch. Ganz im Gegensatz zu seiner problematischen Geschäftspolitik steht die akribische Vorbereitung seiner Reisen, die er jedesmal unter ein Motto stellt, statt »wild drauflos zu fahren«. Hier klappte auch der »private« Teil. Sein Freund Alfred Reetz war ein Begleiter der ersten Stunde. Er brachte als Europameister im Bogenschießen die notwendige Ruhe mit, dem Abenteuer gelassen ins Auge zu blicken. »Alfred ist ein Freund, auf den ich mich in jeder Situation verlassen konnte. Ein Begleiter, mit dem ich auch während vier Extremreisen und permanenter Zweisamkeit niemals ein böses Wort wechselte«, erinnert sich Tesch. Eine Gemeinschaft, die auch ohne Worte auskam.Das finanzielle Gewitter, das sich über Bernd Teschs Kopf in den vergangenen Jahren zusammenbraute, entlud sich im vergangen Jahr. Nach langem Schwanken zwischen Aus- oder Abstieg entschied er sich für letzeres und dampfte die »Globetrott-Zentrale« zum Einmann-Betrieb ein. Es wird sie also weiter geben, die Tesch-Travel-Taschen, die Trägerkonstruktionen, die Maßanfertigungen und die Beratungen. Alles wird nur ein bißchen kleiner und privater sein. Weiterhin anbieten will er auch seine Survival-Kurse, eine Tour in Namibia organisieren, Weltreisende sammeln und natürlich Bücher schreiben. »Motorradreisende Frauen« lautet sein aktuelles Thema und auch das Motto des diesjährigen »Globetrotter Treffens« am letzten Märzwochenende. Gleich vier weibliche Motorrad-Weltreisende hat er dazu ausfindig gemacht und als Referentinnen für sein Treffen gewonnen (mehr darüber in einem der nächsten Hefte). 55 Kerzen gilt es in diesem Jahr vom Geburtstagskuchen des eigenwilligen Berufsreisenden auszublasen. Äußerlich haben die Jahre ihre Spuren hinterlassen. Wer ihn aber kennenlernt, fühlt sich an seine eigenen Träume erinnert, die schon mit 16 das Fernweh in der Brust kochen ließen. Vermutlich wird Bernd Tesch auch mit 80 noch ein Lagerfeuer anzünden, um in Erinnerungen zu schwelgen und neue Pläne zu schmieden. Wer weiß, vielleicht hat ein Weltumrunder im Jahre 2021 ja ein bischen Luft für ´nen Besuch in Aachen. Willkommen wäre er mit Sicherheit.((Kasten))Neue AnschriftGlobetrott-Zentrale Tesch Zur Fernsicht 1852224 Stollberg - ZweifallTelefon und Fax.: 02402/75375 

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