Reisen mit Kindern

Menschenskinder

Mit Kindern Reisen ist für Motorradeltern keine einfache Sache. Doch Fantasie und Einfühlungsvermögen helfen, daraus ein tolles Abenteuer für beide Seiten zu machen. Annebärbel Ehret sammelte Erfahrungen bei einer Schwedenreise mit ihrer siebenjährigen Tochter Lotti.

Das Auto vor ihr sortiert sich auf der Linksabbiegerspur ein, es ist frei, also gibt sie Gas. Rumms, der Linksabbieger hat es sich jetzt doch anders überlegt und Lotti beim rechts abbiegen gerammt. Zum Glück tragen die Autos dicke Gummistoßstangen, es passiert also nichts. »Jetzt musst du nur noch ein Kindermotorrad kaufen, dann kann ich selbst fahren, Mama«, ruft sie glücklich, als sie mit ihrem Legoland-Führerschein angerannt kommt. Kann ich leider nicht und so fährt Lotti während unserer Schweden-Tour bei mir als Sozia mit.
Es ist unsere erste gemiensame Motorradreise und wir haben sie entsprechend kindergemäß geplant. So ist Legoland im dänischen Billund das erste große Etappenziel. Gebäude, Tiere oder Menschen, erbaut aus Millionen von Legosteinen, Stadt- oder Landschaftsteile, Flughäfen und Schleusen, ja selbst die Fahrattraktionen sind in die Legowelt integriert. Abends trennen wir uns nur schwer, aber es liegen noch zwei Stunden Fahrt vor uns.
Über Fünen fahren wir in den nächsten Tagen nach Ladby - nach Schleswig und Ribe bereits unserer dritten Wikingerstätte. Verkleidete Kinder und Betreuer einer Ferienfreizeit versuchen dort gerade, das Leben der Wikinger nachzuspielen. Während die Mädchen spinnen, weben oder Kräuter sammeln, schärfen die Jungen Schwerter oder schauen dem Schmied zu. Auf einer Wiese folgt Kampfausbildung, mit der anschließenden Versorgung von »Verletzten«, und das ist nicht nur für Lotti spannend anzuschauen. Den Rest des Tages verbringen wir am Strand und ich genieße die Aussicht auf die Storebæltbrücke, über die wir morgen nach Seeland fahren. In der Mitte werden wir 60 Meter über dem Meer sein!
Diese Überfahrt dehnen wir am nächsten Tag so lange wie möglich aus, doch natürlich kommt kein Ozeanriese unter der Brücke durch. Anschließend schauen wir noch beim Schiffsmuseum von Roskilde vorbei, um auch die seefahrerische Seite des Wikingerlebens zu studieren. Schon erstaunlich, womit die damals bis nach Neufundland und ins Schwarze Meer segelten. Lottis Sandalen habe ich griffbereit, und in T-Shirt und Radlerhosen, die sie unter dem schnell abgestreiften Motorradanzug trägt, kann sie unbeschwert in den Schiffen herumklettern, bevor es zur Fähre nach Helsingør geht.
Mit mulmigem Gefühl rolle ich auf das Schiff. Ich habe keine Ahnung, ob wir die Maschine irgendwie festzurren oder besonders parken müssen. Doch es kümmert sich keiner um uns, und schon geht die Bugklappe zu. Ein netter Herr hilft beim Aufbocken der vollbeladenen Honda CB 450 S, und ehe wir uns recht besinnen, sind wir schon in Schweden - die Überfahrt dauert nur 15 Minuten.
Was für ein Knöpfchen muss ich drücken, um Benzin aus dem Zapfhahn herauszulocken? Entnervt gehe ich zur Kasse und frage nach. Ach so, manche Säulen sind für Bar- oder Scheckkartenzahlung, die anderen für Tankkarten, die nächsten für Geldscheine. Andere Länder, andere Sitten, aber jetzt wissen wir es. Mit vollem Tank fahren wir auf der E 4 aus Helsingborg raus und biegen wenig später nach Osten Richtung Kristianstad ab.
»Mama, da war ein Campingplatzschild!« Vor dieser Tour haben wir uns ein Helm-Sprechfunkgerät zugelegt. Ich erkläre Lotti die Route, und sie schaut dann nach den Schildern und weist mir die Richtung. Außerdem hält sie nach Zeltplätzen Ausschau und ab sofort auch nach den richtigen Zapfsäulen. So sitzt sie nicht »nur« hinten drauf, sondern trägt ebenfalls Verantwortung für unsere Reise. Die Sprechanlage hilft natürlich auch gegen Langeweile. Neben Singen und »Ich-seh-etwas-was-du-nicht-siehst« haben wir verschiedene Spiele entdeckt, die uns beiden unterwegs Spaß machen. Beim Wörterraten überlegt sich eine ein Wort mit bis zu acht Buchstaben, die sie der anderen abgesehen vom Anfangsbuchstaben durcheinander sagt. Lotti entdeckt dabei, das mit den selben Buchstaben verschiedene Wörter entstehen können, und wir feilen ein bisschen an der Rechtschreibung. Rechenspiele ergeben sich aus den Verkehrsschildern automatisch. Vorhin waren es 85 km bis Växjö, jetzt sind es nur noch 32. Wie weit sind wir schon gefahren? Manchmal erzählen wir auch Fortsetzungsgeschichten, bei denen jede abwechselnd immer nur einen Satz sagen darf, wodurch urkomische Geschichten entstehen.
