Rund um den Wilden Kaiser (Archivversion) Audienz beim Kaiser

100 Kilometer südlich von München und direkt an der Inntal-Brenner-Route ist das Kaisergebirge eine zackige Versuchung für eine Rundtour in eine der schönsten Gebirgsregionen der Alpen.

München, A 8, Inntal - die Rennbahn gen Süden, den Brenner im Visier. Ziel Oberitalien. Oder noch weiter, südlich. Kiefersfelden kommt in Sicht, Landesgrenze, wieder Gas geben auf der A 12 in Österreich. Zu oft ist man hier schon durchgerast. Vielleicht mit einem augenwinkeligen Blick nach links oben, wo die ersten felsigen Zacken über Kufstein aus den bewaldeten Kuppen ragen.Der Wilde Kaiser ist es, der seine schroffen Felsenfinger in den Himmel streckt, verlockend, als wollte er den Durchreisenden herbeiwinken. Also runter von der Autobahn und in Kufstein erstmal eine Kaffeepause. Der Ort liegt kuschelig eingebettet in einer Art Pforte, die der Inn zwischen Kaisergebirge und Thierseer Berge genagt hat. Als die Perle Tirols wird die Stadt im bekannten Kufstein-Lied besungen. Wem nach Ausgleichsbewegung ist, der sollte zur Festung hochsteigen und sich die Perle von oben ansehen; ein lupenreiner Blick wird die Mühe der vielen Stufen belohnen.Dann lockt das Kaisergebirge, dieses wilde, kompakte Dorado der Felsenkletterer, ideal für eine kleine Fahreinlage abseits der Hauptstrecke. Aber auch spannend und geheimnisvoll genug, um sich länger mit ihm zu beschäftigen. Doch Achtung: Wer Audienz beim Kaiser sucht, wird schließlich sein Motorrad stehen lassen müssen. Denn um in das wilde, zackige Herz der felsigen Majestät vorzustoßen, muss man zu Fuß weiter. Dabei sind alle möglichen Varianten von leicht bis sehr schwer möglich. Weil der Gebirgsstock sich in zwei Hälften teilt lässt: Nach Süden hin ragen schroff die Grate, Wände und Türme des Wilden Kaisers auf, nach Norden hin stellt der Zahme Kaiser die sanftere Variante des grauen Felses dar. Zunächst aber geht es mit dem Motorrad von Kufstein in flotter Fahrt nach Scheffau an der Südflanke des Gebirges entlang. Die steinerne Majestät macht hier schon deutlich, dass sie zu den schönsten Regionen der Alpen zu rechnen ist und eigentlich aussieht wie ein Stück grandiose Dolomiten-Landschaft, das es versehentlich zu weit nach Norden verschlagen hat. Doch zunächst beginnt die kaiserliche Runde mit der beschaulichen Variante. Wer auf kleinen Sträßchen von Scheffau zum Hintersteiner See hochfährt, findet einen wunderschön gelegenes Idyll zum Baden, Pausieren und Brotzeiteln oder zum Schauen, wie sich die Zacken des Gebirges im schilfgesäumten Wasser des Sees spiegeln.15 Kilometer weiter östlich hat man ein weiteres Mal Kontakt mit dem Kaiser. Von Ellmau führt eine kleine Mautstraße hoch auf die Wochenbrunner Alm. Hier endet das Refugium des Motorradreifens und das der Profilsohle beginnt. Auf bequemem Pfad lassen sich Grutten- oder Gaudeamushütte erreichen, von wo aus die hartgesotteneren Bergwanderer und Kletterer aufbrechen, um die nahen Gipfel zu bezwingen. Wer genau hinsieht, wird womöglich einige von ihnen als kleine Punkte in den steilen Felswänden hängen sehen. Auch Reinhold Messner hat sich im Wilden Kaiser in einigen Gipfelbüchern verewigt.Sankt Johann im Südosten des Gebirges ist erreicht. Im Ortszentrum zeigen stattliche Bauernhäuser mit üppiger Fassadenmalerei, dass Sankt Johann trotz seiner wachsenden touristischen Bedeutung immer auch noch ländlich geblieben ist. Und so passt es, die heimische Tradition des Knödelessens zu pflegen. Ein eigenes Knödelfest veranstaltet die Dorfbewohner jedes Jahr im Herbst: In 18 Varianten servieren die Wirte zum kaiserlichen Genuss Speckknödel, Fastenknödel, Rauchkuchlknödel, Preßknödel, Schwammerlknödel, Marillenknödel, Topfenknödel, Zwetschgeknödel. Die Speckbacherstraße verwandelt sich dann in den längsten Knödeltisch der Welt.Wer kaiserliche Genüsse eher in der Landschaft sucht, muss nun an die Ostflanke des Gebirges. Auf der Fahrt von Sankt Johann über das idyllische Kirchdorf Richtung Kössen wird die Straße endlich kleiner - und kurviger. Der Kaiser wächst zu majestätischer Größe empor. Genau in Richtung auf die senkrecht aufragenden Felswände zweigt in Griesenau nach links die Mautstraße in das Kaiserbachtal ab. »Oocht Schülling is ja nix«, verweist mit Recht der lederbehoste Schrankenwärter auf den mit umgerechnet 1,15 Mark sehr zivilen Preis für eine Motorradpassage. An der Griesener Alm endet die Straße, dahinter ragen über 1000 Meter senkrecht die Felswände von Predigtstuhl und Fleischbank auf. Hier macht der Wilde Kaiser seinem Namen alle Ehre, Da gibt es keine bequeme Panoramastraße hinan, keine Seilbahnen zu postkartenidyllischen Gipfelkreuzen. Wer ins Innerste des Kaisers vordringen will, muss kratzfüßig über steinige Pfade zu ihm hochsteigen. Der Weg zum berühmten Stripsenjoch ist so ein Pfad; und er führt an eine der schönst gelegenen Hütten im gesamten Alpenraum. Fast noch eine Spur wilder ist der Weg zur Fritz-Pflaum-Hütte, die mitten im Herz des Wilden Kaisers in den Felsen liegt. Nach einer mehrstündigen Tour wird man jedenfalls gerne wieder auf dem Motorrad sitzen und die Fahrt nach Norden über Kössen an den Walchsee fortsetzen. Hier wird die Landschaft schließlich lieblicher, hier ist das Herrschaftsgebiet des Zahmen Kaisers. Pause auf der Seeterrasse im Ort Walchsee ist angesagt, die müden Knochen von sich strecken und das Panorama des Zahmen begutachten. Zwar immer noch felsig, aber ein gutes Stück weniger schroff, spiegelt er sich im See. Ganze zehn Kilometer sind es jetzt noch zurück zur Autobahn, und in wenigen Minuten ist man wieder in Kufstein - die kaiserliche Runde ist komplett.

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