Reportage japanische Rockergangs Bosozoku (Archivversion)

Die Dämonen der Nacht

In den frühen Morgenstunden ziehen Tausende von Halbwüchsigen in schrillen Uniformen auf ohrenbetäubend lauten Maschinen durch die Städte. Sie missachten Verbote, schüchtern Mitbürger ein, halten sich mit Baseballschlägern die Polizei vom Leib. »Bosozoku«, Rockergangs, die Japans Nächte terrorisieren.

Bam, bam, babadam, bam, bababadam! Dieses höllische Geknatter reißt mich aus dem Schlaf, ich springe wie von der Tarantel gestochen von meinem Futon. Es ist zwei Uhr früh, der Lärm schwillt weiter an, bis die fragilen Trennwände meines Studios zu erzittern beginnen. Ich beuge mich den Balkon hinunter und traue meinen Augen nicht.Dort unten auf der Straße knattern ungefähr 30 ihrer Schalldämpfer beraubten Motorräder im Zickzack umher, auf ihnen thronen Jugendliche mit langen, bestickten Uniformen. Das dauergewellte Haar im Wind, reißen sie die Gasgriffe bis zum Anschlag auf, schwingen Baseballschläger wie Keulen. Vor Furcht erstarrt, weichen die anderen Verkehrsteilnehmer zur Seite – wie eine Schafherde, die einem Rudel zähnefletschender Wölfe Platz macht. Einer der Biker hat sich mit einer Fahne dekoriert, die wie ein Kirchenbanner aussieht, andere wetzen Samuraischwerter, indem sie sie über den Asphalt schleifen lassen. Das versprüht mächtig hübsche Funken bis hin zu den ersten Polizeiautos, die die Verfolgung aufgenommen haben. Aus deren Lautsprechern klägliche Aufforderungen wimmern: »Halten Sie bitte an. Was Sie hier machen, ist nicht erlaubt. Nein, fahren Sie bitte nicht über rote Ampeln. Ich wiederhole, das ist nicht erlaubt.«Langsam entschwindet die Wolfsmeute meinem Blick, eine Brise trägt das grässliche Getöse davon, die auch mich zur Besinnung bringt. Ringsherum sind Hunderte von Fenstern und Türen geöffnet, doch ich bin der einzige, der es wagt, herauszuschauen. Keinerlei Reaktion aus der Nachbarschaft, geschweige denn Empörung. Tokio bei Nacht. Eine Stadt voll Schwerhöriger.Dieser Ritus wird sich dreimal die Woche wiederholen, sechs Monate im Jahr. Was für Kerle stecken hinter dieser Bande? Warum tritt die Polizei nicht massiver auf? Warum wagt es kein Journalist, sich des Themas anzunehmen? Auch ich bekam Panik, als so ein mafiöser Typ samt seinen Schergen über mich herfiel und eine exorbitante Summe dafür forderte, meine Fragen zu beantworten. Grund genug für meine liebe Dolmetscherin, ihre Arbeit einzustellen - aus Furcht vor Repressalien. Also, bevor mich ein Yakusa wie ein Sushi in Rädchen schneidet, werde ich das Geheimnis um die Rocker lüften, bei meiner Ehre.Die Spiel der Bozozoku dauert seit mehr als 30 Jahren an. Auslöser war der Kultfilm »The Wild One« mit Marlon Brando, der in Japan eine wahre Sturmflut der Begeisterung entfachte und bei einem Teil der Jugend eine rebellische Ader weckte. Es ist die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Wettbewerb unter den Anwärtern, einen Platz an den besten Handelsschulen zu bekommen, ist enorm. Die einzige Chance, von den großen Konzernen im Land angestellt zu werden. Nur sie öffnen den Weg zu sozialem Aufstieg. Die oppositionellen Köpfe brauchen sich in diesem monolithischen Makrokosmos keinerlei Hoffnung auf eine Zukunft machen. Manch einer von ihnen bevorzugt es, schlichtweg auf andere Art und Weise zu leben, in Freiheit, auf zwei Rädern. Ihr Motto scheint simpel: Adrenalin und moralisches Engagement. Zwischen wilden Wettrennen in den Hafendocks und gigantischen Zusammenkünften betätigen sie sich auf politische Weise. Ihr Name: »Kaminarizoku«, »Banden des Donners«.Japan kennt keinen Mai 1968, nichts, das sich verändern würde, stattdessen Anti-Motorradgesetze. Sie verbieten die großen Versammlungen und reglementieren Oberschüler und Gymnasiasten mittels des »Sannai«, des dreifachen »Neins«: »minai«, du wirst kein Motorrad anschauen, »noranai«, du wirst kein Motorrad fahren, »nosanai« du wirst niemals auf einem Motorrad mitfahren. Besitz und Gebrauch von Motorrädern sind ab sofort für die Schüler verboten. Jede Zuwiderhandlung wird mit dem Verweis von der Schule geahndet, eine Maßregelung mit schwerwiegenden Konsequenzen: familiäre Tragödie, Ausschluss aus der Solidargemeinschaft.Diese extremen Maßnahmen, gefolgt von der Mineralölkrise 1973 läuteten den Untergang der Kaminarizoku ein, unter denen sich schließlich nur noch die Heruntergekommensten finden. Untauglich für die Arbeit, werden sie nach und nach von der japanischen Mafia aufgelesen, die sie für die Verstärkung an der Basis nutzt. An der Spitze der Pyramide stehen die »Borokudan«, die Paten, sekundiert von den »Yakuza«, den eigentlichen Mafiosi, die wiederum ihre Befehle den »Chimpara« geben. Diese eigentlichen Handlanger werden unter anderem im Kreise der »Bosozoku«, »Bande, die wild umherstrolcht«, rekrutiert. Wegen ihrer Gepflogenheit, sämtliche Gesetze zu missachten, und der Fähigkeit, der Polizei immer wieder zu entwischen, führen sie das niedere Handwerk aus: