Rund um den Nürburgring (Archivversion) Leben von der Grünen Hölle

Der Nürburgring zieht die Menschen nicht nur an, er prägt sie. Leute, die ohne ihn nicht leben könnten, weil sie von ihm leben, berichten von ihren Erfahrungen. Eine Nordschleife ganz eigener Art.

Motorradfahrer lieben die Eifel. Definitiv. Auch wenn die Region eher als kühl und regnerisch gilt. Wenn sie nicht dort wohnen, kommen sie als Besucher. Kenner vermuten drei Gründe hinter dem Phänomen: zum einen die kantig herbe Landschaft, zweitens einen Kurvenreichtum der Extraklasse und drittens schließlich – den Nürburgring, eine der markantesten Permanent-Rennstrecken der Welt. Ein Trio, das als Garant für Leben in der sonst eher stillen Eifel gilt. Ruhige Sonntagnachmittage gibt’s hier allenfalls an trüben Novemberwochenenden. Im Sommer dagegen vibriert der Asphalt.

Grund Nummer drei feierte im vergangenen Jahr 80sten Geburtstag. Seit dem 18. Juni 1927 lodert in der "Grünen Hölle", wie der dreimalige Formel-1-Weltmeister Jackie Stewart einst legendär assoziierte, das Rennfeuer. Ob Profi oder Amateur – hochoktanige Luft hat hohen Suchtfaktor. Wie ein Magnet zieht die 20,8 Kilometer lange Nordschleife die Menschen an, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Zwei Millionen Besucher bei rund 100 Rennen plus 200 weitere Veranstaltungen auf Nordschleife und der 1984 neu angelegten GP-Strecke. Egal, ob die Motoren dröhnen oder die Lautsprecherboxen bei Festivals wie "Rock am Ring" – der Rennkurs bringt seit Jahrzehnten das Leben in die Eifel. Und ist damit auch die Grundlage vieler Existenzen. Schwerpunkt Motoren, Fahrwerke oder Après-Drive – viele Menschen leben von und mit dem Rennsport.

Wie Daniela Daniels, benzininfizierte Gastronomin. Der Weg zum ihrem ehemaligen OnRoad Café ist zugleich die erste Sektion einer ganz persönlichen "Nordschleife" durch die Eifel. Nach ein paar Kilometern auf der Bundesstraße 257, die vom Meckenheimer Kreuz ohne große Umwege zum Ring führt, geht es zunächst zur Kalenborner Höhe. Dann nur noch wenige Pflichtminuten B 257, die sich hier sogar ein paar Kurven lang vorbildlich windet, bis in Kreuzberg die Kür beginnt. Ich überquere rechts die kleine Brücke, um direkt dahinter Kurs auf Berg und Krälingen zu nehmen. Gerade recht für die Triumph Speed Triple, die schon nach Kurven lechzt. Wie auf einer Berg-und-Tal-Bahn geht’s in fliegender Fahrt durch Wald und Wiese. Dem Auge droht der Grüne Star, so viel Natur tost buchstäblich um den Helm. Dann runter nach Winnen und Burgsahr am Sahrbach. Kurze Rast am plätschern-den Bach und eventuelle Würdigung des Brückenheiligen, bevor der Genießer nach rechts abbiegt, um via Effelsberg, Mahlberg, Willerscheid und Schuld in Dümpelfeld zu landen – was wiederum an der immer wieder kreuzenden B 257 liegt. Auf dieser halte ich mich auf Südkurs bis Leimbach.

Dort treffe Daniela Daniels in ihrer ehemaligen Wirkungsstätte, dem OnRoad Café. Sie strahlt mit feinem Lächeln, entpuppt sich schnell als äußerst sympathische Frau. Im Schankraum des Cafés hängen und stehen Erinnerungen glorreicher Vergangenheit: Fotos, Wimpel und Pokale. Bis 1995 ist sie Rennen gefahren. Auf Gilera Saturno in der Einzylinder-Klasse "Sound of Singles".

