Rallye Paris-Dakar-Kairo (Archivversion) Statisten-Rolle

Wer sich als Privatfahrer in die Gefahr der härtesten Offroad-Rallye der Welt begibt, fällt zwangsläufig auch in ihr um - im günstigsten Fall mit einer Rolle seitwärts. Und mit der Chance zum Weitersandeln bis zu den Pyramiden.

Da stand einer im knallharten Abendlicht der ägyptischen Wüste, sah einen Hubschrauber, ein paar Fotografen und keuchte: »Merde!« »Scheiße«, auf gut Deutsch. Vor ihm ein Dünenabriss. »Könnt ihr mir sagen, wie es da hinuntergeht?« Der Fotograf stapfte zu ihm hin. »Leicht ausgefahren, aber sonst okay.« »Wie weit bis ins Ziel?« »40 Kilometer. Warum?« »Ich habe mir den Fuß gebrochen.«Privatfahrerschicksal. 186 Motorradfahrer wagten dieses Jahr die wüste Tour. Mit Eigenbauten, mit Seitenwagen, mit Quads, viele mit KTM, einer mit einer HPN-BMW. Alle waren beseelt von einem Ziel: ankommen. Platzierung: »merde«-egal. Nur 14 der 200 Motorradler am Start in Dakar genossen die Privilegien eines Privatfahreres mit Dusche im Biwak, halbwegs ausgeruhten Mechanikern und einem Grundstock von Ersatzteilen in greifbarer Nähe.Die restlichen 93 Prozent fristeten ein erbärmliches Dasein – 17 Tage lang. Der Spaß kostete sie im Schnitt 60000 Mark (siehe Kasten Seite 127), immerhin mit Übernachtung im Tausend-Sterne-Hotel. Das entspricht, großzügig kalkuliert, einem Tagessatz von über 3500 Mark. So manche Lebens-Sonderprüfungs-Partnerinnen scherten da frühzeitig aus der Marathonwertung aus – mit dem unfreundlichen Hinweis, wie viele Paar Schuhe oder Weltreisen sich damit hätten finanzieren lassen.Wie auch immer: Die »Dakar« zu fahren ist ein weltweit verbreiteter Virus. Angesteckt hat sich auch das Ehepaar Reiko und Massi Yamamura aus Tokio auf Honda WR 400 und KTM LC 4. Massi hat es bereits am zweiten Tag erwischt. Er saß, Kippe in der Hand, Pflaster an den Knien und japanischen Gleichmut im Gesicht, auf einer Werkzeugkiste an der Landepiste von Bamako im Senegal und hoffte auf einen Heimflug: »Ich wollte es im Staub einfach wissen.« Gattin Reiko, schon zum sechsten Mal dabei, nahm das Malheur mit fernöstlicher Gelassenheit: »Er wird schon sicher heimkommen.« Danach kicherte die 42-jährige Schriftstellerin, verabreichte einem Journalisten eine Ki-Energie-Massage, die angeblich kleinen Kindern die Kraft verleihen kann, Autos zu versetzen. Reiko kam fast immer als letzte ins Biwak. Stets ein freudiges Ereignis bei Brittanny Motos, ihrem französischem Team: »Nummer 93 lebt!« Die zähe Japanerin hatte sich am vorletzten Tag überschlagen, den rechten Oberschenkel schwer geprellt. Der Moment, in dem gestrauchelte Favoriten gern nach dem Hubschrauber rufen. Nicht aber Reiko: »Ich will ankommen! Die Pyramiden sehen!« Der Ehrenpreis des Veranstalters war ihr sicher. Mit schmerzverzerrtem Gesicht, aber eben immer lächelnd, stand sie vor den »komischen Dreiecken«, abends am 23. Januar bei der in jeder Beziehung unterkühlten Siegerehrung vor der Sphinx.In ihrer Nähe ein glücklicher Student: Chrescht Beneke, 24, aus Luxemburg, Seine erste »Dakar«. »Ich will ankommen!« Logo. Sagt jeder. Ein Jahr hatte er neben dem Studium für den Trip gejobbt. Irgendwo zwischen Libyen und Ägypten verschenkte, pardon: spendete er ein paar Plätze im Klassement. Als er Masse El Diallo, einen KTM-Markengefährten aus dem Senegal und ebenfalls »Dakar«-Debütant, 70 Kilometer weit aus der Sonderprüfung abschleppte. Motorschaden.Masse wartete in Dakhla, Ägypten, bis Mitternacht auf den Lkw mit seinem Ersatzmotor. Als der endlich eintraf, schlief er so fest, dass er ihn glatt überhörte. Weswegen er morgens mit röchelndem Aggregat zum Start fuhr, um in der Wertung zu bleiben, die Zeitkarte stempelte, dann aber sofort ins Biwak zurück hetzte, wo ihm Jürgen Mayers Werks-Team den Einzylinder wechseln half. »Ich will doch nur ankommen!