Drogenschmuggel, Strafkommandos, Erpressung, Begleitschutz. Sie mutieren zu unwürdigen Erben der einstigen Rebellen. Die politische Attitüde ist verschwunden, es bleiben nur die Gewalt und der Hass dieser motorisierten Gangs. Ende der 80er Jahre beginnt die große Wirtschaftsblase zu platzen, und das gesamte Finanzsystem geht den Bach hinunter. Bestechungen, zwielichtige Geschäftspraktiken und Veruntreuungen in Politik und Wirtschaft kommen zu Tage, die Staatsorgane blasen zur Jagd auf die Mafia. Weil deren Geschäfte schlechter gehen, stehen die Bosozoku nicht mehr hoch im Kurs, werden einen weiteren Schritt ins Abseits gestoßen. Die jungen Ganoven weichen einer Strömung, die mehr auf Präsenz denn auf Funktion setzt. Als Spiegel der Gesellschaft, die sich nur noch Moden und Trends verschrieben hat. Es gibt heute ungefähr 100 000, die sich in 470 Gruppen mit jeweils sieben Sektionen aufteilen, jede Gang etwa 30 Mitglieder zählend. Die Bewegung zieht die Übriggebliebenen, die 15-18-jährigen Jugendlichen in ihren Bann. Sie haben von einem seit 1945 nicht mehr erneuerten Schulsystem, das dem Durchschnittsschüler keine Zukunftsaussichten bietet, nichts zu erwarten. Die meisten haben ohnehin die Schulen verlassen, um auf dem Bau zu jobben. Diese Branche kann man als wahren Rekrutierungsapparat bezeichnen, agieren dort doch die Bosse, Ex-Bosozoku, Paten und Förderer der Bewegung. Bei jedem Neuzugang wird eine Ritual organisiert, die dem »runden Tisch« der Samurai würdig wäre: Der Anwärter stellt sich vor, legt seine Beweggründe für den Beitritt dar und rezitiert frenetisch den Ehrenkodex im Rahmen der neuen Bruderschaft: »Ich schulde meinen Oberen absolute Treuepflicht, ich werde der »Boso koi« (Bandenverhalten) folgen, ich werde niemals vor dem Feind flüchten, ich werde meinen Kompagnons stets zur Seite stehen, ich werde der Polizei niemals etwas verraten, auch nicht im Verhör.«Ganz anders als die Original-Rebellen, die Kaminarizoku, die einen wahren Kreuzzug für Unabhängigkeit und gesellschaftlichen Umbruch führten, stellt sich die aktuelle Variante der Bosozoku als eher fortschrittsverweigernd heraus. Sie entspringt einer steifen und armseligen japanischen Gesellschaft, um mit ihren spießigen Strukturen und mittelalterlichen Regeln noch eins draufzusetzen: absoluter Treueschwur gegenüber der Gruppe, Unterordnung bis hin zur Selbstaufgabe gegenüber den Älteren, die zugleich Instruktor und Beschützer sind. Uniformzwang inklusive obligatorischer Gruppenabzeichen, das Tragen von genau definierten Frisuren - gelockte Haare wie bei den Yakuza für die aktiven Mitglieder und entfärbt bei den Paten.So nehmen die Banden jede Nacht aufs Neue die Straßen in Beschlag. Um Hinterhalte der Polizei oder rivalisierender Gangs zu vermeiden, folgen sie genau festgelegten Routen, bei denen den Mitgliedern lediglich die Sammelpunkte und –zeiten mitgeteilt werden. Nach und nach schwillt die nächtliche Prozession zu einem immer größeren und immer lärmenderen Haufen an. Wobei die Bosozoku keine Speedfreaks sind. Sondern vielmehr darauf stehen, langsam mitten auf den Avenuen hin und her zu fahren, Ampeln zu glühen und im Rhythmus ihrer aufgerissenen Gasschieber Begrenzungslinien zu überfahren. Weil die Justiz nicht nachzieht, ist die Polizei zur Ohnmacht verdammt. Selbst nach einer Festnahme genügt die Anhäufung der simplen Überschreitungen der Straßenverkehrsordnung nicht aus, um die Betroffenen länger als einen Monat in eine Besserungsanstalt zu schicken. Das Strafmaß steht in keinem Verhältnis zu den Risiken der Cops. Beim Versuch einer routinemäßigen Personenkontrolle kamen 1998 zwei Polizeibeamte durch die Flüchtenden zu Tode, die sie einfach über den Haufen fuhren. Ende 1999 versuchte ein massives Polizeiaufgebot, eine große Kundgebung in Hiroshima zu verhindern. Es kam zu einer Massenschlägerei. Die Folge: unbeschreibliche Zerstörungen in der Stadt und fünfzig Festnahmen. Abgesehen von diesen paar Zwischenfällen verläuft das Leben eines Bosozoku nahezu ruhig und einfältig, stets voller Erwartung auf das heiß ersehnte »Diplom«, das ihnen als stetige Begleiter der nächtlichen Ausfahrten im »Rentenalter« mit 19 Jahren zusteht.Diese Auszeichnung gilt als eine Art Freibrief: Verläßt der Bozozoku nun die Organisation, um persönliche und von ernüchternder Banalität gezeichnete Lebensziele zu verfolgen, etwa eine Familie zu gründen, oder aber bleibt er für den Rest der Zeit »Hobby-Mitglied« in einer Gang. Die das tun, scheinen wohl von einer heiligen Mission besessen: das Überleben der Organisation zu gewährleisten, indem sie die Patenschaft für die jungen Rekruten übernehmen. In Zukunft wird mich dieser nächtliche Radau nicht mehr aus dem Bett holen. Wie meine Nachbarn werde ich einfach diese Marter über mich ergehen lassen, in der Hoffnung, dass diese Reportage die Bozozoku unberührt lässt.
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Bosozoku: Reportage über japanische Rocker (Archivversion) - Yakuza werden groß

