Rund um Wien (Archivversion) WWW.at

Waldviertel, Weinviertel, Wien – Österreichs drei spannende »W« locken mit einem Netzwerk kleinster Wege in die abgeschiedenen Ecken im Norden des Landes. Das prunkvolle Wien bietet mit pulsierendem Leben den prickelnden Kontrast.

as Schild »Romantikstraße« wäre gar nicht nötig. Nahe der Stadt Ybbs wird es am Donauufer und den langsam vorüberziehenden Schiffen auch ohne Worte romantisch. Die Uferstraße zirkelt charmant an Wäldern, Wiesen und kleinen Ortschaften vorbei, bis sich irgendwann mächtig das barocke Benediktinerstift Melk vor dem Visier auftürmt. Ein Bauwerk, das 1888 Fenster zählt, 17500 Quadratmeter beansprucht und wie ein Koloss über einer 6500 Seelen beherbergenden Kleinstadt thront. Ich schwenke
die BMW R 1100 S auf die Donaubrücke bei Emmersdorf und halte direkt darauf zu.
Umberto Eco würdigte die Bibliothek von Melk in seinem
Roman »Der Name der Rose« als eine der bedeutendsten des Mittelalters. Entsprechend groß ist der Andrang von Bussen, die ihre Touristenfracht durch die Gassen von Melk zu den Pforten des Benediktinerstifts bugsieren. Nach einem Rundgang flüchte ich zurück über die Donau und wende mich unter Verzicht auf
die touristischen Highlights zunächst einem stilleren Winkel zu: dem Waldviertel, nur wenige Kilometer weiter nördlich.
Weiten, Pöggstall, Ottenschlag. In hübschen Schleifen windet sich die Straße durch Wiesen, Felder und Wälder, aus denen hin und wieder eine Burgruine ragt. Der Verkehr flaut ab, bis mir nach kurzer Zeit kaum noch ein Fahrzeug entgegenkommt.
Ein Blick auf die Karte enthüllt nahe Zwettl einen schmalen Abzweig ostwärts zum Dobra-Stausee. Kaum breiter als die
Gepäckrolle der BMW windet sich die Straße an der Dobra entlang. Mit jedem Kilometer dehnt sich der bei Krumau aufgestaute Fluss weiter aus und erstreckt sich schließlich fjordähnlich in
eine vor grün förmlich überbordende Landschaft. Hier macht das Waldviertel seinem Namen alle Ehre. Nur mit Mühe gelingt ein Blick durch die Bäume, die wie eine Wand am Flussufer stehen.
Bei Krumau halte ich mich wieder Richtung Nordwesten und tschechische Grenze. Die reich verzierten Renaissance-Sgraffitohäuser auf dem Stadtplatz von Gmünd, den ich wenig später überquere, zeugen noch vom Wohlstand entlang der alten
Handelsrouten nach Böhmen. Mit dem Eisernen Vorhang wurde das Waldviertel für Jahrzehnte zur Sackgasse. Heute sind die Grenzen offen, abgelegen ist die Gegend dennoch geblieben – ideal für Entdeckertouren.
Als ich nach Norden hin durch die von Hochmooren durchsetzte Waldeinsamkeit brumme, warnt ein Schild: »Achtung: Staatsgrenze entlang der Straße«. Doch von der Tschechischen Republik, die im Prinzip schon am linken Fahrbahnrand beginnt, ist außer Bäumen und bizarren Felsgebilden nichts zu erkennen.
Und die sehen hüben wie drüben gleich aus. Die Straße, nicht
zu breit und nicht zu schmal, bietet jedenfalls optimales Terrain
für den BMW-Sporttourer, der sich spontan auf seine 98 PS
besinnt und behände um die Kurven fegt.
Durch ein weitläufiges Getreidefelder-Mosaik geht es über
die Hochebene gen Osten. Der Wald spielt dort schon seit
Generationen keine Rolle mehr, weshalb der Name Feldviertel treffender erschiene. Erst in Raabs an der Thaya trifft das
wildromantische Bild wieder zu, das man mit dem Waldviertel
assoziiert. Bis zu 150 Meter tief hat sich der Fluss in die Landschaft gegraben. Schroffe Felsen treten zum Vorschein, auf
denen die Burg von Raabs wie ein Adlernest klebt. Richtung
Drosendorf folgt die Straße den reich gewundenen Flussschleifen, führt an urwüchsigen Waldhängen, zackigen Felsen und
unberührten Auwäldern vorbei.


