Sahara (Archivversion) Meer ohne Wasser

Keine Bezeichnung könnte für die größte Wüste der Welt treffender sein, als die der arabischen Karawanenführer: »Bahr bela ma«, das Meer ohne Wasser. Michael Martin hat die Sahara von Ost nach West durchquert.

In keiner anderen Wüste Afrikas treffen so viele Staaten mit so vielen politischen Problemen aufeinander, und nirgendwo ragen die Dünen so hoch in den Himmel wie in der Sahara. Spätestens seit wir in einem Internet-Café in Kairo durch die Webseiten des Bonner Auswärtigen Amtes gesurft sind, wissen wir, was uns erwartet. Unverhohlen wird vor den Minen des Tibesti, den Resten der Tuareg-Rebellion im Air-Gebirge und den Banditen um Timbuktu gewarnt. Von unserem Vorhaben, die größte Wüste Afrikas zu durchqueren, können uns die Schwierigkeiten aber nicht abbringen. Seit Tagen rauschen wir in Kairo von Botschaft zu Botschaft und erkämpfen uns Visum für Visum. Nach einer Woche haben wir alle für die geplante Transsahara-Route durch Libyen, Tschad, Niger, Mali und Mauretanien zusammen. Vier Monate zuvor waren Katja und ich in Kapstadt gestartet, um alle Wüsten des Schwarzen Kontinents zu durchqueren. Wir sind durch die Namib-, die Kalahari-, die Chalbi- und die Danakilwüste bis nach Eritrea gefahren und dann von Massawa mit dem Schiff nach Suez gelangt. Etwas besorgt verlassen wir nun Kairo in Richtung libyscher Grenze. Der Einreise erfolgt ohne größere Probleme, und wir freuen uns erstmal über die guten Teerstraßen des Landes und über einen Benzinpreis, der im einstelligem Pfennigbereich liegt. Einige staatliche Tankstellen geben ihr Benzin gar kostenlos ab. 2000 Kilometer südwestlich von Kairo beginnnt das Erg Ubari, ein gewaltiges Sanddünengebiet. Es scheint unvorstellbar, mit der schweren BMW R 1100 GS hier durchzukommen. Wie Wolkenkratzer türmen sich die Sanddünen vor uns auf, verlaufen unglücklicherweise quer zu unserer Fahrtrichtung. Die ersten paar hundert Meter trägt der Sand noch , dann hängen wir fest. Mit dem Mut der Verzweifelten graben wir die Maschine aus, reduzieren den Luftdruck um die Hälfte. Bei der nächsten Düne erreichen wir immerhin schon den messerscharfen Grat. Dünenzug um Dünenzug arbeiten wir uns immer tiefer in den Erg hinein.Irgendwann tauchen fatamorganagleich die Seen von Mandara auf. Tiefblau und von Palmen umgeben schmiegen sie sich zwischen die hohen, gelben Dünenzüge, von denen ununterbrochen kleine Sandlawinen ins klare Wasser rieseln. Ein Paradies, das einem das Weiterfahren zu unserem nächsten Ziel schwerfallen läßt.Nach zwei Tagen Hitze und monotoner Steinwüste steigt das Gelände endlich leicht an, wir erreichen eine Abbruchkante und stehen unvermittelt auf dem Kraterrand des Wau en Namus. Der vier Kilometer durchmessende Krater entstand, als das zentrale Fördergebiet eines Vulkans einbrach. Im Innern bildeten sich neue Vulkane, umgeben von sieben Seen, deren Farben von Ultramarinblau bis Rosa reichen. Drei Tage campen wir am Kraterrand, können uns nicht sattsehen.Die Grenze zum Tschad ist nicht mehr weit, vom sagenhaften Tibesti, dem entlegensten und unzugänglichsten Gebirge Afrikas, trennen uns keine 300 Kilometer mehr. Gadaffi hatte in den achtziger Jahren einen sinnlosen Krieg um den rohstoffreichen Aoutzo-Streifen im Norden des Tibesti geführt und war letzlich von den tschadischen Tubu zum Rückzug gezwungen worden. Seither ist die Grenze geschlossen und ganze Landstriche sind vermint. Doch es gibt in der libyschen Oase Al Katrun Tubu-Führer, die Schmuggler durch die Minengürtel bis ins Tibesti-Gebirge lotsen. Mohamed Ali ist einer von ihnen. Wir werden mit ihm handelseinig. Für 1000 US-Dollar wird er uns mit dem seinem klapprigen Landcruiser bis in die Berge begleiten. Im Schutz der Dunkelheit verlassen wir Al Katrun und fahren querfeldein nach Süden. Wir haben keine Ausreisepapiere und können nur hoffen, keiner Grenzpatroullie zu begegnen. Nach zwei Tagen in leichtem Gelände tauchen die ersten Ausläufer des Tibesti-Gebirges auf: Wir sind im Tschad. Damit ist zwar die Gefahr gebannt, auf libysche Grenzpatroillien zu stoßen, doch nun beginnen die Minenfelder. Peinlich