Rund ums Wetter (Archivversion) Donner-Wetter

Azorenhoch oder Islandtief? Kalt- oder Warmfront? Sommer- oder Frontgewitter? Wer wettertechnisch ein paar Grundkenntnisse mitbringt, hat bei der Planung der Ausfahrt schon die halbe Miete im Kasten – und unterwegs weniger Frust.

Kaum etwas anderes prägt eine Motorradtour so stark wie das Wetter. Eine
Alpentour unter strahlender Sonne bei
angenehmen 25 Grad kann der Gipfel der Gefühle sein. Dieselbe Strecke einen Tag später bei Landregen und knapp über null heruntergerissen, hat nichts, aber auch gar nichts Reizvolles mehr. Im Gegenteil, nach den ersten Rutschern in den nassen Serpentinen und Minimal-Schräglagen fragt man sich, warum man überhaupt
losgefahren ist. Moderne Ausrüstung hält zwar trocken und warm, aber schön ist dennoch anders. Das Wetter können wir nicht ändern – doch seine Einschätzung und den Umgang mit ihm erlernen.
Dazu gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten. Die erste und für alle Outdoor-
Aktivitäten unverzichtbare ist natürlich die Beachtung des Wetterberichts. Früher nur per Fernsehen, Radio oder Zeitung zugänglich, heute rund um die Uhr per Internet. Die zweite wird vor allem unterwegs wichtig: die eigene Wetterbeobachtung. Insbesondere Wolken, ihre Formation
und Veränderung, geben Hinweise auf die
weitere Entwicklung. Und für treffsichere Entscheidungen. So kann beispielsweise
ein heftiges, aber kurzes Sommergewitter
locker im Pass-Hospiz ausgesessen
werden, während ein Frontgewitter einer
anrückenden Kaltfront nachhaltige Wetter- und Temperaturstürze nach sich zieht. Wohl dem, der hier unterscheiden kann.
Den Anfang macht der Wetterbericht vor Reisebeginn. Gute Übersicht über die Wetterlage und präzise Prognosen für bis zu fünf Tage geben bei uns zwei unterschiedlich arbeitende Unternehmen, deren Vorhersagen mitunter auch etwas voneinander abweichen: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) und die Meteomedia AG
von Jörg Kachelmann. Der DWD versorgt traditionell die Tagesschau, die Heute-Nachrichten sowie die meisten Radio-
sender, während Jörg Kachelmann seine eigene Sendung »Das Wetter im Ersten« täglich um 19.50 Uhr moderiert sowie den Wetterteil der Tagesthemen und einiger Privatsender.
Der quirlige Schweizer, der 1991 mit Meteomedia auftrat, setzte den 2700 Mitarbeiter starken staatlichen Wetterdienst
in Offenbach mit seinen zum Teil deutlich präziseren Prognosen verheerender Unwetter – wie beispielsweise Sturm Lothar 1999 – mächtig unter Druck. In Deutschland hat seit 1781 die systematische Wetterbeobachtung Tradition. Mit Hilfe eines
riesigen, im Ersten Weltkrieg entwickelten Netzwerks werden inzwischen täglich
erdballumspannend die Daten von 10000 mobilen und statischen Wetterstationen zusammengetragen. Und in Super-Großrechnern in England, Amerika und dem DWD in Offenbach in einer Art Raster-
system die weitere Wetterentwicklung
prognostiziert. Die Offenbacher sagen
anhand dieser Messwerte das Wetter in Deutschland voraus. Ihre Schwachstelle: die regionale Vorhersage.
Hier liegt die Nische Jörg Kachelmanns. Der zwar die Rohdaten der Computer ebenfalls als Basis nutzt, sie aber mit Messwerten seiner über 300 eigenen, über ganz Deutschland und die Nachbarländer verteilten Wetterstationen ergänzt. Die ihm präzise Prognosemöglichkeiten
für die regionale Wetterentwicklung geben: »Es wäre blöd, sich nur auf die Großrechner zu verlassen.« Und Kachelmann sprang mit seiner von Sponsoren unterstützten Arbeit auf einen neuen Trend auf: Wetter als Medienereignis. »Mit der stärkeren
Bedeutung der Freizeit wuchs auch die Bedeutung des Wetters.« So sorgt in den USA der Weatherchanel mit Sendungen rund um die Uhr für höchste Einschalt-
quoten. Auch das Internet profitiert davon, immer mehr touristische Organisationen setzen eigene Wetterlinks ins Netz.
