Rund um München (Archivversion) Münchner Freiheit

Im Spätsommer herrscht in München nicht die Spur von Melancholie. Oktoberfest. Eine Stadt steht Kopf. Luftigen Ausgleich bietet Motorradfahrern eine Genießertour durchs Fünf-Seen-Land.

»Baast ois?« fragt mich ein Passant, als ich hektisch den Münchener Stadtplan aus dem Tankrucksack zerre und über dem Tank der BMW R 1200 C auseinanderfalte. Den Kopf des Mannes - »I bin der Schorsch« - ziert ein weißblau karierter Hut mit Henkel, in Form eines bis zum Rand mit Bier gefüllten Maßkrugs. Es dauert, bis ich kapiere, dass er sich nur erkundigen will, ob alles in Ordung sei. Sehr aufmerksam, diese Bayern, die oftmals als missgelaunte »Grantler« verschrien sind. Aber jetzt im Herbst ist eh alles anders. Seit zehn Tagen brodelt in der Landeshauptstadt das größte Volksfest der Welt – das Oktoberfest. Wer sich damit identifiziert, setzt sich einen weißblau karierten Hut aufs Haupt, wirft sich ins Festtagsdirndl oder in die Krachlederne und bewegt sich im Rhythmus der Blaskapellen, die in den Festzelten der Theresienwiese den Takt vorgeben. Wie beim Karneval in Rio herrscht Ausnahmezustand. Eine Stadt steht Kopf.Der in tiefstem Bayerisch vorgetragenen Wegbeschreibung zum Englischen Garten folgt eine abschließende Verständniskontrolle – »Host mi?« –, dann entlässt mich Schorsch mit einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter – »Servus« – in die pulsierenden Verkehrsadern der Millionenstadt. Obgleich von gemütlichem Cruisen keine Rede sein kann, erweist sich die BMW in Schwabing als adäquates Fortbewegungsmittel. Stop-and-go, rasanter Spurwechsel, zügiger Ampelstart. Schon erstaunlich, wie flott die fast sechs Zentner schwere Bajuwarin aus den Socken kommt. Und im Wettstreit mit Porsche Boxter und Co mit triumphalen 53 km/h am Siegestor vorbei stadteinwärts auf die Münchner Flaniermeile rollt. Dass in der bayerischen Metropole die großen Firmen und das große Geld residieren, wird wohl nirgends deutlicher zur Schau gestellt als zwischen Leopoldstraße und Odeonsplatz. Einige hundert Leute füllen an diesem sonnigen Herbsttag die Straßencafés und begutachten die polierten Luxuskarossen, die wie auf einem vierspurigen Laufsteg vorübergleiten.Nach einer Stippvisite der Theatinerkirche, einem Blick auf die Mariensäule und dem Genuss des Glockenspiels am Neuen Rathaus wird mir der Großstadttrubel zu viel. Die Ruhe im Englischen Garten wirkt wohltuend. Mit einer Brezen in der Hand beobachte ich Schwäne, Graugänse und Blesshühner am Kleinhesseloher See. Eine Naturidylle mitten im Stadtzentrum, mittels eigener Abfahrt vom Mittleren Ring zu erreichen. Mit 3,7 Quadratkilometern bildet der Englische Garten die größte grüne Oase in Europas Metropolen. In der es sich auch herrlich »Biergarteln« lässt. Kaum habe ich mich niedergelassen, fällt eine Gruppe Radfahrer ein, wirft sich auf die Holzbänke unter dem Blätterdach der Kastanien- und Lindenbäume und packt zwischen den Maßkrügen die mitgebrachten Wurstsemmeln aus. Einen echten bayerischen Biergarten erkenne man an der Erlaubnis zum Eigenverzehr, erfahre ich. Allein in Münchens City gibt es rund 50 »echte« Biergärten. Als die Radler weiterziehen, schaue ich ihnen neidisch hinterher. Für motorisierte Zweiräder sind die Parkwege unter herrlichen alten Bäumen und durch ausgedehnte Wiesen leider tabu.Doch nicht alle Wiesen in und um München sind grün. Vor allem die berühmteste nicht: die Theresienwiese. Also wieder rauf auf den Cruiser und quer durchs Stadtgetümmel zur »Wies’n«, wo jedes Jahr das Fest der Feste steigt. Rund sieben Millionen Besucher waren’s allein im letzten Herbst. Das erste, was vom Oktoberfest sichtbar wird, ist die Bavaria, eine 78 Tonnen schwere, aus Bronze gegossene Dame, die seit 150 Jahren auf die Festwiese blickt. In ihren jungen Jahren gab’s nicht allzu viel zu sehen. Bis Ende des 19. Jahrhunderts bestand das Oktoberfest gerade mal aus einem Karussell, zwei Schaukeln und drei Bierbuden. Heute drängen sich auf dem 31 Hektar großen Festgelände 14 gigantische