genau hält sich Mohamed an die wenigen Spuren, die durch die explosive Gegend führen, an ausgebrannten Panzern und von Grananten zerfetzten Autos vorbei. Am nächsten Tag stehen wir am Rand des Trou Natron und blicken in einen 1000 Meter tiefen Abgrund. Auch hier hat sich ein Vulkan einst selbst vernichtet, als beim Abklingen der vulkanischen Aktivität das zentrale Fördergebiet einbrach und dieses sieben Kilometer durchmessende Loch entstand. Von Zouar, eine Tagesreise vom Trou Natron entfernt, wollen wir zum Plateau du Djado im äußersten Nordosten der Republik Niger. Die Grenze zwischen Tschad und Niger ist im Norden allerdings seit Jahrzehnten geschlossen und die noch von den Franzosen angelegte Kolonialpiste stark vermint. Die Verkehrsdichte tendiert gegen null. Das könnte unsere Chance sein, unbemerkt aus dem Tschad wieder rauszukommen. Mitten in Nacht brechen wir in Zouar auf. Als die Sonne aufgeht, fahren wir bereits durch die ersten Ausläufer des Grand Erg du Bilma im Niger. Die Dünenzüge verlaufen diesmal exakt in unserer Fahrtrichtung, so daß wir in den Sandtälern zügig vorankommen. Bereits nach zwei Fahrtagen tauchen die Felstürme von Djado am Horizont auf. In Seguedine, 150 Kilometer südlich von Djado, muß unser Führer Mohamed Ali umkehren. Wir sind wieder auf uns gestellt. Seit Tagen weht ein heißer Wind. Jetzt den Schutz der Oase zu verlassen erscheint undenkbar. Doch es kann hier wochenlang wehen. Wir müssen es versuchen. Bereits am Rand der Oase geraten wir in das erste Tiefsandfeld. Ein Oasenbewohner eilt herbei und hilft schiebe. »Allah sei mit euch«, ruft er uns hinterher. Vor uns liegt die Ténéré, die Wüste der Wüsten. 400000 Quadratkilometer groß und schier unbezwingbar. Karawanen mit 2000 Kamelen sind hier verschwunden, ohne daß jemals auch nur ein Skelett gefunden worden wäre. Der Wind bläst wie ein Flammenwerfer, dazu dieses gleißende, apokalyptische Licht. Immer wieder sackt die Maschine im Sand ein. Verzweifelt schaufeln wir die Sandmassen zu Seite. Plötzlich wird der Wind noch stärker, die Sonne verfinstert sich bedrohlich. Ohne Unterlaß suchen wir nach fahrbaren Passagen in den Dünen. Wir stoßen auf das Skelett eines Kamels, an Erschöpfung verendet. Ein halbes Grad kämpfen wir uns noch nach Westen, dann schlagen unter großen Mühen unser Zelt auf. Völlig entkräftet, versuchen wir trotz des Sturmes zu kochen. Wenige Meter von unserem Nachtplatz entdecke ich die Knochen eines Menschen. Am nächsten Morgen lassen die Windböen nach, wie aus dem Nichts taucht ein Felsrücken auf: die Schichtstufe der Oase von Fachi. Halb verwehte Spuren geleiten uns hin. Wir schlafen bei den Karawaniers vor den Toren der Oase. Mit dem ersten Licht brechen sie auf, die Tiere mit je vier Zentner Salz beladen. In Gewaltmärschen von 18 Stunden täglich versuchen sie, ohne allzu große Verluste durch die Ténéré zu kommen. Da in dieser Wüste Landmarken fast völlig fehlen, orientiert sich der Madugu am Sonnenstand, der Sandstruktur und an verwehten Spuren früherer Karawanen. Bei guten Sichtverhältnissen verlassen wir Fachi zwei Tage später und kommen überraschend zügig durch die Dünengebirge. Wieder einmal macht die ungeheure Kraft des Motors das Gewicht der Maschine wett. Gelingt erst einmal die Beschleunigung, fühlen wir uns wie Wasserskifahrer auf dem Sandmeer der Ténéré. Bereits nach drei Tagen zeichnet sich am Horizont das Air-Gebirge ab. Doch davor bäumen sich die Dünen von Temet noch einmal wie eine Flutwelle auf. Es sind die höchsten Dünen der Sahara. Drei Tage klettern wir durch die Gebirge aus Sand. Dann geht es durch das Air-Gebirge nach Agadez am Südrand der Wüste. Südlich von Gao wollen wir den Nigerfluß erreichen und über Timbuktu nach Mauretanien gelangen.Eine Woche später haben wir tatsächlcih das Ufer des Niger erreicht und fühlen uns um Jahre gealtert. Die BMW hatte massive Probleme mit der Motorelektronik. Ein Landrover hat uns abgeschleppt, und wie durch ein Wunder haben es die Mechaniker wieder zum Laufen gebracht. Nun stehen wir an der Rezeption des Hotel Atlantide, der ersten Hoteladresse von Gao, und wollen ein Zimmer, egal was es