Yuji und Katsumi sind Zwillingsbrüder, 19 Jahre alt. Sie stehen an der Spitze der »Shizuru«, einer 42-köpfigen Gang. Im zarten Alter von 17 saßen sie sieben Monate hinter Gittern. Yuji: »Wir waren total breit. Unterwegs hab’ ich ‘ne Horde von 50 Mopeds gesehen und bin zu ihnen hingefahren. Die haben mich bescheuert angeschaut. So zugeknallt, wie ich war, hab’ ich nicht einmal gemerkt, dass wir uns einer gegnerischen Gang angeschlossen hatten. Junge, haben wir die Fresse voll bekommen! Die Bullen haben uns dann über den kleinen Umweg Krankenhaus direkt eingelocht, weil ich ‘nen Kanten dabei hatte. Warum ich Bosozoku geworden bin? Weil ich es meinem Bruder nachmachen wollte und weil ich es cool fand. Jetzt hab’ ich kapiert, dass das eher was für echte Männer ist, mit richtigen Regeln und Ehre und so.«

Bosozoku: Reportage über japanische Rocker (Archivversion) - Ausstieg ins normale Leben

Iwasaki Masakazu, bis zum 20. Lebensjahr Bosozoku, hat aus dem Airbrushen einen ganz normalen Beruf gemacht. »Auf meiner Warteliste stehen mindestens 30 Bestellungen, meist von Bosozoku. Alles Mund-zu-Mund-Propaganda. Leider musste ich wegen der Nachbarschaft zwei, drei Mal umziehen. Der Lärm der Motorräder und so. Jetzt gestalte ich individuell Handys, und zack, rennen mir Modefuzzies die Bude ein!“

Bosozoku: Reportage über japanische Rocker (Archivversion) - Eigenes Leben als Rockerinnen

Fuyuko,17, und Kana,18, haben ihre eigene Mädchen-Gang formiert, die Eltern wissen nichts vom Doppelleben. »Wir hassen Custombikes oder Harleys. Mit Jungs schlafen wir nicht, wir haben keinen Bock auf den Ruf nach leichten Mädels. Klar hätten wir auch gerne einen Freund, aber bestimmt keinen Bosozoku. Andere Jungs machen sich in die Hose vor uns, also bleiben wir eben solo. Manchmal haben wir ganz schön Probleme mit Rechtsradikalen. Die werfen Steine und Flaschen nach uns, weil sie der Meinung sind, wir wären Japans unwürdig.«

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