Rund um den Ortler (Archivversion) Abwegig

Wer am Ortler unterwegs ist, erlebt nicht nur Strecken und Landschaften der alpinen Highend-Klasse, sondern auch ein Stück der Fortbewegungsgeschichte der Menschheit.

Füssen, Imst, Landeck, noch 40 Kilometer bis Italien. Der Fernpass liegt hinter mir, nach Süden hin überquert der Reschenpass den Alpenhauptkamm. Als Kind war ich hier mit meinen Eltern unterwegs zur Adria. Und um mich bei Laune zu halten, erzählte mir mein Vater von den Römern, die vor gut 2000 Jahren fast auf derselben Strecke unterwegs waren. Via Claudia Augusta hieß die Straße damals.Einige Ducati bollern vorbei, schätzungsweise 100 PS bei 200 Kilo Leergewicht. Direkte Nachfahren der Maultierkarren und Pferdegespanne, die auf besagter Via Claudia über die Alpen rumpelten. Die von Kaiser Claudius im Jahr 46/47 nach Christus vollendete Trasse war fünf bis sieben Meter breit, führte von Augsburg nach Venedig und war bis zum Ausbau der Brenner-Route die wichtigste Nord-Süd-Verbindung über die Alpen. Bei Landeck sind die Spuren der 1,30 Meter hohen römischen Wagenräder noch heute sichtbar. Hinter Pfunds wird das Inntal schluchtartig eng, die zackigen Gipfel der Zentralalpen rücken näher. Dürfte eine echte Herausforderung gewesen sein, die sich den römischen Straßenbauern hier stellte. Felsen mussten abgetragen, Erde aufgeschichtet, Dämme errichtet, Tunnels und Brücken gebaut werden. Der Streckenverlauf wurde so perfekt durchdacht, dass die moderne Bundes-straße auf großen Abschnitten noch immer der römischen Straße folgt.So abenteuerlich die Trassenführung über die Alpen auch gewesen sein mag, die spannende Kurven-folge am Finstermünz Pass blieb den Reisenden der Antike versagt. Die Via Claudia Augusta folgt bis zur Festung Altfinstermünz dem Inntal, während ich auf der Pass-Straße nach Nauders rausche. Fast in Tuchfühlung mit der Felswand, aus der man die Fahrbahn herausgehobelt hat. Genial. Als bei Nauders der Kurvenspaß hinter mir liegt, durch-forste ich die Landkarte nach weiteren Herausforderungen. K aum im Engadin, keine zehn Kilometer von Nauders entfernt, stoße ich auf eine Straße, die noch original aus Römerzeiten stammen muss. Zumindest lassen das die mit Holzbalken gestützten Felstunnel vermuten, die aussehen wie altertümliche Bergwerkschächte. Doch Fehlanzeige. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass die Schweiz diesen verwegenen Verbindungsweg nach Samnaun errichtet hat. Ich taste mich zu Fuß in einen der finsteren Tunnel und gucke durch winzige Felsluken hinunter in die Klüfte. Mit einmal beginnt es zu grollen, als ginge draußen eine Steinlawine zu Tal. Doch es sind nur acht Gold Wing, die unter tagheller Illumination mit jeweils unterschiedlicher Techno-, Rock und Pop-Beschallung vorbeiziehen.Am Ende der abenteuerlichen Bergfahrt stoße ich auf das Bergdorf Samnaun. Zollfreier Status hat das dörfliche Idyll zur internationalen Drehscheibe gemacht. »Duty Free Center«, »Zollfrei einkaufen«, »Zigaretten, Spirituosen, Parfüm« – der Schilderwald nimmt kein Ende. Schnäppchenjäger stürmen durch die Gassen. Ein wenig vom ursprünglichen Charakter ist dennoch geblieben: Zwischen Parfüms von Christian Dior und Emporio Armani findet sich auch Ringelblumenessenz und Murmeltierbalsam.Die schweizerisch-österreichische Grenze taucht auf, ein scharfer Blick durchdringt den Tankrucksack, keine zollpflichtige Ware, danke, weiterfahren. Die Zöllner sind auf Zack. Schließlich weiß jeder, dass im Dreiländereck Schweiz-Österreich-Italien ein Netz uralter Schmugglerpfade existiert. Am Abend – ich bin zurück in Nauders – erzählt mir der Wirt vom Nauderer Hof nach dem zweiten Glas Südtiroler Cabernet, wie er in der kargen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Rinderfelle, Autoreifen, Säcke voller Kugellager, ja sogar Kuhherden über die Grenze geschmuggelt habe. Drüben in Italien gab’s halt schon damals vorzüglichen Wein – wir stoßen an – und bei den Schweizern Tabak und Saccharin. Lukrative Sache, an der nahezu jeder Nauderer inklu-sive Bürgermeister ein Zubrot verdiente.Am nächsten Morgen geht’s über den Reschen nach Italien. Spannender als der Pass ist hier allerdings der gleichnamige See. Seine Stauung 1949 hat nicht nur die alte Straße, sondern gleich mehrere Dörfer überflutet. Wie ein Periskop lugt der Kirchturm von Graun als letztes Überbleibsel aus dem Wasser. Zehn Kilo-meter weiter, in Burgeis, ist alles trocken geblieben, Heuwagen tuckern durch die engen Gassen, am alten Dorfbrunnen spielen die Kinder. Dann liegt es vor mir, wie eine Wand aus Fels und Eis – das Ortlermassiv. 75 Kilometer lang, 35 Kilometer breit, elf Gipfelkämme und 147 Dreitausender zählend sowie 120 Gletscher. Die Römer haben mit ihrer Via Claudia Augusta einen großen Bogen drum herum gemacht. Ich fahre dagegen mittenrein, über die Staatsstraße 38 nach Trafoi, wo die 3905 Meter hohe Ortler-Hauptspitze direkt aus dem Boden zu wachsen scheint. Eisige Kälte dringt in den Jackenkragen, als es der zweithöchsten Transitstraße über die Alpen entgegengeht. 1500 Meter über Normalnull – wo der Reschenpass endete, fängt die Stilfser-Joch-Straße gerade an, klettert wie eine Himmelsleiter nach oben. Mitunter sind die Biegungen derart eng, dass ich den Sportboxer gerade so um die Ecken bringe. Aber über die ehemalige Militärstraße wurden schon schwerere Geschütze transportiert. Die Bauvorgaben vor 180 Jahren waren knapp: fünf Meter Fahrbahnbreite, maximal zehn Prozent Steigung. Was nur durch eine irrwitzige Trasse mit 48 Haarnadelkurven zu bewältigen war. Ein straßenbautechnisches Meisterwerk, an dem ab 1820 fünf Jahre lang 2000 Arbeiter schufteten. Und das seitdem kaum eine Veränderung erfuhr. Abgesehen davon, dass der Pass mittlerweile eine Asphaltdecke trägt und an den Stellen, wo das kaum kniehohe Begrenzungsmäuerchen eingebrochen ist, gefüllte Plastikkanister statt Sandsäcken als Auffangbarrieren stehen. Abenteuerlich. Nach 30, 40 nonstop abge-spulter Haarnadelkurven fühle ich mich wie nach einem Slalomlauf – die Königin der Alpenstraßen. Nur drei Sommermonate kann sie erlebt werden, sonst liegt sie unter Schnee und Eis. Auf der Passhöhe dann der reinste Rummelplatz: Restaurant- und Hotelklötze, Würstchenbuden, Souvenirshops und Motorräder. Hinter der Tibethütte finde ich eine stille Ecke mit Aussicht auf die zurückgelegte, unglaubliche Strecke und trage sie feierlich in mein Reisetagebuch ein. Die frostigen Gipfel der Ortlergruppe ragen ganz nah gen Himmel: Ortler-, Königs-, Dreisprachen und Thurwieserspitze sowie die Trafoier Eiswand. Im Ersten Weltkrieg verlief hier auf fast 4000 Metern die Frontlinie zwischen Österreich und Italien. Noch immer tauchen Patronenhülsen, Uniformknöpfe