Portugal: Madeira (Archivversion) Weit draußen im Atlantik

Der Winter steht vor der Tür, das eingemottete Motorrad längst in der Garage. Höchste Zeit also, den Frühling zu suchen - und auf der Atlantikinsel Madeira zu finden.

Dreimal haben wir vergeblich versucht, den höchsten befahrbaren Punkt Madeiras zu erreichen. Dreimal verschluckte uns der Nebel, lange bevor der Gipfel des Pico de Arieiro greifbar war. So schlimm wie heute waberte die graue Masse allerdings noch nie. Selbst die sonst so draufgängerisch fahrenden Madeirenser schleichen im Schrittempo und mit aktivierter Warnblinkanlage bergwärts. Sichtweite zehn Meter. Höchstens. Unter mir bollert der dicke V2 der Harley Sportster, der mich bei leicht erhöhter Leerlaufdrehzahl bergan schiebt. Längst haben wir die 1000-Meter-Marke überschritten, als der Nebel zögernd seine Farbe wechselt. In das stumpfe Grau mischt sich etwas Gelb. Ein kleines Schild am Straßenrand verrät den Poiso-Paß. Wir biegen ab zum Pico de Arieiro. Schlagartig wird es hell, der neblige Vorhang teilt sich. Gleißendes Licht blendet uns, ein stahlblauer Himmel wölbt sich über dem Wolkenmeer.Weite Kurven schwingen durch die rotbraune Landschaft bis zum Gipfel des Arieiro auf 1818 Metern. Nur die höchsten Berge der Insel strecken ihre schwarzen Gipfel aus den Wolken - sie scheinen auf dem Wattemeer zu schweben. Im Norden verraten ein paar Wolkenlücken den Atlantik und die grünen Täler an der Küste. Vom dichtbesiedelten Süden ist überhaupt nichts zu sehen. Dort unten nieselt es.Bei dem Wetter wagt sich kaum jemand in die Berge. Den Sonnenuntergang können wir fast allein genießen. Die Sonne wandert der dichten Wolkendecke entgegen, die nach und nach ihr grelles Licht verliert und immer neue Konturen und Farben zeigt. Weich setzt der Sonnenball in dem Wolkenbett auf und wird Sekunden später verschluckt. Das Spiel mit den Farben ist einzigartig. Die Wolken reflektieren das Licht des Himmels, erst zartes Rosa, dann ein kräftiges Violett, schließlich Nachtblau. Der rote Streifen am Horizont verglüht. Dafür leuchten die Sterne mit unglaublicher Intensität.Bis zum Morgen haben sich die Wolken aufgelöst. Eine gute Gelegenheit, die Nonnen in ihrem Stall zu besuchen. Dabei handelt es sich weniger um ein leibhaftiges Kloster, als vielmehr um den Ort Curral das Freiras, was übersetzt soviel wie Nonnenstall bedeutet. Im 16. Jahrhundert gründeten die Nonnen von Santa Clara hier ihren Landsitz. Weil das abgelegene Tal mit Ställen übersät war, lag die Namensgebung nahe. Aber nicht der Ort ist die eigentliche Attraktion, sondern der spektakuläre Talkessel und die tollkühne Straße, die sich an den Hängen der Schlucht Ribeira do Curral entlang dorthin windet - zumindest, bis sich die Schlucht so verengt, daß an den nahezu senkrecht abfallenden Felsenwänden kein Weg mehr möglich ist. Bleibt nur der Umweg über den 1000 Meter hohen Paß Eira do Serrado. Ein düsterer Tunnel durchsticht schließlich den Berg und spuckt uns geradewegs in den Bergkessel des Nonnenstalls. Vollbremsung, die Aussicht verschlägt uns den Atem. Im engen Halbrund drängen die Berge geradewegs in die Wolken. Tief unter uns drängt sich das Dorf an den Fluß. Die grünen Hänge sind bis hinauf an die Steilwände terrassiert. An den unmöglichsten Stellen entdecken wir kleine, weiße Häuser. Die schmale, holprige Straße paßt sich der wilden Landschaft an. Sie klebt geradezu an der Felswand und tastet sich vorsichtig hinunter ins Tal.Kein Dorf Madeiras ist abgelegener als Curral das Freiras. Die Menschen leben hier vor allem vom Obst- und Kastanienanbau und von der Likörherstellung. Wir sitzen in einem kleinen Straßencafé und schlürfen unseren Galão, den portugiesischen Milchkaffee. Am Nachbartisch diskutieren drei alte Männer über unsere Motorräder. Viel mehr als von der Harley scheinen sie aber von Birgit und ihrer roten BMW F 650 angetan. Unschwer, ihre Gedanken zu lesen: Frauen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Motorräder auch nicht. Aber wenigstens der Likör ist