Kleine Sträßchen führen uns durch typisch schwedische Wälder, an Seen und kleinen roten Bauernhöfen mit Kuhweiden vorbei. Nordöstlich von Vilshult finden wir einen Zeltplatz an einem wunderschönen See, wo sich die Hitze herrlich ertragen lässt. Lotti freundet sich mit einem älteren Herrn an, der sie mit zum Angeln nimmt. Beim Zeltabbau entdecke ich direkt unter ihrer Iso-Matte drei Hügel, die ein Maulwurf nachts gegraben hat. Sie hatte mich deswegen geweckt, aber ich dachte sie träumt! Das Packen der unzähligen Utensilien geht mittlerweile flott von der Hand. Sobald ich startklar bin, klettert Lotti auf ihren Platz zwischen mir, zwei Ortliebrollen und einem Rucksack, wo sie selbst schlafend sicher sitzt.
Am nächsten Tag folgen wir einer romantischen Naturstraße aus dem Reiseführer. Mit einer kleinen Grasnabe in der Mitte versehen, schlängelt sich dieser Weg ganz unbedarft durch schönsten Mischwald. Als ich bei einem Stopp Heidelbeeren entdecke, ist Lotti so schnell vom Motorrad wie sonst auf der ganzen Reise nicht.
»Da steht eine braune Kuh im Wald, Mama.« Wir sind inzwischen auf der Straße 122, in menschenleerem Gebiet, wo der Wald vor und nach den Ortsschildern gleichermaßen dicht steht. Doch erst nachdem ein Warnschild auftaucht, realisieren wir, dass Lotti vermutlich gerade einen Elch gesehen hat. Abends kauft Lotti ein kleines Elchschild für die Honda.
Vimmerby liegt vor uns und damit quasi das Mekka unserer Tour: »Astrid-Lindgrens-Värld«. Seit Februar haben wir nur noch ihre Bücher gelesen, Bullerbü, Pippi, Karlsson - Ronja steckt sogar im Rucksack. Hier leben nun die Geschichten auf, werden von Schauspielern inszeniert. Gleich sind wir in der Krachmacherstraße und entdecken Lottas und Tante Bergs Haus. Karlsson kommt uns entgegen, der mal eben einen »Rundflug« macht. Wir folgen ihm in die Stockholmer Straßenzeile bis in sein Häuschen auf dem Dach, das durch eine Rutschbahn verlassen werden muss, und landen in der Nähe von Pippis »Nicht-den-Boden-berühren-Parcours«. Ein Stück weiter die »Mattisborgen« von Räubertochter Ronja. Ein Gewitter unterbricht das Ganze und wir flüchten ins Astrid Lindgren Museum. Immerhin lernen wir so patschnass das Leben der Schriftstellerin kennen.
Nach 150 wunderschönen Asphalt- und Schotterkilometern durch ewige Wälder und einem Zwischenstopp in Gränna am Vätternsee fahren wir weiter nach Norden. Hinter Motala überqueren wir den Göta-Kanal, doch spannend wird es erst wieder südwestlich von Askersund, als wir einem schmalen, buckligen Asphaltstreifen zum Tiveden Nationalpark folgen. Über eine Schotterstraße erreichen wir den See Fagertärn, aber die roten Seerosen, die ihn so berühmt gemacht haben, sind schon zugegangen. Schade! Dafür gibt es eine Wanderung durch den Urwald des Tived. Von bunten Moosen und Flechten umgeben, führt der ausgewiesene Pfad über Felsplatten und große Geröllbrocken, vorbei an Baumriesen und auf Stegen über moorigen Untergrund. Lotti fühlt die Trolle und Graugnomen, die Rumpelwichte und Nebelelfen geradezu.
Am nächsten Morgen ist unser Sprechfunkgerät kaputt. Wir vermissen unsere Gespräche und Spiele und Lotti muss mir nun auf den Rücken klopfen, wenn sie was will. Nirgends ist Ersatz aufzutreiben und so fahren wir schweigend über die E 18 und die 45 weiter bis Åmål, wo wir direkt am Vänernsee unser Zelt aufschlagen können. Das abendliche Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel, das Lotti fast immer gewinnt, versöhnt ein wenig.
Dann wird es richtig kalt. Auf dem Weg von Dalsland nach Bohuslän krame ich warme Handschuhe und Vliesjacken hervor und auf der Festung Bohus weht uns der Sturm bei der Besichtigung beinahe von den Zinnen. 50 Kilometer weiter wird es bei Åså auf der E 6 zwar langsam wärmer, aber die Pechsträhne hält an. Beim Zelten bekommen wir einen Platz zugewiesen, der nur steil bergauf über Felsen, Geröll und Sand zu erreichen ist. Spitze! Schlingernd eiere ich hinan, hoffend, dass die vollbepackte Maschine nicht abschmiert. Das passiert erst später, als sie an einem Abhang vom Hauptständer kippt. Von da an ist der Bremshebel verbogen, und ich weiß, dass ich mein Motorrad nicht alleine hochheben kann. In solch kritischen Fällen hilft oft Lotti weiter. Wenn beispielsweise der automatisch einklappende Seitenständer das Parken zum Problemfall macht. Wie bei der Wanderung zum Kullaberg, wo ich mich unter den Augen sämtlicher Besucher von dem langsam im Sand wegkippenden Motorrad zwischen den Gepäckstücken herauswürgte, Lotti Büchsen für den Ständer suchte und wir die Honda schließlich gemeinsam wieder hochstemmten. Momente, wo die Schweißausbrüche nicht nur von der Hitze kommen.
Morgen geht die Fähre nach Rostock, und wir spielen in Ystad ein letztes mal am Strand. Stolz gucken wir die Honda und ihr Elchschild an. Und denken an drei Wochen Teamarbeit zurück, die manche Boxen-Crew neidisch werden ließe.