und Konservendosen aus jenen Tagen im Schnee auf. Zu Kriegsbeginn, als die Stilfser-Joch-Straße bereits unter Beschuss lag, musste jeder Suppenlöffel und jedes Kanonenrohr über Fels und Eis nach oben geschleppt werden. Pfade, Steige, handbetriebene Seilbahnen und kilometerlange Eisstollen entstanden dafür. Auf den Gipfeln saßen sich dann Italiener und Österreicher bei eisigsten Temperaturen bis an die Zähne bewaffnet gegenüber. Die alten Schützengräben sind in den kargen Höhen der umliegenden Berggipfel noch wie Narben zu erkennen. Nach einer kurzen Geraden führen 34 schnittige Kehren hinunter nach Bormio. Dramatische Felsüberhänge, dunkle Steintunnel, dazwischen der flüchtige Blick auf einen alten Straßenabschnitt, auf dessen rissigem Asphalt leuchtend gelb Löwenzahn blüht. Eine kurze Schonfrist zwischen Bórmio und Santa Catarina. Anschließend geht’s Schlag auf Schlag: Gaviapass, Tonalepass, Gampen-Joch – Wege, die sich seit Jahrtausenden über die Bergkämme schlängeln. Händler, Krieger, Wall- fahrer zogen hier entlang. Die Biker lösten sie dann ab.Es dämmert schon, als ich an beleuchteten Burgen und Schlössern vorbei nach Meran hineinrolle, das bereits im Römischen Reich einen wichtigen Schnittpunkt zwischen Reschen- und Brenner-Route bildete. Kurpromenade, Thermenpromenade, Winterpromenade – der Kontrast zu den eisigen Schützen-gräben könnte nicht größer sein. Am nächsten Morgen geht es in aller Früh durchs Passeiertal. Vor mir liegt das Timmelsjoch, mit 2483 Metern die einzige gletscherfreie Passage über den Alpenhauptkamm zwischen Brenner und Reschen. Auf knapp 30 Kilometern überwinde ich noch einmal fast 1800 Höhenmeter. Im Ötztal schlängeln sich elf Kehren wieder hoch in die Eiszeit. Die Wärme im palmenbestandenen Meran ist wie weggeblasen, fröstelnd ziehe ich die Sturmhaube bis über die Nase. Auf der Ötztaler Gletscherstraße, mit 2800 Metern die höchste Panoramastraße der Ostalpen, weht eine frische Brise. Gletscherbäche tosen talwärts, die alles zutage bringen, was sich je auf der eisigen Oberfläche verfangen hat. Wie Ötzi, der nach rund 5300 Jahren aus dem Similaungletscher wieder zum Vorschein kam. Erste Hinweise auf den legendären Ureinwohner begegnen mir in Sölden: Ötzialm, Ötzikeller, Ötzis Schuppen – Bars und Discos im Steinzeitlook. Dass das Ötzi-Dorf in Umhausen kein weiterer Tanzschuppen ist, lässt das Schild: »Heute 14 Uhr Feuermachen« vermuten. Tatsächlich – in einem Freilichtpark stoße ich auf historisch fundierte Rekonstruktionen steinzeitlicher Siedlungs-formen. Nur die Speisekarte stößt in Sachen Jungsteinzeit an ihre Grenzen. »Ötzis Einkehr« serviert Lauchcremesuppe mit Kräutercroutons. Pitztal, Fließ, Landeck. Mit einem praktischen Feuerstein-Set im Tankrucksack dirigiere ich die BMW der letzten Touretappe entgegen. »Frozen Fritz«, wie die Amerikaner Ötzi nennen, hätte vielleicht einen ähnlichen Weg gewählt. Doch seine unvollendete Reise steht für das wohl tragischste Ende einer Alpenüberquerung: Zwischen Schnalstal und Ötztal trifft ihn ein Pfeil in die Schulter, er wird von einem Gletscher verschluckt und findet sich nach über 5000 Jahren bei minus sechs Grad hinter Panzerglas im Archäologischen Museum in Bozen wieder – ein gutes Stück weiter südlich, als seine Reise nach Norden einst begonnen hat.

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