«Ein anderer ertrug alle Misslichkeiten mit der Gelassenheit des Alters und 14 »Dakar«-Einsätzen. Ronny Renders, 55, Kawasaki KLR 600. Tatort Khoufra, Libyen. Da hockte er vor dem versifften Flughafengebäude, Stiefel aus, Kippe an. »Auf dem Weg zur Sonderprüfung ist mir der Motor verreckt. Dann wollte ich mir beim Flieger den Ersatzmotor aus der Kiste holen. Aber das Flugzeug war bereits gestartet!«Stoisch gab sich auch Rui da Silva aus Portugal auf seinem Quad mit Yamaha-R1-Aggregat. Seinem gelähmten rechten Arm zum Trotz. »Warum tust du dir das an?« »Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder.« Überschlag am zweiten Tag. Schicksal? Oder eher eine echte Statistenrolle?Ebenfalls aus dem Heer der Nobodys: Michel Clequin, Bretone. Erster Tag, erster Stein – faustdick und direkt durch die Brille ins Auge. Aufgeben? »Niemals. Wegen den paar Stichen in der Augenbraue. Hab´ schließlich schon einen Einsatz in Le Touquet hinter mir!« Tage später krepierte sein Motor. Das interessierte höchstens die Statistiker. Rund 50 Prozent Frühheimkehrer – ist normal, war schon immer so. Wer Glück hat, bekommt sein Motorrad irgendwann zurück. Falls der »camion balai«, der Lumpensammler-Lkw, es aufgeladen und zu einer Sammelstelle in Afrika gebracht hat. Von dort aus wird es dann nach Europa verfrachtet. Eventuell.Die Typenkunde unter den »Privaten« erweist sich als weites Forschungsfeld. Mit Pechvögeln wie Stefan Schweizer, Grafik-Designer aus Illerrieden. Vor Niamey fiel ihm die Sahel-Piste auf den Kopf. Oder umgekehrt. Er wusste es selbst nicht mehr. »Bin ich gestürzt?« fragte er im Minutentakt die versammelte Medizinerschar. Heimflug.Wer schlau war, nahm den Service von Yacco in Anspruch. Der Schmieröl-Hersteller spendierte Licht, Schmiermittel und dann und wann ein warmes Getränk – die zentrale Anlaufstelle im Biwak, mit lautstarker Unterhaltung durch Stromgeneratoren und die Flüche all derer, welche die Nacht durcharbeiten mussten.Jean-Pierre Granatelli, Quad-Fahrer, überschlug sich irgendwo vor Niamey. Das Gefährt war hinüber. Oder doch nicht? Im nächsten Dorf trieb er zwar ein Schweißgerät auf, aber keine Schweißstäbe. Die kamen per Eilbote aus dem Nachbardorf, aber jetzt fehlt es an Gas. Das wurde, wer hätte es gedacht, aus einem anderen Nachbardorf herangeschafft. Jean-Pierre, voll beladen mit Strafstunden, kürzte des Nachts quer durchs Gelände ab. Was soll´s?Eines Abends im Biwak interviewte das französische Fernsehen Raymond Loizeaux. Der 47-jährige Polizist ist schließlich nicht irgendwer. 21 Teilnahmen bei insgesamt 22 »Dakar« – der Flic hält den Rekord. Früher Wasserträger für die Herren Gaston Rahier und Hubert Auriol, heute einfach so dabei, als Privatier auf der HPN-BMW.»Monsieur Dakar« bekam Gesellschaft bei der TV-Befragung. Und zwar von Alain Duclos, einem 28-jährigen Senegalesen. Raymond erkannte den Afrikaner nicht. Wie auch? 1983 hatte sich der Franzose ein Bein verbrannt und den Sohn des behandelnden Ärzte-Ehepaares am nächsten Tag auf der BMW zum Start mitgenommen. Der war damals elf Jahre alt. Jetzt saß er neben ihm, stolz, seine erste »Dakar« zu fahren. »Du warst immer mein großes Vorbild«, stammelt Alain schüchtern. »Ich habe den Veranstalter deshalb um deine Startnummer von damals gebeten, die 102.«Nummer 102 hat dieses Mal das Ziel nicht gesehen. Aber damit befindet sie sich in guter Gesellschaft.

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