Porträt Dietrich Galter (Archivversion) Pfarrer Vollgas

Rumänien ist ein anbetungswürdig schönes Land. Im restlichen Europa weiß das jedoch kaum jemand. Ein deutsch-rumänischer Pfarrer möchte das ändern. Als beseelter Motorrad-Fremdenführer führt Dietrich Galter Touristen und Einheimische zusammen – mit Vollgas!

Pfarrer Dietrich Galter hat eine Mission. Außer der natürlich, das Wort Gottes den Menschen nahe zu bringen. Das
ist sein Job als Vorstandsvorsitzender der Evangelischen Akademie Siebenbürgen. Aber Pfarrer Galter liebt nicht nur den Herrn da oben, er liebt auch seine Heimat da
unten – Rumänien. Und möchte diese Liebe nicht nur mit Landsleuten teilen. Das
ist seine ganz persönliche Mission. Eine schwierige, denn das Bild, das sein Land
in den Augen der meisten Westeuropäer abgibt, ist desaströs, von Vorurteilen bestimmt, meint Galter. »Rumänien – da denken doch viele gleich an Verbrecherbanden, Klebstoff schnüffelnde Straßenkinder, an korrupte Beamten und soziales Elend.« Gibt es auch alles, und Rumänien gehört zweifelsohne zu den ärmsten Ländern Europas, durchschnittlich verdienen die Menschen dort knapp über 100 Euro im Monat.
»Es ist schade, dass die Menschen im Ausland meinen, es wäre ein Strafe, hier zu leben«, erklärt Dietrich Galter und zieht sich eine abgenutzte Motorradjacke an. Man könnte zwar viel erzählen, um dieses Vorurteil zu korrigieren, aber lange Predigten kommen allenfalls von der Kanzel ganz gut. Weshalb er die Leute lieber mitnimmt auf Tour, mit dem Motorrad durch die
Karpaten, ganz weltlich. Während sich alle vorbereiten, gibt der belesene Pfarrer den Touristen eine Lektion in Heimatkunde.
Als Deutschstämmiger spricht er Rumänisch und Deutsch, außerdem fließend Englisch. Galter ist ein ruhiger, besonnener Mann, so, wie man sich einen Pastor
vorstellt. »Siebenbürgen«, sagt er, »heißt der Landstrich nördlich der Südkarparten, weil im zwölften Jahrhundert hier sieben Burgen zum Schutz gegen die Türken gebaut wurden. Die Rumänen nennen
das Gebiet ‚Transsylvanien’. Übersetzt
bedeutet das: Hinter den Wäldern.« Als Hinterwäldler möchte der 46-Jährige jedoch nicht bezeichnet werden. Sibiu, die Stadt, in der er lebt, zähle 200000 Einwohner, davon 20000 Studenten, und dank ausländischer Investoren entwickle sich die Gegend sehr rasant.
Seit dem Ende der Diktatur vor 15 Jahren fährt er mit Freunden von zwei ortsansässigen Enduroclubs sportlich durch die Berge, gerne mit Gästen aus dem
Ausland. Mit den Offroad-Touren möchte er Kontakt zwischen Einheimischen und Ausländern herstellen. »Ich bringe die Besucher in entlegenste Orte, dort bekommen sie einen guten Eindruck von Land und Leuten«, sagt Galter. Einen Eindruck, den Pauschaltouristen niemals bekämen. »Die Dorfbewohner können andererseits von den Touristen im direkten Gespräch sehr viel über die westliche Kultur erfahren«, erzählt er.
Die Fahrt geht los, Pfarrer Dietrich gibt Stoff und schlängelt sich wenig pastoral durch den dichten Stadtverkehr. Nach der Ortsgrenze schlingert die von Dietrich geführte Truppe über schlammige Feld- und Wiesenwege und mit Vollgas auf
die Berge zu. Erste Steilauffahrten über schmale, mit Felsbrocken durchsetzte
Pfade. Dietrich fährt – wie vom Teufel
besessen – vorweg, aus dem Auspuffrohr der Honda XR 350 ballert es monströs.
Bei einer kurzen Pause in einem Dörfchen eilt die Jugend neugierig herbei und interessiert sich für die bunten Motorräder. Galter zeigt auf seine Maschine: »Amerikanisches Modell, sehr solide, leicht und stark. Perfekt für das Gelände hier in den Karpaten.« Touristen und Rumänen schauen das zwanzig Jahre alte Motorrad an, vergleichen es mit den wesentlich leichteren, aktuellen Sportenduros und gucken leicht verwundert aus der Wäsche. Was Galter animiert, die Vorzüge seines alten Eisens näher zu erläutern: »Letztes Jahr bin ich mitten in der Wildnis einer Bärin mit Jungen begegnet. Ich hatte sehr große Angst, aber die Bären hatten noch größere vor meiner Honda. Ein gutes Motorrad.« Er lächelt verklärt und steigt wieder auf.
Über einen kilometerlang sich schlängelnden Hohlweg surft der Gottesmann mit beeindruckender Eleganz und unglaublichem Enthusiasmus. Wurzelvorsprünge nutzt er als Sprungschanzen, wirft sich
mit ganzem Körpereinsatz und voller Schräglage in die kanalähnliche Strecke. Am Ende des fabelhaften Trails streckt er den Daumen hoch. »Wunderschön, oder?« fragt er die Minuten später eintrudelnden Mitfahrer. Weiter geht’s auf einem Pfad
mit quer liegenden Baumstämmen. Es gibt kleinere Stürze, alle versuchen, einigermaßen ungeschoren die schwere Passage zu meistern.
Galter indes lässt es laufen, reißt den Gashahn auf. Das Motorrad fluppt über ein sperriges Hindernis, kommt ins Straucheln und wirft den Pfarrer ab. Der purzelt durch den Wald, sammelt sich wieder, klopft
die Jacke ab und ruft: »Alles klar mit
mir, weiterfahren bitte. Wunderschön hier, oder?« Am Ende des Pfads die Baumgrenze. Der Pfarrer erklärt, nun gehe es über weitläufige Wiesen und Wanderwege hoch bis zur Bergspitze. Weil nicht alle sein Tempo halten können, wartet Galter auf einem Hochplateau. Er blickt auf die
Bergkulisse, die Täler mit ihren Wiesen
und einen pittoresken See weiter unten. »Es ist wunderschön hier, wunderschön«, schwärmt er, als sähe er diese Landschaft zum ersten Mal. Dann setzt er den Helm wieder auf und bläst zum finalen Aufstieg.
Oben auf dem Dach Rumäniens in
weit über 2000 Meter Höhe fallen die
Teilnehmer der Tour schier vom Glauben
ab. Die Enduristen stehen auf dem Gipfel, Rundumblick auf die weitläufige Landschaft der Südkapaten. »Wunderschön« – ein anderes Wort fällt den Gipfelstürmern nicht ein. Pfarrer Dietrich Galter lächelt
beseelt. Seine Mission ist erfüllt.

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