Rund um Hamburg (Archivversion)

Das Hoch im Nor

Wer Hansestädte und ihr Umland entdecken möchte, muss mitunter ein wenig auf gutes Wetter
warten. Trifft es dann ein, kann ein Nordland-Trip echt unter die Haut gehen.

Nichts ist von Hamburg zu sehen. Eine einzige graue Suppe wabert über der Stadt. Ein ganz normaler
Sommertag im hohen Norden Deutschlands. Tribut
an die Meeresnähe und die von dort stetig heranziehenden Wolken. Wir Norddeutschen sind daran
gewöhnt. Doch nach vier Monaten in meiner neuen Heimat Korea möchte ich meiner Freundin Yujin mein altes
Zuhause zeigen und hatte mir die Ankunft irgendwie anders vorgestellt. Schade. Trotz allem kann ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Willkommen im Hamburger Schmuddelwetter, das mir
nur allzu vertraut ist. Käme ich allerdings zum ersten Mal hierher,
würde ich wohl auf der Stelle wieder kehrt machen, so trist, wie diese Stadt an solchen Tagen wirkt.
Schon am nächsten Morgen ist alles anders. Sonnenstrahlen kitzeln beim Aufwachen unsere Gesichter, und ein Blick aus
dem Fenster verheißt einen grandiosen Tag. Ideal, um die
Yujin im Flieger versprochene Runde um Hamburg einzulösen.
Ein schneller Kaffee muss genügen, frühstücken können wir
unterwegs. Ratz, fatz haben wir die Motorradklamotten an und
die vorsorglich ausgeliehene Aprilia Pegaso auf die Straße geschoben. Vorfreude keimt auf – auch wenn es immer heißt,
der hohe Norden sei praktisch kurvenfrei, ganz so schlimm ist
es nun doch nicht. Nur Pässe gibt es keine.
Schnell sind Yujin und ich am Stadtrand angelangt, wo der Übergang zum Ackerland ziemlich abrupt verläuft. Auf einer
kleinen Nebenstrecke rollen wir zum Bredenbeker Teich, um den ein baumbestandener Sandweg führt. Verkehr gibt es noch kaum, ich muss nur auf einige Fußgänger achten, die uns überrascht
anstarren. Obwohl der Weg wie ein Wanderpfad aussieht, ist er eine öffentliche Straße, die nahe des prachtvollen Renaissance-Schlosses Ahrensburg endet. Strahlend weiß leuchtet das
Gemäuer inmitten einer riesigen Wiese. Direkt gegenüber lockt
ein Biergarten, aber für ein Bierchen ist es entschieden zu früh.
Langsam macht sich jedoch das übersprungene Frühstück
bemerkbar, und wir besorgen uns ein paar belegte Brötchen
zum Picknick auf der Schlosswiese.
Recht gelassen bummeln wir durch Wiesen und dichte Kornfelder weiter nach Westen, passieren Siek, Lütjensee und Trittau. Erst bei Wotersen vernehme ich zarten Protest von hinten – Yujin plädiert für einen längst überfälligen Halt. Der Ort ist zudem gut gewählt. Direkt vor uns liegt das
barocke Anwesen, das einst als Kulisse der Vorabendserie »Das Erbe der Guldenburgs« diente, dem norddeutschen Gegenstück zum amerikanischen Dallas.
Inzwischen ist es recht heiß geworden. Unsere Hoffnung, dass der Fahrtwind
ein wenig Abkühlung verschafft, entpuppt sich als Wunschdenken. Egal, alles besser als Regen. Über eine kleine Schotterstraße gelangen wir nach Groß Pampau und
nehmen Kurs auf Reinbek. Eigentlich wollte ich Yujin ins gleichnamige Schloss zu
einem fürstlichen Mittagessen einladen. Aber dummerweise hat das feine Restaurant montags geschlossen. Sozusagen als Ersatz für das verpasste Mahl im fürstlichen
Ambiente, erzähle ich während der Pause im Schlossgarten Yujin die deutsche
Romeo-und-Julia-Variante, die sich hier zu Beginn des 19. Jahrhunderts zugetragen hat. Die Kurzform: Adliger Sohn und Müllerstochter planen ihre Hochzeit, doch der Vater des Bräutigams verwehrt die nicht standesgemäße Verbindung. Verzweifelt
ertränkt sich das junge Paar in der nahen Bille; erst das gemeinsame Begräbnis auf dem Friedhof von Reinbek führte zur ersehnten Vereinigung. Unweigerlich müssen
wir schmunzeln, denn richtig glücklich waren Yujins Eltern anfangs auch nicht, als
sie von unserer Beziehung erfahren hatten. Zum Glück hat sich deren Einstellung zu meinen Gunsten geändert.
Wir schwingen uns erneut auf den Sattel der Aprilia, streifen durch die Vierlande, ein ausgedehntes Marschgebiet südlich von Reinbek. Es fiel schwer, die Helme
wieder aufzusetzen, da die Temperatur nicht ein Grad nachgelassen hat. Der Fahrtwind – heiß wie die Luft aus einem Föhn. Selbst die Schafe auf den Wiesen hinter dem Elbdeich sind zu träge, um sich vom Motorenlärm aufscheuchen zu lassen. Oder sie haben sich inzwischen daran gewöhnt – denn der Weg führt zu einem der Top-
Biker-Treffs im Hamburger Umland: dem Zollenspieker Fährhaus. An Wochenenden tanzt hier derartig der Bär, dass bereits Streckensperrungen erwogen wurden. Gottlob blitzte der Antrag bei der Stadtverwaltung ab.
Auch heute scheint es, als seien nahezu alle norddeutschen Biker angerollt. Die Stimmung ist dennoch völlig entspannt. Keine Drehzahlorgien, keine Burnouts, sondern schwitzende Zweiradler, die nur Apfelschorle und Schatten wollen. Gesprächsthema Nummer eins: der anstehende 21. Hamburger Motorradgottesdienst, der im vergangenen Jahr rund 30000 Motorradfahrer in die Hansestadt lockte. Obwohl der Zollenspieker eine äußerst edle Küche bietet, steht uns der Sinn
nach etwas anderem. Bis mir die Idee kommt: auf zur Strandperle! Die Strandperle ist ein echtes Hamburger Original.
Eigentlich nur eine kleine Imbissbude vis-à-vis des Containerhafens, aber in Hamburg absolut Kult. Hier ist jeder Platz
belegt, doch das stört nicht weiter, denn die Strandperle trägt ihren Namen nicht umsonst. So schnappen wir Alsterwasser plus Bockwurst mit Kartoffelsalat und machen es uns am
Elbstrand gemütlich. Beobachten das bunte Treiben am Wasser und mit leichtem Fernweh das Be- und Entladen der Ozeangiganten im Containerhafen auf der anderen Uferseite.
Wir wollen noch ins Alte Land. Der Weg dorthin führt durch die Hamburger Speicherstadt, und schon nach kurzer Zeit empfängt uns der schwere Geruch
von Kaffee und exotischen Gewürzen, die in den Hafenspeichern lagern. Backsteingebäude in alter hanseatischer Architektur, wir kommen aus dem Staunen kaum mehr raus. Vor
meiner Motorradzeit hatte ich merkwür-
digerweise keine
Ahnung, was es hier alles zu entdecken gibt. Zahllose Brücken überspannen die Speicherstadtkanäle, in denen früher flachbäuchige Schuten die Waren der Überseepötte zu den Lagerhäusern transportierten.
Es gibt verschiedene Wege ins Alte Land, und der über
die vier Kilometer lange Köhlbrandbrücke, die seit 1974 den westlichen und östlichen Hafenteil verbindet, ist der bei
weitem attraktivste. Bis zum Horizont breitet sich unter uns
der Hafen mit seinen Ladekränen, Ozeanriesen und Containerlagern aus. Dazwischen flitzen kleine Lotsenboote und Barkassen. Von keinem anderen Platz ist der Hafen schöner zu betrachten.
Hauptsaison des Alten Landes ist die Zeit der Obstblüte, wenn die riesigen Obstbaumplantagen in leuchtendem
Weiß und zartem Rosa erstrahlen. Wir nutzen nun die Gunst des Sommers und decken uns an Straßenständen mit prachtvollen Früchten ein. Noch ein kleiner Klönschnack mit der
Bäuerin, und schon geht es weiter. Entlang des südlichen Elbufers und per Glückstadt-Fähre kommen wir an Elmshorn und Kaltenkirchen vorbei in den Norden Hamburgs, wo die üppigen Rapsfelder in voller Blüte wogen. Wir weichen auf kleinste Landstraßen und Schotterpisten aus, die uns durch ein wahres Meer in Gelb zu geleiten scheinen. Der süße Geruch der
Rapsblüten macht einen fast benommen.
Langsam naht der Abend, und wir müssen die Zügel
unseres schier unermüdlichen Streitrosses wieder Richtung Metropole lenken. Der Rückweg führt an dem wundervoll
restaurierten Herrenhaus von Tralau vorbei, über die herr-
lich kurvigen Feldwege zwischen Vinzier und Grabau. Im
Abendlicht schimmern golden und majestätisch die großen
Windräder des hohen Nordens. Während uns die Strahlen
der tief stehenden Sonne blenden, kehren wir zurück in die Hansestadt.
Am nächsten Tag ist der Nieselregen wieder da. Die Atempause vor den anstürmenden Meereswolken war nur kurz.
Die Krux des Lebens im hohen Norden Deutschlands. Doch wenn die Sonne dann leuchtet, scheint sie irgendwie heller als anderswo zu strahlen. Als wäre sie es uns schuldig.
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Deutschland: Rund um Hamburg (Archivversion) - INFOS