kostet. Draußen herrschen fast 50 Grad. Als wir uns über die Treibhausatmosphäre in dem völlig überteuerten, aber angeblich klimatisierten Zimmer beschweren, gibt der Hotelbesitzer zu, daß die Stromversorgung seit Tagen nicht funktioniert. Dafür steht auf dem Couchtisch ein Miniatur-Eifelturm. Schließlich beansprucht das Atlantide, das beste Hotel im Umkreis von 1000 Kilometer zu sein. Noch 300 Kilometer bis Timbuktu. Dazwischen liegt schwerer Sand. Wir schuften bei extremen Temperaturen zwei Tage lang wie die Berserker. Die Maschine konsumiert unter diesen Verhältnissen ungeheure Mengen Sprit, und uns dämmert, daß wir uns verkalkuliert haben. 60 Kilometer vor Timbuktu bleiben wir mit leerem Tank liegen. Zum Glück entdecken wir in der Nähe ein Tuareg-Zelt. Die nomaden laden uns zum Tee ein und bieten an, uns mit zwei Kamelen nach Bamba bringen, dort gäbe es Sprit. Während ein Junge auf das Motorrad aufpaßt, reiten wir sechs Stunden auf dem Kamel, bis endlich Bamba auftaucht, ein gottverlassener Ort. Aber es gibt tatsächlich Sprit - in alten Whiskeyflaschen. Wir kaufen 10 Flaschen und traben mit den Tuareg zur Maschine zurück. Am nächsten Tag erreichen wir mit der Brühe tatsächlich Timbuktu. Manch einer hat sein Leben riskiert, um hier anzukommen. Gordon Laing war der xxxx erste Europäer, Heinrich Barth folgte 1853. Alle sind gekommen, um diese Stadt zu sehen. Obwohl das alte Timbuktu längst nicht mehr existiert, ist die seltsame Magie des Ortes bis heute spürbar. Der Atlantik ist noch gut 1000 Kilometer entfernt. Bei der Polizei bitten wir um die Ausreisegenehmigung nach Mauretanien. Sie wird uns verweigert, es sei zu gefährlich, heißt es vage. Langwierige Diskussionen beginnen mit dem Chef de Poste. Er will, daß wir das Motorrad auf ein Auto verladen. Ein maurischer Transportunternehmer steht wie zufällig bereit und wittert bereits das große Geschäft. In der toten Mittagszeit stehlen wir uns aus der Stadt. Unmittelbar hinter der Stadtgrenze packen Hitze und Sturm zu. Nach zwei Stunden erreichen wir ein kleines Dorf, die Menschen sind unglaublich hilfsbereit. Sie bieten uns den Schutz ihrer Häuser an, kochen Tee und Reis für uns. Wir disponieren um und versuchen es auf dem Fluß, dem wir schon seit Tagen folgen. Mit Hilfe vieler schwarzer Hände wuchten wir das Motorrad auf eine Piroge und schippern zusammen mit anderen Passagieren flußaufwärts. Doch der Fährmann ist unruhig, weigert sich irgendwann, weiterzufahren. Er vermutet Banditen am oberen Flußlauf. Also zurück auf die Piste. Es ist schon später Nachmittag, doch wir wollen unbedingt die mauretanische Grenze hinter uns bringen. Unser Visum ist abgelaufen - nachts merken es die Grenzer vielleicht nicht. Tatsächlich, als wir um 22 Uhr Fasala Lere erreichen, unterschreibt der Chef de Poste in völliger Dunkelheit unsere abgelaufenen Visa - die Batterien der einzigen Taschenlampe waren leer. Eingerollt in Bastmatten verbringen wir eine schreckliche Nacht im Sandsturm. Die Temperatur liegt um Mitternacht noch bei 40 Grad. Gegen Morgen wird der Sturm schwächer. Bis zum Horizont erstreckt sich eine Ebene. Sie wirkt pergamentartig und tot, wie eine Mondlandschaft, ein zeitloses, bizarres Reich des Zwielichts. Es scheint, als bleiche die Sonne die Farben der Landschaft aus. Bäume, kahl wie Stahlgerüste, verdorrt in der gnadenlosen Hitze. Immer wieder gehen wir im Sand zu Boden, wuchten die Maschine wieder hoch. Nur jetzt nicht den Mut verlieren. Im Gegensatz zur vegetationslosen Ténéré wirkt diese Ödnis absolut trostlos. Eine Landschaft, wie ein Friedhof der Natur. Wir können nicht mehr, sehnen uns unbändig nach dem ersten Blick auf den Atlantik. Plötzlich ein Wolkenloch. Der erste Sonnenstrahl seit Tagen. Ein kühler Wind beginnt zu wehen, die Luft riecht nach Salz. Dann liegt das Meer vor uns. Wir haben es geschafft. Nach 32000 Kilometern und 17 Ländern sind wir am Ziel. Wir haben alle Wüsten Afrikas durchquert. Und ich erinnerte mich an unseren Führer Mohamed Ali, der uns zum Abschied gesagt hatte: »Ihr werdet an die Stelle kommen, wo die Wüste endet.“

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