Pyrenäen (Archivversion) Wie im Rausch

Enduro fahren in den Pyrenäen ist genial. Nur ticken dort die Uhren anders: Die Tage vergehen viel zu schnell.

An einer Tanke kurz vor Figueres. Der erste Kaffee in Spanien. In Plastikbechern und aus dem Automaten. Hundemüde sitzen Rolf und ich neben dem Kombi. Um vier Uhr ist die Sonne noch nicht aufgegangen, und es regiert dieses diffuse Licht zwischen Nacht und Tag. Aber nicht weit von uns lassen sich die Gipfel der Pyrenäen bereits als Silhouette ausmachen, die sich vielversprechend von einem wolkenfreien Himmel abhebt. Und noch etwas fällt auf. Es ist der feuchte Geruch des nahen Meeres. Eine wunderbare Mischung aus Salz und Seetang. Schon dafür hat sich die 1400 Kilometer weite Anfahrt gelohnt, Vier Stunden später. Der Hänger ist entlanden, das Gepäck auf den Zimmern und die beiden Enduros parken im Hof. Vorfreude macht sich bereit. Oder doch lieber noch einmal kurz schlafen legen? Quatsch. Wir sind hierher gekommen, um zu fahren. Und um zu arbeiten. Rolf soll die beiden Motorräder vergleichen. Ob BMW F 650 und MuZ Baghira, ausgerüstet mit großen Tanks, stabilen Gepäcksystemen und anderen nützlichen Dingen, für die ganz große Reise bis ans Ende der Welt taugen. Aber das ist eine andere Geschichte und die stand bereits in der letzten Ausgabe von ENDURO Xtra. Ich dagegen möchte diesen Teil der Pyrenäen kennenlernen. Weil mich Pisten, die durch Gebirge führen, schon immer magisch angezogen haben.Mieres erwacht kurz bevor wir starten. Der kleine Ort besteht fast nur aus einer Straße. Alte, strenge Gesichter hinter den Fenstern und die neugierigen Augen der Jüngeren beobachten uns, wie wir auf der Suche nach einem Frühstück in einem kleinen Laden verschwinden. Drinnen eine imposante Theke, dahinter uralte Regale aus dunklem Holz, die bis zur Decke reichen. Übervoll mit Seife, Bier, Olivenöl, Postkarten, Schinken und Windeln und all dem, was man zum täglichen Leben so braucht. Der Kaffee, der hier serviert wird, gehört auf jeden Fall dazu.Schließlich verlassen wir den Ort. Der Fahrtwind vertreibt nun endgültig den letzten Schlaf aus den Augen. Aber noch fährt´s sich auf den frisch montierten Stollenreifen wie auf Glatteis. Zumindest während den ersten Kilometer, die auf gewundener Strecke durch dichten Wald führen, bis links auf einem Hügel Santa Pau auftaucht. Ein Nest aus dem Mittelalter, mit gut erhaltenen Stadtmauern und einem eckigen Castell, das die verschachtelten Häuser um viele Meter überragt. Gleich darauf ändert die Straße ihre Richtung und bringt uns vor Olot zum ersten Mal in eine wirklich aussichtsreiche Position. Vor uns die Gipfel der Pyrenäen. Und der heilige Berg der Katalanen - der schneebehangene Pic du Canigou, der allerdings auf französischer Seite steht.Immer tiefer dringen wir in eine Bergwelt ein, die irgendwie rauher als die der Alpen wirkt. Und bei Oix endet schließlich sogar der Asphalt. Aber hier muß laut Karte irgendwo ein Weg beginnen, der nach Beget führt. Wir suchen eine Weile zwischen den engen Gassen und entdecken ein handgemaltes Schild, das kaum lesbar in diese Richtung weist. Dann greifen die Stollen zum ersten Mal in den losen Grund, schlagen Steine gegen den Motorschutz, bilden sich Staubfahnen, wenn wir am Ende einer Kehre am Gashahn drehen. Unsere Augen glänzen. Weil der Weg hin und her und steil bergan führt. Und weil mit jedem gewonnenen Höhenmeter das Panorama auf den 2784 Meter hohen Gipfel des Canigou einen Tick gewaltiger wirkt: Die Pyrenäen bäumen sich an dieser Stelle noch ein letztes Mal auf, bevor sie unweit von hier im Mittelmeer versinken. Ein schönes Finale.Der steinige Pfad endet in Beget. Der Weiler liegt versteckt zwischen den bewaldeten Bergen. Uraltes Gemäuer inmitten von sattgrünen Eichen, Buchen und Erlen, das nur über eine winzige, dafür extrem kurvenreiche Straße mit dem Rest der Welt verbunden ist. Wir tanken ein paar Liter und sind schon wieder unterwegs. Runter ins Tal von Camprodon, dann nach Espinabell, von wo aus eine schmale Piste uns zuerst bis zur Baumgrenze und dann immer weiter durch karges hochalpines Terrain führt. Wir fahren, ohne zu wissen, wo wir landen werden - der Weg ist auf unserer Karte nicht verzeichnet. Im Augenblick orientieren wir uns nur an der markanten Spitze des Canigou, bis uns weit oben schließlich ein Schneefeld stoppt. Für uns geht hier nichts mehr. Egal. Wir drehen die Enduros und rollen bergab bis zum Coll de Capsacosta. Inzwischen greifen die Stollen auch auf Asphalt, halten die Bikes selbst in den engsten Kehren so exakt auf Kurs, dass die schräge Fahrerei uns fast die Sinne raubt. Es gibt Tage, an denen paßt alles. Eine ganze Weile hocken wir am nächsten Morgen über der Karte, fahren mit dem Finger eine dünne Linie entlang, die sich bereits auf dem Blatt im Zickzack durch die Berge windet. Heute wird uns Roc begleiten. Der Tourguide aus Olot kennt hier jeden Pfad. Und ohne ihn hätten wir den Einstieg in die Berge kurz hinter Sadernes ganz sicher nicht so schnell gefunden - ein steiniger Pfad mit tiefen Furchen, der steil aufwärts durch dichten Wald führt. Roc prescht voran, wir hinterher. Äste schlagen gegen die Helme, lange Dornen greifen nach unseren Jacken, und beim knapp 1200 Meter hoch gelegenen Kloster Sant Andreu de Gitarriu verlangt der schwitzende Körper eine erste Pause. Eine halbe Stunde später wühlen sich die Räder wieder durch weichen Grund und loses Geröll, bocken, wenn die Steine größer werden und wirbeln auf den schnelleren Passagen meterlange Staubfahnen auf. Immer weiter führt uns der Weg in einem hemmungslosen Hin und Her durch eine ebenso grandiose wie einsame Gebirgslandschaft. Viele Kilometer am Rand einer tiefen Schlucht. Dann über karge Bergrücken, nur um schließlich wieder im Wald zu verschwinden und nach einem gutem Stück auf einem aussichtsreichen Plateau zu enden. Wir lassen uns in das weiche Gras fallen. Die weiße Spitze des Pic du Canigou erscheint wieder zum Greifen nah. Der Weg zurück will kein Ende nehmen. Was uns nur recht ist, obwohl Arme und Beine vom langen Fahren in Stehen schmerzen. Aber das nehmen wir eigentlich kaum wahr. Auch nicht, dass Jacke und Hose patschnass auf der Haut kleben. Dafür im Kopf längst kein Gedanke mehr an den Bürostress daheim, sondern nur noch grenzenlose Begeisterung für dieses Terrain. Und so, als wolle sie nach 130 Pistenkilometern noch einmal alle Eindrücke übertreffen, katapultiert uns die schwindelerregend kurvig in den Fels gehauene Auffahrt zum Kloster von Mare de Déu Mont direkt in den inzwischen feuerroten Abendhimmel. Die Pyrenäen sind nur noch als wild gezackte Silhouette in dem halluzinogenen Licht auszumachen - der Tag vergeht wie im Rausch und wir fragen uns, warum eigentlich nicht alle Tage so enden. Roc nickt. Jetzt wüssten wir, warum er hier und nirgendwo anders lebe.

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