Bierzelte, 52 gastronomische Mittel- und Kleinbetriebe, 121 Imbissstände, 113 Brotfrauen und 200 Schaustellerbetriebe.Kaum ist die BMW am Rand des Wiesengeländes abgestellt, erfasst mich eine Menschenwoge und schiebt mich an schwindelerregenden High-Tech-Karussells vorbei, wo Fahrgäste in die Lüfte katapultiert oder mit gut 30 Umdrehungen pro Minute um die eigene Achse geschleudert werden. Zu wenig Umdrehungen für ein Motorrad, zu viel für manchen Magen, wie das Schild »Übergeben verboten« gleich neben der Kasse vermuten lässt. Langsam wandere ich an alteingesessenen Schaustellerbetrieben wie Steilwandfahrern, Flohzirkus, Hau den Lukas und Altbayerisches Scherbenschießen vorbei, die sich trotz hochmoderner Konkurrenz bis zu heutigen Tag gehalten haben. »Heute Hinrichtung« steht beim Schichtl zu lesen, der sein Wies’n-Publikum seit 1871 mit kuriosen Varieté-Einlagen erfreut.Das Paulaner-Festzelt hat wegen Überfüllung bereits geschlossen, also gucke ich gegenüber bei Löwenbräu rein und ergattere gerade noch einen der letzten Plätze. Am Tisch sitzen zwar keine urigen Bayern, dafür sechs Koreaner. Sie seien extra angereist, erklärt mir der begeisterte Kim in perfektem Deutsch. Aus Seoul? Nein, aus Frankfurt, wo sie seit acht Jahren für eine Computerfirma arbeiten. Als ich mir eine kleine Cola bestelle, schaut mich die Bedienung schief an. Gewöhnlich serviert sie Weißbier in Literkrügen, und zwar meist gleich sechs auf einmal. Ohne Tablett. Keine leichte Aufgabe, wenn die Trachtenkapelle wie jetzt den »Anton aus Tirol« anstimmt und die Menge auf Tische und Bänke klettert, tanzt, trampelt, klatscht. Da gibt’s selbst für die Wies’s-Wirtin kaum noch ein Durchkommen. Die Krüge hoch - oans, zwoa, g’suffa!Als ich am nächsten Morgen den Cruiser beim Deutschen Museum parke, schwirren mir noch die Gassenhauer vom Festzelt durch den Kopf. Eigentlich wäre jetzt Zeit für das gehobenere München-Erlebnis. Doch statt in der größten Techniksammlung der Welt zu stöbern, fällt der Blick auf die Isarauen gleich nebenan... Die ersten Sonnenanbeter haben sich es bereits am Wasser bequem gemacht. Mit und ohne Badekleidung – im erzkatholischen Bayern scheint hier eine tolerante Insel zu liegen. Wie eine grüne Schneise teilt die Flussaue das Stadtzentrum und reizt an diesem warmen Spätsommertag deutlich mehr als museale Technik. Ich beneide die in Scharen an mir vorbeisausenden Radler, die direkt am Fluss entlang gen Süden rollen können, während ich erst noch den ewig staugeplagten Mittleren Ring an der Candidstraße kreuzen muss, bevor mich die Grünwalder Straße am Tierpark vorbei wieder zur Isar bringt.Allmählich wird die Fahrt entspannter. Die hektik der Großstadt liegt hinter mir, Visier und Jackenkragen sind weit geöffnet, lässig kreuze ich an den schmucken Villen des Nobelvororts Grünwald vorbei. Perlacher Forst, Grünwalder Forst, Forstenrieder Park – der Name Grünwald verspricht nicht zu viel. Jede Menge Wald schließt direkt an den Rand der Großstadt an. Bei Großdingharting treten die Bäume zurück, und geraniengeschmückte Holzbalkone von voralpenländischen Bauernhöfen rücken ins Blickfeld. Nicht mal 20 Kilometer von Münchens Marienplatz entfernt umgibt mich tiefstes Oberbayern. Kuhfladen garnieren die Sträßchen, die sich ohne Leitplanken und Mittelstreifen unter steinalten Eichen- und Lindenalleen dahinschlängeln.Gemächlich überhole ich einen Traktor und tuckere an Wiesen, Weiden und Pferdekoppeln vorbei, bis sich die Fahrbahn unvermittelt ins Isartal stürzt. Zwölf Prozent Gefälle und enge Kehren – erster Vorgeschmack auf die nur noch gut eine Stunde entfernten Alpenpässe. Ich lasse den Fluss hinter mir und brause am Benediktinerkloster Schäftlarn vorbei, das mit prachtvoller Klosterkirche und nicht minder ansprechendem Biergarten wirbt. Dass sich die Wallfahrten der Münchner eher auf Letzteren konzentrieren, beweist deren Sinn für Tradition. Schließlich waren es Mönche, die die Braukunst an die Isar brachten. Auf der anderen Talseite führt die Straße wieder steil nach oben - in schnittigen