Protokoll einer Fotoproduktion (Archivversion) Das Buch zum Film

Nicht immer entstehen MOTORRAD-Storys so glanzvoll, wie sie nachher im Heft erscheinen. Annette Johann klinkte sich für eine Woche beim Mittelklasse-Vergleichstests (Heft 26/00) ein und erlebte sechs Motorräder und sieben Menschen im norditalienischen Krisenmanagement.

Freitag Nachmittag, 10. November 2000, Lagebesprechung bei Test und Technik. Redakteurin Monika Schulz trommelt ihre Crew zusammen. Es ist später Herbst, kalt und regnerisch - wer jetzt Motorräder testen oder fotografieren will, muss in den Süden. Doch die Situation ist schwierig, halb Europa versinkt unter Tief Rebecca, und nirgends können die Wetterdienste stabilen Sonnenschein garantieren. Gardasee - als ich ins Zimmer trete, fällt gerade die Entscheidung. Dort soll es wenigstens bis Montagmittag schön sein. Fotograf Markus Jahn nickt, an dieser Location kann er sechs Motorräder bis dahin durchkriegen. Knapp, aber machbar. Karsten und Christian aus dem Testressort finden Italien auch gut, »dann können wir die BMW R 850 R einfach unterwegs in München abgreifen.« Ein Transport weniger. Sechs Motorräder aus ganz Deutschland einsammeln, zieht sich. »Also, morgen früh hauen wir ab.« Moni hat keine Zeit zu verlieren, das reservierte Redaktionsauto ist versehentlich verliehen worden, der Chefredaktuer will irgendwas besprechen, und ihr Test GSX-R 600 hat immer noch keinen Schluss. Es gibt noch einiges zu tun. Karsten und Christian verschwinden in der Tiefgarage, um die restlichen fünf Motorräder einzuladen. Per Achse fahren ist bei diesen Temperaturen nicht mehr drin. Wir andern, Corinna, Olli und ich - als Fotofahrer vorübergehend aus den Ressorts online, Produktion und Unterwegs abgeworben -, stellen uns auf eine weitere Nachtschicht ein. Ab morgen müssen unsere eigentlichen Arbeitplätze auf »Autopilot« funktionieren. Im Winter, wenn in manchen Wochen bis zu 20 Motorräder bei Test und Technik durchgeschleust werden müssen, ist in der Redaktion Vielseitigkeit gefragt. 15 Stunden später donnern wir mit zwei Transportern und einem geliehen Family-Minivan gen Süden. »Treffpunkt Brenner! Wer zuerst da ist, wartet!« Die Sonne versinkt gerade, als der Lago sich funkelnd unter uns ausbreitet und wir wenig später in Vesio in die kleine Hotelbar einfallen. Um sieben Uhr Frühstück? Ja, versprochen.. Doch am nächsten Morgen ist es eiskalt und trübe. Von den prophezeiten sonnigen 15 Grad ist nichts zu spüren. Okay, dann ohne Sonne. Markus und Monika führen während der Fotoproduktion gemeinsam Regie und machen nicht lange `rum. Hauptsache trocken. Sie haben einen präzisen Aktionsplan, wann und wo welches Motorrad wie fotografiert wird, in welcher Fahrsituation und vor welcher Kulisse. 13 Seiten brauchen Ideen. Gleich hier in Vesio geht’s los. Die Motoren husten und spucken noch, die Ducati bockt verfroren, egal, »dort nebeneinander um die Kurve, bitte«. Wenden, noch mal. Als die Kirchgänger kommen, sind wir schon in der ersten Kehre. Eine verspätete Nonne fegt hupend im Allrad-Panda vorbei, freundlich winkend, Italien eben. Weiter runter zum See, Höhe verlieren, um Temperatur zu gewinnen. Unten scheint sogar die Sonne. Markus fliegt voran, gibt an den Locations knappe Anweisungen: Hier auf der Geraden leicht versetzt, dort hinten je zwei und zwei, später zu sechst nebeneinander. Allmählich verschwindet das fremde Gefühl zu Motorrad und Mitfahrern, wir fahren immer gelöster. Ausgerechnet da fliegt Christian mit der Triumph in einer Kurve ab. Er verstaucht sich gottlob nur den Daumen, der Legend dagegen zieht’s tiefe Schrammen in die rechte Flanke. Mist. Genau das, was in diesem Poduktionsstadium auf keinen Fall passieren sollte. »Na ja, links rum geht’s ja noch.