Für die eigene Vorhersage hilft die Kenntnis einiger – grob vereinfachter – meteorologischer Sachverhalte. So bewegt sich unser Globus mit einer rund 800 Kilometer dicken Atmosphärenhülle durch das eisige All. In der untersten Schicht,
bis in etwa 15 Kilometer Höhe, bilden
sich die Wolken, und hier entsteht unser Wetter. Durch unterschiedliche Erdzonen und deren Abstrahlung oder Verdunstung wie feuchte, kühle Meere oder trocken-heiße Erdböden sind auch die Luftmassen darüber unterschiedlich aufgeheizt beziehungsweise mit Feuchtigkeit angereichert. Wir unterscheiden dabei Hochdruckge-
biete, die trockenes und schönes Wetter mitbringen, und Tiefdrucksysteme mit feuchten, wolkenreichen Luftmassen und entsprechend trübem, regnerischem Wetter. Auf den Satellitenbildern sind letztere durch ihre weißen Wolkenwirbel deutlich erkennbar, während die wolkenlosen Hochs unsichtbar erscheinen. Mangels Wolkenfilter sorgen diese im Winter für klirrende Kälte und im Sommer für inten-
sive Sonneneinstrahlung und Boden-
aufheizung. Infolge der Erddrehung und hohen Luftströmungen bewegen sich
diese Luftmassen über weite Strecken
unserer Hemisphäre.
Von der aktuellen Zugrichtung dieser Luftsysteme zu wissen, Veränderungen während der Tour erkennen und eventuelle Alternativen einleiten zu können, wäre
der Idealzustand für den wetterbewussten
Biker. Perfekt für eine Tour ist das »stabile Hoch über Mitteleuropa«, wie es im letzten Sommer wochenlang Sonne bescherte.
In der Regel braut sich aber in Folge der Meeresverdunstung oder dem Einbruch polarer Luftmassen irgendwann immer eine Tiefdruckzone über den nördlichen Breiten oder dem Mittelmeer zusammen und wandert gen Kontinent. Meist nach Zwischenspiel einer kurzen Warmfront
bedrängt die Kaltfront des Tiefs das
behaglich ausgebreitete Warmluftkissen. Der kritische Moment. Denn im Gegensatz zu den trägen Hochdruckfeldern sind
Tiefdrucksysteme dynamisch unterwegs, fegen mit bis zu 60 Stundenkilometern heran, schieben ihre Kaltfronten wie
einen eisigen Keil unter die warme Luft und zwingen diese zum Entweichen
in die Höhe.
Aufmerksame Beobachter können durch mehrere Indikatoren den Wetterumschwung bis zu 48 Stunden vorher erkennen. Neben verändertem Verhalten in der Natur – Murmeltiere flüchten in ihren Bau, Schwalben senken die Reiseflughöhe, Pflanzen klappen die Blätter ein – ist ein rapider Luftdruckabfall bezeichnend (den bereits Höhenmesser aus dem Mountainbike- oder Alpinsportbereich anzeigen).
Am augenfälligsten ist indessen die Veränderung der Wolken. Es beginnt
mit harmlos aussehenden Cirruswolken,
die sich fast unmerklich ausbreiten und zusehends verdichten. Später bauen
sich intensivere Schichtwolken aus der Zugrichtung des Tiefs am Horizont auf. Flammt dann morgens der Himmel noch
in leuchtendem Rot, ist es um das schöne Wetter meist geschehen. Wenn erst die richtig dunklen Wolken aufziehen, sollte die Talabfahrt schon anvisiert sein. Ohne Konflikte geht der Wetterumschwung nämlich selten ab: Meist entladen sich die Spannungen der aufeinandertreffenden Luftmassen in heftigen Frontgewittern, es
folgt ein rapider Umschwung mit nachhaltiger Temperatur- und Wetterveränderung. Im Gegensatz zu einem kurzen heftigen Sommergewitter, nach dem bald wieder die Sonne lacht. Gefährlich für Motor-
radfahrer sind allerdings beide und die Entstehungsursachen ähnlich. Durch
das Zusammentreffen warmer und kalter Luftmassen – beim Sommergewitter durch Bodenaufheizung und rasant aufsteigende, schwüle Verdunstungswärme, beim Frontgewitter durch die Kaltfront – entwickelt sich eine Cumuluswolke höchsten Energiegrades. Durch stetiges Bestreben nach Luftaustausch – warm nach oben, kalt nach unten – entstehen im Innern der sich immer mächtiger aufblähenden Wolke Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 km/h, die sogar Jumbos gefährlich werden können und Energien von mehreren Millionen Volt entwickeln. Die toben sich zwar mit ihren Entladungsblitzen hauptsächlich innerhalb der Wolke aus, suchen jedoch gelegentlich auch den kürzesten Weg zur Erde. Für Motorradfahrer lebensgefährlich, da der ableitende Faraday-Käfig, der Autoinsassen schützt, fehlt. Deswegen rechtzeitig ins Tal oder die nächste Kneipe abtauchen (siehe Kasten). Aber als zukünftiger Wetterkundler werden Ihnen die ersten Anzeichen solcher Gefahren nun ohnehin nicht mehr entgehen.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote