Salzburger Alpen (Archivversion) Bergtour

Auch wenn der Winter nicht wirklich einer war, so richtig zur Sache geht’s erst jetzt wieder – mitten im Frühling. Ein erster Alpentrip zu den Seen des Salzkammerguts und den Gletschern der Tauern.

»Kann man damit bis zur Adria fahren?« Drei neugierige Knirpse belagern die Honda und träumen bereits von den großen Ferien am Meer. Dabei liegt das Meer zum Greifen nahe – na ja, Meer ist ein wenig übertrieben. Aber mit ein wenig Fantasie geht der Mondsee als solches durch. Glasklar und karibisch blau breitet er sich aus, eingebettet in die zackigen Konturen der Kalkalpen. Hier im Salzkammergut, zwei Ecken von Salzburg entfernt, reiht sich ein malerischer Badesee an den nächsten – wer braucht da schon die Adria, denke ich mir insgeheim. Als der Motor startet, laufen die Jungs kreischend zurück ans sonnige Ufer des Sees. Eigentlich schade, dass es bis zur Badesaison noch einige Zeit dauert.
Gemächlich folge ich der Fahrbahn, die sich in sanften Bögen am Wasser entlangschlängelt. Nach Süden hin fällt der Blick auf die hornförmige Gipfelwand des Schafbergs und die fast lotrecht emporragende Riesenmauer der Drachenwand. Dazwischen recken barocke Kirchen ihre Zwiebeltürme, als wollten sie mit den Fast-Zweitausendern konkurrieren. Nach der Ortschaft Au folgt ein kurzes Talintermezzo bis Unterach, dann erscheint das größte Gewässer Österreichs: der Attersee. Eine Handvoll Segelboote gleiten über die reglose Oberfläche. Noch herrscht Ruhe auf dem Wasser und am Ufer. Kein Vergleich zum Hochsommer, wenn es unzählige Urlauber in diese Region zieht und Staus an der Tagesordnung sind.
Dagegen habe ich heute vollkommen freie Fahrt, genieße das Alleinsein in vollen Zügen. Idyllische Badebuchten fliegen vorbei, blumengeschmückte Bauernhäuser und stattliche Villen. Zu kaiserlich-königlichen Zeiten tummelte sich an den Salzkammergut-Seen die europäische Aristokratie, umgeben von Malern, Dichtern und Komponisten. Die Inspiration, die wohl schon damals von dieser Landschaft ausging, scheint noch immer präsent. Gelassen gleitet die Honda durch das sanft gewellte Alpenvorland, kurz darauf an den schroffen Felsen des Höllengebirges vorbei, die Straße eng an den Attersee gepresst. Schließlich streift die Strecke noch einmal einen Zipfel des Mondsees, dann verschwindet die Seenlandschaft im Rückspiegel, und der Scharflingpass ist die letzte Barriere vor Salzburg.
Als ich an den Steilwänden des Mönchbergs entlang zur Getreidegasse rolle, entladen doppelstöckige Reisebusse gerade ihre Touristenfracht in die für den Verkehr nahezu komplett gesperrte Salzburger Altstadt. Zu Fuß verschwinde ich in den Gassen, gelange ungewollt ins Schlepptau einer amerikanischen Reisegruppe. Die halbe Welt scheint hier in diesem Moment gelandet zu sein. Egal, denn die Stadt begeistert vermutlich jeden auf den ersten Blick. Eingezwängt zwischen Mönchsberg und Salzach, drängen sich prächtige Bürgerhäuser und barocke Kirchen. Hoch über der Stadt thront die Hohensalzburg wie eine mächtige, von Disney errichtete Ritterburg. Als hätten Bühnenbildner die Stadtkulisse extra für die Festspiele gestaltet, die jeden Sommer in Salzburg stattfinden.
»Gorgeous.« »Marvelous.« »Great.« »Beautiful.« »Nice.« »Exceptional.« Die englischen Attribute der Begeisterung verstummen, als die Reiseleiterin unvermittelt stoppt und mit ihrem Stockschirm wortlos nach oben zeigt. Getreidegasse 9, dritter Stock – Geburtsort von Wolfgang Amadeus Mozart. Auf das unscheinbare Gebäude muss schon hingewiesen werden, wenn man nicht achtlos dran vorbei marschieren will. Gleich darauf ist die Führung beendet, die Gruppe verstreut sich. Kaum jemand interessiert sich für Mozarts Kindergeige, die neben anderen Insignien des Meisters im Inneren zu bewundern ist. Lohnt sich wahrhaftig auch nur für den knallharten Mozart-Fan...