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Schweden: Motorradreise einer Mutter mit Tochter - Tipps zum Reisen mit Kindern


Fast alle Kinder fahren gern Motorrad. Wie lange das so bleibt, hängt indessen sehr von der Sensibilität der Eltern ab. Sobald ein Kind sein eigenes Gewicht halten kann – in der Regel ist das mit etwa sieben Jahren der Fall - und auf den (notfalls höhergelegten) Fußrasten Halt findet, ist es im Prinzip alt genug, um auf dem Soziusplatz mitzufahren. Und dort gehört es hin. Weder vor den Fahrer auf den Tank noch in einen »Kindersitz«. Sicherheitsexperten raten von der Verwendung spezieller Halterungen ausdrücklich ab, da sie beim Sturz die Lösung des Kindes von der Maschine erschweren. Stattdessen lieber warten, bis das Kind sich selbst festhalten kann. Da dessen Haltekräfte noch nicht endlos belastbar sind, sollte zunächst mit kurzen Trips begonnen und erst allmählich die Tourlänge gesteigert werden. Außerdem mag kein Kind stundenlang den Lederrücken des Vaters oder der Mutter anstarren, da geht auch die beste Motivation flöten. Also genügend Zeit für Pausen einplanen und möglichst schon vor der Tour Badeseen, Spielplätze, McDonalds oder sonstige Attraktionen auskundschaften - dann sind später auch lange Urlaubsreisen kein Problem. Wer dann noch wie in der vorangegangenen Reportage das Kind mit eigenen Verantwortlichkeiten in die Tour einbezieht, gewinnt mit Sicherheit einen tollen Teampartner. Alles zum Thema Ausrüstung findet sich auf der nächsten Seite.

Schweden: Motorradreise einer Mutter mit Tochter - Kleindarsteller

Kinder als Mitfahrer auf dem Motorrad bereichern immer häufiger das Straßenbild. Doch leider zeigt sich der Nachwuchs oft völlig unzureichend gekleidet auf dem Soziussitz – das muss nicht sein. Zahlreiche Firmen bieten zum Teil schon für vierjährige Steppkes hochwertige Motorradbekleidung an. Von der Lederkombi über wasserdichte Textilanzüge, jeweils mit passenden Protektoren, bis zur funktionellen Motocross-Bekleidung können Eltern für ihre Kleinen zum Einsatzzweck passende Schutzkleidung besorgen (siehe untenstehende Tabelle).
Wem die Kosten für einen Neukauf zu hoch sind, der hat die Möglichkeit, sich an den BVDM-Leder-Verleih (Motorrad-Kinderland), Telefon 08321/99023, oder den Kombi-Verleih Trost, Telefon 05604/6444, zu wenden, die Motorradbekleidung für Tagesausflüge oder längere Urlaubsreisen verleihen. Darüber hinaus bieten auch viele Motorradclubs Leih-Klamotten für Kinder an – ein Blick ins örtliche Telefonbuch genügt.
Im Bild sind zu sehen:
Links: Lederjacke für 199 Mark und Lederhose, 189 Mark, von Modeka; Held-Handschuhe, 34,90 Mark; Zac-Stiefel von Schlier, 169 Mark; Caberg-Jethelm Junior von Büse, 89,90 Mark.
Mitte: Textiljacke Maxy, 299 Mark, Textilhose Gunny, 199 Mark, Bambino-Stiefel, 199 Mark, Helm HX 122, 199 Mark, alles von Ixs.
Rechts: Brustpanzer Youth Zoom, 179 Mark, Cross-Hemd Magma, 79,90 Mark, Cross-Hose Magma, 199,90 Mark, Handschuhe, 64,90 Mark, alles von Büse.

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