noch der alte. Ein Wink zum Kellner, und schon serviert er eine neue Runde.Unter dem kundigen Blick der Senioren starten wir die Bikes und tuckern zurück. Vorbei am Cabo Girão, einer 580 Meter über dem Meer thronenden Klippe, erreichen wir den Ort Ribeira Brava an der Südküste. Von hier zieht sich eine der wenigen Nord-Süd-Verbindungen durch die Berge zur anderen Inselseite bis São Vicente. Die breite Straße folgt dem Flußtal stur geradeaus. Aber kaum haben wir die letzten Häuser von Serra de Agua passiert, klettert die ungewöhnlich gute Straße in einer Kurvenorgie hinauf zum Encumeada-Paß. Eine Traumstrecke, die bis auf eine Höhe von 1007 Metern führt. Die Nordrampe des Encumeada heben wir uns allerdings für später auf, jetzt lockt erstmal die Abzweigung zur Paúl da Serra. Eine weite Hochebene erwartet uns dort oben. Die Einsamkeit wird in dieser für Madeira so untypischen Landschaft greifbar. Jetzt im Januar kleiden sich Farne, Heidekraut und Gras in Einheitsbraun. Fast erinnert die Hochfläche an die schottischen Highlands, lediglich die Berge fehlen hier. Dafür würde das kühle Wetter aber perfekt zum britischen Norden passen. Schneidend kalter Wind jagt dicke Wolken im Tiefflug über die Paúl da Serra. Immer wieder stochern wir in der grauen Suppe herum, aber genauso oft bricht die Sonne unvermittelt durch den Wolkenvorhang. Wettertheater.Ein schmaler Weg zweigt am Rand der Hochebene von der Hauptstraße ab und stürzt sich hinunter zur Südküste. Sieht spannend aus. Schnurgerade fällt das holprige Teerband durch den Eukalyptuswald. Warum Kurven bauen, wenn es geradeaus viel schneller und billiger geht? Kein Schild verrät das tollkühne Gefälle, aber 35 Prozent werden es sein. Mindestens. Sand- und Schotterflecken machen das Bremsen zum Vabanquespiel. Steil ist geil. Birgit teilt meine Begeisterung weniger, ihr kalkweißes Gesicht spricht Bände. Wenigstens hilft ihr die starke Motorbremse der F 650 beim Verzögern. Erst auf einer Höhe von 400 Metern wird´s wieder wärmer, erreichen wir die ersten Bananenplantagen und etwas später die Küstenstraße. Auf der neuen, EU-gesponsorten Autobahn, die uns zurück in unsere Pension nach Caniço de Baixo bringt, haben die heißen Bremsen reichlich Zeit zum Abkühlen. Mögen wir uns auch noch so sehr über die Landschaftsverschandelung durch die Schnellstraße aufregen, für die Madeirenser ist sie ein gewaltiger Fortschritt. Dauerte die Kurverei über die enge und oft verstopfte Bergstraße von Funchal bis Ribeira Brava bisher locker eine Stunde, so verkürzt die Autobahn diese Strecke jetzt auf zehn Minuten.Unter den dichten grauen Wolken des nächsten Morgens steuern wir wieder den Encumeada-Paß an. Von der Paßhöhe betrachten wir staunend die sonnige Nordküste: die Wolken, die von Süden ständig gegen Madeira branden, werden vom Gebirge aufgehalten. Aber nicht nur das Wetter ist dort besser, auch die Südrampe des Passes läßt die Erinnerung an das Kurvenensemble der nördlichen Abfahrt schnell verblassen - der Encumeada macht süchtig. Erst in São Vicente wird der Straßenverlauf etwas geradlinieger. Dafür beginnt hier die spektakuläre Straße, die der Küste bis zum nördlichsten Punkt der Insel in Porto do Moniz folgt. Schon der erste Blick auf die Steilküste ist vielversprechend. Im Gegensatz zum dichtbesiedelten Süden bleibt hier kaum Platz für Häuser. Die schmale, schlaglochübersäte Straße hangelt sich - garniert mit einigen finsteren Tunnels - wieder einmal an der senkrechten Felswand entlang. Unter uns rollt die Dünung des Atlantiks gegen die Küste, von oben plätschern kleine Wasserfälle auf die Straße. Erst in den 50er Jahren wurde die kühne Trasse mit Spitzhacken in den Fels gehauen, vorher war dieser Teil der Nordküste unzugänglich.Vorbei am wunderschönen Seixal mit seinen pastellfarbenen Steinhäusern windet sich die Straße weiter bis Porto do Moniz. Vor der Bar Atlantico stehen ein paar Tische an der Straße. Beim Galão genießen wir den weiten Blick über die Nordküste und das Kitzeln der Sonne auf der Nase. Gut zu wissen, daß zu Hause in Deutschland eine Kältewelle ihr Unwesen treibt. Noch besser zu wissen, daß das Kurvengewürm der Westküstenstraße auf uns wartet. 