Die meisten zieht es dagegen ins »Mozartland« schräg gegenüber, wo vom »Wolferl«-Bademantel über den Mozart-Likör bis zur Amadeus-Marionette jedes nur erdenkliche Souvenir käuflich ist. Wem das nicht reicht, der gibt sich die Mozartkugel. In Goldfolie gewickelt, mit dem sauber frisierten Amadeus-Haupt versehen, liegt sie im Schaufenster jeder Salzburger Konditorei. Der Komponist als perfekt vermarktete Einnahmequelle. Allmählich sehne mich wieder auf die Landstraße zurück.
Wenige Minuten später braust die Honda in südliche Richtung nach Halle. Oberhalb des Dürrnbergs geht`s schließlich richtig zur Sache. Die Roßfeld-Höhenstraße windet sich mit markanten Schlenkern durch das benachbarte Berchtesgadener Land. Schon nach wenigen Serpentinen zeigt der Hohe Göll seinen weiß gepuderten Gipfel, der weit über die Baumgrenze hinaus in einen schon unwirklich blauen Himmel sticht. Der erste Trip im Jahr in die Berge sorgt im Kopf für eine euphorische Stimmung! Umgeben von gewaltigen Alpengipfeln scheinen sich die beiden Auspuffenden der Honda wie von selbst zu Trompeten zu entwickeln, die voller Begeisterung in die Landschaft posaunen.
Zurück im Salzachtal reckt sich die alpine Bergwelt zu beiden Seiten der Fahrbahn demonstrativ in die Höhe. Linker Hand saust das Tennengebirge mit seinen Zweieinhalbtausendern vorbei, am rechten Fahrbahnrand rauscht wild und ungebändigt die Salzach. Eine dramatische Kulisse, gekrönt vom Anblick der Festung Hohenwerfen, die majestätisch auf einem 700 Meter hohen Hügel sitzt. Warmer Fahrtwind bläst durchs Visier – nach diesem Gefühl habe ich mich den ganzen Winter gesehnt.
Gleich darauf gelange ich wieder auf den Boden der Tatsachen – ein milder Frühlingstag ersetzt noch lange keinen Sommer. Als ich bei Bischofshofen das Salzachtal nach Westen hin verlasse, rückt düsterer Nadelwald dicht an den Fahrbahnrand. Wasser drückt sich durch nacktes Felsgestein und sickert in Rinnsalen über den Asphalt. Während ich vorsichtig durch die rutschigen Kurven eire, kriecht klamme Kälte in den Jackenkragen.
Erst in Mühlbach wird wieder die Kraft der Sonne spürbar. Die Mandlwandstraße schraubt sich hinauf zum Arthurhaus, vorbei an der zackigen Ostflanke des Hochkönigs – dem ersten Fast-Dreitausender dieser Tour. Bei einer deftigen Brettljause auf der Terrasse des Alpengasthofs fällt der Blick bis weit nach Süden auf die gewaltigen Gletscherberge der Tauern. Leicht auszumachen ist dort auch der Berg, der den österreichischen Höhenrekord hält: Der 3797 Meter hohe Großglockner.
Über Saalfelden und Zell am See geht’s ins Fuschertal, wo die Großglockner Hochalpenstraße beginnt, die bis auf eine Höhe von 2506 Meter führt – östlicher Klassiker unter den Alpenpässen. Und vermutlich zugleich die teuerste Mautstraße des Universums. Motorradfahrer werden mit unglaublichen 18(!) Euro zur Kasse gebeten. Ich erwäge kurz einen Boykott – angesichts der mautfreien und dazu teilweise noch höheren Alpenpässe in den Nachbarländern erscheint dieser Tarif ziemlich unverschämt. Aber jetzt umdrehen? Missmutig blättere ich die Kohle auf den Tisch. Dafür gehörte ich zu den ersten Motorradlern, die die soeben vom letzten Schnee befreite Strecke dieses Jahr unter die Räder nehmen, erfahre ich von der Kassiererin. Na immerhin.