Trotz ihrer sprichwörtlichen Kühle ist Hamburg eine herzliche Metropole mit hohem Freizeitwert. Hier unsere Tipps fürs Après-Drive.
D Sehenswert
Unbedingt die Reeperbahn. Vor allem am Wochenende ist dort eine Menge los und vielfältige Unterhaltung geboten. Hamburgs Wahrzeichen ist die Kirche Michel, wo auch der Motorradgottesdienst stattfindet. Der Fischmarkt im Hafen lohnt ebenfalls. Tipp: Sonntagfrüh, wenn sich Aale-Dieter und Bananen-Kai über den halben Markt hinweg ankeifen. Früh aufstehen, denn um acht Uhr ist der Spaß zu Ende.
D Gastronomie
Original norddeutsche Küche gibt’s im Brodersen in der Rothenbaumchaussee 46 oder im Friesenkeller am Jungfernstieg. Ganz spezielle Empfehlung: die Imbissbude Strandperle an der Elbchaussee (schwierig zu finden: Richtung Wedel fahrend links auf geparkte Fahrräder und
Bikes achten. Da beginnt der Fußweg).
D Literatur
Das beste Buch ist Alex Rhets’ »Mit dem Krad um Hamburg« aus dem Pauls Verlag. Ist zwar leider vergriffen, aber bei ebay gelegentlich
zu kriegen. An allgemeiner Lektüre empfehlen sich das Geo Spezial und der HB Bildatlas »Hamburg«. Die Generalkarte Blatt 5 bietet
zusammen mit einem Stadtplan eine gute Orientierungsgrundlage.

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