50 Kilometer ein einziges Vergnügen. Eine Kurve jagt die nächste, sauberer und glatter Asphalt schlängelt sich durch die Eukalyptus- und Kiefernwälder. Der Verkehr tendiert gegen null, die Temperatur gegen 20 Grad. Motorradfahren pur. Euphorie kommt auf.Zwei Stunden und einige hundert Kurven später rollen wir durch die engen Gassen des Fischerdorfs Câmara de Lobos. Im kleinen Hafen unter Palmen liegen zwei Dutzend kunterbunte Holzboote auf dem Trockenen. In vielen Booten sitzen alte Männer und spielen lautstark Karten. Oberhalb des idyllischen Hafens finden wir das Restaurant »Polar«. Hier gibt es nicht nur phantastische Hähnchen, sondern auch den inseltypischen Fleischspieß Espetada oder den Tiefseefisch Espada. Alles ganz harmlos, aber dann lädt uns der Kellner zum Poncha ein. Poncha besteht zu gleichen Teilen aus Honig, Zitronensaft und sechzigprozentigem Zuckerrohrschnaps. Der brisante Cocktail schmeckt richtig erfrischend, die heftige Wirkung kommt erst später. Jedenfalls gehen wir nach dem Essen zu Fuß zum Aussichtsberg Pico da Torre, um den Sonnenuntergang in aller Ruhe zu genießen.Über Nacht schleicht sich ein Tiefausläufer ein, der uns auf den Weg in den Osten der Insel kräftig durchnäßt. In Caniçal parken wir die Bikes vor dem kleinen Walmuseum. In dem liebevoll eingerichteten Raum wird die Geschichte der Jagd erzählt. Über 40 Jahre lang fuhren die Jäger mit ihren schnittigen Holzbooten auf den Atlantik und töteten in der Zeit fast 6000 Pottwale. Erst 1981 endete auf internationalen Druck das grausame Geschäft. Heute ist aus dem ehemaligen Schlachtfeld ein Nationalpark zum Schutz der letzten Giganten geworden.Über holprige, splitübersähte Straßen rollen wir weiter in den Norden. Vorbei am eigentümlichen Felsklotz des Adlerfelsen und den traditionellen strohgedeckten Häusern in Santana, biegen wir ab auf die Bergstraße zum Casa das Queimadas. Dort oben wollen wir an einem der unzähligen künstlichen Wasserkanäle, der Levadas, entlangwandern. Wir schnüren die Wanderschuhe und folgen dem schmalen Kanal durch dichten Lorbeerwald, der hier seit ewigen Zeiten wächst. Die Levadas, die Madeira wie ein dichtes Netz durchziehen, bringen das kostbare Naß aus den Bergen an die trockene Südküste, um dort die Bananenplantagen zu bewässern. Oft verlaufen sie an fast senkrechten Felswänden, überqueren andere Bäche oder werden per Tunnel durch die Berge ins nächste Tal geleitet.Der lehmige Pfad entlang der Levada do Caldeirão Verde wird enger und aufregender. Dichter Nieselregen vernebelt immer öfter die Aussicht. Kleine Wasserfälle stürzen in die Levada oder direkt auf den Weg. Fünf grob in den Fels geschlagene, kaum schulterhohe und stockfinstere Tunnel würzen den Weg. Gut, daß wir an die Taschenlampe gedacht haben. Die Landschaft gewinnt an Dramatik, die tropisch dicht bewachsenen Berge werden steiler und verengen das Tal zur Schlucht. Der vielleicht 50 Zentimeter breite Weg hangelt sich schwindelerregend nah am Abgrund lang. Bloß nicht runtersehen. Ein dünner rostiger Draht beruhigt wohl eher die Psyche als das er der Sicherheit dient. Nach zwei Stunden erreichen wir den Ursprung der Levada, die grüne Caldeira. Senkrechte Felsen bilden einen haushohen Schlot, in den sich ein Wasserfall stürzt. Aber es wird noch spannender, die Schlucht enger, der Abgrund tiefer, die Berge bizarrer und der Weg abenteuerlicher. Schließlich stehen wir in der Caldeirão do Inferno, die ihrem Namen alle Ehre macht. Alle paar Meter stieben Wasserfälle durch die üppige Vegetation in den Talkessel. Ein einziges Rauschen erfüllt die Luft. Wir erleben eine neue, völlig einsame Seite der Vulkaninsel. Die menschenleeren Schluchten am Nordhang der Berge sind so ganz anders, als das Madeira entlang der Straßen. Und doch läßt sich alles durch ein einziges Wort verbinden: Spektakulär!

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