Ab Ferleiten klettert die breite Straße in nummerierten Kehren an der Ostflanke des Tals empor, mit Blick auf die vergletscherten Kappen der Tauern: Hoher Tenn, Großes Wiesbachhorn, Großer Bärenkopf – eine Verdichtung von Alpenriesen, die bereits weit über die 3000-Meter-Marke ragen. Am Hochtor ist schließlich der Scheitel des Passes erreicht, zwei Ecken weiter führt ein Abzweig zur Franz-Josephs-Höhe mit Blick auf den Großglockner-Gipfel. »Da drüben wor i.« Franz aus Bayern packt gerade Eispickel und Steigeisen in die Satteltaschen seiner Honda Shadow und zeigt hinüber auf das ewige Eis des Pasterze-Gletschers. Der größte Eisstrom der Ostalpen ist neun Kilometer lang und bis zu 150 Meter dick. Ein Anblick, zu dem eine Sinfonie Mozarts sicher gut passen würde. Stattdessen brüllt aus dem nahegelegenen Kiosk der Refrain eines ausgesprochenen Gassenhauers: »Du bist der König der Beeeerge«. Der Salzburger Komponist nimmt die populäre Hommage an den Großglockner gelassen. Seine Augen starren gleich unterhalb der Lautsprecherboxen ausdruckslos von einem Souvenirteller.
Raus aus den Tauern. Rein in die Tauern. Bei Bruck gelange ich wieder auf die 311 und schwenke bei Lend ins parallel zum Fuschertal gelegene Gasteiner Tal. Die Straße walzt sich breit und windungsarm nach Süden. Dorfgastein, Bad Hofgastein, Bad Gastein. Letzteres scheint in einen tausendjährigen Schlaf verfallen zu sein. Erst auf den zweiten Blick präsentieren sich überdimensionierte Casinos, Prachtvillen und mondäne Hotelklötze – um die vorletzte Jahrhundertwende Tummelplatz für Kaiser und Könige. Die Blaublütigen – heute ohnehin stark dezimiert – haben dem Kurort mit seinen radonhaltigen Thermalquellen längst den Rücken gekehrt. Café Sisi und Kaiser-Wilhelm-Promenade erinnern noch an den Charme einer glanzvollen Epoche. Die einen gehen, die anderen kommen. Im Nationalpark Hohe Tauern – mit 1800 Quadratkilometern der größte in Mitteleuropa – leben inzwischen wieder Steinbock und Bartgeier. Tierarten, die schon fast von der Bildfläche verschwunden waren.
Auf dem Weg nach St. Johann im Pongau mache ich einen Abstecher zur Königin aller klaustrophobischen Klammen, der Liechtensteinklamm. Ein reißender Wildbach, tosende Wasserfälle und ein Himmel, der zwischen steilen Felswänden nur noch als Streifen erkennbar ist. Der Gang über den in den Fels gehauenen Weg oder die hölzernen Brücken fällt ganz klar in die Kategorie Mutprobe. Nach diesem berauschenden Tiefgang höre ich dankbar wieder Kuhglocken. Zwischen Altenmarkt und Niedernfritz herrscht Alpenidylle wie aus der Milka-Reklame. Die Dachsteingruppe mit ihren weiß gepuderten Gipfeln sorgt für das passende Hintergrundszenario.
Eine wilde Kurvenhatz durch das Lämmertal, dann liegt der Hallstätter Sees vor mir. Hallstatt selbst entpuppt sich als Juwel: ein mittelalterliches Gassennetz und pittoreske Häuser, errichtet auf engstem Raum zwischen See und dem Steilhang des Westufers. Da bleibt kein Platz für breite Straßen und Kraftfahrzeuge. Geschweige denn für einen geräumigen Friedhof. Und so stapelt sich im Beinhaus von Hallstatt Totengebein aus vier Jahrhunderten. Tausend leere Augenhöhlen stieren einen an, aus kunstvoll bemalten Schädeln mit Lorbeer-, Rosen-, Efeukränzen, versehen mit Namen, Geburts und Todesjahr.
Über Bad Aussee geht‘s zurück auf die 166 und via Abtenau und Voglau zur Postalmstraße. Die schmale, etwa zwölf Kilometer lange Passstraße bildet das hübsche Gegenstück zur Großglockner-Hochalpenstraße. Kein Klassiker, aber dennoch überaus imposant und wesentlich günstiger. Mit einer Maut von 3,50 Euro quasi ein Schnäppchen-Pass!
Gemütlich tuckere ich an der Nordflanke des Tennengebirges vorbei, peile das letzte Gewässer für heute an, den Wolfgangsee. Ich setze mich auf die Terrasse des legendären Gasthofs Weißes Rößl – »hier war der Kaiser Gast – hier ist der Gast König« – und beobachte Schwäne fütternde Japaner am Ufersaum, während mir der Kellner, operettenhaft gestylt, sündhaft teure Salzburger Nockerl serviert. »Bittschön, gnäää Frau.« Im Hintergrund erklingt die Hymne »Im Weißen Rößl am Wolfgangsee, da steht das Glück vor der Tür...« Vielleicht wäre ein gewöhnlicher Biergarten doch besser gewesen. Egal. Bei der ersten Alpentour im Jahr gelten eben andere Regeln.

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