« Moni bleibt cool. Auspufftüte und Fußbremshebel werden vorsichtig mit einem Besenstiel wieder rausgezogen, die Blinker festgeklebt, weiter geht’s. Schnell noch einen Kaffee, dann Einzelfahrbilder. Vor einer Kehre sammeln wir uns, pfeilen der Reihe nach durch, treffen hinten wieder zusammen, dasselbe in Gegenrichtung. Fünf Mal, zehn Mal. Eine fette Wolkenbank rückt unaufhaltsam näher. Schnell noch ein Abschlussbild auf der Kreuzung: Corinna leitet den Verkehr um, während wir eilends die Motorräder positionieren »Die Triumph nach hinten!« Moni denkt an die Details - und schon fallen die ersten Tropfen. Keiner ahnt, dass gerade der Aufmacher entsteht. Eine halbe Stunde später gießt es wie aus Kübeln. 15.30 Uhr und das Tiefdruckgebiet ist da. Exakt 24 Stunden früher als angekündigtet. Die Regie bleibt gelassen, »es wird nicht ewig regnen.« Es ist die vielleicht hundertste Fotoproduktion, die sie zusammen durchziehen.Am nächsten Morgen wirkt die Stimmung deutlich gedämpfter: Dicke Nebelsuppe wabert über dem See. Moni zapt die TV-Nachrichtenkanäle durch, Markus sucht einen Internet-Anschluß, Carsten studiert die Wetterseite der Gazetto dello Sport - das Ergebnis ist unisono mies, der Sonnenschein-Garant Lago offenbar unpässlich. Was tun? Abwarten oder ausweichen? Bei Rimini sehe es besser aus, meldet Carsten hinter seinen Blättern, oder auf Korsika. Doch wir beschließen, zu bleiben. »Den ganzen Tross zu verlegen, kostet ebenfalls einen Tag«, rechnet Markus vor und außerdem klart es draußen etwas auf. Für Szenefotos reicht das: die SV 650 von oben in den Kehren bei Tignale, die Ducati im Wheelie an ´ner italienischen Reklame entlang, BMW über den Lenker weg, Triumph am Wasser, Fazer vor Sandsteinmauern und die blaue Hornet an den malerischen Häusern von Campione. Campione – eine Szene wie in einem frühen Fellini-Film. Verschimmelte graugrüne Fassaden vor den steil aufsteigenden Felsen des westlichen Seeufers, verwegen, verlebt, die Bronx des Gardasees quasi. Während Moni und Christian vor Markus’ Tele auf und ab cruisen, schleppen wir Ausrüstung hin und her, leuchten mit Motorradscheinwerfern die Szene aus, putzen verdreckte Verkleidungen und lassen uns von Ollis und Carstens nächtlichem TV-Zappereien erzählen. Dass Dieter Bohlen was mit ´ner Stoffverkäuferin vom Hertie gehabt haben soll. Währenddessen wird es immer dunkler, die Verschlusszeiten der Canon immer länger. »Und da hat Naddel gesagt...«, »Olli, bring mal die BMW zum Leuchten!« Als es schließlich zu regnen beginnt, bricht Markus frustriert ab. BMW, Ducati und Yamaha fehlen noch immer. »Wer fährt noch mit Verbrauch?« Alle. Dankbar grinst die Testerin uns an. Wenigstens irgendwas geht. Der Regen lässt die ganze Nacht nicht nach. Carsten ist inzwischen krank. Es hat keinen Sinn mehr. Maschinen einladen und ab Richtung Rimini. Knapp hinter Verona kündigt sich im Osten strahlendes Wetter an. Moni haut aufs Lenkrad - die Entscheidung war richtig, jetzt tüten wir’s ein. Sie kriegt kaum mit, wie der LT hinter ihr auf der Standspur ausrollt. Carsten und Christian checken kurz, dann winken sie ab, Einspritzanlage im Eimer. Dreieinhalb Stunden später verkündet Marco Zanella, Werkstattmeister von VW-Vicentini in Verona, dass die Reparatur 4500 Mark koste, die Garantie vor drei Wochen abgelaufen sei und der Wagen erst in drei Tagen