ach Hardegg tauche ich durch eine moosbewachsene Stadtmauer ein und erklimme eine Burg, die den
Blick über die Thaya hinweg nach Tschechien freigibt. Von der Hardegger Warte auf der gegenüberliegenden Seite
hat der Osten den Westen während der Zeit des Eisernen Vorhangs misstrauisch beäugt. Heute winken lediglich ein paar
Wanderer fröhlich herüber. Trotz »zentraler Europalage« nach dem EU-Beitritt Tschechiens ist die Natur noch nahezu unberührt.
Zwei Ecken weiter kündigen bei Retz erste vereinzelte
Reben das Weinviertel an. Doch der Weinbau kommt nicht richtig zum Zuge, statt Reben machen sich Mais- und Getreidefelder breit. Auf Böden, die zu den ertragreichsten Österreichs zählen, haben die Trauben mächtig Konkurrenz.


icht, extraktig, fett, wulstig und brüstig, mächtig und
kernig...« Hans Burger in Wullersdorf verfügt über
ein schier unerschöpfliches Vokabular, wenn es um die
Beschreibung von Weinen geht. Hinter mir liegt eine ausgiebige Kurvenhatz durch das Kamptal, und der Vortrag des passionierten Weinbauern weckt Gelüste. Also suche ich mir ein Quartier
in der Nähe, genieße nicht nur den für die Region typischen
Grünen Veltliner, sondern auch einen Blick in Burgers Weinkeller. Von außen unscheinbar wie ein Garagentor, führt der Eingang
200 Meter in den Bauch der Erde. Im Schein von Petroleum-
lampen öffnet sich ein weit verzweigtes Labyrinth von Treppen, Gängen und Kammern.
Wieder auf der BMW offenbart sich ein paar Kilometer
weiter die längste Kellergasse Österreichs. Wie urige Einfamilienhäuser reihen sich die Eingänge zu den Weinkellern aneinander. Bisweilen lädt der eine oder andere mit Namen wie »Fritzlkeller«, »Sauschädel-Köller« und »Keller der stillen Zecher« zur Ver-
köstigung ein – und stellt die Abstinenz des Motorradreisenden auf eine harte Probe.
Nur die prompte Kehrtwendung rettet den Tag fürs Kurvenflitzen. Über Laa an der Thaya brause ich zu den Leiser Bergen, die schon von weitem verlockend aus der Ebene ragen. Eine
halbe Stunde Kurventaumel auf den beinahe leer gefegten
Straßen rund um den gut 500 Meter hohen Buschberg, dann
geht’s auf geradem Weg nach Wien.
Stau, Straßenbahnen, Fiaker-Gespanne – das Zentrum der Landeshauptstadt führt mit seiner Hektik zunächst zu kompletter Überforderung meines Reaktionsvermögens. Ein fast zwangs-
läufiger Schock nach der Abgeschiedenheit im Wald- und Weinviertel. Vorsichtig manövriere ich die BMW an Blechkolonnen
vorbei, achte auf japanische Reisegruppen, die sich unvermittelt auf die Fahrbahn stürzen, und die von tückischen Mäuerchen
eingefassten Straßenbahnschienen. Zeit für einen Kaffee.
Im Café Sperl empfängt mich der Charme eines echten
Wiener Kaffeehauses, mit Mobiliar der vorletzten Jahrhundertwende und livriertem Portier an der Sitzkasse. Trotz Motorradoutfit empfängt mich ein herzliches »Grüß Gott, gnäää Frau«, bevor ich neben den zentral präsentierten Mehlspeisen in pur-
purroten Polsterstühlen versinke. Leises Gemurmel und Zeitungsrascheln bildet die an hohen Stuckdecken widerhallende Hintergrundmusik. Nur Kaffee scheint es im Kaffeehaus keinen zu geben. Meine Bestellung sorgt für eine deutliche Irritation des Obers. Da gäbe es unter anderem die Melange, den Kleinen
und den Großen Braunen, den Verlängerten, den Gespritzten Mokka, den Kapuziner, den Einspänner, den Franziskaner...
Es dauert, bis die Grundbegriffe der Wiener Kaffeehaus-Sprache verinnerlicht sind. Als ich schließlich diverse Kaffeespezialitäten probiert sowie das Angebot hausgemachter Mehlspeisen durchfuttert habe, legt sich bereits Dunkelheit über die Stadt. Und
mit ihr der Verkehr. Unbehindert geht es nun durch das prunkvolle Wien. Parlament, Hofburg, Karlskirche, Hochstrahlbrunnen,
Hoftheater – die hell erleuchteten Monumentalbauwerke reihen sich dicht an dicht. Sobald eine Ampel auf Rot schaltet, summt die Bremselektronik der BMW wie ein Airbus. Dazu mischen
sich klassische Töne aus Richtung Oper, von schräg gegenüber ertönt Rapmusik, vermischt mit den Gesängen einer Karaoke-
bar, dem Klackern der Skater und dem Hufgetrappel der Fiaker. Mountainbikes sausen vorbei, kommen aus der Nacht und
verschwinden wieder ins Dunkel.