Kehren, die den Cruiser schier das Funken lehren.Noch ein paar Schlenker durch den Wald, dann taucht die Straße zwischen den sanft gewellten Hügeln der oberbayerischen Moränenlandschaft ein. Samtgrüne Weiden, kleine Dörfer und barocke Zwiebeltürme, die keck aus den Tälern ragen. Bei Münsing schwenke ich ab nach Ammerland am Ostufer des Starnberger Sees. Die alten Fischerhütten, die hier früher einmal standen, sind längst Millionenobjekten gewichen. Am Starnberger See liegen mit die begehrtesten Privatgrundstücke Deutschlands. Entsprechend schwierig ist es, als normalsterblicher Besucher zum Ufer vorzudringen. Mit etwas Glück finde ich den zwischen Parks und noblen Villen eingeklemmten Bootssteg der »Starnberger-See-Schifffahrt«, an dem gerade eine Fähre ablegt. Ansonsten herrscht hier striktes Motorenverbot. Selbst am Ufersaum sind Kraftfahrzeuge unerwünscht, und Autos wie Motorrädern wird die Weiterfahrt auf der Seeuferstraße verwehrt. Während die Radler wieder einmal die besseren Karten haben und am Wasser Richtung Alpen strampeln, kurve ich über einige Ecken zurück nach Münsing und weiter nach Seeshaupt am südlichen Ende des Sees. Die Luft ist so klar, dass die Zugspitze zum Greifen nahe und gleich hinterm See aufzusteigen scheint. Es herrscht Föhn, jener warme, trockene Fallwind, der am Alpenrand selbst dann schönstes Wetter bescheren kann, wenn es sonst überall regnet. Gemütlich tuckere ich von Seeshaupt nach Bernried und genieße die Postkartenidylle des Fünf-Seen-Lands. Bei Bernried entdecke ich eine schmale Straße, die in hübschen Bögen nach Dießen zum Ammersee führt. Die Ahorn- und Kastanienbäume, an denen ich vorbeisause, lassen schon die ersten Blätter fallen, aber von Herbst kann noch keine Rede sein. Der Föhn heizt dem Altweibersommer noch mal kräftig ein.Der Ammersee taucht schimmernd und nicht weniger beeindruckend als sein Starnberger Bruder auf. Schließlich hat ein Kollege des Würmgletschers, der vor etwa 150000 Jahren den Starnberger See aus dem Fels gehobelt hat, gleich nebenan den Ammersee mit ausgeschachtet. Beide Alpengletscher häuften an ihren Rändern Moränen auf, die noch heute als sanft gewellte Kuppen die Landschaft prägen. Keine Fünf-Seen-Tour ohne fünf Seen. Über das Nordende des Ammersees erreiche ich Nummer drei, den wesentlich kleineren Wörthsee und kurve dann noch zum Weßlinger und zum Pilsener See, den kleinsten der Fünferrunde. Nach dem Besuch eines weiteren wichtigen Münchner Wallfahrtsorts, dem Biergarten von Kloster Andechs, mache ich mich über Starnberg allmählich auf den Heimweg. Doch das herbstliche Top-Thema der Region lässt mich nicht aus seinen Fängen. Sogar an der elegantesten Strandpromenade finden sich Souvenirstände mit Wies’n-Devotionalien: Bierkrüge, Oktoberfesthüte, weißblaue T-Shirts mit albernen Trinksprüchen oder dem armen Konterfei von Bayerns Lieblingskönig Ludwig II., der mindestens so populär wie das Oktoberfest ist und im Starnberger See auf mysteriöse Weise ums Leben kam. Nach einem letzten Blick auf Alpenkette biege ich in Leutstetten auf die kurvige Straße durch das enge Würmtal ein, das grüne Blätterdach der Buchen schlägt wie ein Tunnel über mir zusammen und geleitet mich zurück ins Großstadtgewühl.Es ist mein letzter Abend in München. Ich parke den Cruiser am Hotel, spaziere zum Hofbräuhaus und bestelle endlich, wovon ich den ganzen Tag geträumt hatte: eine Maß Bier. Neben mir schunkelt eine indische Reisegruppe mit ein paar Bayern im Takt der Blaskapelle, durchs Fenster ist ein US-Lokal der Kette Planet Hollywood zu sehen, daneben ein japanisches Sushi-Restaurant. Weißwurst trifft auf Hamburger und rohen Fisch – München ist multikulti. Das beweist auch der Griff zur Zeitung, in der ich mich über die letzten News informiere: »Revolution auf dem Oktoberfest. Die Wies’n-Wirte staunten nicht schlecht, als zwei Japaner im Fischer-Vroni-Zelt plötzlich ihre Stäbchen auspackten und begannen, den soeben servierten Steckerl-Fisch gekonnt zu filettieren.“

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