fertig werde. Aber nur, wenn das Ersatzteil bis 16 Uhr bestellt würde. Es ist zehn vor vier. Hektische Betriebsamkeit bricht vor der Reparaturannahme aus, jedes nur auftreibbare Handy klebt am Ohr, der komplette Zeitplan droht zu kippen. Anschlusstermine müssen verlegt, Alternativen diskutiert und die Kosten geklärt werden - in Stuttgart glühen die Telefone. Ergebnis: Montag muss das Layout raus und Donnerstag die halbe Crew zurück. Definitiv. Also: ausladen, LT reparieren lassen und weitermachen! Irgendwie. Es ist bereits dunkel, bis wir erneut startklar sind. Und natürlich regnet es wieder. Eva von der Kundendienstannahme ruft uns noch zu, dass es in Rimini morgen nicht besser sei. Wir fahren wenigstens bis Modena. Sollte die Adria kippen, geht ja vielleicht was im Apennin. Die Nacht ist sternenklar. Wir wagen nicht zu hoffen. Doch tatsächlich. Um sieben Uhr zittern feine Sonnenstrahlen durch die Wolken. Eine paar Stunden könnte es halten. Markus fährt voraus, sucht Kurven, gerät dabei aber immer näher an die Wolkenwand. »Mach lieber Szenefotos in der Stadt.« Monika interveniert vergebens. »Vergiss es, Moni! Hier sieht’s schlimmer aus als am Stuttgarter Container-Bahnhof. Kein Mensch will so was sehen!« Nach zwei Stunden ist es vorbei. Ohne ein einziges Bild. Carsten probiert tapfer noch ein paar Wheelies mit der Duc, während wir im Dorfgasthof den Regen abwarten. »Bin ich männlich oder weiblich?« Personenraten mit Zetteln auf der Stirn gegen vibrierende Nerven. Olli versucht alles, doch die Enttäuschung sitzt zu tief. Fast hätten wir’s gehabt. Corinna telefoniert mit Marko Zanella, Christian starrt ins Leere, ich versuche, eine Konferenz am Freitag abzusagen. »Bin ich eine Person des öffentliches Interesses?« Moni rät tapfer weiter. Alle Wetterstationen im Umkreis von Hunderten von Kilometer melden Land unter, der flimmernde TV zeigt Schreckensbilder von Schlammlawinen und weggerissenen Straßen, der Brenner ist schon gesperrt. Wir kapieren allmählich, dass nicht wir allein ein Wetterproblem haben. »Wirke ich auf Frauen?« Wir mieten uns im Oberstock des Gasthofs ein. Am nächsten Morgen improvisiert Markus ein Notprogramm: Fazer und BMW im Regen. Dann wird die Fotoproduktion offiziell beendet. Es hat keinen Sinn mehr. Dass sich der Family-Van noch einen Platten holt, bringt keinen mehr aus dem Konzept. Nach einer Blitzreifenwechselaktion fährt Markus zurück nach Stuttgart, wir übrigen bleiben zurück für den Test. Von dem fehlt immer noch gut 70 Prozent. Fünf Tage sind wir nun unterwegs. Ein letztes Mal versuchen wir uns per Handy, Zeitung und Internet eine Wetterübersicht zu verschaffen. »In Aix en Provence ist es gut.«Aix en Provence! Du liebe Zeit, 800 Kilometer quer durch die Alpen. Rimini! In der Gazetto dello Sport noch immer mit passablen Prognosen belegt. Laut Internet regnet es da. Egal. Wenn’s nix ist, drehn wir um.Doch es haut hin. Schon hinter Bologna klart es auf und in Rimini ist es sonnig, trocken und warm. Wir testen was das Zeug hält. Sogar ein Foto machen wir noch. Als wir abends in der Hotelhalle sitzen, intoniert Moni den Triumphmarsch der Queen auf dem verstimmten Hotelflügel und wir betrinken uns ein wenig. Dann rufen wir Markus an und erzählen vom schönen Wetter. »Und weißt du wo? In Rimini!« Alle wissen, dass es wegen der Regenbilder am Montag ein Problem geben wird und der LT spätestens morgen in Verona abgeholt werden muss, weil Vicentini am Sonntag zu hat – aber jetzt, jetzt ist erst mal Freitag.

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