m nächsten Morgen reißt das Entdeckungsfieber nicht ab. Stephansdom, Schönbrunn, Prater mit Riesenrad – eh klar. Doch dann wird es Zeit für
das andere Wien mit einer Skurilitäten-Tour der besonderen Art. Zum Beispiel zum Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm. Das fünfgeschossige Gebäude – bis 1860 eine Anstalt für Geisteskranke – empfängt die Besucher mit einem 50000 Ausstellungsstücke umfassenden Horrorkabinett menschlicher Abgründe. Ringsum stapeln sich in Formaldehyd einge-
legte zweiköpfige Embryonen und tuberkulöse Lungen, verkrümmte Skelette sowie naturgetreue Wachsnachbildungen einzelner von Ekzemen,
Geschwülsten und Entzündungen furchtbar entstellter Körperteile. Ich begutachte eine »Speiseröhre mit verschlucktem Teil einer Zahnprotese«, studiere den »Blinddarmstein
aus einer Gallenblase einer 78jährigen Frau« und suche nach
der Betrachtung des »unverdauten Mageninhalts eines psychiatrischen Patienten, der neben Rosshaar sogar den Inhalt seiner
Matratze aß« schließlich das Weite.


twas verträglicher wird es bei den Grabstätten:
Zentralfriedhof, Friedhof St. Marx und der Friedhof der Namenlosen – schaurig-schöne Nekropolen, in denen fremde wie einheimische Ausflüglerscharen offenbar vergnüg-
liche Stunden verleben. Hinter den Würstelbuden stoße ich am Zentralfriedhof auf die pompösen Ehrengräber von Brahms, Schubert, Strauß, Beethoven und Falco, steige in begehbare
Familiengrüfte, stolpere über verwitterte Grabsteine in dschungelartigem Gestrüpp und entdecke Grabmonumente, die an kleine gotische Kathedralen erinnern. Anschließend besuche ich
Mozart auf dem Biedermeier-Friedhof St. Marx, dessen Gebeine im Gegensatz zu »Rock me Amadeus«-Falco nicht im Ehren-, sondern im anonymen Massengrab gelandet sind. Mit den un-
bekannten Toten auf dem Friedhof der Namenlosen ging
man würdevoller um. »Ertrunken durch fremde Hand am
1. Juni 1904 im 11. Lebensjahr« steht dort auf einem mit Blumen und Holzkreuz geschmückten Grab zu lesen. Oder: »Sepperl,
ein Tag alt, in Schuhschachtel am Donauufer gefunden«.
Jetzt ist’s genug, alles lechzt wieder nach Leben und Natur. Nussdorf, Grinzing, Neustift am Walde – die Stadt verschwindet im Rückspiegel, und ich tauche ein in die von Weinreben bedeckten Südhänge des Wienerwalds. Ein Heurigenlokal drängt sich ans nächste, und auf der teilweise gepflasterten, schmalen Höhenstraße geht es in die Berge. Schattige Buchenwälder geleiten
zu Kahlenberg und Leopoldsberg, hinunter nach Klosterneuburg und erneut hinauf in den Wienerwald bis hinüber zum Tulbinger Kogel. Die 1100er ist wieder in ihrem Element.
Bei Tulln überquere ich die Donau und fahre auf
der Schnellstraße nach Krems. Noch steht die Sonne hoch genug, um einen letzten Schlenker durch
den Dunkelsteiner Wald einzuschieben. Fantastisch gewundene Sträßchen führen in schnellem Wechsel
über Berg und Tal, streifen die Klöster Göttweig und Maria Landegg. Am Ende stehe ich wieder vor dem beeindruckendsten von allen: Melk. Erschöpft falle
ich ins Straßencafé und bestelle, gewitzt durch meinen Wien-Aufenthalt, professionell einen Einspänner. Der Ober blickt auf mein deutsches Nummernschild und nickt nur kurz. Ich meine, es war anerkennend.

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