Mit 13 kam Daniela nach Bonn, zog drei Jahre später der Liebe wegen nach Rom, wo sie auch Motorradfahren lernte. Mit 20 kehrte sie nach Bonn zurück und jobbte zunächst unter Petra Kelly in der ersten Bundestagsfraktion der Grünen. Nach Feierabend zog es die inzwischen leidenschaftliche Bikerin indes nicht zu nächtlichen Diskussionsrunden, sondern von den Fundis in die Grüne Hölle, um auf der Nordschleife schnell noch ein paar Runden zu drehen.

Eigentlich fehlte es dort an nichts, außer einem vernünftigen Café, dachte Daniela damals. Und kündigte 1990 den Bonner Job, um das Café Fahrtwind in Ahrbrück zu eröffnen. "An Sommersonntagen standen bis zu tausend Motorräder vor der Schänke", erinnert sie sich stolz. Alles lief prima. Während die Kneipe brummte, eilte die Wirtin nebenbei von Sieg zu Sieg. "Auf der Nordschleife hat mich damals so schnell keiner überholt!" Dann der Unfall, 1995 im tschechischen Most. Daniela lag im Koma. Anschließend kompletter Neubeginn. Denken, Sprechen, Schreiben, Lesen, alles musste wieder gelernt werden. "Es war, als hätte jemand mein Licht ausgeknipst." Das Café übernahm ihr Sohn Mirko, und sie packte erst nach etlicher Zeit einen zweiten Anlauf. Acht Jahre nach dem Unfall stieg sie wieder ein und eröffnete 2003 in Leimbach das OnRoad Café. Im Juli letzten Jahres entschied sie sich jedoch, noch mal alles umzukrempeln, in das alte Haus ihrer Eltern im Schweizer Tessin zu ziehen und ein Buch zu schreiben. Über die Zeit im Rennsport, den Unfall und ihr Leben danach. Und den Ring. Ohne den vermutlich alles ganz anders verlaufen wäre.

Die Nachmittagssonne glüht bereits, als ich zu Wolfgang Zeyen aufbreche, ebenfalls einem alten Rennsport-Hasen aus Antweiler. Die Fahrt dorthin bedeutet Genuss erster Güte. Von Leimbach nach Adenau dauert es eine Minute. Dort rechts Richtung Blankenheim halten und dann eine der – in meinen Augen – schönsten Motorradstrecken Deutschlands erfahren: Kurven, Weite, Täler, Hügel, Sonne, Wiesen, Kühe und wieder Kurven. Schon in Honerath wendet sich das süchtige Auge hinab ins weite Tal, genießt geradezu alpine Züge. Ein Stück weiter rechts folgt Reifferscheid, wohin das Motorrad fast allein den Weg zu finden scheint. Der von Mücken verzierte Doppelscheinwerfer zielt in Richtung Schuld, um dort linkerhand den Weg über Fuchshofen nach Antweiler einzuschlagen. Hochgenial.

Wolfgang Zeyen weiß um den Schatz der Natur rundherum. Ursprünglich aus Duisburg, liegt sein Lebensmittelpunkt seit 21 Jahren in der Eifel. Er startete seine Rennkarriere im April 1985 mit einer Guzzi bei der volksnahen Zweizylinder-Serie "Battle of Twins". Unzählige Rennkilometer hat er seitdem auf diversen Maschinen abgespult. Nach Jahren als Chefredakteur einer Motorradzeitschrift, anschließend Pressesprecher und Rennleiter bei Ducati in Köln, wo er Edwin Weibel und Christer Lindholm zur Deutschen Superbike-Meisterschaft begleitete, koordiniert der 51-Jährige inzwischen für den Reifenhersteller Continental die Logistik der Renneinsätze. Parallel dazu hat er den alten Bahnhof von Adenau zu einer einschlägigen Adresse für rennsportbegeisterte Biker umfunktioniert: Neben einem Conti-Perfomance-Center residiert er dort mit einem Öhlins-Stützpunkt sowie der Dependance "Ducati-am-Ring". Was für ein Leben: dem Motorsport verpflichtet und zugleich den Nürburgring vor der Haustür. Ihm selbst sind die immer schnelleren Motorräder allerdings ein wenig suspekt geworden. "Volle Kanne die Fuchsröhre runter und in der Kompressionsphase keine Kontrollmöglichkeit – das ist nicht mehr so ganz mein Ding!" Ducati fährt er immer noch gerne, aber inzwischen das Funbike Multistrada. Und für besondere Höhenflüge nutzt er einen Segelflieger.

Die Sonne verschwindet langsam hinter den grünen Hügeln, und Zeyens Kinder drängeln zum Abendessen. Ich breche auf, bevor der kühle Nebel auf-zieht, und fahre über Rodder, damit sich die Maschine noch mal austoben kann: Steil und kurvig geht’s bergan. Über Kirmutscheid, Barweiler und Wimbach halte ich mich Richtung Adenau, genieße die Mischung aus Speed und relaxtem Bummeln. Still liegt der Ort im Tal der Ahr, und in den Lokalen rund um den hübschen historischen Markplatz genießt man den milden Sommerabend. Kaum vorstellbar, wie bei Großveranstaltungen am Ring hier der Bär tobt: Wenn die Hauptstraße im Totalstau versinkt, Restaurants aus ihren Nähten platzen, freie Hotelbetten zur Mangelware werden und in der Luft das Parfüm der Eifel wabert – Oktan in all seinen Qualitäten.

In Adenau treffe ich am nächsten Morgen Uli Ponten. Viele Jahre betrieb er hier eine gut besuchte Zweiradwerkstatt. Sein weißes, leicht schütteres Haar zu einem Zöpfchen gebunden, grinst er schelmisch durch seine Nickelbrille und zieht die Abdeckplanen von sage und schreibe sieben Honda RC 30. "Alle fahrbereit!" Und dazu ein Ersatzteillager, das locker noch für zwei, drei Komplettmaschinen reichen würde. Die ganz außen hat er von einem Engländer, die daneben vom Tünn. "Welchem Tünn?" "DEM Tünn natürlich", belehrt mich Uli. Als wäre es sonnenklar, dass Tünn eigentlich Toni heißt und mit Zunamen Mang. Nur für den Fall, dass es jemand nicht weiß: Mit einer RC 30, Hondas genialem Rennableger der VFR 750, hat Helmut Dähne am 22. Mai 1993 den bis heute ungebrochenen Motorrad-Rundenrekord von 7.49,710 Minuten in den Nordschleifen-Asphalt gebrannt.

Für Ponten trifft der Spruch zu: In seinen Adern fließt Benzin. Mit zwölf lernte er auf Vaters DKW 250 VS Motorrad fahren, mit 17 kaufte er sich eine 250er-Adler, der er 120000 Kilometer auf die Uhr drückte. "Sie war mein Untersatz." Dann folgte das erste "richtige" Motorrad, eine inzwischen legendäre Zweitakt-Suzuki GT 750 "Wasserbüffel". Picobello gepflegt steht sie neben einer Sechszylinder-Honda CBX in der Garage. Kfz-Lehre bei DKW in Adenau, Zweiradmechaniker-Ausbildung in Mayen, Meisterprüfung und dann ab in die Selbständigkeit. Nebenbei fuhr Ponten ein Rennen nach dem anderen, das Pokal-Regal biegt sich unter dem Gewicht der Auszeichnungen.

Karl-Hugo kommt schwanzwedelnd in die Stube. Deutscher Drahthaar mit eben jenem treuen Blick, dem kein Mensch widerstehen kann. Seit ein paar Monaten ist Schluss mit der Werkstatt, und jetzt bliebe endlich Zeit. Für Karl-Hugo, für Suzi. Wäre nicht der Herzinfarkt dazwischen gekommen. Gleich zwei attackierten Uli Ponten eines Morgens im vergangenen Oktober. Erholt hat er sich davon noch nicht. Das heißt: auch kein Motorradfahren. "Aber später, Suzi, später bestimmt wieder."

Schwatzen macht hungrig. Also auf zum nächstgelegenen Imbiss. Alle sagen, der beste sei in Breidscheid, gleich links hinter der Tanke, während von dem auf der rechten Seite einstimmig abgeraten wird. Die Adenauer müssen es wissen, also parke ich vorm "Restaurant beim Hannes". Draußen weiße Plastikstühle, drinnen stilvoll hölzern. Seit 1984 bruzzelt hier Beate Schumacher. Und das "immer gern"! Der "Hannes" ist ein Traditionsunternehmen. "Opa fing hier 1927 in einer Bretterbude an", erzählt die gebürtige Adenauerin. Im selben Jahr, als der Nürburgring eröffnet wurde. Perfektes Timing, würde man heute sagen. Als die Mutter erkrankte, sprang sie dem Vater zur Seite. Damals war sie 19, heute ist sie 43. Auch ihr Laden brummt, an manchen Tagen rund um die Uhr. Sonntags stünden die Biker Schlange, erzählt Beate Schumacher stolz, und manch einer nur wegen ihres Gourmet-Schnitzels. Doch das Geheimnis läge in der Sauce, meint sie und hütet es eisern.

Mit "Pommes Schranke" im Bauch geht’s nun endlich zum Ring. Über die Serpentinen hinter Quiddelbach und immer der guten alten B 257 entlang bis Müllenbach. Dort schiebe ich noch einen Abstecher zu "Start und Ziel" ein. Nervöses Treiben allenthalben. Reisebusse zockeln langsam am Zaun entlang, ein paar Holländer parken ihre Motorräder ehrfürchtig hinter einem Rennwagen aus Bronze. Die Arbeiter wuseln wie Ameisen umher, am Wochenende muss alles tipptopp sein, für welches Großereignis auch immer.

Über Welcherath gebe ich Gas bis Drees, um an der legendären Tankstelle Döttinger Höhe noch ein wenig in der Modellauto-Ausstellung zu stöbern. 3000 Exemplare wollen gesichtet werden! Stunden später folgt der Weg hinauf zur Hohen Acht, mit 747 Metern höchste Erhebung der Eifel. Im Wald zwischen Herres- und Siebenbach genieße ich noch einmal den Schwung, den mir üppige Pferdestärken in Kombination mit schneller Streckenführung schenken.

In Jammelshofen wartet die letzte Besuchsstation meiner persönlichen Nordschleife: Frithjof Erpelding, ein weiterer Mechaniker mit Sammelleidenschaft. Sagenhafte 190 Motorräder hat er zusammengetragen, vorwiegend historische Grand-Prix-Maschinen. Nach unzähligen unterhaltsamen Anektdötchen kommt hier das dicke Ende am Schluss. Als ich mich gerade freundlich verabschieden will, legt er unvermittelt ein paar schwer-verdauliche Brocken nach: Wäre doch gar nicht so schlecht, meint der 74-Jährige, wenn der Adolf noch mal ein halbes Jahr im Lande ein bisschen reine machen würde. Puh, harte Kost. Ich mache, dass ich Land gewinne.

Auf dem Heimweg genieße ich ein letztes Mal die traumhaften Landstraßen, vorbei an Kaltenborn, Herschbach und Kesseling, wo der Abendnebel bereits über den Wiesen liegt. Leider habe ich nun eine Illusion weniger, wenn ich die Menschen am Ring noch mal Revue passieren lasse. Doch auch das ist die Eifel.

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